Lippeverband

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Lippeverband
Rechtsform Körperschaft des öffentlichen Rechts
Zweck Abwasserreinigung, Sicherung des Abflusses, Hochwasserschutz und Gewässerunterhaltung
Sitz Dortmund, Nordrhein-Westfalen
Gründung 19. Januar 1926

Vorstand Ulrich Paetzel
Emanuel Grün
Raimund Echterhoff
Mitglieder 155
Mitarbeiter 1.547 (unbefristet Beschäftigte mit Emschergenossenschaft)
Website www.eglv.de

Der Lippeverband ist seit 1926 ein öffentlich-rechtlicher Wasserwirtschaftsverband zur Gewässerunterhaltung, Abwasserableitung und -reinigung, Grundwasserbewirtschaftung und Regulierung von Bergbaufolgen im unteren Einzugsgebiet der Lippe von Lippborg bis an den Rhein mit rund 1,4 Mio. Einwohnern.

Verwaltungsgebäude des Lippeverbandes am Dortmunder Königswall von 1923 bis 2016[1]

Aufgaben des Lippeverbandes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Fluss Lippe wird über die unteren 147 km von 220 km Gesamtlänge (rund 3.280 km² von 4.890 km²) durch den Lippeverband bewirtschaftet. Die Aufgaben des Lippeverbandes sind im „Gesetz über den Lippeverband“ (LippeVG)[2] festgelegt:

  1. Regelung des Wasserabflusses einschließlich Ausgleich der Wasserführung und Sicherung des Hochwasserabflusses der oberirdischen Gewässer oder Gewässerabschnitte und in deren Einzugsgebieten;
  2. Unterhaltung oberirdischer Gewässer oder Gewässerabschnitte und der mit ihnen in funktionellem Zusammenhang stehenden Anlagen;
  3. Rückführung ausgebauter oberirdischer Gewässer in einen naturnahen Zustand;
  4. Regelung des Grundwasserstandes;
  5. Vermeidung, Minderung, Beseitigung und Ausgleich wasserwirtschaftlicher und damit in Zusammenhang stehender ökologischer, durch Einwirkungen auf den Grundwasserstand, insbesondere durch den Steinkohlenabbau hervorgerufener oder zu erwartender nachteiliger Veränderungen;
  6. Abwasserbeseitigung nach Maßgabe des Landeswassergesetzes;[3]
  7. Entsorgung der bei der Durchführung der Verbandsaufgaben anfallenden Abfälle;
  8. Vermeidung, Minderung, Beseitigung und Ausgleich eingetretener oder zu erwartender, auf Abwassereinleitungen oder sonstige Ursachen zurückzuführender nachteiliger Veränderungen des oberirdischen Wassers;
  9. Ermittlung der wasserwirtschaftlichen Verhältnisse, soweit es die Verbandsaufgaben erfordern;
  10. Beschaffung und Bereitstellung von Wasser zur Trinkwasser- und Betriebswasserversorgung sowie zur Ausnutzung der Wasserkraft.

Eine weitere Aufgabe ist der Ausgleich der Wasserführung in Zusammenarbeit mit dem im Jahr 1969 gegründeten Wasserverband Westdeutsche Kanäle (WWK).[4] Sein Zweck ist die Speisung der Kanäle mit Frischwasser. Über ein Pumpwerk in Hamm bezieht das westdeutsche Kanalnetz Frischwasser aus der Lippe, und in Trockenzeiten erhält die Lippe Wasser aus den Kanälen.

Verbandsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lippe stellt sich wasserwirtschaftlich als zweigeteilter Fluss dar: Oberhalb von Hamm ist das Einzugsgebiet eher landwirtschaftlich geprägt; ab Hamm nehmen die Besiedlung und montanindustriellen Einflüsse zu. Entsprechend hat sich die Gründung eines Wasserwirtschaftsverbandes für das Lippe-Einzugsgebiet aus der Industrialisierung des (nördlichen) Ruhrgebietes ergeben. Vorläufer des Lippeverbandes war die Sesekegenossenschaft.[5]

Sesekegenossenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sesekegenossenschaft war ab 1913 die für Wasserwirtschaft im Lippe-Nebenlauf Seseke zuständige Vorläuferorganisation des Lippeverbandes, in dem sie bei dessen Gründung 1926 aufging. Die Seseke ist ein von Süden der Lippe zufließender Nebenlauf, dessen Einzugsgebiet von 319,45 km² im Bereich der Städte Werl, Unna, Hamm, Bönen, Kamen, Bergkamen, Lünen und Dortmund liegt. Mit dem Bau der Köln-Mindener-Eisenbahn in den 1840er Jahren wurde das nördliche Ruhrgebiet einschließlich Hamms an das Bahnnetz angeschlossen, so dass Bevölkerungs- und Industriewachstum einen Schub erhielten. Mit Gründung der ersten Steinkohlezechen im Sesekegebiet begannen ab den 1860er Jahren die unkontrollierten Abwassereinleitungen und Bergsenkungen mit entsprechenden Abflussstörungen und Umweltauswirkungen; parallel zum Entwässerungsnotstand im Emscher-Einzugsgebiet entstanden im Seseke-Einzugsgebiet vergleichbare Probleme. Obwohl die wasserwirtschaftlichen Folgen der Montanindustrie auch für weitere Teile des Lippe-Einzugsgebietes befürchtet wurden, waren die anfänglichen Auswirkungen an der Seseke so gravierend, dass man keine Zeit verlieren wollte. Vertreter der Kommunen bereiteten mit Hilfe der Emschergenossenschaft einen eigenen, einzugsgebietsbezogenen Verband vor, der am 5. Juni 1913 mit dem „Sesekegesetz“ formal von König Wilhelm von Preußen verordnet wurde. Die Sesekegenossenschaft nahm zunächst in Verwaltungseinheit mit der Emschergenossenschaft die Arbeit auf, um die Vorflut im Sesekegebiet sicherzustellen.

Der Erste Weltkrieg und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Folgejahre ließen umfangreichere Baumaßnahmen nicht zu, so dass nur die nötigsten Bauarbeiten für einen besseren Abfluss umgesetzt wurden. Bereits ab 1919 wurden auf Betreiben des Regierungspräsidenten in Münster Untersuchungen bei den Fachleuten der Emschergenossenschaft eingeleitet, für welche weiteren Einzugsgebiete eine Ausweitung des Genossenschaftsgedankens zielführend wäre. 1921 wurden die Untersuchungen mit der Erkenntnis abgeschlossen, dass die Industrialisierung zwischen Hamm und der Mündung in den Rhein insoweit zu erwarten sei, dass die Gründung eines Lippeverbandes zweckmäßig sei. Dieser wurde dann formal mit dem Lippegesetz vom 19. Januar 1926 gegründet und die Sesekegenossenschaft ging im Lippeverband auf.

Lippeverband[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unkontrollierte Abwassereinleitungen und Bergsenkungen mit entsprechenden Abflussstörungen und Umweltproblemen entstanden an vielen kleinen Nebenläufe und der Lippe selber, z. B. in Folge der Inbetriebnahme der Zeche Radbod in Hamm 1905 mit zugehöriger Kokerei ab 1912 oder Zeche Victoria (Lünen) und Umgebung ab 1907 mit zugehöriger Kokerei ab 1911.[6] Wurden zunächst nur im Seseke-Einzugsgebiet die gravierendsten Abflussstörungen behoben, folgten dennoch schon vor Übergang in den Lippeverband Baumaßnahmen in anderen Teilen des Lippegebietes: Der Eversbach in Hamm wurde 1920 kanalisiert, 1923/24 folgten die der Lippe zulaufenden kleineren Einzugsgebiete am Dattelner Mühlenbach, Hasseler Mühlenbach und Picksmühlenbach (heute in Gelsenkirchen gelegen). Neben dem technischen Ausbau der Gewässer wurden zunehmend auch Deiche erforderlich.[5]

Die gemäß Lippegesetz vom 19. Januar 1926 dem neuen Verband nun übertragenen Aufgaben waren die „Verwaltung des Wasserschatzes im Genossenschaftsgebiet sowie die Herstellung, die Unterhaltung und […] Betrieb von Anlagen für die Erhaltung und Ausnutzung des Wasserschatzes“.[6] Der Lippeverband übernahm von den Gemeinden Westerholt, Dorsten und Haltern die Kläranlagen und errichtete ab 1932 die erste eigene Kläranlage in Soest, der 1941 Hamm und Kamen-Körnebach folgten.[5]

Seit ihrer Gründung haben Sesekegenossenschaft bzw. Lippeverband eine Verwaltungsgemeinschaft mit der Emschergenossenschaft in Essen gebildet. Diese Kooperation bot sich an, weil viele Städte im nördlichen Ruhrgebiet in beiden Flusseinzugsgebieten liegen, sowohl Lippe als auch Emscher. Die öffentlich-rechtliche Organisationsform hat zum Ziel, alle „Wassernutzer“ gleichermaßen an den kostenwirksamen Maßnahmen zu beteiligen. Bei der Kalkulation werden für jeden Wassernutzer die Schmutzfrachten des Abwassers zugrunde gelegt und bei darüber hinausgehenden Dienstleistungen „Sonderinteressen“ veranlagt.[2]

