Neue Normalität

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Neue Normalität ist ein Begriff, der durch die COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 in Österreich und Deutschland zu einem politischen Schlagwort wurde.

In Österreich hat Bundeskanzler Sebastian Kurz das Schlagwort etabliert, kurz bevor es in Deutschland Verwendung fand.[1] Die Berichterstattung in Österreich gegenüber dem Begriff erscheint kritisch, so wird gefragt, ob eine dauerhafte Aushöhlung der Bürgerrechte so vermittelt werden soll.[2][3] Kurz verwendet ebenfalls seit Mitte April 2020 den Begriff rhetorisch gehäuft als Stilmittel, wie er während der Pandemie vermehrt auf wenige, aber eingängige Schlagworte setzt.[4]

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz setzte seit 18. April 2020 den Begriff gehäuft ein, um sie antithetisch der alten Normalität, also der Zeit vor der Pandemie gegenüberzustellen.[5][6][7] Scholz verwendet den Begriff insofern synonym für eine neue Wirklichkeit. Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn als Kabinettskollege verwendet zeitgleich, also auch ab Mitte April 2020 den Begriff der neuen Normalität.[8] Belegt ist dies ab 14. April 2020 in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.[9] Auch Spahn verwendet Normalität in diesem Sinn analog zum Begriff Wirklichkeit.

Der Begriff des neuen Normalen wurde 2018 durch den österreichischen Sprachphilosophen und Politikwissenschaftler Paul Sailer-Wlasits geprägt und im deutschsprachigen Raum in den gesellschaftspolitischen Diskurs eingeführt. In seinen Publikationen kontextualisierte Sailer-Wlasits die Bezeichnung u. a. mit politischem Populismus und mit der 45. US-Administration unter Donald Trump als neuer globaler Normalität.[10] Der Begriff wurde in weiterer Folge durch den deutschen Essayisten und Philosophen Hans Martin Esser aufgenommen und vertieft. Esser verwendet ihn in seinem 2019 erschienenen philosophischen Essay Die große Klammer – eine Theorie der Normalität (Kulturverlag Kadmos).[11][12] Esser sieht exogene Schocks beziehungsweise historische Gestalten als solche, die in Abstimmung mit der Bevölkerung eine neue Normalität erschaffen im Rahmen eines Paradigmenwechsels. Eine neue Normalität ist nach Esser aber nie die Perpetuierung eines Ausnahmezustandes, da nach ihm Normalität dauerhaft verfasst ist und sich am statistischen Durchschnitt orientiert, im Gegensatz zu Spahns und Scholz Auffassung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Peter Münch: Österreich: Kurz will zu "neuer Normalität" finden. Abgerufen am 24. April 2020.
  2. kurz neue normalität - Google-Suche. Abgerufen am 24. April 2020.
  3. ORF at/Agenturen red: Nationalrat: Debatte über Schlagwort „neue Normalität“. 22. April 2020, abgerufen am 24. April 2020.
  4. Welche Worte sind in der Coronakrise passend? Abgerufen am 24. April 2020.
  5. Scholz: "Wir brauchen für lange Zeit eine neue Normalität". 18. April 2020, abgerufen am 24. April 2020.
  6. Saarbrücker Zeitung: Öffentliches Leben: Regierung erwartet „für lange Zeit eine neue Normalität“. Abgerufen am 24. April 2020.
  7. PNP.de: Regierung erwartet "für lange Zeit eine neue Normalität". Abgerufen am 24. April 2020.
  8. Spahn: "Wird neue Normalität sein". Abgerufen am 24. April 2020.
  9. Süddeutsche de GmbH, Munich Germany: Spahn: erste Schritte in eine neue Normalität. Abgerufen am 24. April 2020.
  10. Paul Sailer-Wlasits: The New Normal: Woran wir uns gewöhnen müssen. Abgerufen am 25. April 2020.
  11. webdecker- www.webdecker.de: Die große Klammer. Abgerufen am 24. April 2020.
  12. Home. Abgerufen am 24. April 2020.