Neuer Atheismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Neuer Atheismus wird eine atheistische Bewegung des 21. Jahrhunderts bezeichnet, die ein humanistisches und naturalistisches Weltbild vertritt.

Ausgelöst wurde diese atheistische Bewegung im Wesentlichen als Gegenbewegung zum religiösen Fundamentalismus.[1] Sie erhielt vor allem durch einige sehr populäre Bücher breite Aufmerksamkeit.[2] Diese Bücher kritisieren Religion als irrational und setzen sich für eine von Vernunft und Verstand geprägte Welt ein.

Die Autoren dieser populären Bücher werden auch "The Four Horsemen of the Non-Apocalypse" genannt und gelten als Vorreiter der neuen atheistischen Bewegung. Sie machten zunächst in der englischsprachigen Welt von sich reden. Die Bewegung ist inzwischen auch in anderen Ländern einschließlich Deutschland unter diesem Begriff verbreitet.

Begriffsentstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

"Neue Atheisten" bezeichnete zunächst die Autoren einiger populärer Bücher des beginnenden 21.Jahrhunderts, darunter Sam Harris, Richard Dawkins, Daniel Dennett und Christopher Hitchens. Der Begriff entstand als übergreifende Kennzeichnung aus journalistischen Kommentaren und Kritiken zu den Büchern.[3][4][5]

Die erste Nennung des Begriffes findet sich in dem Artikel "The Church of the Non-Believers" von Gary Wolf im Magazin Wired, 2006[6], ohne ihn genauer zu definieren. Der erste Versuch einer Definition des Begriffs "Neue Atheisten" soll auf Andrew Brown zurückgehen[7], der damit populäre säkulare Autoren bezeichnete, die Religion und Glauben für destruktive Kulturkräfte hielten. Er ordnete ihnen übergreifende Kernthesen zu, die ihnen gemeinsam waren.[8] Die Selbstdefinition der Neuen Atheisten unterscheidet sich davon allerdings - Andrew Brown gilt als einer der vehementesten Kritiker des Neuen Atheismus.

Inzwischen wird der Begriff "Neuer Atheismus" häufig in journalistischen Texten und Blogs verwendet - allerdings ohne eine einheitliche Definition in Abgrenzung zu den Positionen vorausgehender Atheisten und Religionskritikern. Teilweise wird als Unterscheidung genannt, dass Neue Atheisten konsequent naturalistisch argumentieren, eine aggressivere Position vertreten oder einen breiten Trend ausmachten. Insbesondere basiert der Begriff wohl auf dem trendartigen Aufkommen mehrerer atheistischer Bücher in Millionenauflage sowie der folgenden medienwirksamen und rhetorisch geschliffenen Auseinandersetzung der populärsten Protagonisten u.a. auch mit christlichen Vertretern.

The Four Horsemen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In 2008 kamen vier der prominentesten Vertreter der neu-atheistischen Bewegung - Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris, Daniel Dennett - zu einer Diskussionsrunde zusammen. Die Runde wurde später als Video unter dem Titel "The Four Horsemen" verbreitet[9] - in Anspielung an die vier apokalyptischen Reiter. Seitdem werden sie noch oft so bezeichnet.

The Four Horsemen: Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris, Daniel Dennett

Definitionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

"'New Atheism' is an expression used primarily to distinguish secular thinkers who argue that religious faith and belief in gods are dangerous and destructive because they are essentially irrational and encourage irrationality and anti-scientific thinking." (The Sceptics Dictionary)[7]

"The best definition of a New Atheist that I've ever heard, it's: a New Atheist is just any old Atheist that the Catholic Church cannot legally set on fire, anymore." (P.Z. Myers)[10]

