Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media

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Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media (zu deutsch etwa: Konsens herstellen: Die politische Ökonomie der Massenmedien) ist eine Monographie von Edward S. Herman und Noam Chomsky, die 1988 erstmals veröffentlicht wurde. Eine Neuauflage mit neuem Vorwort erfolge 2002.

Hauptthese ist, dass die Massenmedien der USA „wirkungsvolle und mächtige ideologische Institutionen sind, die eine systemerhaltende Propagandafunktion erfüllen. Sie stützen sich auf die Kräfte des Marktes, internalisierte Annahmen und eine Selbstzensur. Dabei besteht kein offener Zwang. Massenmedien wirken auf die Weise des Propagandamodells der Kommunikation.“[1]

Chomsky würdigt Alex Carey, den australischen Sozialpsychologen, für den Anstoß zu dieser Arbeit, weshalb er und Herman das Buch Carey widmeten.[2]

1992, vier Jahre nach der Erstpublikation, wurde eine Dokumentation für das Kino fertiggestellt: Manufacturing Consent: Noam Chomsky and the Media (1992) (deutsch: Die Konsensfabrik. Noam Chomsky und die Medien). Die Dokumentation stellt das Propagandamodell, die Kulturindustrie und die Biografie Chomskys dar.

In den Sozialwissenschaften ist das Buch umstritten.

Titel des Buches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Titel Manufacturing Consent ist dem Buch Public Opinion von Walter Lippman entlehnt. Walter Lippman war einer der einflussreichsten politischen Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Er sah in der Herstellung einer einheitlichen Meinung ("manufacturing consent") eine der Hauptaufgaben von Entscheidungsträgern und Massenmedien, während die Entscheidungen in einer demokratischen Gesellschaft einer "spezialisierten Klasse ("specialised class") vorbehalten sein sollten.

Das Propagandamodell der Kommunikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Propagandamodell stellt fünf Filter dar, die in den modernen Massenmedien wirksam werden. Sie verändern das ursprüngliche Ereignis. Dazu gehört der Einfluss marktbeherrschenden Medienkonzerne mit ihrem Profitinteresse, die Rücksicht auf Geschäftsinteressen der Werbekunden, die Nachrichtenagenturen, die politischen und private Einflussnahme von außen auf die Medien, und die ideologische Scheuklappen wie etwa der Antikommunismus.[3]

Regierung und Nachrichtenverbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Redaktion eines Mediums ist abhängig von privaten und öffentlichen Nachrichtenquellen. Bei mangelnder Sympathie wird es vom Zugang zu entscheidenden Informationen auf subtile Weise ausgeschlossen. In der Folge verliert das Medium Kunden und als Konsequenz der zurückgehenden Zahl von Rezipienten gehen auch die Werbeeinnahmen zurück, da Werbekunden die Investition nicht mehr für erfolgversprechend halten.

Diese finanzielle Gefährdung der Existenz des Medienunternehmens führt dazu, dass Medienkonzerne die Regierung und die Unternehmensführungen eher positiv darstellen, um im Geschäft zu bleiben.

Themenfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Autoren stellen ihre Theorie vor allem auch durch praktische Fallbeispiele dar, dazu gehören

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vorwort zur Neuauflage von 2002 betonen die Autoren die systemischen und strukturellen Gründe der Konsensbildung:

„Die Vertreter dieser Interessen haben wichtige Ziele und Grundsätze, die sie durchsetzen wollen, und sie sind in einer guten Position, um die Medienpolitik zu gestalten und einzuschränken. Dies geschieht in der Regel nicht durch plumpe Intervention, sondern durch die Auswahl des richtigen Personals und durch die Verinnerlichung von Prioritäten und Definitionen des Nachrichtenwerts durch die Redakteure und die arbeitenden Journalisten, die mit der Politik der Institution übereinstimmen.“[4]

Dabei besitzen die Akteure eine begrenzte Autonomie, das Ergebnis ist nicht vollständig determiniert, auch abweichende kritische Meinungen sind möglich, allerdings innerhalb fest definierter Grenzen. Im Vergleich zur Erstveröffentlichung haben sich nach Meinung der Autoren folgende Bedingungen verändert:

  • Weitgehende Kommerzialisierung, und Zurückdrängung der öffentlich-rechtlichen Medien und deren Anpassung an die Privatmedien.
  • Alternative Internet-Medien, deren Einfluss jedoch begrenzt ist und hinsichtlich durch Medienkonzerne kontrolliert wird.
  • Neue Technologien führen zu Personalabbau und weiterer Konzentration
  • Der Antikommunismus ist durch neoliberale Marktgläubigkeit ersetzt worden

Im Ergebnis haben die Veränderungen die Anwendbarkeit des Propagandamodells noch verstärkt. Sie haben den Bereich der Öffentlichkeit geschwächt, unter dem die Autoren Foren der Meinungsbildung verstehen.

