Kultur für alle

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„Kultur für alle“ ist das Motto einiger eingetragener Vereine in Deutschland und Österreich: Es benennt ihr Ziel, Bedürftigen einen kostenlosen oder sehr kostengünstigen Zugang zu kulturellen Veranstaltungen und Aktivitäten zu ermöglichen. Es folgt einer kulturpolitischen Forderung der 1970er Jahre, die nicht eingelöst wurde.

In Wien wurde 2003 die Aktion Hunger auf Kunst und Kultur initiiert und 2006 als gemeinnütziger Verein gegründet,[1] dem weitere solche Vereine in fast allen Regionen Österreichs folgten. In Frankfurt am Main wurde 2008 der erste Verein mit dem Namen Kultur für ALLE e. V. gegründet; Vereine mit gleichen oder vergleichbaren Namen und Zielen folgten in Nürtingen, Osnabrück, Passau und Stuttgart.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2003 gründeten Airan Berg, der damalige künstlerische Leiter des Schauspielhauses Wien, und Martin Schenk, Vorsitzender der Armutskonferenz, in Wien die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“. Diese ermöglichte Bedürftigen unbürokratisch Zugang zu Veranstaltungen des Wiener Schauspielhauses. Im Dezember 2004 schlossen sich sechs, bis Ende 2006 33 weitere Kulturveranstalter, bis zur Gegenwart über 150 Kultureinrichtungen in Wien der Aktion an. Seit 2006 ist „Hunger auf Kunst und Kultur“ als gemeinnütziger Verein eingetragen, den die Stadt Wien seit 2007 unterstützt.

Ab Januar 2006 übernahmen Salzburg und die Steiermark die Aktion. Bis 2008 dehnte sich diese auch auf Oberösterreich, Vorarlberg und Tirol aus, so dass sie heute fast ganz Österreich umfasst.[2]

Frankfurt am Main[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinszweck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kultur für ALLE e. V. wurde am 1. August 2008 auf Initiative des Musikproduzenten Götz Wörner gegründet. Der Vereinsname repräsentiert eine Forderung des ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten und späteren Präsidenten des Goethe-Instituts Hilmar Hoffmann von 1979.

„Kultur ist alles was der Mensch gestaltend schafft, niemand darf davon aufgrund seiner sozialen Situation ausgeschlossen werden“ und „Kultur ist nicht exklusiv, Kultur ist inklusiv“ sind die beiden Leitsätze des Vereins. Er will das Bürgerrecht auf kulturelle Teilhabe verwirklichen, das sich aus der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen und dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (Artikel 1) ableitet.

Dazu gibt der Verein auf Antrag den kulturpass an Bürger Frankfurts heraus, die ihren notwendigen Lebensunterhalt nicht selbst beschaffen können: darunter Inhaber eines Frankfurt-Passes, Bezieher von Arbeitslosengeld II, Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung, Wohngeld und/oder Kinderzuschlag, Empfänger von Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, Asylbewerber sowie Obdachlose. Sie erhalten den scheckkartenähnlichen Kulturpass für zunächst ein Jahr; er wird nach erneuter Prüfung der Vergabevoraussetzungen für je ein weiteres Jahr verlängert. Das Mittel des personalisierten Kulturpasses wurde gewählt, um Recht und Interesse an Kulturteilhabe physisch zu dokumentieren. Es gilt das Ein-Euro-Prinzip: Sowohl der Kulturpass als auch die besuchten Kulturinstitutionen werden mit diesem Obolus bezahlt. Damit soll kulturelle Teilhabe kein Almosen sein und so die Würde beider Seiten – Nutzer und Anbieter – gewahrt werden. Kultur für ALLE e.V. distanziert sich ausdrücklich von den staatlicherseits für die Berechnung des Existenzminimums zugrunde gelegten Berechnungsgrundlagen.

Inhaber des Kulturpasses erhalten Zugang zu kulturellen Veranstaltungen aller Art zu einem Eintrittspreis von einem Euro (Kinder die Hälfte). Dazu hatte der Verein 2009 bereits fast 200 Kooperationspartner:[3] darunter Udo Lindenberg, das Städelmuseum, das Kulturzentrum Romanfabrik, das Literaturhaus Frankfurt, der Hessische Rundfunk, die Junge Deutsche Philharmonie, das Freie Deutsche Hochstift mit dem Goethe-Museum, die Städtischen Bühnen Frankfurt am Main mit Schauspiel und Oper und fast alle Frankfurter Museen.

