Niels Högel

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Niels Högel (* 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven) ist ein deutscher zu lebenslanger Haft verurteilter Serienmörder.[1]

Er war von 1999 bis Mitte 2005 als Krankenpfleger in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst tätig. Während dessen beging er möglicherweise die größte Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte.[2][3][4] Insgesamt leiteten die Behörden in 332 Fällen Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts ein.[5]

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Högel schloss 1997 eine Berufsausbildung zum Krankenpfleger am damaligen Sankt-Willehad-Hospital in Wilhelmshaven ab, an dem er zuerst auch weiterarbeitete.

Ab 1999 war er im Klinikum Oldenburg beschäftigt.[6] Bis dahin war er noch unauffällig gewesen. Im August 2001 diskutierten Ärzte und Pfleger von Station 211 des Klinikums über die auffällige Häufung von Reanimationen und Sterbefällen in den vorangegangenen Monaten. Auch Högel nahm an dieser Besprechung teil. Immer wenn er Dienst hatte, gab es die meisten Wiederbelebungsversuche und Todesfälle. Jahre später, nachdem er gefasst worden war, offenbarte Högel der Polizei, dass er damals dachte, dass man ihm auf die Schliche gekommen sei. Er meldete sich nach der Besprechung für drei Wochen krank. In dieser Zeit starben auf Station 211 nur zwei Patienten – deutlich weniger als sonst. 58 % der Sterbefälle am Klinikum ereigneten sich, wenn Högel Dienst hatte.[7] Im September 2002 wurde Högel vom Oldenburger Chefarzt zur Kündigung gedrängt, nachdem mehrere von ihm betreute Patienten aus damals noch unerklärlichen Gründen in Lebensgefahr geraten waren. Er solle kündigen oder bei vollen Bezügen von der Intensivstation in den Hol- und Bringdienst wechseln. Am 10. Oktober 2002 erhielt er ein von der Pflegedirektorin des Klinikums Oldenburg ausgestelltes Arbeitszeugnis. Sie bescheinigt ihm darin, „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen überlegt und sachlich richtig“ gehandelt zu haben. Sie lobt auch seine „Einsatzbereitschaft“ und sein „kooperatives Verhalten“. Gesamtbeurteilung: Er habe die ihm übertragenen Aufgaben „zur vollsten Zufriedenheit“ erledigt.[8]

2002 wechselte er ins Klinikum Delmenhorst. Auch dort kam es zu Not- und Todesfällen, meist wegen Herzrhythmusstörungen und/oder Blutdruckabfall, woraufhin manche seiner Kollegen zu ihm auf Distanz gingen.

Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niels Högel wurde am 22. Juni 2005 von Kollegen auf frischer Tat ertappt, als er vorsätzlich die Spritzenpumpe eines Patienten manipulierte und diesem ohne medizinische Indikation das Antiarrhythmikum Gilurytmal verabreichte. Dieser Fall führte zunächst zu umfangreichen Ermittlungen durch die Polizeiinspektion Delmenhorst gegen ihn. Im Rahmen der Ermittlungen wandten sich mehrere Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst unabhängig voneinander an die Polizei und äußerten den Verdacht, dass Högel für zahlreiche Komplikationen, Reanimationen und weitere ungeklärte Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich sein könnte. Die Polizei ermittelte daraufhin umfangreich und untersuchte alle Todesfälle im Zeitraum von 2003 bis 2005. Hierbei ergab sich, dass sich die Zahl der Todesfälle am Klinikum Delmenhorst im Zeitraum der Beschäftigung von Högel verdoppelt hatte; 2005 standen 73 Prozent der Todesfälle in Zusammenhang mit seiner Dienstzeit.[9] Diese Erkenntnis wurde 2006 in mehreren Stellungnahmen und Ermittlungsberichten der zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg mitgeteilt.

