Koranverteilungskampagne in Deutschland

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Logo der Kampagne bei einem Missionar in Bern (2014)

Eine 2011 unter dem Namen ‚Lies!‘ in Deutschland gestartete Koranverteilungskampagne hat eine möglichst große Verbreitung des Islam zum Ziel. Jedem Haushalt soll kostenfrei ein Exemplar des Koran zur Verfügung gestellt werden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sollten so insgesamt 25 Millionen Exemplare verteilt werden. Inzwischen ist die Kampagne auch auf andere Länder ausgeweitet worden.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kampagne wurde vom salafistischen Prediger Ibrahim Abou-Nagie organisiert. Sie dient in erster Linie der Missionierung von Nichtmuslimen zum Islam im Sinne der im Koran erwähnten Daʿwa („Ruf zum Islam“).

Der Name der Aktion leitet sich aus dem ersten Vers der 96. Sure ab, der gemeinhin als erste Offenbarung des Propheten Mohammed gilt:

اقرأ باسم ربّك الّذي خلق iqraʾ bi-smi rabbika ’llaḏī ḫalaq ‚Lies (oder: Trag vor) im Namen deines Herrn, der erschaffen hat!‘

Die Kampagne verteilt im deutschsprachigen Raum die Koranübersetzung von Muhammad Rassoul in einer rein deutschen Ausgabe (Rassouls Übersetzung erschien ursprünglich in einer arabisch-deutschen Ausgabe),[1] die auch eine Kommentierung des deutschen Konvertiten Frank Bubenheim enthält.[2]

Die Verteilaktion hatte ihren regionalen Schwerpunkt im Frühjahr 2012 in den westlichen deutschen Bundesländern.[3]

Die von Ibrahim Abou-Nagie gegründete und geleitete Gruppierung Die wahre Religion, welche die Koranverteilungskampagne organisierte, wurde am 15. November 2016 vom Bundesministerium des Innern verboten.[4]

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Finanziert wurde die Koran-Verteilung nach Angaben der Initiatoren durch Kleinstspenden von deutschen Muslimen. Zum 24. September 2014 hat Abou Nagie eine Lies! GmbH mit dem Mindestkapital von 25.000 € in Köln angemeldet.[5] Die Finanzierung wird über die schwedische Stiftung Insamlingsstiftelsen Al Quran und ein Konto bei der SEB Bank in Schweden abgewickelt.[6]

Die gedruckten Exemplare in verschiedenen europäischen Sprachen werden palettenweise in einer Halle im Rhein-Erft-Kreis gelagert.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kampagne löste in den Medien und in der Politik große Kontroversen aus.[7][8]

Im April 2012 kam es nach Angaben des Bundesinnenministeriums zu strafrechtlichen Ermittlungen, nachdem zwei Journalisten bedroht wurden, die für den Tagesspiegel und die Frankfurter Rundschau kritisch über die Koranverteilungskampagne berichtet hatten.[9][10]

Die Berichterstattung über die Kampagne führte zur Entlassung des Geschäftsführers der Ulmer Druckerei Ebner & Spiegel, die im Auftrag der Salafisten wiederholt Zehntausende Koran-Exemplare hergestellt hatte.[11] Vor der ursprünglichen Annahme des Auftrags hatte sich die Druckerei zunächst von Kriminalpolizei und Verfassungsschutz die Unbedenklichkeit der Koranausgabe bestätigen lassen, nach Aufkommen der öffentlichen Debatte jedoch einen Herstellungsstopp erwogen.[12]

Der Verfassungsschutz-Sprecher Bodo W. Becker sagte zur Koranverteilung der Salafisten, dass es sich um eine Propagandaaktion handle und der Koran nur als Vehikel diene; Ziel sei es vielmehr, Anhänger zu rekrutieren.[13] Im November 2013 berichtete der hessische Innenminister Boris Rhein über wiederholte Anwerbungen von Kämpfern für den Bürgerkrieg in Syrien, die in direktem Zusammenhang mit den Koranverteilungen stünden und insbesondere an Schulen erfolgten.[14]

