Lewin Kłodzki

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Lewin Kłodzki
Wappen der Gmina Lewin Kłodzki
Lewin Kłodzki (Polen)
Lewin Kłodzki (50° 25′ 0″ N, 16° 17′ 0″O)
Lewin Kłodzki
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Niederschlesien
Powiat: Kłodzki
Gmina: Lewin Kłodzki
Geographische Lage: 50° 25′ N, 16° 17′ OKoordinaten: 50° 25′ 0″ N, 16° 17′ 0″ O
Höhe: 440 m n.p.m.
Einwohner: 900
Postleitzahl: 57-343
Telefonvorwahl: (+48) 74
Kfz-Kennzeichen: DKL
Wirtschaft und Verkehr
Straße: Breslau-Prag
Schienenweg: Kłodzko–Kudowa Zdrój
Nächster int. Flughafen: Flughafen Breslau



Lewin Kłodzki [ˈlɛvʲin ˈkwɔʦci] (deutsch Lewin, 1938–1945 Hummelstadt, tschechisch Levín, auch Kladský Levín[1]) ist ein Dorf im Powiat Kłodzki in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Es ist Sitz der gleichnamigen Landgemeinde mit 1921 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2020).

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lewin Kłodzki liegt 31 Kilometer westlich der Kreisstadt Kłodzko (Glatz) an der Europastraße 67, die östlich von Lewin über den Hummelpass zwischen dem Heuscheuergebirge und dem Habelschwerdter Gebirge und weiter durch den Glatzer Kessel verläuft. Durch den Ort fließt die Schnelle (Bystra), ein linker Nebenfluss der Mettau (Metuje).

Nachbarorte sind Dańczów (Tanz) im Norden, Duszniki-Zdrój (Bad Reinerz) und Witów (deutsch Nerbotin; 1937–1945: Markrode) im Osten, Krzyżanów (Kreuzdorf) im Süden, Jarków (Järker) im Südwesten und Jeleniów (Gellenau) im Westen. Drei Kilometer südwestlich verläuft die Grenze zu Tschechien.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Landkarte mit Hummel-Distrikt
Dorfpanorama
Pfarrkirche St. Michael
Eisenbahnviadukt von 1905

Erstmals schriftlich erwähnt wurde Lewyn 1354, als der dortige Pfarrer einen neuen Seelsorger im benachbarten Gießhübel einführte. Die frühere Annahme, Lewin hätte bereits 1238 existiert, beruht auf einem Irrtum, der dadurch zustande kam, dass das in einer Urkunde König Wenzels I. genannte Lewin (Levinice) bei Laun, das Abgaben an die Glatzer Burg zu leisten hatte, sowohl vom Glatzer Heimatforscher Joseph Kögler als auch 1855 von dem Historiker Karel Jaromír Erben fälschlich mit diesem Lewin verwechselt wurde.[2] Es gehörte ursprünglich zur Herrschaft Nachod im altböhmischen Königgrätzer Kreis, dessen östliche Grenze es bildete. Kirchlich war es dem böhmischen Dekanat Dobruška eingegliedert. 1360 war es im Besitz der Brüder Hynek/Heinrich und Ješek/Jan von Dubá auf Náchod, die ihre Besitzungen später teilten. Hynek behielt Náchod und Ješek erhielt Lewin mit den zur Pfarrkirche St. Michael eingepfarrten Dörfern. Nördlich der Stadt erbaute er die Lewiner Burg auf dem Hradisch (Hradiště auch Hrad Levín[3]), die nicht identisch war mit dem östlich zwischen Lewin und Reinerz gelegenen Hummelschloss. Für das Jahr 1367 ist Ješek als Patron der Lewiner Pfarrkirche St. Michael nachgewiesen. Bedeutung erlangte Lewin durch seine Lage an der bedeutsamen Handels- und Heerstraße, die von Prag über Glatz und Wartha nach Breslau führte und auch als „Polen-“ bzw. „Königsweg“ bezeichnet wurde. Vermutlich deshalb besaß Lewin bereits 1415 Stadtrecht. 1428 fielen die Hussiten ein und zerstörten Lewin und die Burg auf dem Hradisch. Vom östlich gelegenen Hummelschloss aus unternahmen sie Feldzüge in das Glatzer Land und nach Schlesien.