Seit 2010 weitet der Verein seinen Angebotsradius über Frankfurt am Main hinaus aus. Er hat inzwischen Kooperationspartner auch in Bad Homburg (Sinclair-Haus), Offenbach am Main (Haus der Geschichte), Wiesbaden (Schloss Freudenberg) und Kassel (Kasseler Musiktage). Bislang wurden über 9000 Kulturpässe ausgegeben.[3]

Auf seiner Webseite ermöglicht der Verein den Zugang zu weiteren kulturellen Angeboten wie dem Download von kostenlosen Hörbüchern, der beginnenden Anthologie der Stadtschreiber von Bergen, einer virtuellen Galerie und einem Direktzugang zum livestream von hr2-kultur. Seit 2012 widmet sich der Verein mit Angeboten besonders auch Kindern und Jugendlichen, die in von Armut betroffenen Familien leben. Das Programm "Kultur für ALLE Kids" steht unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt am Main, Peter Feldmann.

Vereinsstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Finanzamt Frankfurt am Main hat den Verein als mildtätig anerkannt und begünstigt Zuwendungen an ihn einkommensteuerlich. Der Verein ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband (Landesverband Hessen) und im Vereinsring Sachsenhausen-Frankfurt am Main. Die Arbeit wird ausschließlich ehrenamtlich getragen und durch Spenden finanziert.

Im Vorstand sind Götz Wörner, Andreas Eichstaedt und Karin Francis. Im 24-köpfigen Beirat sind unter anderem Thomas Rietschel (TAKE PART Kulturberatung),Thomas Wind (Institut für Zielgruppenkommunikation Heidelberg), Marlene Haas (Vizepräsidentin der IHK Frankfurt am Main), Jan Philipp Ziegler, (Kulturpolitische Gesellschaft e.V), Bonn, der Jazzmusiker Gustl Mayer, Manfred Metzner (Verlag Das Wunderhorn Heidelberg), Annelie Löber-Stascheit (Selbst.Los-Kulturstiftung Überlingen/Bodensee), Joachim Valentin (Haus am Dom - Bistum Limburg), Gaby Hagmans (Caritasverband e.V. Frankfurt am Main), Harald Fiedler (Deutscher Gewerkschaftsbund Rhein-Main) und Stefan Schäfer (Deutscher Kinderschutzbund - Bezirksverband Frankfurt am Main).

Der Verein wird von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Stiftung Citoyen (beide Frankfurt am Main), der Selbst.Los Kulturstiftung (Überlingen/Bodensee), der Aktion Mensch (Bonn), der Adolf-und-Luisa-Haeuser-Stiftung (Frankfurt am Main), aus Mitteln der Lotterie Spiel 77 sowie von weiteren Förderern unterstützt.

2017 wurde Hilmar Hoffmann zum Ehrenmitglied ernannt.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeichnete Kultur für ALLE e. V. am 27. April 2010 in Berlin als einen von sieben Bundessiegern der Initiative „startsocial“ (2009) aus.[4] Der Verein wurde im Rahmen der Kampagne „Land der Ideen“ unter Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler als „Ort der Ideen 2010“ ausgezeichnet.[5] Die Deutsche UNESCO-Kommission e.V. zeichnete den Verein 2011 im Rahmen der Kampagne „Initiative, Ideen, Zukunft“ aus.[6]

2011 zeichnete die Robert-Bosch-Stiftung Götz Wörner anlässlich des 150. Geburtstages von Robert Bosch im Rahmen der Kampagne „Die Verantwortlichen“ für seine Idee und Umsetzung des Kulturpasses als „außergewöhnliche Persönlichkeit“ aus.[7]

2012 zeichnete „NÄHE IST GUT“ (eine Initiative von REWE, Licher, HASSIA und Schwälbchen) Kultur für ALLE e.V. als „Helden des Alltags - die Hessen lebenswerter machen“ aus.[8] Ebenfalls 2012 verlieh Oberbürgermeister Peter Feldmann dem Verein die Walter-Möller-Plakette für bürgerschaftliche Mitarbeit der Stadt Frankfurt am Main.[9] Im Rahmen der Aktion „Gemeinsam-Aktiv - Bürgerengagement in Hessen“ zeichnete der hessische Staatsminister für Bundesangelegenheiten Michael Boddenberg den Verein als „Initiative des Monats April 2013“ aus.[10] Beim Berliner Zukunftsgipfel 2013 des “Innovation Consensus” wurde der Kulturpass als eines von zehn „Leuchtturmprojekten“ gewählt.[11]

2015 erhielt der Verein den Bürgerpreis der Stadt Frankfurt am Main und der Stiftung der Frankfurter Sparkasse.

