Noël Martin

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Noël Martin (* 23. Juli 1959 in Jamaika; † 14. Juli 2020 in Birmingham[1]) war ein britisch-jamaikanischer Bauunternehmer aus Edgbaston, Birmingham. Er wurde am 16. Juni 1996 Opfer eines rassistischen Anschlags im brandenburgischen Mahlow und war seitdem ein schwerer Pflegefall.

Tat und rechtliche Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein 17- und ein 24-jähriger Deutscher beschimpften ihn und zwei schwarze Kollegen am Bahnhof Mahlow.[2] Um Handgreiflichkeiten zu vermeiden, veranlasste Martin seine Freunde zum Einsteigen in seinen Pkw. Anders als von der Polizei anfangs dargestellt[3] nahmen die beiden Männer mit einem gestohlenen Auto die Verfolgung auf. Erst versuchten sie, Martins Auto von der Fahrbahn zu drängen, schließlich warfen sie aus dem fahrenden Auto[4][5] einen sechs Kilogramm schweren Feldstein in die hintere Seitenscheibe. Martin verlor dadurch[6] die Kontrolle über sein Fahrzeug, das sich überschlug und gegen einen Baum prallte. Von da an war Noël Martin vom Kopf abwärts querschnittsgelähmt. Seine beiden Mitfahrer wurden nur leicht verletzt.

Das Landgericht Potsdam verurteilte die Täter im Dezember 1996 wegen gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr und schwerer Körperverletzung zu Haftstrafen von fünf und acht Jahren.[7] Noël Martin bekam eine finanzielle Entschädigung und erhielt eine monatliche Rente aus Deutschland.[8]

Aktivitäten gegen Rassismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese und andere Angriffe gaben in Mahlow Anlass zur Gründung der Initiative AG Tolerantes Mahlow sowie der Aktion Noteingang, die im Jahr 2000 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2001 regte Martin einen Austausch zwischen Jugendlichen aus der Region und seiner Heimatstadt Birmingham an. Das Land Brandenburg gibt dafür Geld in den Noël-und-Jacqueline-Martin-Fonds.

Noël Martin lebte wieder in Birmingham. Er wurde dort fünf Jahre von seiner Lebensgefährtin Jacqueline Shields gepflegt. Jacqueline erlag am 12. April 2000, zwei Tage nach ihrer Heirat, einem Krebsleiden. Nachdem der o. g. Fonds vom Großen Waisenhaus zu Potsdam als Stiftung weitergeführt worden war, überführten die brandenburgische Landesregierung, vertreten durch den Minister für Bildung, Jugend und Sport, Holger Rupprecht, die Leitung der Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“, vertreten durch die stellvertretende Geschäftsführerin Gesine Hanebuth-Schubert, und Noël Martin den Fonds am 14. Juli 2008 in die Jacqueline-und-Noël-Martin-Stiftung.[9]

Ab 2006[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juni 2006 kündigte Martin an, dass er am 23. Juli 2007 (seinem 48. Geburtstag) freiwillig mit Hilfe der Schweizer Organisation Dignitas aus dem Leben scheiden wolle.[10] Das Vorhaben wurde ausgesetzt, weil Martin nicht reisefähig war und noch einige Dinge mit der von ihm ins Leben gerufenen Stiftung in England regeln musste. Er entschied sich am Ende gegen den Suizid, da er mit seiner Stiftung noch etwas erreichen konnte.[11] Die Aufgaben in Verbindung mit seiner Stiftung und die Hoffnung auf einen seinen Bedürfnissen angepassten Rollstuhl, auch mit mehr Kommunikationsmöglichkeiten, gaben ihm immer wieder ein Quäntchen Lebenswillen.[12]

Trotz seiner Querschnittslähmung betrieb Noël Martin seine Rennpferdezucht weiter. In Ascot erregte er 2006 Aufsehen, als sein Pferd Baddam das wichtigste Pferderennen der Welt gewann.[13]

Am 23. April 2007 wurde seine Autobiografie durch den Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg Matthias Platzeck in Anwesenheit von Noël Martins Sohn Negus Martin der Öffentlichkeit vorgestellt. Sein Leben und insbesondere sein Buch wurden in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern mit großer Anteilnahme aufgenommen. Die Verfilmung seines Buches ist geplant.