2015 ergaben Exhumierungen weiterer mutmaßlicher Opfer aus Friedhöfen in Ganderkesee und Delmenhorst den Nachweis weiterer 14 Leichen mit Spuren eines Herzmedikaments.[10][4] Stand November 2016 gingen die Ermittlungsbehörden von 37 nachweisbaren Tötungsdelikten in Delmenhorst von Dezember 2002 bis Juni 2005 aus.[11]

Seit November 2014 prüft die Sonderkommission „Kardio“ zudem die Sterbefälle verschiedener Einrichtungen aus der Zeit, in der Högel dort beschäftigt war.[4] Bei den Vorfällen im Klinikum Oldenburg besteht nach dem Stand der Ermittlungen von Ende Juni 2016 ein hinreichender Tatverdacht, um gegen Högel auch wegen dieser Fälle Anklage erheben zu können.[12] Anfang November 2017 gaben Polizei und Staatsanwaltschaft nach Abschluss der toxikologischen Untersuchungen bekannt, dass man mittlerweile von 106 Toten ausgehe.[2]

Verurteilungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Landgericht Oldenburg verurteilte Niels Högel 2006 wegen des Falles vom 22. Juni 2005 wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und einem fünfjährigen Berufsverbot. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf Revision einer Nebenklägerin hin auf. Im Jahr 2008 wurde Högel erneut verurteilt, diesmal zu siebeneinhalb Jahren Haft und einem lebenslangen Berufsverbot.[9]

Am 28. Februar 2015 wurde Högel unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich Högel im Klinikum Delmenhorst des zweifachen Mordes, des zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall schuldig gemacht hatte.[3] Das Urteil wurde im März 2015 rechtskräftig.[13][14]

Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an den Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Verurteilung erhob die Staatsanwaltschaft Osnabrück im April 2015 Anklage wegen Strafvereitelung gegen einen ehemaligen Oberstaatsanwalt in Oldenburg. Der habe trotz eindeutiger Hinweise keine Anklage erhoben und Ermittlungen verschleppt.[15] Das Landgericht ließ die Anklage nicht zu.[16] Gegen den Nichteröffnungsbeschluss legte die Osnabrücker Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, die das Oberlandesgericht Oldenburg Anfang Dezember 2015 schließlich zurückwies.[17]

Ermittlungen gegen Klinikmitarbeiter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Bestätigung des Urteils Anfang 2015 kündigten sowohl das Klinikum Delmenhorst (heute Josef-Hospital Delmenhorst) als auch das Klinikum Oldenburg an, die Angehörigen der Opfer zu entschädigen. Im Juli 2015 verkündeten beide Krankenhäuser, als erste Krankenhäuser in Deutschland die „qualifizierte Leichenschau“ durch einen zusätzlichen Rechtsmediziner einzuführen.[3] Durch das Vier-Augen-Prinzip solle vermieden werden, dass unnatürliche Todesursachen infolge krimineller Handlungen übersehen würden.[18] Auch gegen ehemalige Kollegen und Vorgesetzte Högels wird zwischenzeitlich ermittelt, weil sie das Treiben Högels mutmaßlich nicht verhindert haben. So sollen sich zwei Oberärzte und vier Pflegekräfte, darunter der Pflegeleiter der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst, wegen Totschlags durch Unterlassen vor dem Landgericht Oldenburg verantworten.[19]