1477 gliederte Herzog Heinrich d. Ä., dem seit 1472 die Herrschaften Nachod und Hummel sowie die Grafschaft Glatz gehörten, das gesamte Kirchspiel Lewin in die Herrschaft Hummel und diese im selben Jahr in die Grafschaft Glatz ein. Nachdem die Herrschaft Hummel Ende des Ende des 16. Jahrhunderts aufgelöst wurde, bildete Lewin innerhalb der Grafschaft Glatz den Hummeldistrikt („Humblischer District“). Lange Zeit blieb Lewin tschechisches Sprachgebiet, doch im Gegensatz zum benachbarten böhmischen Winkel erfolgte die Eindeutschung schon im 17. Jahrhundert. Letzte tschechische Eintragungen im Stadtbuch stammen aus dem Jahre 1680.

Im Dreißigjährigen Krieg war Lewin mehrfach Durchmarschgebiet der kaiserlichen Truppen, die auch teilweise ihr Winterquartier hier aufschlugen und verpflegt werden mussten. Einquartierungen und die Zahlung von Kontributionen mussten erduldet werden. 1639 und 1649 plünderten die Schweden auf Durchmärschen durch die Grafschaft Glatz auch Lewin aus. Die Bewohner flüchteten in die Wälder der Umgebung.

Der Pestepidemie von 1680, die viele Opfer forderte, folgte 1687 eine schwere Verwüstung durch eine Überschwemmung infolge eines Wolkenbruchs. Zwei große Stadtbrände zerstörten 1703 und 1772 Teile von Lewin. Die abseits stehende Stadtpfarrkirche St. Michael überstand die Brände unversehrt.

Auch in den Schlesischen Kriegen war Lewin Aufmarschgebiet der preußischen und österreichischen Truppen. Der preußische Oberst von Kleist übernachtete im November 1744 im Lewiner Pfarrhaus. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg 1742 und endgültig nach dem Hubertusburger Frieden 1763 fiel Lewin zusammen mit der Grafschaft Glatz an Preußen. Nach der Neugliederung Preußens gehörte Lewin seit 1815 zur Provinz Schlesien. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Lewin eine katholische Kirche, eine Weberei, Wäschefabrikation und war Sitz eines Amtsgerichts.[4]

Die Stadt war 1816–1945 dem Landkreis Glatz eingegliedert. Seit 1874 war Lewin eine Stadtgemeinde, 1934 wurde es amtlich als Stadt Lewin bezeichnet, die 1938 in Hummelstadt umbenannt wurde.[5] Mit der Eröffnung der Teilstrecke von Bad Reinerz nach Bad Kudowa 1905 wurde Lewin an das Eisenbahnnetz angeschlossen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Hummelstadt im Frühjahr 1945 von der Roten Armee besetzt und nach Kriegsende von der Sowjetunion wie fast ganz Schlesien unter polnische Verwaltung gestellt. Danach wurde der Ort in Lewin Kłodzki umbenannt. Gleichzeitig verlor das Städtchen die Stadtrechte. Es begann nun die Zuwanderung polnischer Migranten. Die deutsche Bevölkerung wurde 1945/46 von der örtlichen polnischen Verwaltungsbehörde weitgehend vertrieben. Die polnischen Migranten kamen zum Teil aus an die Sowjetunion gefallenen Gebieten östlich der Curzon-Linie, wo sie der polnischen Minderheit angehört hatten.

Von 1975 bis 1998 gehörte Lewin Kłodzki zur Woiwodschaft Wałbrzych (Waldenburg).