"Der Neue Atheismus ist eine Bewegung, die klar und deutlich, manchmal polemisch oder satirisch, ihre Kritik formuliert. Es äußern sich nun explizit Naturwissenschaftler und nicht mehr in erster Linie Philosophen. Auch "moderate" Religiosität wird abgelehnt, da damit irrationales Denken in der Gesellschaft verbreitet wird. Religion und Wissenschaft sind unvereinbar. Denn die wissenschaftliche Methode des kritischen Überprüfens steht im Widerspruch zum blinden Glauben von Dogmen, wie es Religionen einfordern. Glaube (ohne Belege) verdient keinen Respekt. Die Neuen Atheisten sind naturalistische Humanisten. Sie gehen davon aus, dass eine vernünftigere Gesellschaft ohne den Glauben an Übernatürliches auch eine bessere Gesellschaft ist." (GBS-Stuttgart)[11]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nick Spencer analysiert die lange Geschichte des Atheismus in Europa in Reaktion auf die Dominanz des Christentums und schließt für das Aufblühen des Neuen Atheismus, spezifisch für Großbritannien und die USA, wo Religion unerwartet Signifikanz im politischen Geschehen erreichte, auf dieselben Mechanismen: "This leads us to a somewhat paradoxical conclusion: we should expect to hear more about atheism in the future for the simple reason that God is back."[12]

Der Oxford Forscher Alister McGrath nennt als wesentlichen Auslöser für den neuen Atheismus die Terroranschläge am 11. September 2001. Ferner führt er das Aufblühen des Neuen Atheismus auf die Enttäuschung über das Scheitern der Säkularisierungsthese zurück, also die Annahme, dass Religiosität langfristig an Bedeutung verlieren würde, und erklärt damit auch das teilweise konfrontative Vokabular, in dem religiöser Glaube nicht nur als dumm und moralisch übel dargestellt wird, sondern auch als "Geisteskrankheit", die sich "virusartig" ausbreiten könne, wobei vor allem Kinder vor einer "Infektion" zu schützen seien. Er ordnet dem Neuen Atheismus Parallelen zu religiösem Fundamentalismus zu und titulieren das "aggressive" Auftreten der Atheismusverfechter als einen "Kreuzzug" gegen Religion.[13]

Der Kanadier Stephen LeDrew analysierte in seiner Doktorarbeit an der York University in Ontario die genauen Ursachen, die zur neuen atheistischen Bewegung in Nord Amerika führten. Die Säkularismusthese sei eher ein ideologisches Produkt statt auf empirischen Fakten basierend. Der Neue Atheismus könne daher als Maßnahme betrachtet werden, um doch noch den Erfolg des Sakularismus zu befördern. Er sieht den Neuen Atheismus in Reaktion auf Immigration, Multikulturalismus und religiöse Anpassung. Genau betrachtet sei der Neue Atheismus ein "säkularer Fundamentalismus, eine moderne utopische Ideologie" und "im Kern politisch". LeDrew stellt dabei heraus, dass sich der Atheismus mit der Evolutionstheorie von der simplen Negation religiösen Glaubens zu einer Bejahung des Liberalismus, der wissenschaftlichen Rationalität sowie der Legitimität und Methodik moderner Wissenschaft differenziert hat - also von reiner Religionskritik hin zu einem kompletten ideologischen System, mit einer Fülle an Prinzipien, die sich aus der Aufklärung entwickelt haben.[14]

Victor J. Stenger verortet den Ursprung in dem fortdauernden Kampf mit konservativen Christen in den USA, die entgegen der Evolutionstheorie auch die kreationistische Schöpfung im Schulunterricht etablieren möchten.[4]

Laut der Buskampagne ist der Neue Atheismus als Gegenbewegung zu religiösem Fundamentalismus entstanden: "Ein neuer religiöser Fundamentalismus hat sich etabliert und den „neuen Atheismus“ als entschiedene Gegenwehr auf den Plan gerufen. Evangelikale, Kreationisten und Islamisten beherrschen die öffentliche Wahrnehmung mit ihren Themensetzungen nicht länger allein".[1]

Neu-Atheistische Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brights - internationaler Zusammenschluss von Personen, die ein Weltbild vertreten, das frei vom Glauben an Übernatürliches ist