2012 wurde Martin in seinem Haus Opfer eines Raubüberfalls, 2013 starb seine langjährige Vertraute Robin Herrnfeld bei einem Unfall, 2014 erlitt er einen Herzinfarkt.[14]

Noël Martin starb neun Tage vor seinem 61. Geburtstag in einem Krankenhaus in Birmingham.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Noël Martin, Robin Vandenberg Herrnfeld: Nenn es: mein Leben. Eine Autobiografie. von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-86059-332-5.

Artikel:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Annette Kögel: Neonazi-Opfer Noël Martin gestorben. In: Der Tagesspiegel. 14. Juli 2020 (mit Interview vom Juni 2017).
  2. Noël Martin in seinem Buch Nenn es: mein Leben, S. 180: „Sobald sie die schwarzen Männer bemerkt haben, fangen sie an, sie zu beschimpfen. Arthur und Michael wollen sich mit ihnen prügeln. ‚Nein‘, sagt Noël. ‚Steigt ein. Wir ignorieren diese Scheißkerle.‘“
  3. Gereon Asmuth: Noël Martin ist tot: „Wir müssen jeden Tag kämpfen“. Vor 24 Jahren wurde der Brite Opfer eines rassistischen Anschlags in Brandenburg. Die Polizei tat sich schwer, die Täter zu ermitteln. In: taz. 15. Juli 2020.
  4. Rechtsextremismus: „Anspruch auch gegenüber der Haftpflichtversicherung“ (Interview). In: Der Tagesspiegel. 18. August 2000, abgerufen am 22. Januar 2021.
  5. AntifaTF (Uploader): ARD Panorama: Zum Krüppel geschlagen. Täter sind frei und die Bürger geben Opfer die Schuld (ab 00:01:30) auf YouTube, abgerufen am 22. Januar 2021 (aus Panorama/ARD. 10. August 2006; 7:09 Min.)
  6. fakten. Motiv: offene Ausländerfeindlichkeit. In: taz. 13. Juni 2000.
  7. Die Jugendlichen gaben vor Gericht zu, die drei Bauarbeiter – unter ihnen Noël Martin – als „Nigger“ beschimpft zu haben. Sie gestanden auch, den Stein in das Fahrzeug geworfen zu haben. Der Unfall habe sich aber erst ereignet, als die Briten nach dem Steinwurf die Verfolgung des Wagens der Deutschen aufgenommen hätten. Claudia Bröll: Sie haben mir alles genommen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 7. Mai 2007, abgerufen am 21. Januar 2021.
  8. Bundesgerichtshof bestätigt Urteil des OLG Brandenburg: Noël Martin erhielt vom Amt für Soziales und Versorgung in Cottbus eine monatliche Grundrente und Pflegegeld nach dem Opferentschädigungsgesetz, außerdem wurde die gegnerische Autoversicherung zur Zahlung von 400.000 DM Schmerzensgeld verurteilt. Rechtsextremismus: „Anspruch auch gegenüber der Haftpflichtversicherung“ (Interview). In: Der Tagesspiegel. 18. August 2000, abgerufen am 22. Januar 2021. –
    Sandra Dassler: Der Fall Noel Martin: Versicherung muss Schadenersatz zahlen. In: Der Tagesspiegel. 19. September 2001, abgerufen am 22. Januar 2021. –
    Noel Martin erhält Schadenersatz. In: Der Tagesspiegel. 24. Dezember 2002, abgerufen am 22. Januar 2021.
  9. Noël- und Jacqueline-Martin-Stiftung bei der Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“. Abgerufen am 22. Januar 2021.
  10. Neonazi-Opfer Martin. „Ich bin nur noch Kopf“. In: Stern. 23. Mai 2007, abgerufen am 22. Januar 2021.
  11. Noël Martin 20 Jahre nach der Neonazi-Attacke: „Diese beiden Typen überlasse ich Gott“. In: rbb24. 15. Juni 2016 / 14. Juli 2020 (Interview von Boris Hermel und Heike Hartung für das rbb-Magazin Klartext).
  12. Noël Martin zum 50. Geburtstag. (Memento vom 28. Juli 2009 im Internet Archive) In: Stiftung & Sponsoring Verlag (online). Abgerufen am 7. April 2010.
  13. Noël Martin ist der erste Schwarze, dessen Rennpferd in Ascot erfolgreich war. Noel Martin: „Ich hatte es den Aristokraten gezeigt. Ich war im Himmel vor Glück.“ Arno Luik: Noel Martin: „Ich werde als zufriedener Mann sterben“. In: Stern. 30. Mai 2007.
  14. Das Leiden und Überleben des Noël Martin. In: rbb24. 15. Juni 2016 / 14. Juli 2020, abgerufen am 22. Januar 2021.