Reicholzheim

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Koordinaten: 49° 43′ 38″ N, 9° 32′ 5″ O

Reicholzheim
Stadt Wertheim
Wappen von Reicholzheim
Höhe: 158 m ü. NN
Fläche: 17,41 km²
Einwohner: 1323 (2013)
Bevölkerungsdichte: 76 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1975
Postleitzahl: 97877
Vorwahl: 09342
Reicholzheim (Baden-Württemberg)
Reicholzheim

Lage von Reicholzheim in Baden-Württemberg

Blick auf Reicholzheim mit der Kirche St. Georg (2007)

Blick auf Reicholzheim mit der Kirche St. Georg (2007)

Reicholzheim an der Tauber ist der größte periphere Ortsteil der großen Kreisstadt Wertheim mit ungefähr 1300 Einwohnern und seit 1968 ein staatlich anerkannter Erholungsort.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blasonierung: In Rot ein goldener Brunnen mit zwei Schalen, aus denen silbernes Wasser fließt.

Ein 1614 vom Dorfgericht Dörlesberg ausgestellter Geburtsbrief wurde mit dem Privatsiegel des Reicholzheimer Oberschultheiß Johannes Heid besiegelt. Es trägt die Umschrift „REICHOLTZ. HEIMB. G. INS. 1760“ (= Reicholzheimer Gerichts-Insiegel) und zeigt den berittenen heiligen Georg, einen Drachen tötend. 1788 wurde unter einem gemeinen Dorf- und Gerichts Insiguel, wie gewöhnlich (Staatsarchiv Würzburg: Geburtsbriefe) ein Geburtsbrief ausgestellt; dieses Siegel wurde bis 1813 verwendet. In der Zeit von 1856 bis 1888 verwendete die Gemeinde neben einem ovalen Farbstempel mit der Inschrift „GEMEINDEVERWALTUNG REICHOLZHEIM“ ein etwas größeres Prägesiegel mit der Umschrift „GERICHTS SIEGEL DER GEMEINDE REICHOLZ HEIM“, die von einem Blumenkranz umgeben war. Außerdem führte Reicholzheim bis 1901 einen Farbstempel mit dem Buchstaben R im gekrönten Schild. Auf Vorschlag des Generallandesarchivs und in Erinnerung an die frühere Zugehörigkeit zum Kloster Bronnbach nahm der Gemeinderat am 9. September 1901 das heutige Wappen an. Es war erstmals 1650 neben dem persönlichen Wappen des Abtes erschienen und wurde in dieser Form in das linke Untereck des fürstlich löwenstein-wertheimischen Wappens aufgenommen. Das Innenministerium Baden-Württemberg verlieh Reicholzheim am 19. März 1965 außerdem das Recht, eine Flagge in den Farben „Gelb-Rot“ zu führen.

Erste Siedlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der älteste Beweis für Siedlungen auf der Reicholzheimer Gemarkung ist ein kleiner Faustkeil, der am Satzenberg in der Flur "Hinter der Hommerecke" gefunden wurde. Der Faustkeil war das Alltagsschneiderwerkzeug der Altsteinzeitmenschen, er ist über 50.000 Jahre alt. Der Satzenberg Reicholzheim ist benannt nach einer Person namens Zazo. Diesen Namen kennt man schon seit der Karolingerzeit und "Hommerecke" als Flurname bedeutet zunächst Hamer = Steinhammer, aber auch Fels oder Klippe. Archäologen haben anhand weiterer Feuer und Hornsteine herausgefunden, dass dieser Platz am Satzenberg in verschiedenen Abschnitten immer wieder von Menschen in der Altsteinzeit bewohnt wurde. Eine weitere Fundstätte liegt auf der Höhe der Reicholzheimer Gemarkung, auf der Hochfläche der Mainleite. Das Gelände liegt 270 m über dem Meeresspiegel, bricht dort steil zum Main hin ab und bietet einen Ausblick hinüber in den Spessart bis zur Rhön. Was man dort gefunden hat, stammt aus der Jüngeren Altsteinzeit und ist etwa 35 000 bis 9000 Jahre alt. Das wichtigste Fundstück ist ein Stickel, mit dem die Steinzeitmenschen Einkerbungen in Holz oder Knochen eingeritzt haben. In die Schlitze der so vorbereiten Wurfspeere oder Messergriffe wurden mit Teer aus Birkenpech scharfkantige oder spitze Feuersteine eingeklebt.

