Vitalität

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Lebenskraft)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Vitalität (lat.: vitalis: lebensfähig) eines Organismus wird dadurch bestimmt, wie gut dieser es schafft, sich an seine Umgebung anzupassen bzw. seine Umgebung zu nutzen. Man versteht dabei unter Vitalität die Fähigkeit, unter den vorgefundenen Umweltbedingungen zu gedeihen und zu überleben.[1] In der Ökologie ist mit Vitalität auch die Konkurrenzfähigkeit von Arten gemeint.[2]

Beim Menschen wird unter Vitalität die geschlechts- und alterstypische Funktionsfähigkeit und Befindlichkeit verstanden. Es handelt sich um eine biopsychosoziale Perspektive, die das Körperliche, Mentale, Emotionale und die soziale Bezogenheit erfasst.[3]

Dimensionen der Vitalität beim Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grunddimensionen der biologisch-sozialen Existenz sind das Alter und die funktionale Gesundheit bzw. Krankheit des Menschen.

Dabei umfasst die Dimension des Alters das kalendarische, funktionale und das Rollenalter.[4] Unter dem kalendarischen Alter versteht man das chronologische bzw. das Ausweisalter.[5] Funktionales Alter begreift das Altern nicht als defizitären Prozess, sondern legt die Betonung auf eine Verbesserung der Funktionskapazitäten bis weit in die zweite Lebenshälfte. Zu diesen Funktionskapazitäten zählen beispielsweise das Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein, die Urteilsfähigkeit und die soziale Kompetenz, die mit steigendem Alter zunehmen. Das Rollenalter ergibt sich aus einer anforderungsdifferenzierten Bewertung klassischer Altersstereotype. Obwohl im Allgemeinen jung mit unerfahren und alt mit leistungsschwach gleichgesetzt werden, erlangen diese Altersklassen durch den Zusatz der sozialen Rolle eine andere Bedeutung: Während ein 40-jähriger Mittelstürmer als alt angesehen wird, gilt ein 40-jähriger Fußballtrainer als jung.

Mit der Dimension der funktionalen Gesundheit bzw. Krankheit des Menschen sind seine Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit gemeint.[6] Diese Dimension ist für die Ressourcenmedizin von grundsätzlicher Bedeutung. Die funktionale Gesundheit bzw. Krankheit erschließt sich über die Fähigkeit zur Anpassung, die sich lediglich bei biologischen Systemen findet.[7]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Lebenskraft war in seiner Entstehungszeit sehr populär und wurde oft auch wenig spezifisch gebraucht, als weit verbreiteter Platzhalterbegriff für unverstandene körperliche Vorgänge.[8] Sprachlich und inhaltlich standen ihm das Principium vitalis mit forces radicales und forces agissantes oder agens vitalis im Vitalismus, das Sentient principle (Robert Whytt), die vital power (John Hunter), die Lebenskraft bei Friedrich Casimir Medicus oder Caspar Friedrich Wolffs vis essentialis nahe. Später benutzte Georg Groddeck in seiner Konzeption des vitalen Es auch den Ausdruck Lebenskraft. In jüngerer Zeit wird von Lebenskraft oder Lebensenergie in vielen Bereichen der Alternativmedizin einschließlich der Homöopathie mit unterschiedlichem Verständnis gesprochen.

Die Vorstellung einer Lebenskraft wurde als Gesundheits- und Krankheitskonzeption von Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts differenziert beschrieben. Hufeland nahm Elemente aus dem „Animismus“ oder Psychodynamismus Georg Ernst Stahls, aus dem Vitalismus von Théophile de Bordeu und Paul-Joseph Barthez und aus der Irritabilitätstheorie Albrecht von Hallers auf. Vom Brownianismus grenzte er sich ausdrücklich ab.

Hufeland sah als Grundursache aller Lebensvorgänge und als Selbsterhaltungsprinzip des Organismus eine allgemeine Lebenskraft mit weiteren Teilkräften:

  • eine erhaltende Kraft,
  • eine regenerierende und neubildende Kraft,
  • eine besondere Lebenskraft des Blutes,
  • eine Nervenkraft,
  • eine Kraft, die eine allgemeine Reizfähigkeit des Körpers bewirke, sowie
  • eine Kraft, die eine spezifische Reizfähigkeit des Körpers bewirke.

