Marienkirche (Husum)

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Marienkirche, Husum, 1833, Ansicht vom Marktplatz aus mit Westfassade und Turm

Die Husumer Marienkirche, erbaut von 1829 bis 1833 nach Entwürfen des dänischen Staatsbaumeisters Christian Frederik Hansen, gilt als eines der Hauptwerke des Klassizismus im Lande Schleswig-Holstein.

Vorgängerbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gotische Marienkirche, 1807 abgebrochen

Eine 1436 errichtete Heilig-Kreuz-Kapelle gehörte anfangs noch zum Kirchspiel Mildstedt und wurde 1448 als Marienkirche selbständige Pfarrkirche. Durch mehrere Ausbauten und Erweiterungen wurde daraus um 1470–1510 einer der größten Sakralbauten des Landes. Der fast hundert Meter hohe Turm hatte einen steilen Achteckhelm und war mit einer barocken Laterne bekrönt. 1807 wurde die Kirche, angeblich wegen Baufälligkeit, abgerissen, was als einer der größten Verluste in der Architekturgeschichte Schleswig-Holsteins angesehen wird.[1] Ein ähnliches Schicksal erlitt die Vicelinkirche in Neumünster, auch sie wurde 1828-34 durch einen von Hansen entworfenen, der Husumer Kirche eng verwandten Neubau ersetzt.

Ehemalige Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Ausnahme eines gemalten Epitaphs und des bronzenen Taufbeckens (siehe unten) wurde 1807 die Ausstattung der gotischen Kirche versteigert und verstreut: Ein spätgotischer geschnitzter Flügelaltar[2] aus dem frühen 16. Jahrhundert befindet sich seit 1834 in der St.-Jakobikirche in Schwabstedt. Von Hans Brüggemann, einem der bedeutendsten gotischen Bildschnitzer, der zwischen 1514 und 1523 in Husum lebte, ist eine Skulpturengruppe des Hl. Georg als Drachentöter aus der Marienkirche in das Dänische Nationalmuseum Kopenhagen gekommen und das populäre Bildwerk eines Laute spielenden Engels[3] vom signierten und 1520 datierten Sakramentshaus, dessen übrige Teile ganz verloren sind, ist in der Skulpturensammlung der Berliner Museen ausgestellt.

Ansicht von Südost
Inneres 2013, Blick nach Osten

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der ab 1812 von Hansen, dessen Vater aus Husum stammte, projektierte und 1829–1833 realisierte Neubau ließ, da deutlich kleiner als sein gotischer Vorgänger, vor der Westfassade Raum für den heutigen Marktplatz. Aus dem rechteckigen, in gelbem Backstein aufgeführten Baukörper ragt auf der dem Markt zugewandten Westseite ein Turm auf, der in den Untergeschossen nur als rustizierter Risalit aus der Front vortritt. Durch seine Achse führt der mit Pilastern und Giebel gerahmte Haupteingang. Eine mit Kupfer gedeckte, zylindrische Kuppelhaube bekrönt den Turm. Die Zweigeschossigkeit der Durchfensterung an den Längsseiten ist durch den Emporeneinbau begründet.

Das Innere des flach gedeckten Saalbaus wird von der Doppelreihe dorischer Säulen bestimmt. Sie tragen ein schweres Gebälk, hinter dem sich die Emporen verbergen. Die Längserstreckung des ursprünglich ungestört klassizistischen Raumes wird heute durch die 1962 eingezogene Orgelempore im Westen reduziert.[4] Die Farbigkeit des Raumes hatte man 1984 entsprechend der ursprünglichen Fassung (warmes Beige, granitrote Säulen) rekonstruiert, doch danach ist man zu dem zwischenzeitlich bevorzugten reinen Weiss zurückgekehrt.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kanzelaltar
Bronzenes Taufbecken,1643.