Auch in der Jungsteinzeit war die Aussicht beliebt, man fand 1940 bei der Kartoffelernte ein gut erhaltenes Steinbeil aus dieser Zeit. Der älteste auf der Gemarkung Reicholzheim bisher gefundene Mensch, lag auf dem Betriebsgelände der Firma Dostmann auf der Linken Tauberseite unterhalb des Bahnhofs. Das Skelett soll 4000 Jahre alt sein, leider hatte es keinerlei Beigaben  bei sich und deshalb gibt es auch keine verlässliche Informationen über sein Schicksal. Die größte Menge von Funden aus der Vorgeschichte von Reicholzheim stammt aus der ausgehenden Urnenfeldzeit (1200 bis 750 vor Chr.) In der Martin-Schlör-Str. wurden Tongefäße gefunden, die man zur Aufbewahrung der Asche von Verstorbenen benutzt hat. Sie waren 45 und 68 cm hoch und sind heute im Tauberbischofsheimer Heimatmuseum zu besichtigen.

In der Flur "Hinter den Zäunen" fand ein aufmerksamer Reicholzheimer auf seinem Grundstück anhand von Verfärbungen im Boden eine Abfallgrube mit Tonscherben, Knochen vom Schwein und Rind und einem Sandstein mit Schleifspuren aus der Bronzezeit. Ab 1984 wurden beim Pflügen eines Ackers auf der Mainleite immer wieder Tonscherben aus der Urnenfeldzeit gefunden. Also führte das Landesdenkmalamt eine Grabung durch und ermittelte tatsächlich eine weitere Siedlungsstelle. Man fand Reste von groben Töpfen, Schüsseln und Vorratsgefäßen, aber auch dünnwandige rillen- und riefenverzierte Keramik. Für die Herstellung von solch feinen Tonwaren musste man schon eine drehende Töpferscheibe benutzt haben. Mehrere Tassen mit Henkeln, verschiedene Becher und kleinere Schalen sind der Beweis für frühe Esskultur. Dass auf der Höhe richtiges Alltagsleben stattfand, beweisen auch die Tongewichte und Tonringe, die als Webgewichte bei der Herstellung von Stoffen und Kleidern gebraucht wurden. Aus dem damals zeittypischen Metall, der Bronze, hat man nur das vordere Bruchstück einer Messerklinge und den Teil einer Nadel gefunden.

Gründung von Reicholzheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urkundlich erwähnt wird Reicholzheim erstmals 1178 als Richolfsheim. Dabei bestätigt Bischof Reinhard von Würzburg, dass die Zisterzienser-Abtei Kloster Bronnbach im Gebiet der Pfarrei Reicholzheim liegt. Wahrscheinlich ist Reicholzheim älter, denn es wurden bei einem Hausneubau alte Ausgrabungen gefunden, die vermutlich aus dem 5. Jahrhundert stammen. Den Ortsnamen erhielt Reicholzheim entweder vom Ritter Richolt oder vom Mainzer Erzbischof Richulf (Amtszeit: 787– 813 n. Chr.). Im Mittelalter hatte Reicholzheim verschiedene Namen: Reicholtsheim, Reichelsheim, Richolfsheim und Richolvesheim.

Reicholzheim im Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 12. Jahrhundert war das Grafschaftsdorf dem Wertheimer Grafen unterstellt, nach der Gründung des Klosters Bronnbach 1151 wird Reicholzheim als Klosterdorf erwähnt. So werden 1285 von Graf Rudolf II. alle seine Güter in Reicholzheim an das Kloster Bronnbach übergeben. Er behielt sich nur die Landesherrlichkeit vor. Durch den Verkauf des Straßengerichts im 1369 ging das letzte Recht des Wertheimer Grafen an das Kloster Bronnbach über, so dass Reicholzheim im vollen Umfange dem Kloster Bronnbach unterstellt war. Durch die Reformation ging 1524 Reicholzheim für 150 Jahre wieder in den Besitz des Grafen in Wertheim über, und die Reicholzheimer mussten in dieser Zeit sieben Mal ihre Konfession von katholisch auf evangelisch und umgekehrt ändern. So wechselte die Hoheit über Reicholzheim im Mittelalter immer wieder zwischen dem Grafen von Wertheim und dem Kloster Bronnbach, das zu dem Bistum Würzburg gehörte. Die weltlichen Verwaltungsstellen des Klosters waren in Reicholzheim untergebracht, so z. B. die Steuereinzugstelle des Würzburger Bistums. Ab dem 16. Jahrhundert spielte der Weinbau für Reicholzheim eine entscheidende Rolle. Dies war vor allem den Bronnbacher Mönchen zu verdanken, die die Kultur des Dorfes in religiöser und geistiger Hinsicht beeinflussten. So förderte das Kloster vor allem den Weinbau und die Landwirtschaft in Reicholzheim.

