Lohnkonvergenz

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Lohnkonvergenz ist ein Begriff aus der Volkswirtschaftslehre und beschreibt die Angleichung unterschiedlicher Reallöhne zweier Länder. Sie entsteht durch die Internationale Mobilität der Arbeit, welche durch die Ressourcenunterschiede zwischen den Ländern ausgelöst wird.[1]

Eine hohe Arbeitsmobilität führt auf Niedriglohnmärkten zu immer weniger Arbeitskräfteangebot, während das Angebot auf Hochlohnmärkten steigt. Wegen der zunehmenden Verknappung der Arbeitskräfte auf den Niedriglohnmärkten steigt auf diesen der Lohnsatz. Im Gegensatz dazu sinkt der Lohnsatz auf den Hochlohnmärkten. Auf beiden Seiten findet also eine Annäherung der Lohnsätze statt.

Theoretische Grundlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Modell der Lohnkonvergenz besteht die Welt aus zwei Ländern, dem Inland und dem Ausland. Sie verfügen über je zwei Produktionsfaktoren, Boden und Arbeit. Beide Länder produzieren nur ein Gut, "Produktion". Der normale Handel wird in dieser Welt ausgeschlossen. Die Volkswirtschaften können nur durch die Bewegung von Boden und Arbeit integriert werden. Da Boden per Definition schlecht bewegt werden kann, reden wir von einem Modell der internationalen Arbeitsmobilität.

Die Beziehung zwischen der Faktorausstattung einerseits und der Produktion der Volkswirtschaft andererseits ist die Produktionsfunktion.

Die Steigung der Produktionsfunktion misst die Produktionssteigerung und wird als Grenzprodukt der Arbeit bezeichnet.[2]

Nehmen wir nun an, die Arbeiter zwischen unseren Ländern wandern. Sie ziehen von Inland nach Ausland. Diese Wanderung verringert die Anzahl der Arbeitskräfte im Inland und erhöht somit den dortigen Reallohn, während der Reallohn im Ausland durch den Bevölkerungszuwachs sinkt.

Wenn dieser Bewegung keinerlei Hindernisse im Weg stehen, setzt sich dieser Prozess bis zur vollständigen Lohnkonvergenz fort, d. h. bis das Grenzprodukt der Arbeit in beiden Ländern gleich ist.[3]

Hindernisse der vollständigen Lohnkonvergenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verzögerungen in der Arbeitskräftewanderung und Mobilitätsschranken verhindern den völligen Abbau von Lohnunterschieden.

Beispiele für Mobilitätsschranken:[4]

  • fehlende spezifische Begabung/Fähigkeiten aufgrund mangelnder Information
  • monetäre und emotionale Kosten des Arbeitsplatzwechsels
    • Umzugskosten
    • Umschulungskosten
    • Verzicht auf Rente
    • Verlust von sozialen Bindungen (z.B Freundeskreis)
    • sprachliche und kulturelle Probleme
  • künstliche Marktzutrittsbarrieren:
    • fehlende Arbeitserlaubnis für Ausländer

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Massenmigration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren Einwanderungen in einigen Ländern die Hauptquelle für einen Bevölkerungszuwachs. Dies hat zur Folge, dass durch die Auswanderungen, die Bevölkerung in anderen Ländern schrumpfte. Da es zu dieser Zeit kaum Migrationsbeschränkungen gab, suchten Millionen Menschen nach einem besseren Leben in fremden Ländern. So wanderten z. B. Skandinavier, Italiener und Osteuropäer in die USA, nach Kanada, Argentinien und Australien (Einwanderungsländer), da es dort vor allem höhere Löhne und viel Land gab. Ein Vergleich zeigt, dass 1870 die Reallöhne in den Einwanderungsländern deutlich höher lagen als in den wichtigsten Auswanderungsländern Italien, Norwegen, Schweden und Irland. In den nächsten 40 Jahren stiegen die Reallöhne sowohl in den Einwanderungsländern als auch in den Auswanderungsländern. Jedoch war der Anstieg in den Auswanderungsländern wesentlich stärker als bei den Einwanderungsländern. Dies zeigt, dass die Migration auf einen (wenn auch nicht vollständigen) Ausgleich der Löhne hinwirkte.[5]

EU-Osterweiterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die EU-Osterweiterung in den Jahren 2004 und 2007 rief Wanderungen von Arbeitskräften hervor, da die Lohndifferenzen zwischen den neuen Mitgliedstaaten wie z. B. Polen, Tschechien und Ungarn und den alten EU-Ländern erheblich sind und auch die Arbeitsbedingungen im Westen besser sind. Vor allem hoch qualifizierte Arbeitskräfte (Ärzte, Architekten, Ingenieure und andere Fachkräfte) sind von Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa gewandert.[6] Die Folge in ihrer Heimat ist ein Arbeitskräftemangel, der sich 2011 noch verstärken könnte, wenn sämtliche EU-Länder ihre Arbeitsmärkte öffnen müssen.[7] Denn noch haben die meisten alten Mitgliedstaaten eingeschränkte Bestimmungen bzw. Deutschland und Österreich haben den Arbeitsmarkt für die neuen Mitglieder noch gar nicht geöffnet.[8]

Gleichzeitig sinkt aber auch die Arbeitslosigkeit in den neuen EU-Mitgliedstaaten und die Löhne steigen. Doch steigende Löhne machen einen Standort unattraktiv. So verwundert es nicht, dass Investitionen in Zukunft verstärkt in den osteuropäischen Ländern, die nicht zur EU gehören (z. B. Ukraine), getätigt werden.[9] Welche Folgen die EU-Osterweiterung noch haben wird, werden die nächsten Jahre zeigen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 210
  2. Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 207
  3. Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 209
  4. Vgl. Heinz Werner, Wirtschaftliche Integration und Arbeitskräftewanderungen in der EU [1], 2001
  5. Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006, S. 211, 212
  6. Vgl. Arbeitskräfteschwund in Osteuropa [2] Presseschau eurotopics 1. Februar 2007
  7. Vgl. Berthold Forssman, Arbeitsmigration von Ost nach West [3] Magazin eurotopics 23. November 2007
  8. Vgl. Meike Dülffer, Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU [4] Magazin eurotopics 25. Januar 2007
  9. Vgl. Kilian Kirchgessner (Mladá Boleslav), Mehr Lohn http://www.ftd.de/politik/europa/:Agenda%20Mehr%20Lohn/195222.html?p=2 (Memento vom 11. Februar 2013 im Webarchiv archive.is) FTD vom 4. Mai 2007

Literaturquellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paul R. Krugman und Maurice Obstfeld: Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft. 7. Auflage, Pearson, München 2006

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]