Krankheit sei eine Beeinträchtigung der Lebenskraft beziehungsweise der Lebenskräfte durch krankmachende Reize. Sichtbare Zeichen der Krankheit seien Heilreaktionen der Lebenskraft auf solche Krankheitsreize. Die Heilkraft der Natur (vis medicatrix naturae) und die Lebenskraft seien wesensgleich, wenn nicht identisch. Jedes therapeutische Handeln des Arztes wie auch jede Selbstbehandlung durch den Patienten solle die individuelle Lebenskraft unterstützen. Insgesamt habe sich das ärztliche Handeln am Prinzip des contraria contrariis zu orientieren. Dabei empfahl Hufeland neben der vorsichtigen Anwendung von Medikamenten die Beachtung diätetischer Regeln und physikalische Therapien (zum Beispiel als Wasseranwendungen).

Auf Hufelands Konzept gehen Impulse für die Entwicklung der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert zurück.

Lebenskraft in der Homöopathie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch Samuel Hahnemann bezog sich in seinem homöopathischen Spätwerk auf einige der Grundthesen Hufelands, gelangte aber zu anderen therapeutischen Konsequenzen. Die von ihm in den letzten Auflagen des Organon beschriebene „Verstimmung der Lebenskraft“ kann nicht als essentiell für die Homöopathie (siehe z.B. homöopathische Komplexmittel, Schüßler-Salze, etc.) angesehen werden, sondern als Versuch, das Ähnlichkeitsprinzip nach damaligem Stand „wissenschaftlich“ zu erklären.[9]
In der Klassischen Homöopathie spielt die Lebenskraft aber auch heutzutage eine zentrale Rolle. In der Lehre der Klassischen Homöopathie kann Heilung nicht durch ein homöopathisches Arzneimittel erreicht werden, sondern nur durch die Korrektur der Lebenskraft. Das ähnliche Arzneimittel soll beim Erkrankten die Lebenskraft, die unsichtbar und nur an ihren Wirkungen zu erkennen ist, wieder in geordneten Bahnen fließen lassen.[10][11]

Vitalität in Land- und Forstwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einflussfaktoren auf die Vitalität von pflanzlichen und tierischen Nachkommen wurde grundlegend von Caspar Friedrich Wolff untersucht. Die Prüfung der Keimfähigkeit und Pflege von Saatgut fand schon im 18. Jahrhundert in der Agrarforschung Eingang, die Regeln dafür werden international von der ISTA festgelegt und weiterentwickelt. Seit der Einführung der Hybridzucht in der Pflanzen- und Tierzucht ist die Prüfung der Vitalität von Nachkommen für die Selektion von Inzuchtlinien und Züchtung erfolgreicher Hybriden obligatorisch.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Eckart: Geschichte der Medizin. Springer Verlag Berlin, Heidelberg 1990. ISBN 3-540-51982-3
  • H. Haas: Ursprung, Geschichte und Idee der Arzneimittelkunde. B.I. Wissenschaftsverlag, Mannheim, Band 1, 1981

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Klug: Vitalität und Entwicklungsphasen bei Bäumen, in: ProBaum, Heft 1, 2005, S. 1
  2. dtv-Atlas zur Biologie, Band 1, dtv 3011, München 1967, S. 207
  3. Dagmar Meißner-Pöthing et al.: Übersichtsarbeit Anti-Aging und Vitalität, in: J. Menopause, Heft 3, 2005, S. 5
  4. Europäische Vereinigung für Vitalität und Aktives Altern e.V. (EVAA): Operationale Definition von Vitalität
  5. Meißner-Pöthing et al., op. cit., S. 4
  6. EVAA: Altersaspekt der Vitalität
  7. EVAA: Gesundheitsaspekt der Vitalität
  8. Matthias Wischner: Kleine Geschichte der Homöopathie, Forum Homöopathie, KVC Verlag Essen 2004, S. 21
  9. Roger Rissel: Welchen Stellenwert hat die „Lebenskraft“ in der Homöopathie Hahnemanns?
  10. Norbert Enders, Maria Steinbeck, Eberhard Gottsmann, Homöopathie. Eine Einführung in Bildern, Seite 56 bis 60, Karl F. Haug Verlag, 1996, ISBN 3-7760-1559-4
  11. Edeltraut und Peter Friedrich, Charaktere homöopathischer Arzneimittel Band 3, Seite 9, Traupe-Vertrieb, 1999, ISBN 3-9802834-3-7