Der Verband in der Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aufgaben des Lippeverbandes haben sich über die reine Wasserwirtschaft hinaus deutlich verändert. Durch das Sesekeprogramm zur Gewässerrenaturierung in den 1980er Jahren und die Internationale Bauausstellung Emscherpark (1989–1999) haben sich die Anforderungen der Verbandsmitglieder und der Politik an den Lippeverband dahingehend gewandelt, dass auch städtebauliche, landschaftsgestalterische und künstlerische Aufgaben (wie Über Wasser Gehen) wahrgenommen werden. Seit den 2000er Jahren sind Fragen des Klimawandels[7] und gesellschaftspolitische Herausforderungen wie Medikamentenrückstände im Wasser[8] hinzugekommen. Insbesondere bei der sogenannten Spurenstoffelimination arbeitet der Lippeverband an verschiedenen Kläranlagen mit europäischen Institutionen zusammen an neuen Technologien und Aufklärungskampagnen, um den Eintrag von Medikamenten zu verringern und mit Pharmazeutika belastete Abwässer zu behandeln.[9] Diese Aufgabe ist für die Teileinzugsgebiete von besonderer Bedeutung, bei denen Kläranlagen des Lippeverbandes in Trinkwassereinzugsgebieten für das gesamte nördliche Ruhrgebiet liegen, z. B. im Stevergebiet.[10]

Verbandsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lippegesetz wurde 1990 novelliert und regelt als Lippeverbandsgesetz (LippeVG) den neuen Einzugsbereich des Lippeverbandes.[2] § 5 Absatz 1 des LippeVG von 1990 legt als Verbandsgebiet das oberirdische Einzugsgebiet

  • der Lippe unterhalb Lippborg (Lippe-km 142,44) bis zur Mündung,
  • des Mommbaches (Stollbach, Langhorster Leitgraben),
  • des Lohberger Entwässerungsgrabens einschließlich des Bruckhauser Mühlenbaches und
  • des Rotbaches

fest. Hinzu kamen mit der Novellierung die Teilgebiete der Gemeinden Ahlen und Beckum, die über Steinkohlefeldern liegen. Ebenso wurden die Planungs- und Reserveräume für die Nordwanderung des Ruhrbergbaus in den Gemeinden Ahlen, Ascheberg, Beckum, Drensteinfurt, Ennigerloh, Raesfeld und Sendenhorst zum Verbandsgebiet.

Kennzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stand 31. Dezember 2016[11]

  • Mitglieder des Lippeverbandes: 157
  • Einzugsgebietsgröße: 3.280 km²
  • Einwohner: ca. 1,39 Mio.
  • Wasserläufe: 397 km (davon Lippe: 146 km)
  • Abwasserkanäle: 1.011 km
  • Deiche 76,13 km (davon Lippe 32,61 km)
  • Kläranlagen: 54 (Gesamtkapazität 2,3 Mio. Einwohnergleichwerte)
  • Pumpwerke: 219 (130 Entwässerungspumpwerke, 89 Abwasserpumpwerke)
  • Anteil der durch Pumpwerke entwässerten Flächen am Verbandsgebiet: 15,7 %
  • Hochwasserrückhaltebecken: 34
  • Regenrückhaltebecken: 78

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Helbing: Emschergenossenschaft und Lippeverband in den Jahren 1925 bis 1930. Emschergenossenschaft, Essen 1931.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lippeverband setzt sich in Dortmund kleiner
  2. a b c Lippeverbandsgesetz
  3. Landeswassergesetz NRW
  4. Die Westdeutschen Schifffahrtskanäle
  5. a b c Lippeverband (Selbstverlag): „50 Jahre Lippeverband“, Dortmund/Essen 1975
  6. a b Lippeverband: Ansichten eines Flusses – die Lippe. Peter Pomp Verlag, Bottrop/Essen 2001, ISBN 3-89355-226-X.
  7. Projekt Future Cities zum Klimawandel in Stadtregionen (Memento vom 14. April 2018 im Internet Archive)
  8. Europäisches Kooperationsprojekt noPILLS zu Medikamentenrückständen im Abwasser (Memento vom 25. September 2015 im Internet Archive)
  9. Klärwerkinfo
  10. http://www.flussgebiete.nrw.de/img_auth.php/e/e7/PE-Stb_Lippe_Entwurf_20141222.pdf (Link nicht abrufbar)
  11. Lippeverband: Daten und Fakten (Geschäftsbericht), Essen 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]