Humanistischer Verband Deutschlands - Organisation zur Förderung und Verbreitung einer weltlich-humanistischen Weltanschauung und zur Interessenvertretung von konfessionslosen Menschen in Deutschland

Giordano Bruno Stiftung - Stiftung des bürgerlichen Rechts, die sich die Förderung des evolutionären Humanismus zum Ziel gesetzt hat

Partei der Humanisten - Partei mit säkularen und humanistischen Zielen

Hauptthesen einiger Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins sieht in Religion eine Möglichkeit für Theologen, sich der Überprüfbarkeit zu entziehen. Ein göttliches Wesen, das auf irgendeine Weise mit dem Weltgeschehen interagiert, betrete damit zwangsläufig naturwissenschaftliches Terrain und stehe dazu in Erklärungskonkurrenz. Außerdem seien Fragen, die von der Naturwissenschaft nicht im Prinzip beantwortet werden können, der Theologie ebenso unzugänglich.

Karlheinz Deschner hat eine umfassende Kriminalgeschichte des Christentums verfasst, die zahlreiche Verbrechen von Kirchenvertretern auflistet, um die inhumanen Wirkungen kirchlicher Machtpolitik und Heuchelei von Christen aller Epochen bis hin zum Klerikalfaschismus aufzudecken.

Herbert Schnädelbach löste am 11. Mai 2000 mit seiner Kritik an der mea culpa-Erklärung von Johannes Paul II eine Debatte aus. In den darauf folgenden Beiträgen verteidigte er als „frommer Atheist“ die Aufklärung der Theologie und stellte den „neuen“ Atheismus wegen seiner naturwissenschaftlichen Engführung als konfessionelle Gefahr dar.

Der Völkerkundler Pascal Boyer versuchte 2004 (Und Mensch schuf Gott), Feuerbachs Projektionsthese hirnphysiologisch zu untermauern: Ein bestimmtes Modul, das Sinneseindrücke verarbeite, führe Veränderungen in der Umwelt leicht auf Lebewesen zurück und lasse aus unklaren Wahrnehmungen Vorstellungen von übernatürlichen Akteuren, wie zum Beispiel Göttern oder Geistern, entstehen.

Andreas Kilian deutete Religion 2009 als biologisch selektierte nicht-logische Argumentationsebene, um den individuellen Egoismus gegenüber anderen besser rechtfertigen und durchsetzen zu können.

Thomas Grüter weist in seinem Buch „Magisches Denken“ auf konstituierende Elemente magischen Denkens in Religionen hin.

Zeitschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem öffentlichen Interesse am Neuen Atheismus sind einige Zeitschriften entstanden bzw. haben an Popularität gewonnen:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Buskampagne, Online
  2. Sam Harris (Das Ende des Glaubens, 2004), Richard Dawkins (Der Gotteswahn, 2006), Daniel Dennett (Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen, 2006), Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet, 2007)
  3. The New Atheists, Internet Encyclopedia of Philosophy, Online
  4. a b Victor J. Stenger, The New Atheism. What’s New About The New Atheism?, Philosophy Now, Issue 78
  5. Victor J. Stenger, The New Atheism: Taking a Stand for Science and Reason, Prometheus Books, 2009, SBN-13: 978-1591027515
  6. Gary Wolf, The Church of the Non-Believers, Wired, Nov.2006, Online
  7. a b New Atheism, The Sceptics Dictionary, Online
  8. Andrew Brown, The New Atheism, a definition and a quiz, The Guardian, 2008
  9. https://www.youtube.com/watch?v=n7IHU28aR2E
  10. https://www.youtube.com/watch?v=Y1Q43OHVK10#t=234
  11. http://gbs-stuttgart.de/P_12_006
  12. Nick Spencer, Atheists: The Origin of the Species, A&C Black, 2014
  13. Alister McGrath, Reflections on the New Atheism, Catalyst, 2013, Online
  14. Stephen LeDrew, The Evolution of Atheism: The Politics of a Modern Movement, Oxford University Press, 2015, ISBN 978-0190225179