Kriminalsoziologie

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Kriminalsoziologie ist mit der Kriminalität als gesellschaftlicher Erscheinung befasst. Die Kriminalsoziologie gilt in Deutschland als ein Teilbereich der Soziologie und eine Bezugswissenschaft der Kriminologie. Im Selbstverständnis der angloamerikanischen Kriminologie und der deutschen Kritischen Kriminologie ist Kriminalsoziologie identisch mit Kriminologie. Bis auf die Grundlegung durch den Belgier Adolphe Quetelet und den Franzosen Émile Durkheim stammen die kriminalsoziologischen Impulse ganz überwiegend aus den USA.

Abgrenzung zur Kriminologie und zur Devianzsoziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriminalsoziologie beschäftigt sich mit den sozialen Bedingungen von Kriminalität und den gesellschaftlichen Reaktionen auf sie.[1] Im deutschen Sprachraum wird die Kriminalsoziologie grundsätzlich und institutionell von der Kriminologie unterschieden, eine Besonderheit, die in angloamerikanischen Ländern nicht existiert. Dort ist Kriminologie ein sozialwissenschaftlich dominiertes Fach und wird von Sozialwissenschaftlern verschiedener Fachgebiete betrieben. In Deutschland gehört die Kriminologie traditionell zu den Rechtswissenschaften, die Kriminalsoziologie wird lediglich als eine ihrer Bezugswissenschaften genannt. Sie ist nicht identisch mit der Devianzsoziologie bzw. der Soziologie Abweichenden Verhaltens. Die genannten speziellen Soziologien sind auch mit nichtkonformen Verhalten befasst, das nicht zwangsläufig einer Straftat entspricht. Die Kriminalsoziologie beschränkt sich auf juristisch als solche definierte Kriminalität (Delinquenz).[2]

Grundlegung durch Quetelet und Durkheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adolphe Quetelet

Bereits die Klassiker soziologischen Denkens beschäftigten sich mit dem Problem der Kriminalität. Im Zusammenhang der „socialen Frage“ wurde das Verbrechen in verschiedenen Varianten mit Armut, Verstädterung, Entwurzelung und Proletarisierung in Verbindung gebracht. Dafür steht besonders Friedrich Engels’ mit seiner Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Karl Marx betrieb mit seiner Arbeit zum Gesetz über den Holzdiebstahl „Normgeneseforschung“ und deutete damit einen zentralen Gedanken der späteren Kriminalsoziologie an.[3] Ferdinand Tönnies legte mehrere Untersuchungen zum Thema vor[4], wie zum Beispiel „Das Verbrechen als sociale Erscheinung“.[5]

Die wichtigsten Impulse für die spätere Kriminalsoziologie entstammten der Moralstatistik Adolphe Quetelets und der Soziologie Émile Durkheims.[6]

Quetelet begründete die Kriminalstatistik als Teilbereich der Moralstatistik und steht damit am Anfang einer empirisch fundierten kriminalsoziologischen Forschung. Er ging davon aus, dass Kriminalität und soziale Bedingungen in spezifischer Weise zusammenhängen. In der von ihm so benannten „mécanique sociale“ die Ursachen der sozialen Erscheinungen mit statistischen Methoden zu erforschen. Dabei stützte er sich auf das von Pierre-Simon Laplace in Anschluss an Kant formulierte Kausalitätsgesetz und die ebenfalls von Laplace weiterentwickelte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Damit gelang es Quetelet, Regelhaftigkeiten in der empirischen Verteilung von Kriminalität zu ermitteln. Er erkannte, dass das jährliche Kriminalitätsaufkommen bei den wichtigsten Deliktarten konstant war. Daraufhin formulierte er 1869 seine These vom „Verbrechensbudget“: Es gäbe ein Budget von erschreckender Regelmäßigkeit. Es sei das Budget der Gefängnisse, der Galeeren und des Schafotts. Es lasse sich vorhersehen, was im jeweils nächsten Jahr zu erwarten sei.[7]