Aufarbeitung weiterer Fälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende August 2017 präsentierte die Polizei in Oldenburg ihre Ermittlungsergebnisse. Demnach konnten Högel weitere 84 potentielle Mordtaten nachgewiesen werden. Bei diesen Fällen handele es sich nur um solche, „[…] bei denen die Beweislage so eindeutig sei, dass eine Anklage wahrscheinlich sei“.[20] Diese Zahl könne sich weiter erhöhen, da weitere toxikologische Untersuchungen noch laufen. Laut dem Leiter der Sonderkommission Kardio seien „die belegbaren Tötungen in Oldenburg und Delmenhorst […] nur die Spitze des Eisbergs“. Wegen der nach Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft nachgewiesenen weiteren Taten wird es zu einem Strafverfahren kommen, dessen Ausgang an Högels Strafmaß jedoch nichts ändern wird.[21] Im Rahmen der fast drei Jahre dauernden Ermittlungen waren mehr als 200 Fälle aufgerollt und über 130 Leichen exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht worden.[22] In vielen Fällen war der Zustand der Leichen nicht mehr ausreichend, um Medikamentenreste nachzuweisen. 101 Patienten aus Delmenhorst, die während Högels Dienstzeit starben, wurden feuerbestattet und konnten nicht mehr untersucht werden.[23]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christina Steinacker: Niels Högel muss lebenslang ins Gefängnis. In: Delmenhorster Kurier. 26. Februar 2015, abgerufen am 29. August 2017.
  2. a b Krankenpfleger Niels Högel soll 106 Menschen umgebracht haben. In: Spiegel Online. 9. November 2017, abgerufen am 9. November 2017.
  3. a b c Die ‚Karriere‘ eines Serienmörders. In: NDR Online. Abgerufen am 28. Dezember 2015.
  4. a b c Zahl der möglichen Mordopfer von Niels H. auf 24 gestiegen. In: Spiegel Online. 14. April 2016, abgerufen am 14. April 2016.
  5. Klinikmorde im Norwesten: Polizisten am Rand der Sprachlosigkeit. In: Nordwest-Zeitung. Abgerufen am 9. November 2017.
  6. „Es gab doch gar keine Anzeichen“. In: Nordwest-Zeitung. 27. November 2014, abgerufen am 24. Juni 2015.
  7. Karsten Krogmann: Klinikmorde Im Nordwesten: Polizisten am Rand der Sprachlosigkeit. In: nwzonline.de. 29. August 2017, abgerufen am 29. August 2017.
  8. Marco Seng, Karsten Krogmann: Gutes Zeugnis für Mörder Högel trotz Verdachts. In: NWZ Online. 24. Juni 2016, abgerufen am 29. August 2017.
  9. a b Karsten Krogmann, Marco Seng: Warum stoppte niemand Niels Högel? In: NWZ Online, 2016.
  10. Zehn weitere Opfer von Niels Högel entdeckt. In: Nordwest-Zeitung. 15. Juli 2015, abgerufen am 15. Juli 2015.
  11. Zahl der Opfer auf 37 gestiegen – Fall Niels H.: Anklagen gegen sechs Klinikmitarbeiter. In: Neue OZ, 25. November 2016.
  12. Fall des Klinikmörders bekommt neue Dimension. In: Nordwest-Zeitung. 23. Juni 2016, abgerufen am 23. Juni 2016.
  13. Pfleger-Prozess: Mordurteil gegen Niels Högel ist rechtskräftig. In: NWZonline, 10. März 2015.
  14. Urteil gegen Niels H. ist rechtskräftig. In: NDR Online, 9. März 2015.
  15. Ex-Oberstaatsanwalt im Fall Niels H. angeklagt. 21. April 2014, archiviert vom Original am 20. April 2015, abgerufen am 14. April 2016.
  16. Franz-Josef Höffmann, Marco Seng: Kein Prozess gegen Ex-Oberstaatsanwalt. In: NWZ Online. 1. September 2015, abgerufen am 14. April 2016.
  17. Tobias Schwerdtfeger: Kein Prozess gegen ehemaligen Högel-Ermittler. In: NWZ Online. 4. Dezember 2015, abgerufen am 14. April 2016.
  18. Delmenhorster Krankenhäuser führen qualifizierte Leichenschau ein. In: Weser Kurier. 14. Juli 2015, abgerufen am 14. April 2016.
  19. Marco Seng, Karsten Krogmann: Sechs Klinikmitarbeiter im Fall Niels Högel angeklagt. In: Nordwest-Zeitung. 25. November 2016, abgerufen am 25. November 2016.
  20. mxw/dpa/AFP: Mordserie in Niedersachsen: Krankenpfleger Niels H. soll 84 weitere Menschen umgebracht haben. In: Spiegel Online. 28. August 2017, abgerufen am 28. August 2017.
  21. Niels H. soll mindestens 84 weitere Menschen getötet haben. In: sueddeutsche.de. 28. August 2017, abgerufen am 28. August 2017.
  22. Niels Högel – Geschichte einer beispiellosen Mordserie. In: sueddeutsche.de. 28. August 2017, abgerufen am 29. August 2017.
  23. Karsten Krogmann: Im Fall Niels Högel: Soko Kardio zieht Bilanz zur größten Mordserie. In: nwzonline.de. 26. August 2017, abgerufen am 28. August 2017.