Korrelat (Psychologie)

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Als Korrelat in der Psychologie werden einzelne Sachverhalte oder Begriffe verstanden, die nur in wechselseitiger Beziehung einen Sinn ergeben.[1][2](a) Meist ist ein Zusammenhang zwischen körperlichen und seelischen Phänomenen gemeint wie etwa bei der psychophysischen Korrelation. Auf dem Gebiet der verstehenden Psychologie sind Sinnzusammenhänge von wesentlicher Bedeutung. Vor allem geisteswissenschaftliche Fragestellungen können ohne Korrelationen kaum beantwortet werden, so beispielsweise die Beziehung zwischen Verstand und Vernunft. Trotz der Unterschiede zwischen beiden Begriffen sind hier gewisse Gemeinsamkeiten oder Korrelate festzustellen, da beide auf Erkenntnis bezogen sind. Der Verstand ist eher als eine auf sinnliche Erkenntnisse bezogene Fähigkeit zu sehen, die Vernunft als eine auf die Erkenntnis von Sinnzusammenhängen oder Werten gerichtete Tätigkeit.[2](b)

Korrelative Entwicklung des Nervensystems[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das autonome Nervensystem kann als psychologisches Korrelat des animalischen Nervensystems angesehen werden, da ein Wechselverhältnis zwischen beiden Systemeinheiten besteht. Dies kann aus entwicklungsgeschichtlichen und aktpsychologischen Gründen verdeutlicht werden. Das Entwicklungsprinzip ist auch als Peripherisierung oder als Entlastung von zentralen Aufgaben zu beschreiben (Abwärts-Effekt). Der Gegensatz zwischen willkürlichem Handeln und unwillkürlichem Werden erfordert einen Übergang von willkürlich Erlerntem zu automatisch bzw. unwillkürlich praktizierbarer Aktivität. Beide Verhaltensweisen – Anregung und Fertigkeit – sind zum Ausführen bestimmter Leistungen im Sinne eines sich gegenseitig ergänzenden Wechselverhältnisses erforderlich.[3]

Psychoanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Psychoanalyse steht in der Tradition der verstehenden Psychologie. Die analytische Technik will mögliche Zusammenhänge zwischen körperlichen und psychischen Faktoren herauszufinden und sie dem Patienten bewusst und damit verständlich machen. Sigmund Freud (1856–1939) bezeichnete die Beziehung zwischen körperlichen und seelischen Beschwerden als Konversion. Das Aufdecken von Abwehrvorgängen kann am Beispiel des Affektkorrelats aufgezeigt werden. Alexander Mitscherlich (1908–1982) deutete ausgehend von Erkenntnissen über die Desomatisierung neurotische Symptome und die leichtgradige und vorübergehende körperliche Symptomatik im Sinne von funktionellen Syndromen als erste und unvollständige Stufe einer zweiphasigen Verdrängung. Die zweite Stufe sei erreicht, wenn nicht nur die Angst verdrängt sei, sondern auch die körperliche Symptomatik chronifiziert sei. Die Angst nehme daher mit zunehmender Verdrängung ab, die körperliche Symptomatik dagegen zu. Dieser Zustand wird als Affektäquivalent bezeichnet. Die Abwehr kehrt daher die Stadien der Entwicklung in regressiver Art und Weise wieder um, bzw. macht die normale Entwicklung rückgängig. Sie führt zu einem Symptomwandel mit scheinbarer Besserung der psychischen Symptomatik auf Kosten des körperlichen Befindens.[4][5][6][7] Alfred Lorenzer (1922–2002) und Jürgen Habermas (* 1929) haben auch auf den Zusammenhang anderer nicht verständlicher psychischer Symptomkonstellationen hingewiesen, die mit Hilfe der psychoanalytischen Technik bewusst gemacht werden und nicht zwingend körperliche Korrelate aufweisen. Die herzustellende Korrelation ist u. U. die zwischen der chiffrierten Bedeutung einer aktuellen symptomatischen Szene im Erwachsenenalter und der frühkindlichen Szene, die durch Übertragung aufgedeckt wurde.[8](a)[9]

Psychosomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychosomatische Beziehungen haben eine lange Tradition. Vor allem auf funktionellem Gebiet ist eine medizinische Überlieferung festzustellen. Die Zusammenhänge wurden teilweise als ‚Sympathie‘ bezeichnet – abgeleitet von der Doppelbedeutung von altgriechisch παθειν „empfinden“ und „leiden“.[10] Die Verknüpfung zwischen körperlichen und seelischen Phänomenen ist bei den somato-psychischen Relationen (Aufwärts-Effekten) durch physikalische, biochemische oder allgemeine pharmakologische Kausalbeziehungen gegeben.[11](a) Dennoch sind diese schwer nachzuweisen, wie etwa im Falle der Neurolepsie. Bei seelisch-körperlichen bzw. bei den eigentlichen psycho-somatischen Relationen (Abwärts-Effekten) ist eine Kausalbeziehung meist als unwahrscheinlich anzusehen.[11](b) Es ist eher eine biographische, motivationale Veranlassung zu vermuten.

Universalitätsanspruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abgesehen von möglichen subjektiven Werturteilen können auch kulturelle Vergleiche in methodisch festgelegter wissenschaftlicher Weise angestellt werden. Infolge der Tatsache, „dass alle kulturellen Erscheinungen an das Seelische gebunden sind“, bestand Veranlassung, eine neu konzipierte Psychologie zum theoretischen Gerüst und zur Grunddisziplin aller Geisteswissenschaften zu erheben, siehe auch → Völkerpsychologie, vergleichende Psychiatrie, transkulturelle Psychiatrie.[12] Beim Herstellen von Zusammenhängen wurde ein Universalitätsanspruch in hermeneutischer Hinsicht gefordert.[13](a)[14][8](b) Es handelt sich daher auch um Vergleiche zwischen methodisch unterschiedlichen Fachgebieten – wie etwa Natur- und Geisteswissenschaften – und um Fragestellungen ihrer Konvergenz und Komplementarität.[2](c)[15] Eduard Spranger (1882–1963) sprach von »übergreifenden Einheiten«, da spezifische Erkenntnismethoden einzelner Wissenschaften ihre spezifisch logische Wirksamkeit angesichts der Vielfalt der Erscheinungen nicht immer wahren können und stattdessen allein die sprachliche Kompetenz (Rhetorik) einen Wahrheitsanspruch vermittelt.[16][13](b)[17]

Korrelativismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Erkenntnistheorie wird unter Korrelativismus die Auffassung vertreten, die einen Zusammenhang und eine wechselseitige Beziehung zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt annimmt und herstellt.[2](d) Einseitige Tendenz der Beziehung vom Subjekt auf das Objekt hin wird als Intentionalismus bezeichnet.[2](e)

Korrelationsforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans-Georg Gadamer (1900–2002) weist auf die Korrelationsforschung von Edmund Husserl (1859–1938) hin, die dessen ganze Lebensarbeit beherrscht habe. Hierbei ging es ihm um die Unterscheidung der inneren Wahrnehmung und der reellen Bewusstseinseinheit der Erlebnisse. Durch diese innere Wahrnehmung der Phänomene sollte eine Wesensschau sukzessiv ermöglicht werden. Die reellen psychischen Inhalte des Bewusstseins, z. B. die assoziativen Vorstellungen, die ein Wort erweckt, dürfen nicht mit der Bedeutung eines Wortes verwechselt werden. Dies habe – nach Gadamer – eine erste Überwindung des Objektivismus dargestellt.[18][19] Durch seine Psychologismus-Kritik bezog Husserl Stellung zum Universalitätsanspruch der psychologischen Hermeneutik.[13](c)