Eine der wichtigsten Beobachtungen Quetelets ist, dass der Gipfel der Alterskurve der Kriminalität sich zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr befindet, vorher steigt sie rasant an, danach fällt sie langsam und gleichmäßig ab. Im Hinblick auf die Geschlechtsverteilung ermittelte er, dass das Kriminalitätsaufkommen der Frauen nur ein Viertel des Kriminalitätsaufkommens der Männer ausmacht. Weiterhin sah er Zusammenhänge zwischen Jahreszeiten, Regionen und dem Kriminalitätsaufkommen: Während sich in nördlichen Regionen und auch in der kalten Jahreszeit Eigentumsdelikte häufen, kommen in südlichen Regionen und auch in der warmen Jahreszeit Gewaltverbrechen öfter vor. Auf Basis seiner statistischen Berechnungen wandte Quetelet das Konzept des Mittelwerts an. Die Wahrscheinlichkeit, mit der in bestimmten Bevölkerungsgruppen kriminelle Handlungen ausgeführt werden, stellte er über eine einzige Maßzahl, den „penchant au crime“ dar. Das führte zu häufigen Missverständnisse, weil die Maßzahl als diagnostische Größe missveratnden wurden, tatsächlich aber eine reine Wahrscheinlichkeitsziffer war.[8]

Émile Durkheim

Quetelet betonte dass Kriminalität nicht durch Armut verursacht wird. Vielmehr meinte er: „Der Mensch wird nicht dadurch zum Verbrechen getrieben, dass er wenig besitzt, sondern viel häufiger dadurch, dass er sich unvermittelt vom Wohlstand ins Elend versetzt sieht und nun nicht mehr alle Bedürfnisse befriedigen kann, die er sich zugelegt hatte“.[9]

Durkheims Arbeiten werden von René König als eigentlicher Beginn des modernen kriminalsoziologischen Denkens betrachtet.[10] Für Durkheim ist Kriminalität normal und für den Bestand sozialer Ordnung notwendig. Die Geltung sozialer Normen erschliesse sich aus der gesellschaftlichen Sanktionierung von Abweichungen. Demnach sei Kriminalität integrierender Bestandteil einer jeden gesunden Gesellschaft. Diese These leitete Durkheim aus der Beobachtung ab, dass Kriminalität zu jeder Zeit und in jeder beobachteten Gesellschaft vorgekommen sei. Allerdings sei ein – wie auch immer bemessenes – erhöhtes Kriminalitätsaufkommen pathologisch.[11]

Darüber hinaus analysierte Durkheim in seiner Studie „Über soziale Arbeitsteilung“ (1893) den Zusammenhang von sozialem Wandel und Kriminalität. Im Prozess der Industrialisierung erkannte er einen Verlust traditioneller Werte, der sich zu einem Zustand der Norm- und Regellosigkeit (Anomie) steigern kann. In einem solchen gesellschaftlichen Zustand fehlen kollektive moralische Prinzipien, an denen sich Menschen in ihrem Verhalten orientieren können. Dies hat zur Folge, dass sich das Kriminalitätsaufkommen über das als „normal“ angesehene erhöht. In seinem Buch über den Selbstmord (1897) modifizierte er den Begriff der Anomie. Menschliche Bedürfnisse seinen prinzipiell unbegrenzt, sofern sie nicht mäßigen Einflüssen von außen unterliegen. Fehlten solche Einflüsse komme es auf individueller Ebene zu vielfältigen sozialen Fehlanpassungen.[12]

Ätiologische Kriminalsoziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Ätiologie stammt aus dem Griechischen (αἰτία) und bedeutet unter anderem Ursache. Ätiologische Kriminalitätstheorien sind somit Theorien über die Ursache des Verbrechens. Die ätiologische Kriminalsoziologie forscht nach den gesellschaftlichen Ursachen delinquenten Verhaltens.

Sozialökologischer Ansatz (Chicago School)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Robert Ezra Park, Begründer der Chicagoer Schule

Die Chicago School der Soziologie entstand in den frühen 1920er Jahren an der University of Chicago. Ihre Vertreter (besonders Robert E. Park und Ernest W. Burgess) fragten sich vor dem Hintergrund des raschen sozialen Wandels und der rasanten Verstädterung, wie urbane Umgebungen kriminelle Handlungen hervorbringen. Sie identifizierten delinquency areas, in denen das Kriminalitätsaufkommen besonders hoch war.