Der stetige Vormarsch und die kulturelle Macht des Marketings und der Werbung haben dazu geführt, dass "eine politische Öffentlichkeit durch eine entpolitisierte Konsumkultur verdrängt wurde".[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Manufacturing Consent wird international zur Untersuchung massenmedialer Berichterstattung herangezogen.[6]

  • 2006 verfolgte die türkische Regierung Fatih Tas, den Eigentümer des Aramverlags, zwei Herausgeber und den Übersetzer der 2001 überarbeiten Version von Manufacturing Consent wegen „Erregung öffentlichen Hasses“ (nach Artikel 216 des Strafgesetzbuchs der Türkei und wegen der „Herabwürdigung der nationalen Identität“ der Türkei gemäß Artikel 301). Die Einleitung der türkischen Übersetzung bezieht sich auf die Darstellung der Unterdrückung der Kurden in der Türkei in den öffentlichen Medien. Alle Angeklagten wurden freigesprochen.[7][8]
  • 2007 fand eine Konferenz statt: 20 Years of Propaganda?: Critical Discussions & Evidence on the Ongoing Relevance of the Herman & Chomsky Propaganda Model (15.–17. Mai 2007). An der University of Windsor, Ontario, stellten Herman und Chomsky die Entwicklungen des Propagandamodells dar.
  • 2008 nahm Chomsky zu der Frage Stellung, inwiefern auch Blogs oder Eigenreportagen dem Propagandamodell entsprechen. Er betonte außerdem die Wichtigkeit des Deutungsrahmens, der mit den Nachrichten vermittelt wird.[9]

Manufacturing Consent hat in den akademischen Diskurs der Medienwissenschaft kaum Eingang gefunden. So wurde dem Buch ein allzu deterministischer Blick auf das das Verhalten von Medien vorgeworfen. Auch wurde es verschiedentlich als Verschwörungstheorie bezeichnet, auch wenn Chomsky und Herman dieses Wort für ihr Buch explizit ablehnen. Auch der kanadische Soziologe Jeffery Klaehn weist diesen Vorwurf zurück.[10]

Laut dem amerikanischen Soziologen Ted Goertzel können Chomsky und Herman aber sehr wohl als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden, weil sie den Eliten in den USA und in Israel ein konsistentes Verhalten zuschreiben, das sich kaum anders als mit geheimen Vorgängen und Absprachen erklären lasse. Ihre manichäische Weltsicht basiere auf einer Verschwörungslogik, denn sie beschrieben die von ihnen Kritisierten als außerordentlich mächtig: Die kleine, eigennütze Elite verfüge in ihrer Vorstellungswelt über Techniken wie Gedankenkontrolle und künstlich hergestellten Konsens und sei so in der Lage, die meisten Fachleute und Journalisten sowie die Arbeiterklasse an der Nase herumzuführen. Mit dieser Vorstellung seien sie „Teil eines intellektuellen und politischen post-truth-Klima, das die Bedeutung von rhetorischer und ideologischer Korrektheit höher schätzt als eine rechtschaffene Untersuchung.“[11]

Bibliografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mark Achbar (Hrsg.): Noam Chomsky – Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung: Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens. Marino Verlag und Trotzdem Verlag, 1996. ISBN 3-922209-88-2.
  • Jeffery Klaehn: Die politische Ökonomie von Medien und Macht. Peter Lang 2010. ISBN 978-1-4331-0773-3.
  • Jeffery Klaehn: Nachrichten filtern: Essays über das Propagandamodell von Herman und Chomsky. Black Rose Books, 2005. (Schwarze Rosenbücher, 2). ISBN 978-1-55164-261-1.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edward S. Herman, Noam Chomsky: Manufacturing Consent. Neudruck Auflage. Pantheon Books, New York 2002, ISBN 978-0-375-71449-8, S. 306.
  2. Noam Chomsky: Class Warfare. Pluto Press 1996, S. 29.
  3. Noam Chomsky: Media Control, the Spectacular Achievements of Propaganda. 1997.
  4. “The representatives of these interests have important agendas and principles that they want to advance, and they are well positioned to shape and constrain media policy. This is normally not accomplished by crude intervention, but by the selection of right-thinking personnel and by the editors' and working journalists' internalization of priorities and definitions of newsworthiness that conform to the institution's policy.”
  5. These changes, which have strengthened the applicability of the propaganda model, have seriously weakened the "public sphere," which refers to the array of places and forums in which matters important to a democratic community are debated and information relevant to intelligent citizen participation is provided. The steady advance, and cultural power, of marketing and advertising has caused "the displacement of a political public sphere by a depoliticized consumer culture". p.xv
  6. Jeffery Klaehn, Daniel Broudy , Joan Pedro-Carañana: The Propaganda Model Today : Filtering Perception and Awareness. University of Westminster Press, 2018, ISBN 978-1-912656-16-5 (oapen.org [abgerufen am 18. Januar 2019]).
  7. Daren Butler: Turkish publisher faces prosecution over Chomsky book. Reuters. 4. Juli 2006. Abgerufen am 12. Juli 2006.
  8. Turks acquitted over Chomsky book. BBC News. 20. Dezember 2006. Abgerufen am 20. Dezember 2006.
  9. Authors@Google: Noam Chomsky. youtube.com, 2. Mai 2008, abgerufen am 24. August 2016 (Video).
  10. Jeffery Klaehn: A Critical Review and Assessment of Herman and Chomsky's ‘Propaganda Model‘. In: European Journal of Communication 17, Heft 2 (2002), S. 147–182, hier S. 147 f.
  11. Ted Goertzel: The Conspiracy Theory Pyramid Scheme. In: In: Joseph E. Uscinski (Hrsg.): Conspiracy Theories and the People Who Believe Them. Oxford University Press, New York 2019, S. 226–238, hier S. 232 f. und 238 (das Zitat).