Qualzucht

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Goldfische mit "Blasenaugen" werden weitgehend als Qualzucht angesehen.

Als Qualzucht bezeichnet man bei der Züchtung von Tieren die Duldung oder Förderung von Merkmalen, die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen für die Tiere verbunden sind.

Situation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Qualzucht ist für Wirbeltiere in Deutschland nach § 11b Tierschutzgesetz – außer für wissenschaftliche Zwecke – verboten. Ein Beispiel für eine Ausnahme ist die als Modellorganismus vielfach verwendete Nacktmaus (athymische Maus). Das Tierschutzgesetz wird vom Deutschen Tierschutzbund hinsichtlich der Qualzucht bei Heimtieren als zu schwach bewertet.[1] Der Europäische Tier- und Naturschutz kritisiert die nach seiner Aussage fehlende Umsetzung des Gesetzes bei Nutztieren.[2]

Das am 2. Juni 1999 im Auftrag des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft veröffentlichte Gutachten zur Auslegung von § 11b TierSchG (Verbot von Qualzüchtungen) „soll insbesondere allen Züchtern von Heimtieren helfen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Vorschriften des Tierschutzgesetzes, welche die Züchtung betreffen, in vollem Umfang zu beachten. Ziel ist das vitale, gesunde, schmerz- und leidensfreie Tier.“ Laut einer darin enthaltenen Definition ist die Qualzüchtung gegeben, wenn „... bei Wirbeltieren die durch Zucht geförderten oder die geduldeten Merkmalsausprägungen (Form-, Farb-, Leistungs- und Verhaltensmerkmale) zu Minderleistungen bezüglich Selbstaufbau, Selbsterhaltung und Fortpflanzung führen und sich in züchtungsbedingten morphologischen und/oder physiologischen Veränderungen oder Verhaltensstörungen äußern, die mit Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind.“ Das Gutachten beschäftigt sich vor allem mit Hunden und Katzen,[3] berührt aber auch Kaninchen, Fische und Vögel. Es enthält eine Liste von Merkmalen, die nach Meinung der Gutachter zu einem Zuchtausschluss von Merkmalsträgern führen soll – die Liste der betroffenen Merkmale des Gutachtens zur Auslegung des Verbotes von Qualzüchtungen.

Wegen der anhaltenden Problematik der Qual- und Defektzuchten bei Heimtieren besteht seit Juli 2016 ein Aktionsbündnis deutscher Tierärzte im Rahmen einer Aufklärungskampagne der Bundestierärztekammer. Zu den geplanten Maßnahmen der Arbeitsgruppe gehört „neben der Aufklärung von Tierhaltern über Merkblätter auch die Erarbeitung von Checklisten zur Beurteilung von Qualzuchtausprägungen als Hilfestellung für amtliche Tierärzte“. Außerdem wolle die Tierärzteschaft darauf hinwirken, dass bestimmte Hunderassen in der Werbung nicht mehr so präsent sind, denn durch die häufige Darstellung von Mops, Bulldogge oder Chihuahua werde die Nachfrage nach solchen Hunden oft erst geweckt.[4][5][6]

Im Okt. 2017 berichtete Das Erste über das Thema in der Sendung [W] wie Wissen mit dem Titel "Mops und Co: Wie Hunde unter der Qualzucht leiden". Darin kommt u. a. Prof. Dr. Dr. h. c. Martin Kramer, Mitglied des Präsidiums der Bundestierärztekammer und Präsident der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft (DVG), zu Wort.[7][8][9]

Situation in Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Folge auf den investigativen Dokumentarfilm Pedigree Dogs Exposed von 2008 wurden von der Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA) mehrere Untersuchungen bezüglich der Zuchtpraktiken bei Rassehunden durchgeführt. Dabei konnte festgestellt werden, dass insgesamt ein kritisch zu betrachtendes Tierschutzproblem vorliegt. Folglich wurde dem Kennel Club von der RSPCA ein Maßnahmenkatalog zur tiergerechten Verbesserung der Missstände vorgelegt.

Von Oktober 2010 bis 2013 entstand als Reaktion auf diese Dokumentation ein Projekt des Royal Veterinary College; ferner wurde der landesweite VetCompass ins Leben gerufen.[10][11]

Im Februar 2012 erschien der zweite Teil des Dokumentarfilms namens Pedigree Dogs Exposed: Three Years On (übersetzt: „Rassehunde enthüllt: Drei Jahre später“), welcher über erste positive Entwicklungen zur Verbesserung der dokumentierten Missstände bezüglich des Tierschutzes berichtet.