Solche delinquency area seien die das Geschäftszentrum der Städte umgebenden Quartiere (transition zones), in denen eine heterogene Bevölkerung mit durchweg niedrigem sozialökonomischen Status lebe. Die Familienverhältnisse seien häufig instabil, die Wohnungen von schlechter Qualität. Die ethnische Zugehörigkeit der Bewohner spiele dabei keine besondere Rolle. In weiter vom Zentrum entfernten Wohngebieten sinke das Kriminalitätsaufkommen wieder deutlich.

Die Chicagoer Soziologen erklärten das Phänomen der transition zones damit, dass die Bewohner der Problemgebiete ausgehend von den Wandlungsprozessen in den nahe liegenden Geschäftszentren sozial desintegriert seien. Traditionelle Institutionen (Familie, Nachbarschaft, Schule) spielten in den transition zones keine tragende Rolle.

Elemente dieses sozialökologischen Ansatzes kehrten 1982 mit der Broken-Windows-Theorie in die kriminologische Debatte zurück.

Anomietheorie (Robert K. Merton)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Robert K. Merton (1965)

Robert K. Merton baute seit 1938 Durkheims Ansatz zu einer speziellen Kriminalitätstheorie aus und entwickelte eine gesonderte Anomie-Theorie. Bei ihm drückt sich Anomie als eine Kluft zwischen verbreiteten gesellschaftlichen Zielen und der Verteilung von Mitteln zur Erreichung dieser Ziele aus. Dieser Widerspruch könne (unter anderen Möglichkeiten wie Rückzug oder Ritualismus) zu Straftaten führen.

Andere Kriminalsoziologen bereicherten den merton'schen Ansatz um weitere Elemente. So betonten Richard A. Cloward und Lloyd E. Ohlin, dass die Wahrscheinlichkeit krimineller Handlungen stark von der Verfügbarkeit illegitimer Mittel abhänge. Dieser Ansatz schließt an die Subkulturtheorien an.

Zeitgenössische Weiterentwicklungen der Anomietheorie sind die General Strain Theory von Robert Agnew und die Institutionelle Anomietheorie von Steven F. Messner und Richard Rosenfeld.

Theorien der Subkultur und des Kulturkonflikts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1938 legte Thorsten Sellin eine kriminalsoziologische Kulturkonflikttheorie vor, die sich anfangs hauptsächlich auf amerikanische Einwanderer-Kriminalität aus der Zwischenkriegszeit bezog und an die Forschungsergebnisse der Chicago School anknüpft. Heute wird dieser Ansatz unter anderen auf die kriminalsoziologische Analyse der dschihad-salafistischen Subkultur in Deutschland verwendet.[13]

Albert K. Cohen erarbeitete in den 1950er Jahren eine Subkulturtheorie, nach der abweichende Gruppen eigene Normen entwickeln, die sich bewusst von denen der weißen Mittelklasse absetzen: „Das Kennzeichen der verwahrlosten Gruppenkultur - oder der Kultur der Bande - (...) ist die ausdrückliche und vollständige Ablehnung der Maßstäbe der Mittelklasse und die Bejahung ihres genauen Gegenteils.“[14]

Soziale Lerntheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Lerntheoretische Überlegungen wurden dann erstmals 1939 von Edwin H. Sutherland in die Kriminalsoziologie eingebracht. Mit seiner Theorie der differentiellen Assoziationen (oder: Theorie der differentiellen Kontakte) legte er dar, dass kriminelles Verhalten wie jedes andere Verhalten erlernt sei.

Auch die Theorie der Neutralisierung wird den sozialen Lerntheorien zugeordnet. Gresham M. Sykes und David Matza wandten sich damit gegen die Annahme der Subkulturtheorie, nach der jugendliche Delinquente abweichenden Gruppen-Normen folgen.

Mit ihrer Theorie der Differentiellen Verstärkung fügten Ronald L. Akers und Robert L. Burgess dem sutherland'schen Ansatz eine weitere Sichtweise hinzu. Danach ist die positive oder negative Verstärkung situationsabhängig. So muss eine Haftstrafe nicht stigmatisierend sein, sie kann auch zu einer Statusverbesserung in einer subkulturellen Gruppe führen.

Kontrolltheorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Kontrolltheorien (auch Bindungs- oder Halttheorien) erklären, weshalb Menschen sich konform und nicht abweichend bzw. delinquent verhalten. Sie wurden von drei Kriminalsoziologen (Albert J. Reiss 1951, Walter C. Reckless 1961, Travis Hirschi 1969) nacheinander entwickelt und ausgebaut. Reiss hob auf den inneren Halt ab, Reckless auf den äußeren Halt. Travis Hirschi schließlich entwarf eine Theorie der vier Bindungen, wonach die Angepasstheit vom Grad der Einbindung des Individuums in die Gesellschaft abhängig ist.

Zusammen mit Michael R. Gottfredson erarbeitete Hirschi 1990 in dem gleichnamigen Buch eine weitere, deutlich umstrittenere Theorie namens A General Theory of Crime. Diese beruht auf der Vorstellung einer geringen Selbstkontrolle (low self-control). Sie ist die bekannteste der allgemeinen Kriminalitätstheorien. Es wird bezweifelt, dass diese Theorie noch der Kriminalsoziologie zuzurechnen ist.

Die interaktionistische Wende (Etikettierungsansatz)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Howard S. Becker (2012).

Mit dem Labeling Approach (Etikettierungsansatz) wandten sich Kriminalsoziologen von ätiologischen Erklärungen abweichenden Verhaltens ab und konzentrierten sich auf die gesellschaftliche Konstruktion von Kriminalität. Daraus folgte eine Konzentration auf Instanzenforschung zu Lasten der Untersuchung von Tat und Tätern.

Der Etikettierungsansatz wurde auf wissenschaftstheoretischer Basis des symbolischen Interaktionismus formuliert. Als Haupttheoretiker des Etikettierungsansatzes gelten Edwin M. Lemert und Howard S. Becker, von dem die viel zitierte Definition stammt: Abweichendes Verhalten ist das Verhalten, das Menschen so bezeichnen.[15]

Diejenigen, die Regeln setzen oder Regeln durchsetzen, nennt Becker „moral entrepreneur“ („Moralische Unternehmer“), in der deutschen Kriminologie häufig als Moralunternehmer übersetzt.

In der deutschen Kriminalsoziologie wurde der Labeling-Ansatz in erster Linie und besonders von Fritz Sack im Rahmen der kritischen Kriminologie rezipiert und zugespitzt. Danach wurde jede Devianz Resultat von Zuschreibungen, was die so Etikettierten zu "Opfern" machte. Dies war in der ursprünglich symbolisch-interaktionistischen Version jedoch so nicht der Fall. Darum konnte die radikalisierte Auslegung des Ansatzes vom Soziologen und Kriminologen Michael Bock als Fehlrezeption bezeichnet werden: „Die amerikanischen Labeling-Theoretiker konnten gelassen und konstruktiv den bisherigen kriminalsoziologischen Wissensbestand integrieren. In der Variante von Sack jedoch erhielten die Etikettierungsansätze eine giftige Unduldsamkeit nicht nur gegenüber den anderen soziologischen Ansätzen, sondern gegenüber allem 'ätiologischen' Denken.“[16]

Die radikal-kritische Version des Etikettierungsansatzes hatte wissenschaftliche und kriminalpolitische Konjunktur von etwa 1970 bis 1990. Inzwischen hat sie einen Bedeutungsverlust erlitten. Die moderate Variante, dass nämlich Abweichung nicht bereits in der Welt vorhanden ist, sondern aus sozialen Prozessen hervorgeht, ist derweil Gemeingut geworden.

Neuere Theorien der Kriminalsoziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rational-Choice-Ansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rational Choice beziehungsweise die Theorie der rationalen Entscheidung entstammt der Wirtschaftswissenschaft und setzt die Annahme eines Individuums voraus, aus jedem Handeln Nutzen zu ziehen. Zur Kriminalsoziologie trugen Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes Abschreckungstheorien bei, die insbesondere in die Kriminalpolitik hinein wirken. Jack P. Gibbs geht davon aus, dass kriminelle Handlungen unwahrscheinlicher werden, wenn angedrohte Sanktionen der kriminellen Handlung mit Sicherheit folgen, wenn sie der Tat mit geringer zeitlicher Verzögerung folgen, wenn sie so schwer sind, dass ihre Nachteile den Nutzen aus der kriminellen Handlung deutlich überwiegen.