Justiz und Psychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Korrelation zwischen Justiz und Psychologie ist Gegenstand der Politischen Psychologie. Die Geschichte der Psychiatrie gibt Zeugnis von der Dienstbarkeit von Psychiatern und Psychologen gegenüber der Justiz als normierender Wissenschaft. Sie führte zur Einbeziehung von Einrichtungen der ursprünglich caritativen Hilfe für arme Irre in den Strafvollzug, wie dies etwa für die von Barmherzigen Brüdern am 10. Mai 1645 gegründete Anstalt in Charenton bei Paris überliefert ist. Diese Gründung hatte zur Folge, dass Ludwig XIV. sie in das von ihm angeordnete System der Hôpitaux généraux eingliederte, in das auch Sträflinge mit Hilfe der königlichen Lettres de cachet eingewiesen wurden.[20] In Deutschland wurde 1857 durch Karl Wilhelm Ideler ein Lehrbuch der gerichtlichen Psychologie herausgegeben.[21] Das bei Ideler verabsolutierte Prinzip der vernünftigen sittlichen Freiheit wird von Dieter Spazier infrage gestellt.[22] Die Begriffssysteme und Denkstrukturen der Jurisprudenz und der (neueren) Psychiatrie und Psychologie erscheinen ihm weitgehend inkommensurabel.[23]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1984; S. 314 zu Wb.-Lemma „Korrelate“.
  2. a b c d e Heinrich Schmidt: Philosophisches Wörterbuch (= Kröners Taschenausgabe. 13). 21. Auflage, neu bearbeitet von Georgi Schischkoff. Alfred Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5:
    (a) S. 375 zu Lemma „korrelat, korrelativ“;
    (b) S. 726 zu Lemma „Vernunft“;
    (c) S. 371 f. zu Lemma „Konvergenz“;
    (d) S. 375 zu Lemma „korrelat, korrelativ“;
    (e) S. 320 zu Lemma „Intention“.
  3. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage, Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8; S. 292 ff. zu Stw. „Aktivität und Passivität“.
  4. Alexander Mitscherlich: Anmerkungen über die Chronifizierung psychosomatischen Geschehens. Psyche XV, l (1961).
  5. Thure von Uexküll: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963; S. 204 zu Kap. „Versuch einer Systematik“, Stw. „zweiphasige Verdrängung“.
  6. Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. © 1982 Kindler, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1992, ISBN 3-596-42239-6; S. 243. zu Stw. „Affektkorrelat“ und S. 174. zu Stw. „Affektäquivalent“.
  7. Sven Olaf Hoffmann und G. Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. [1999], 6. Auflage, CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 2003, ISBN 3-7945-1960-4; S. 218, 254 zu Stw. „Affektkorrelat“.
  8. a b Jürgen Habermas: Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik. [1970] In: „Zur Logik der Sozialwissenschaften“. 5. Auflage, Suhrkamp Taschenbuch, Wissenschaft 517, Frankfurt 1982, ISBN 3-518-28117-8:
    (a) S. 345 ff. zu Stw. „analoge Szenen“;
    (b) S. 339, 341 f., 358, 366 zu Stw. „Universalitätsanspruch“.
  9. Alfred Lorenzer: Sprachzerstörung und Rekonstruktion - Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. [1970] Ffm., Neuausgabe 1973.
  10. Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; S. 269 zu Lemma „Psychosomatische Störungen“.
  11. a b Thure von Uexküll (Hrsg. u. a.): Psychosomatische Medizin. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München 1986, ISBN 3-541-08843-5:
    (a) S. 26, 613, 732, 773, 1236, 1288 zu Stw. „Aufwärts-Effekt“ ;
    (b) S. 613, 732, 773, 1286, 1288 f. zu Stw. „Abwärts-Effekt“.
  12. Wilhelm Karl Arnold et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8; Sp. 706 zu Lemma „geisteswissenschaftliche Psychologie“.
  13. a b c Hans-Georg Gadamer: Klassische und philosophische Hermeneutik. [1968] In: „Wahrheit und Methode. Hermeneutik II. Ergänzungen“. Bd. 2, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1993, ISBN 3-16-146043-X:
    (a) S. 110 f. zu Stw. „Universalität“;
    (b) S. 111 zu Stw. „Rhetorik“;
    (c) S. 100 zu Stw. „Psychologismus“.
  14. Hans-Georg Gadamer: Sprache und Verstehen. [1970] In: „Wahrheit und Methode. Hermeneutik II. Ergänzungen“. Bd. 2, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1993, ISBN 3-16-146043-X; S. 186 zu Stw. „Universalität“.
  15. Georges Devereux: Normal und anormal. [1974] Aufsätze zur allgemeinen Ethnopsychiatrie. Suhrkamp, Frankfurt 1974, ISBN 3-518-06390-1; S. 9, 130 zu Stw. „Komplementarität“; S. 19 zu Stw. „interdisziplinäre Wissenschaften“.
  16. Eduard Spranger: Die Psychologie des Jugendalters. [1924].
  17. Paul Naffin: Einführung in die Psychologie. 5. Auflage, Ernst Klett, Stuttgart, 1956; S.; 196 f. zu Kap. „Geisteswissenschaftliche Psychologie“ u. „Eduard Spranger“.
  18. Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik I. Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Teil 2: „Ausweitung der Wahrheitsfrage auf das Verstehen in den Geisteswissenschaften“, Gesammelte Werke, Band I, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1990, ISBN 3-16-145616-5; S. 248 ff. zu Stw. „Husserls Korrelationsforschung“.
  19. Husserliana VI, 169
  20. Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. (Histoire de la folie. Paris, 1961) Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Suhrkamp, stw 39, 1973, ISBN 978-3-518-27639-6; S. 112 zu Stw. „Charenton“.
  21. Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. [1969] Fischer Taschenbuch, Bücher des Wissens, Frankfurt / M 1975, ISBN 3-436-02101-6; S. 289, Fußnote 263 zu Stw. „verabsolutiertes Prinzip der vernünftigen sittlichen Freiheit“.
  22. Karl Wilhelm Ideler: Lehrbuch der gerichtlichen Psychologie. Berlin 1857, S. 8 zu Stw. „Prinzip der vernünftigen sittlichen Freiheit“.
  23. Dieter Spazier: Der Tod des Psychiaters. Syndikat 1982, ISBN 3-8108-0205-0; S. 27 zu Stw. „Gehilfenjustiz“.