Im Oktober 2014 begann das Royal Veterinary College unter der Leitung von Dan O'Neill[12] ein epidemiologisches Forschungsprojekt, um weiterführende Erkenntnisse zur Tiergesundheit für den Wissenspool VetCompass zu sammeln.[13]

Im September 2016 berichtete The Daily Telegraph unter anderem über die laufenden Aktivitäten des Royal Veterinary College zur Aufklärung insbesondere über die Qualzucht bei Hunden.[14]

Ebenfalls im September 2016 wurde im Daily Mirror hinsichtlich der potentiellen Qualzuchtformen über einige kritisch zu bewertende Hunderassen berichtet.[15]

Situation in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich verbietet § 5 Abs. 2 des Tierschutzgesetzes (TSchG) Züchtungen, „die für das Tier oder dessen Nachkommen mit starken Schmerzen, Leiden, Schäden oder mit schwerer Angst verbunden sind.“ Dabei ist sowohl die Zucht als auch der Import, Erwerb, die Weitergabe und die Ausstellung verboten.[16][17] Im Gesetz sind die folgenden Merkmale zur Erkennung untersagter Züchtungen genannt:

  • Atemnot
  • Bewegungsanomalien
  • Lahmheiten
  • Entzündungen der Haut
  • Haarlosigkeit
  • Entzündungen der Lidbindehaut und/oder der Hornhaut
  • Blindheit
  • Exophthalmus
  • Taubheit
  • Neurologische Symptome
  • Fehlbildungen des Gebisses
  • Missbildungen der Schädeldecke
  • Körperformen, bei denen mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden muss, dass natürliche Geburten nicht möglich sind

Situation in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Artikel 10 des Tierschutzgesetzes kann die Zucht, das Halten und Erzeugen von Tieren mit bestimmten Merkmalen durch den Bundesrat verboten werden. Dabei sind laut Absatz 1 insbesondere Züchtungen verboten, bei denen mit „durch das Zuchtziel bedingte[n] oder damit verbundene[n] Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen“ gerechnet werden muss.[18] Ausgenommen sind davon Tierversuche, im von Artikel 17 angegebenen Rahmen. Der Begriff „Qualzucht“ wird im Gesetz nicht verwendet.

Im Rahmen einer landesweiten Kampagne gegen extreme Kurzköpfigkeit bei Hunden haben die Schweizerische Vereinigung für Kleintiermedizin (SVK), die Schweizerische Kynologische Gesellschaft (SKG), die Schweizerische tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (STVT) sowie die Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern einen Massnahmenkatalog ausgearbeitet, welcher ab 2018 systematisch Anwendung finden soll. [19][20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Th. Bartels, W. Wegner: Fehlentwicklungen in der Haustierzucht. Ferdinand Enke Verlag, 1998, ISBN 3-432-28131-5.
  • N. Peyer: Die Beurteilung zuchtbedingter Defekte bei Rassehunden in tierschützerischer Hinsicht. Dissertation. Bern 1997.
  • H. H. Sambraus, A. Steiger: Das Buch vom Tierschutz. Ferdinand Enke Verlag, 1997, ISBN 3-432-29431-X.
  • A. Ritter: Der Begriff der „Qualzucht“ bei Zierfischen. (am Beispiel des Goldfisches und seiner Hochzucht) - Teil 1: Rechtliche Grundlagen. In: Fischheilpraktiker/Fischheilpraxis. 01/2009, ISSN 1867-206X.
  • Irene Sommerfeld-Stur: Qualzucht. Literaturreview bis 2003; Aufsatz auf der Basis eines Gutachtens für den ÖKV.
  • Irene Sommerfeld-Stur: Qualzucht – ein ethisches Problem. In: Tier - Mensch - Ethik. LIT Verlag Münster, 2012, ISBN 978-3-643-50301-5 (In Auszügen (online).)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Qualzucht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Qualzucht bei Heimtieren. Abgerufen am 3. April 2017 (de_DE).
  2. Qualzucht bei Nutztieren. Abgerufen am 10. Dezember 2017 (de_DE).
  3. Relevante Zuchtziele: Katzen.
  4. Bundestierärztekammer: Pressemitteilungen der Bundestierärztekammer. Abgerufen am 3. April 2017.
  5. Tierärztekammer Hamburg - → Qualzuchten. Abgerufen am 3. April 2017 (englisch).
  6. bundestieraerztekammer.de
  7. http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/hundequalzucht-100.html
  8. https://www.bundestieraerztekammer.de/btk/ueber/praesidium
  9. https://www.dvg.net/index.php?id=1301
  10. Epidemiology of Disorders Reported in Cats and Dogs Attending General Practice in England - Projects - VetCompass - Royal Veterinary College, RVC. Abgerufen am 3. April 2017 (britisches Englisch).
  11. VetCompass - Royal Veterinary College, RVC. Abgerufen am 3. April 2017 (britisches Englisch).
  12. Dr Dan O'Neill - Our People - About - Royal Veterinary College, RVC. Abgerufen am 3. April 2017 (britisches Englisch).
  13. Kennel Club Charitable Trust Companion Animal Epidemiologist - Disorders of UK Companion Animals - Projects - VetCompass - Royal Veterinary College, RVC. Abgerufen am 3. April 2017 (britisches Englisch).
  14. Qualzucht or “torture breeding” should be a crime. In: The Telegraph. (telegraph.co.uk [abgerufen am 3. April 2017]).
  15. web.archive.org
  16. Irene Sommerfeld-Stur: Qualzucht im österreichischen Tierschutzgesetz. (Memento vom 17. Juli 2012 im Webarchiv archive.is)
  17. § 5 Bundesgesetz über den Schutz der Tiere
  18. Tierschutzgesetz (TSchG) bei den Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft
  19. https://www.svk-asmpa.ch/index.php/de/massnahmenkatalog-kampagne-gegen-extreme-kurzkoepfigkeit-bei-hunden
  20. https://www.svk-asmpa.ch/index.php/de/pressemitteilungen-extreme-kurzkoepfigkeit-bei-hunden
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