Reintegrative Shaming (Braithwaite)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der australische Kriminologe und Soziologe John Braithwaite legte 1989 mit seinem Konzept des reintegrative shaming eine allgemeine Theorie der Kriminalität vor, in der er traditionelle soziologische Erklärungsansätze (wie Subkulturtheorie, Lerntheorie, Halttheorie und Anomietheorie) miteinander und mit dem Etikettierungsansatz verknüpft und dies zudem in ein Verhältnis zu den empirischen Ergebnissen der Entwicklungskriminologie bringt.

Der zentrale Begriff in seiner Theorie ist das shaming (Beschämung). Dadurch wird im Individuum eine interne Kontrolle erzeugt, die ihm die Richtung für sozial akzeptiertes Verhalten vorgibt. Kommt es dennoch zur Delinquenz, sind zwei Shaming-Versionen durch die soziale Umwelt möglich: Das stigmatisierende Beschämen (Exklusion) und das reintegrierende Beschämen (Inklusion). Nur das reintegrative shaming garantiert eine geringe Rückfalldelinquenz. Dieses Verfahren setzt jedoch Gemeinschaften voraus, die inklusionsbereit und -fähig sind.

Soziologie der Kontrollgesellschaft (Foucault und Garland)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Basis der foucault'schen Gouvernementalität wird (zum Beispiel von Susanne Krasmann) aufgezeigt, dass soziale Probleme in der Postmoderne tendenziell weniger aus den persönlichen Fehlanpassungen individueller Täter abgeleitet werden als aus dem Stand und den Möglichkeiten der technischen Überwachung.

Ähnlich argumentiert der US-amerikanische Kriminologe und Soziologe David W. Garland. Hohe Kriminalitätsraten und damit eine höhere Kriminalitätsgefährdung würden hingenommen, man stelle sich durch weitgehende Sicherheitsmaßnahmen darauf ein. Diesen spätmodernen Umgang mit der Kriminalität nennt Garland Kriminologie des Alltags.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemeine Werke zur Kriminalsoziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fritz Sack/René König (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Frankfurt a. M.: Akademische Verlagsgesellschaft, 1968.
  • Fritz Sack: Probleme der Kriminalsoziologie, in: René König (Hrsg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung, Stuttgart: Enke, ²1969, S. 192–492.
  • Dietmar K. Pfeiffer, Sebastian Scheerer: Kriminalsoziologie. Eine Einführung in Theorien und Themen, Stuttgart: Kohlhammer, 1979, ISBN 3-17-004892-9.
  • Christian Lüdemann, Thomas Ohlemacher: Soziologie der Kriminalität. Theoretische und empirische Perspektiven, München: Juventa-Verlag, 2002, ISBN 3-7799-1475-1.
  • Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, ISBN 3-933127-62-9.
  • Dietrich Oberwittler, Susanne Karstedt (Hrsg.): Soziologie der Kriminalität, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, ISBN 3-531-14059-0.
  • Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens, Teil 1: "Klassische" Ansätze, 9. Auflage, Paderborn: Fink, 2013, ISBN 978-3-8252-3935-0.
  • Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens, Teil 2: "Moderne" Ansätze, 3. Auflage, Paderborn: Fink, 2008, ISBN 978-3-8252-1774-7.
  • Helge Peters: Devianz und soziale Kontrolle. Eine Einführung in die Soziologie abweichenden Verhaltens, 3. vollst. überarb. Aufl., Weinheim; München: Juventa-Verlag, 2009, ISBN 978-3-7799-1486-0.
  • Dieter Hermann und Andreas Pöge (Hrsg.): Kriminalsoziologie. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden: Nomos, 2018, ISBN 978-3-8487-2806-0.

