Neue Normalität

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„Neue Normalität“: privates Waschbecken mit Händedesinfektionsmittel (2020)

Neue Normalität“ wurde 2018 durch den österreichischen Sprachphilosophen und Politikwissenschaftler Paul Sailer-Wlasits begrifflich geprägt und im deutschsprachigen Raum in den gesellschaftspolitischen Diskurs eingeführt. In seinen Publikationen kontextualisierte Sailer-Wlasits die Bezeichnung u. a. mit politischem Populismus und mit der 45. US-Administration unter Donald Trump als neuer globaler Normalität.[1] Der Begriff wurde in weiterer Folge durch den deutschen Essayisten und Philosophen Hans Martin Esser aufgenommen und vertieft. Esser verwendet ihn in seinem 2019 erschienenen philosophischen Essay Die große Klammer – eine Theorie der Normalität (Kulturverlag Kadmos).[2][3] Er sieht exogene Schocks beziehungsweise historische Gestalten als solche, die in Abstimmung mit der Bevölkerung eine „neue Normalität“ erschaffen im Rahmen eines Paradigmenwechsels. Eine „neue Normalität“ ist nach Esser aber nie die Perpetuierung eines Ausnahmezustandes, da nach ihm Normalität dauerhaft verfasst ist und sich am statistischen Durchschnitt orientiert.

Im Zuge der COVID-19-Pandemie wurde der Ausdruck im Frühjahr 2020 zu einem politischen Schlagwort, nachdem deutsche und österreichische Politiker wiederholt konkret eine „neue Normalität“ angekündigt hatten. Gegen diese sprachliche Einordnung gab es vielfachen Widerspruch. Unter anderem kritisierte die ehemalige deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, es handele sich dabei um eine irreführende Begriffswahl, da ein „Krisenzustand nicht definitorisch zum Normalzustand“ erklärt werden dürfe.[4]

In Österreich hat Bundeskanzler Sebastian Kurz den Ausdruck ab Mitte April 2020 in seine typischerweise auf wenigen eingängigen Schlagworten basierenden Rhetorik aufgenommen und als neues politisches Schlagwort etabliert.[5][6] Die österreichischen Medien reagierten hierauf kritisch und fragten, ob so eine dauerhafte Aushöhlung der Bürgerrechte vermittelt werden solle.[7][8]

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz und sein Kabinettskollege Gesundheitsminister Jens Spahn verwendeten den Ausdruck nahezu zeitgleich mit Kurz in zahlreichen Reden. Die vermeintliche „neue Normalität“ wurde dabei der alten Normalität vor der Pandemie gegenübergestellt, als Synonym für eine neue Wirklichkeit, auf die man sich einstellen müsse.[9][10][11][12]

Der Psychiater und Autor Jan Kalbitzer sah in der prolongierten Krise, bezugnehmend auf ein Lied der Band Ton Steine Scherben[13] auch eine Chance, sowohl zukünftige politische Herausforderungen, wie die globale Erwärmung, als auch die des privaten Lebens „mutiger anzugehen“.[14]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul Sailer-Wlasits: The New Normal: Woran wir uns gewöhnen müssen. Abgerufen am 25. April 2020.
  2. webdecker- www.webdecker.de: Die große Klammer. Abgerufen am 24. April 2020.
  3. Home. Abgerufen am 24. April 2020.
  4. Gisela Zifonun: Zwischenruf zu „neue Normalität“ (2020), S. 1.
  5. Peter Münch: Österreich: Kurz will zu "neuer Normalität" finden. Abgerufen am 24. April 2020.
  6. Welche Worte sind in der Coronakrise passend? Abgerufen am 24. April 2020.
  7. kurz neue normalität - Google-Suche. Abgerufen am 24. April 2020.
  8. ORF at/Agenturen red: Nationalrat: Debatte über Schlagwort „neue Normalität“. 22. April 2020, abgerufen am 24. April 2020.
  9. Scholz: "Wir brauchen für lange Zeit eine neue Normalität". 18. April 2020, abgerufen am 24. April 2020.
  10. Saarbrücker Zeitung: Öffentliches Leben: Regierung erwartet „für lange Zeit eine neue Normalität“. Abgerufen am 24. April 2020.
  11. PNP.de: Regierung erwartet "für lange Zeit eine neue Normalität". Abgerufen am 24. April 2020.
  12. Spahn: "Wird neue Normalität sein". Abgerufen am 24. April 2020.
  13. „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“, aus: Wenn die Nacht am tiefsten …
  14. Alltag im neuen Shutdown. Wann wird unser Leben endlich wieder normal? Spiegel Online am 17. Dezember 2020, abgerufen am 18. Dezember 2020.