Stuttgart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2009 wurde in Stuttgart der gemeinnützige Verein „KULTUR FÜR ALLE Stuttgart e.V.“ gegründet. Erster Vorsitzender ist Harald Wohlmann. Der Verein arbeitet mit der Bürgerstiftung und dem Sozialamt der Stadt zusammen und vermittelt allen Bürgern, die Inhaber des Sozialausweises (Bonuscard + Kultur) der Landeshauptstadt Stuttgart sind (bis zu 65.000 Personen), Kulturangebote von bisher über 70 Stuttgarter Kulturveranstaltern. Diese stellen feste Kontingente von Freikarten für alle Preissparten zur Verfügung, die wie gewöhnliche Karten von den Interessenten selbst bestellt, gegebenenfalls reserviert, und abgeholt werden können.[12]

Nürtingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 2010 startete in Nürtingen die ehrenamtliche Initiative „Kultur für Alle“, die aus einem Bürgermentorenkurs hervorging.[13] Dort gibt es keinen Kulturpass, sondern die Nürtinger Initiative verknüpft Anbieter von Karten direkt mit bedürftigen Menschen, die diese Eintrittskarten kostenlos für kulturelle Veranstaltungen erhalten. Die Kartenreservierungen werden im Nürtinger Tafelladen angeboten.[14]

Osnabrück[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Februar 2012 gründete sich nach einem Vortrag von Götz Wörner im Theater Osnabrück der Verein Kultur für Alle Osnabrück e.V. (abgekürzt KAOS e.V.), der sich in seinen Grundsätzen an das Frankfurter Modell anlehnt. Initiator und Vereinsvorsitzender ist der Musiker und Kommunikationsdesigner Max Ciolek.[15] Der Osnabrücker Verein ist als mildtätig anerkannt. Er hat die Idee des Frankfurter Kulturpasses in Osnabrück aufgegriffen und erweitert: Seit 1. Februar 2013 gibt er die KUKUK (Kunst-und Kultur-Unterstützungs-Karte) heraus. Zum symbolischen Einmalpreis von einem Euro (Kinder 50 Cent) können alle Empfänger von Arbeitslosengeld II („Hartz IV“), Grundsicherung im Alter und Wohngeld sowie Asylbewerber die KUKUK im Vereinsbüro erwerben[16] und damit zum jeweiligen Eintrittspreis von einem Euro (Kinder 50 Cent) alle Osnabrücker Kulturveranstaltungen besuchen, deren Träger sich zur Zusammenarbeit mit dem Verein bereit erklärt haben. Das sind bisher 70 Veranstalter, darunter das Theater Osnabrück, das sozio-kulturelle Zentrum Lagerhalle Osnabrück, das Institut für Musik der Hochschule Osnabrück, die Universitätsmusik, die Meisterkonzerte Osnabrück, das European Media Art Festival sowie verschiedene Musik- und Filmfestivals.[17] Darüber hinaus kann man mit der KUKUK bei Chören, Tanzkursen, Kunstworkshops und anderen kulturschaffenden Gruppen teilnehmen. Unter dem Namen "kultur AKTIV!" kommt hier der menschenverbindende Aspekt von Kultur besonders zum Tragen.[18]

Die Angebotspalette, die die KUKUK ihren Besitzern ermöglicht, soll einen Almosen-Charakter von fallweise gewährter Kulturteilhabe vermeiden.[19] KAOS e.V. will sich nicht auf das Anbieten und Vermitteln von restlichen Eintrittskarten für einkommensschwache Bürger beschränken.[20] Seit 1. Februar 2013 haben über 2500 Personen die KUKUK erworben.[21] Empfangsberechtigt sind nach Angaben des Sozialamts der Stadt und des Landkreises Osnabrück derzeit 43.500 Menschen. [22] Der ehrenamtlich geführte Verein erhielt im Sommer 2012 den Förderpreis sozioK der Stiftung Niedersachsen und im November 2012 den zweiten Preis der Sparte Kultur von der OsnaBRÜCKE e.V.[23]

Rosenheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kultur für alle in Rosenheim wird unter der Trägerschaft des Kulturforums Rosenheim seit 2013 auf Initiative des Journalisten Reinhart Knirsch angeboten. Es werden Gutscheine für Kulturveranstaltungen hauptsächlich von den zehn Tafeln im Landkreis Rosenheim ausgeben. Rund 20 Kulturveranstalter beteiligen an dem Projekt. Statt Restkarten zu vermitteln, verteilt das Projekt Berechtigungen für Veranstaltungen nach Wahl. Mit Hilfe der Förderung durch die Stiftungen "Zukunft" der Sparkasse Rosenheim werden den Kulturveranstaltern die Eintrittspreise erstattet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hilmar Hoffmann: Kultur für alle. Perspektiven und Modelle. (1979) S. Fischer, 1984, ISBN 3-10-033005-6.
  • Alex Demirovic: Kultur für alle – Kultur durch alle. In: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 63/IV, 1993, S. 30–34.
  • Birgit Mandel: Kulturpolitik und Kulturvermittlung: Kultur für alle oder von allen? In: Birgit Mandel (Hrsg.): Kulturvermittlung - zwischen kultureller Bildung und Kulturmarketing: Eine Profession mit Zukunft. Transcript, 2005, ISBN 978-3-89942-399-0, S. 23-30.
  • Karl Ermert: Kultur für alle oder Produktion der „feinen Unterschiede“? Wozu kulturelle Bildung dient. Bundesakademie für kulturelle Bildung, Wolfenbüttel 2012, ISBN 3-929622-55-6.
  • http://www.sueddeutsche.de/leben/konkurs-wenn-schon-absturz-dann-richtig-1.3094056

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hunger auf Kunst & Kultur abgerufen am 9. Dezember 2013
  2. Chronik - Die Geschichte der Aktion Hunger auf Kunst und Kultur
  3. a b Spenden. kulturpass.net, abgerufen am 6. Dezember 2009 (deutsch).
  4. Kulturpass.net: Urkunde startsocial Bundessieger 2009 (PDF; 165 kB)
  5. Kulturpass.net: Urkunde Land der Ideen (PDF; 202 kB)
  6. Kulturpass.net: Urkunde Ideen, Initiative, Zukunft (PDF)
  7. Robert-Bosch-Stiftung: Die Verantwortlichen (PDF, S. 156; 4,7 MB)
  8. Auszeichnung „NÄHE IST GUT“. naehe-ist-gut.de, abgerufen am 7. September 2012 (deutsch).
  9. Rede der Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Bernadette Weyland zur Verleihung der Walter-Möller-Plakette der Stadt Frankfurt am Main an den Verein Kultur für Alle e.V. (28. November 2012; PDF; 82 kB)
  10. Initiative des Monats - April 2013: Verein „Kultur für ALLE“
  11. ConSensus-Charta: Leuchtturm-Projekte (Berlin, 1. September 2013)
  12. KULTUR FÜR ALLE Stuttgart e.V. (PDF; 1,2 MB)
  13. Volker Haussmann: An Kultur sollen alle teilhaben können. In: Nürtinger Zeitung. 20. Februar 2010. Abgerufen am 22. Januar 2012.
  14. Website der Initiative Kultur für alle, Nürtingen. Abgerufen am 4. Januar 2012.
  15. KAOS e.V.: Wir über uns
  16. KAOS e.V.: So funktioniert's
  17. KAOS e.V.: Veranstalter
  18. KAOS e.V.: "KULTUR AKTIV"
  19. taz Nord, 27. April 2012: Nicht Delikatesse, sondern Lebensmittel (PDF; 136 kB)
  20. Theater für einen Euro!, Die Feder.net, 22. Februar 2013
  21. Tom Bullmann: Überaus erfolgreich: KUKUK - 2500. Kultur-Unterstützungskarte vergeben, Neue Osnabrücker Zeitung, 19. September 2016.
  22. taz Nord, 27. April 2012: Nicht Delikatesse, sondern Lebensmittel (PDF; 136 kB); NOZ, 27. Januar 2016: Landkreis bietet Kukuk-Karte an
  23. OsnaBRÜCKE e.V.: Preisverleihung