Wirtschaftliche Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedeutende Einnahmequelle der Einwohner von Lewin war seit dem 16. Jahrhundert die Löffelschnitzerei. Um 1700 wurde dieses Handwerk von der Leineweberei abgelöst. Die Zahl der Webstühle stieg von 108 im Jahre 1724 auf 132 im Jahre 1750. 1794 waren es schon 262 Webstühle. Im 19. Jahrhundert ging die Weberei zurück, und die Bevölkerung lebte in großer Armut. 1830 sind die Flachs-, Garn- und Leinwandmärkte, die seit 1659 einmal in der Woche stattfanden, eingestellt worden. 1897 wurde eine Stickschule gegründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts siedelten sich einige Fabriken an, die Strümpfe, Süßwaren und Glasprodukte fertigten.

Demographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohnerzahl Anmerkungen
1787 886 in 166 Bürgerhäusern[6]
1816 919 [7][8]
1825 997 darunter elf Evangelische[9]
1840 1301 darunter elf Evangelische, 1289 Katholiken[10]
1852 1497 [11]
1867 1580 am 3. Dezember[12]
1871 1616 [8] nach anderen Angaben 1616 Einwohner (am 1. Dezember), davon 37 Evangelische, 1567 Katholiken, zwölf Juden[12]
1885 1.538 [13]
1900 1396 [4]
1933 1.090 [13]
1939 1.049 [13]
Anzahl Einwohner bis heute

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rathaus im Rokokostil
Nepomuk-Säule von 1717
  • Die Pfarrkirche St. Michael wurde erstmals 1340 erwähnt, 1574–1576 neu errichtet und 1698 erweitert. An Chor- und Langhauswänden sowie auf den Emporen figurale Ausmalung von 1698. Hauptaltar von 1618 (1736 erneuert) mit Muttergottes-Gemälde von Hieronymus Richter. Die Seitenaltäre (Jesuskind und St. Antonius von Padua) stammen von Bildhauer H. Hartmann und Maler Roose, beide aus Wartha. Kanzel mit Evangelistenfiguren von 1691; Orgelprospekt von 1735.
  • Die Kapelle St. Johannes Nepomuk wurde 1727–1730 als Stiftung des Jauerniker Müllers David Walke erbaut; der Hauptaltar stammt von dem Glatzer Bildhauer Karl Sebastian Flacker. Die Seitenaltäre der Schmerzhaften Muttergottes und des Hl. Franziskus wurden 1772 aus der Lewiner Pfarrkirche hierher verbracht.
  • Bürgerhäuser: Ältere Bebauung am Markt nach Brand 1772 auf Kosten des preußischen Königs durch Baumeister Müller aus Glatz wieder errichtet.
  • Das Rathaus mit Fassadendekoration im Stil des friderizianischen Rokokos entstand 1772–1776.
  • Die Mariensäule wurde 1687 aufgestellt, die Figur des böhmischen Landesheiligen Johannes Nepomuk 1717
  • Nördlich der Stadt, auf dem Gipfel des Hummelberges, befinden sich Reste der Hummelburg.

Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Landgemeinde (gmina wiejska) Lewin Kłodzki mit einer Fläche von 52 km² gehören 17 kleinere Orte.

Gemeindepartnerschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph Kögler (1765–1817), Geschichts- und Heimatforscher der Grafschaft Glatz
  • Georg Hartmann (1887–1954), Kirchenmusikkomponist und Heimatschriftsteller
  • Violetta Villas (1938–2011), polnische Chansonsängerin im Stimmfach Koloratursopran, bekannt als Stimme des Atomzeitalters.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johann Georg Knie: Alphabetisch-statistisch-topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preusz. Provinz Schlesien. 2. Auflage. Graß, Barth und Comp., Breslau 1845, S. 854-855.
  • Friedrich Gottlob Leonhardi: Erdbeschreibung der preussischen Monarchie, Band 3, Teil 1, Halle 1792, S. 218-219.
  • Aloys Bach: Urkundliche Kirchen-Geschichte der Grafschaft Glaz. Von der Urzeit bis auf unsere Tage. Nebst einem Anhange: Geschichtlich statistische Darstellung aller Gläzer Pfarreien und Kirchen mit deren geistlichen Vorstehern, so wie der Schulen im Jahre 1841. Fritz, Breslau 1841.
  • Franz Albert: Die Geschichte der Herrschaft Hummel und ihrer Nachbargebiete. Erster Teil: Die Herrschaft Hummel bis zum Jahre 1477. Selbstverlag, Münster 1932, S. 39f.
  • Ondřej Felcman: Proměny hranic východnich Čech. In: Ůzemí východních Čech od středověku po raný novověk. Hradec Králové 2011, ISBN 978-80-7422-106-4, S. 89 und 158.
  • Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 2005, ISBN 3-422-03109-X, S. 550–551.
  • Joseph Kögler: Die Chroniken der Grafschaft Glatz. Neu bearbeitet und herausgegeben von Dieter Pohl. Band 1: Die Stadt- und Pfarreichroniken von Lewin – Mittelwalde – Wünschelburg – Neurode – Wilhelmsthal. Pohl, Modautal 1993, ISBN 3-927830-06-2, S. 21–74 (Geschichtsquellen der Grafschaft Glatz. Reihe A: Ortsgeschichte NF 1).
  • Wilhelm Mader: Chronik der Stadt Lewin. 2. ergänzte Auflage. Göbel, Lewin 1903.
  • František Musil: K počátkům „Českeho Koutku“ v Kladsku. In: Český Koutek v Kladsku. Lupus, Trutnov 2008, ISBN 978-80-903509-8-4, S. 15–22 (Kladský sborník. Supplementum 5).
  • Hugo Weczerka (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten. Band: Schlesien (= Kröners Taschenausgabe. Band 316). Kröner, Stuttgart 1977, ISBN 3-520-31601-3, S. 280–281.
  • Barbara Bittner: Lewin in Bild und Wort bis 1945. 4. erweiterte Ausgabe, Stockach 2018 (lewin-bittner-pdf)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Lewin Kłodzki – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marek Šebela, Jiři Fišer: České Názvy hraničních Vrchů, Sídel a vodních toků v Kladsku. In: Kladský sborník 5, 2003, S. 375
  2. Auf diesen Irrtum verwies bereits der Glatzer Heimatforscher Paul Klemenz in seinem Aufsatz: Zur Geschichte und Deutung des Namens Lewin. In: Glatzer Heimatblätter 16, 1930, S. 17–18.
  3. Ondřej Felcman (Hrsg.): Dějiny východních Čech, Praha 2009, ISBN 978-80-7422-003-6, S. 345f.
  4. a b Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 12, Leipzig/Wien 1908, S. 492.
  5. Stadt Lewin
  6. Friedrich Gottlob Leonhardi: Erdbeschreibung der preussischen Monarchie, Band 3, Teil 1, Halle 1792, S. 218-219.
  7. Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 3: Kr–KO, Halle 1822, S. 96.
  8. a b Gustav Neumann: Das Deutsche Reich in geographischer, statistischer und topographischer Beziehung. Band 2, G. F. O. Müller, Berlin 1874, S. 180-181, Ziffer 12.
  9. Johann Georg Knie: Alphabetisch-Statistisch-Topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preuß. Provinz Schlesien, mit Einschluß des jetzt ganz zur Provinz gehörenden Markgrafthums Ober-Lausitz und der Grafschaft Glatz; nebst beigefügter Nachweisung von der Eintheilung des Landes nach den verschiedenen Zweigen der Civil-Verwaltung. Melcher, Breslau 1830, S. 959.
  10. Johann Georg Knie: Alphabetisch-statistisch-topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preusz. Provinz Schlesien. 2. Auflage. Graß, Barth und Comp., Breslau 1845, S. 854-855.
  11. Kraatz: Topographisch-statistisches Handbuch des Preußischen Staats. Berlin 1856, S. 348.
  12. a b Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Schlesien und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. Dezember 1871. Berlin 1874, S. 146–147, Ziffer 2.
  13. a b c Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. glatz.html#ew39gltzhumel. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).