Im Jahr 2015 wurde die Kampagne von Nutzern der Seite pr0gramm.com aufgegriffen, welche als Antwort eine Bürgerinitiative unter dem Namen „LIES! Das Grundgesetz“[15] startete. Dabei wurden in mehreren deutschen Städten Stände mit Bannern der Aufschrift „LIES! Im Namen deines Landes, welches dir Schutz und Freiheit gewährt. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘“ aufgestellt und mehrere tausend Grundgesetzbücher verteilt.[16]
Vertreter der CDU organisierten 2015 als Antwort auf die Koranverteilungskampagne in mehreren Städten Aktionen zur Verteilung des Grundgesetzes, mit denen sie ein Zeichen gegen den Salafismus setzen wollten.[17][18][19]

Einer der beiden Attentäter des Anschlags in Essen 2016 auf einen Sikh-Tempel beteiligte sich ebenfalls an der Koranverteilungskampagne.[20]

Kritik erfährt das Projekt auch von der Gruppe „12thMemoRise“. Sie wirft den Initiatoren vor, Kämpfer für die dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation Islamischer Staat zu werben.[21][22]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eva Marie Kogel: Mit anderen Worten. In: zenith – Zeitschrift für den Orient, 23. April 2012 (online)
  2. Florian Flade: Ein Koran in jedem deutschen Haushalt. Die Welt, 8. April 2012 (online).
  3. Verfassungsschutz Niedersachsen: Bundesweite Koranverteilung: Reaktionen von Salafisten auf die öffentliche Debatte
  4. SPIEGEL ONLINE, Hamburg Germany: Bundesweite Razzia: Innenminister verbietet Salafisten-Verein. In: SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 15. November 2016.
  5. http://lies_verlag_gmbh-koeln.firmen-informer.de/#
  6. ARD Aktuelle Stunde. FDP will Koran-Verbreitung verbietet lassen, vom 7. September 2016, 18:45 Uhr, 3 min., abgerufen am 8. September 2016
  7. Frankfurter Rundschau: Salafisten: Verfassungsschutz kritisiert Koran-Verteilung, 13. April 2012, abgerufen am 26. November 2012.
  8. Die Welt: „Salafisten missbrauchen den Koran als Waffe“, 14. April 2012, abgerufen am 26. November 2012.
  9. „Wir wissen, wo ihr wohnt“: Salafisten bedrohen Journalisten im Internet, Deutsch Türkische Nachrichten vom 12. April 2012, abgerufen am 2. Januar 2014
  10. Peter Carstens: FDP: Verfassungsfeindliche Haltung. Vorwürfe gegen Salafisten wegen Koranverteilung. FAZ.net vom 13. April 2012, abgerufen am 2. Januar 2014
  11. Salafisten starten neue Koran-Offensive. In: Die Welt vom 16. Oktober 2012, abgerufen am 27. November 2013
  12. Islamismus: Druckerei prüft Auftragsabbruch für Koran-Druck von Salafisten. FAZ.net 12. April 2012, abgerufen am 2. Januar 2014
  13. Verfassungsschutz – Koran-Verteilung ist Propaganda Artikel in: Die Welt, 13. April 2012, abgerufen 3. Dezember 2013
  14. Vom Schulhof in den Dschihad. (Memento vom 7. Dezember 2013 im Internet Archive) In: heute.de vom 8. November 2013, abgerufen am 3. Dezember 2013
  15. http://lies-das-grundgesetz.org/
  16. pr0gramm.com – LIES!
  17. CDU verteilt aus Protest gegen Salafisten Grundgesetz. In: Der Westen vom 12. Februar 2015, abgerufen am 18. November 2015
  18. Signal gegen Salafisten: CDU-Bürgerschaftsabgeordnete verteilen Grundgesetz. In: Bild.de vom 29. September 2015, abgerufen am 18. November 2015
  19. Gegen Salafisten: Hoffmann verteilt Grundgesetze in Dortmund. In: Ruhrbarone vom 19. Mai 2015, abgerufen am 18. November 2015
  20. Tatverdächtige könnten Sikhs mit Hindus verwechselt haben. In: www.tagesspiegel.de. Abgerufen am 1. August 2016.
  21. http://www.derwesten.de/region/aufstand-der-anstaendigen-id10953001.html
  22. Stefan Laurin: "Lasst Euren Glauben nicht in den Dreck ziehen!" In: Welt Online. 2. August 2015 (welt.de [abgerufen am 1. August 2016]).