Die Säulenreihe im Inneren führt den Blick auf die Kanzel über dem Altar, der von einer ionischen Pilasterädikula gerahmt wird. Der monumentale, halbrunde Wandausschnitt darüber enthielt ursprünglich die Orgel. Aus der alten Kirche wurde, abgesehen von einem gemalten Pastorenepitaph (1576), nur die 1643 gestiftete Bronzetaufe in den Neubau übernommen.[5] Der vergoldete Bronzeguss des Rotgießers Lorenz Karsten nach Modellen, die der Husumer Snitger Bernd Cornelissen schnitzte, erinnert in seiner Disposition an mittelalterliche Taufbecken. Vier sitzende Evangelisten bilden die Trägerfiguren des eigentlichen Beckens, dessen Wandung Reliefs der Taufe Christi und der Apostel sowie eines Wappens des stiftenden Amtsverwalters Marcus Lüders bedecken.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Orgel wurde 1963 von dem Orgelbauer Detlef Kleuker (Brackwede) erbaut, und 1996 von der in Husum ansässigen Orgelbaufirma Lothar E. Banzhaf um ein Echowerk ohne eigene Klaviatur erweitert. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein Pedalregister ausgetauscht. Die Erweiterung, die in einem festlichen Gottesdienst am Erntedankfest, dem 6. Oktober 1996 eingeweiht wurde, war aufgrund einer großzügigen Einzelspende einer Husumer Ehrenbürgerin möglich geworden.[6] Das Schleifladen-Instrument hat 37 Register auf drei Manualen und Pedal.[7] Die Spieltrakturen von Rückpositiv, Hauptwerk, Brustwerk und Pedalwerks sind mechanisch, die des Echowerks elektrisch, die Registertrakturen sind ebenfalls elektrisch. Das Brustwerk verfügt über Klapptüren, die durch einen Schwelltritt bedient werden, das Echowerk ist mit einem Jalousieschweller versehen.[8]

Inneres 2013, Blick nach Westen zur Orgel
I Rückpositiv C–g3
Holzgedackt 8′
Principal 4′
Koppelflöte 4′
Flachflöte 2′
Quinte 11/3
Scharf IV 1′
Bärpfeife 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–g3
Quintade 16′
Principal 8′
Rohrflöte 8′
Oktave 4′
Spitzflöte 4′
Oktave 2′
Sequialtera II 22/3
Mixtur VI–VIII 11/3
Trompete 8′
III Brustwerk C–g3
Gedackt 8′
Rohrflöte 4′
Principal 2′
Waldflöte 2′
Terzian II 11/3[Anm. 1]
Cimbel II 1/3
Regal 16′
Tremulant
Echowerk C–g3
Doppelflöte 8′
Gambe 8′
Schwebung 8′
Traversflöte 4′
Franz. Oboe 8′
Clairon 4′
Tremulant
Pedalwerk C–f1
Subbaß 16′
Principal 8′
Gedackt 8′[Anm. 2]
Oktave 4′
Mixtur VI 22/3
Posaune 16′
Trompete 8′
Trompete 4′
Anmerkungen
  1. Der Terzian im BW beginnt ab C einfach als 11/3′, ab g° kommt die Terz 13/5′ als 2. Chor hinzu.
  2. Ursprünglich Oktav-Cornett II 2'+1', 1996 ausgetauscht.
  3. Mit dem Einschalten dieser Koppel wird das RP abgeschaltet.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dietrich Ellger in Heinz Rudolf Rosemann (Hrsg.): Niedersachsen, Hansestädte, Schleswig-Holstein, Baudenkmäler. Reclams Kunstführer, Deutschland, Band 5, 4. Auflage, Stuttgart 1971, S. 332
  2. Bild: Spätgotischer Flügelaltar in der Kirche St. Jakobi, Schwabstedt. Heinrich Brauer u.a.: Die Kunstdenkmäler des Kreises Husum, Berlin 1939, S. 239—241. Theodor Storm beschreibt ihn dort in einer vorgeblich autobiographischen Passage seiner Novelle Aquis submersus (1.Kapitel online).
  3. Bild: Laute spielender Engel. Lit.: Bildwerke der Christlichen Epochen, Berlin 1966, Kat. Nr. 387, S. 78, Abb. 63.
  4. Die historischen Fakten zu den Abschnitten Vorgängerbau, Architektur und Ausstattung folgen der Darstellung bei Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hamburg, Schleswig-Holstein. München 1994, S. 335–352.
  5. Bild: Taufe
  6. "25. Husumer Sommerkonzerte 1996", Broschüre, herausgegeben von der Kirchengemeinde St. Marien, Husum, 1996
  7. "28. Husumer Sommerkonzerte 1999", Broschüre, herausgegeben von der Kirchengemeinde St. Marien, Husum, 1999
  8. Nähere Informationen zur Orgel

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Brauer u.a.: Die Kunstdenkmäler des Kreises Husum, Berlin 1939, S. 103—115.
  • Horst Appuhn: Sankt Marien in Husum, Husum 1953.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Marienkirche (Husum) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 54° 28′ 38″ N, 9° 3′ 8″ O