Werke zu einzelnen kriminalsoziologischen Themen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Émile Durkheim: Die Regeln der soziologischen Methode (1984, Original 1895).
  • Émile Durkheim: Der Selbstmord (1983, Original 1897).
  • Robert E. Park/ Burgess, Ernest W./ McKenzie, Roderick D.: The City (1928).
  • Robert K. Merton: Social Structure an Anomie, in American Sociological Review 3, 1938, S. 672–682 (deutsch: Sozialstruktur und Anomie, in Sack F./König R. (Hrsg.): Kriminalsoziologie, Frankfurt am Main 1968, S. 283–313).
  • Richard Cloward/ Ohlin, Loyd: Delinquency and Opportunity (1960).
  • Robert Agnew: Foundation for a General Strain Theory of Crime an Delinquency, Criminology 30, 1992, S. 47–88.
  • Thorsten Sellin: Culture Conflict and Crime, New York 1938.
  • Albert K. Cohen: Delinquent Boys (1955 – deutsch: Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens, Reinbek 1961).
  • Edwin K. Sutherland: Principles of Criminology (1939).
  • Sykes, G. M. und D. Matza, Techniken der Neutralisierung. Eine Theorie der Delinquenz. In: Kriminalsoziologie. F. Sack und R. König. Frankfurt am Main 1968.
  • Travis Hirschi: Causes of Delinquency (1969).
  • Travis Hirschi/Michael Gottfredson: A General Theory of Crime (1990).
  • A. J. Reiss: Delinquency as the failure of personal and social controls (1951).
  • Walter C. Reckless: The crime problem (1961).
  • Edwin M. Lemert: Der Begriff der sekundären Devianz. In: Klaus Lüderssen und Fritz Sack (Hrsg.): Seminar: Abweichendes Verhalten I. Die selektiven Normen der Gesellschaft. Frankfurt am Main 1974.
  • Howard S. Becker: Outsiders (1963) (deutsch: Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, 1973).
  • Stephan Quensel (1964): Sozialpsychologische Aspekte der Kriminologie: Handlung, Situation u. Persönlichkeit. Enke: Stuttgart.
  • Jack P. Gibbs: Crime, Punishment an Deterrence (1975).
  • John Braitwaite: Crime, Shame and Reintegration, Cambridge University Press 1989.
  • Susanne Krasmann: Die Kriminalität der Gesellschaft. Zur Gouvernementalität der Gegenwart (2003).
  • Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bde. (2004).
  • David Garland: Kultur der Kontrolle: Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart (2008).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, ISBN 3-933127-62-9, S. 5 ff.
  2. Nicole Bögelein und Daniel Wolter, Zur Lage der Kriminalsoziologie in Deutschland. Eine empirische Annäherung. In: Kriminologisches Journal, 47. Jg. 2015, Heft 2, S. 131–145, hier S. 132 f. (Manuskript online)
  3. Michael Bock, Kriminalsoziologie in Deutschland. Ein Resümee am Ende des Jahrhunderts. In: Horst Dreier (Hrsg.), Rechtssoziologie am Ende des 20. Jahrhunderts. Gedächtnissymposium für Edgar Michael Wenz. Mohr Siebeck, Tübingen 2000, S. 115–136, hier S. 117.
  4. Jürgen Oetting: Ferdinand Tönnies – ein vergessener Kriminalsoziologe. In: Tönnies-Forum, Jg. 27, 1/2018, S. 45–51.
  5. Ferdinand Tönnies, Das Verbrechen als sociale Erscheinung, in: „Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik“, Jg. 8, 1895, S. 329 ff; auch in: Ferdinand Tönnies, Soziologische Schriften 1889–1905, Hrsg. von Rolf Fechner, Profil-Verlag, München/ Wien 2008, ISBN 978-3-89019-640-4, S. 119–134.
  6. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 14 f.
  7. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 15 f.
  8. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 16 f.
  9. Quetelet 1833, zitiert nach Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 17.
  10. René König, Theorie und Praxis in der Kriminalsoziologie. In: Ders., Materialien zur Kriminalsoziologie. Herausgegeben von Aldo Legnaro und Fritz Sack (René König Schriften, Band 13), Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN ISBN 978-3-8100-3306-2, S. 31–37, hier S. 32; Erstabdruck in: Fritz Sack und René König (Hrsg.): Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt a. M.:, 1968, S. IX–XV.
  11. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 18.
  12. Stefanie Eifler: Kriminalsoziologie. Transcript-Verlag, Bielefeld 2002, S. 18 f.
  13. Roland Chr. Hoffmann-Plesch: Deutsche IS-Dschihadisten. Kriminalätiologische und kriminalpräventive Analyse des Radikalisierungsprozesses. Teil 3: Kriminalsoziologische Aspekte. In: Kriminalistik 69, Nr. 2, 2015, S. 74–80.
  14. Albert K. Cohen: Kriminelle Jugend. Zur Soziologie jugendlichen Bandenwesens, Reinbek 1961, S. 97.
  15. Howard S. Becker: Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1981, S. 8.
  16. Michael Bock: Kriminologie, 4. Auflage, München 2013, S. 71.