Reicholzheim im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick auf Reicholzheim und das Kloster Bronnbach im Mai 2009

1803 wurde das Kloster Bronnbach im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses aufgelöst, und so unterstand Reicholzheim ab diesem Zeitpunkt dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg.

Im Jahre 1848 stürmten 7 Reicholzheimer das Bronnbacher Rentamt und forderten mit Flinten die Bauernbefreiung. Sie kamen in ein Gefängnis, wurden aber später begnadigt.[2]

Mit dem Bau der Taubertalbahn in den Jahren 1870–1871 entstand die wichtige infrastrukturelle Anbindung Reicholzheims, die die Ansiedlung des heutigen links der Tauber bestehenden Teils des Dorfes bewirkt hat. So entwickelten sich dort nach dem Ersten Weltkrieg verschiedene Industrie- und Gewerbebetriebe und eine größere Wohnsiedlung. Um 1900 zählte man mit Bronnbach 1000 Einwohner. 1928 wurde Bronnbach durch Beschluss des badischen Landtags von Reicholzheim politisch getrennt und 1936 in Reicholzheim eingemeindet. Am 1. Januar 1975 wurde Reicholzheim gegen den Widerstand vieler Bürger Reicholzheims durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Baden-Württemberg nach Wertheim eingemeindet[3], wodurch Wertheim zu einer Großen Kreisstadt werden konnte. Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Umgehungsstraße mit Unterstützung des Ortsvorstehers Rolf Sommer[4] zur Verkehrs- und Lärm Entlastung des Altorts entlang der Tauber gebaut, der Rosengarten nahe der Tauber musste hierdurch entfernt werden.[5]

Hochwasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dorfkern von Reicholzheim liegt nahe der Tauber so kommt es bis heute immer wieder zu schweren Hochwassern. Diese sind gut an den Hochwasser Pegeln im Ortskern abzulesen. Im Jahre 1732 ist ein schweres Hochwasser vom 29 September dokumentiert.[6] Das Wasser soll Nachts nach 0 Uhr in einer halben Stunde das Untere Dorf erreicht haben. Es starben 25 Rinder und einige Schweine außerdem wurden viele Gärten dadurch vernichtet. Nur durch wachsame Bürger des Dorfes die die andern Bewohner geweckt haben ist schlimmeres verhindert worden. Außerdem gab es schwere Beschädigungen an den Brücken entlang der Tauber. Da Wertheim direkt an die Tauber mündet ist Wertheim am stärksten von Hochwassern in der Region betroffen.

Entwicklung der Einwohnerzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einwohnerentwicklung verläuft in Reicholzheim analog zur Entwicklung der gesamten Großen Kreisstadt Wertheim: Seit dem Jahr 2005 ist ein stetiger Einwohnerrückgang zu verzeichnen. In Reicholzheim ist die Einwohnerzahl seit dem Jahr 2001 von 1437 auf 1323 Einwohner im Jahr 2013 gesunken. Dies entspricht einem Verlust von fast 8 % der Einwohner.

Jahr Einwohner
1850 900
1946 1600
1984 1500
2003 1455
2013 1323
2016 1280
2017 1268[7]

Altersstruktur und demografischer Wandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Durchschnittsalter in Reicholzheim beträgt derzeit 45 Jahre. Bei den Altersgruppen machen die ab 41-jährigen mit insgesamt 58% den überwiegenden Anteil der Wohnbevölkerung aus. Entsprechend unterrepräsentiert sind die jüngeren Jahrgänge. In etwa 20 Jahren ist in Reicholzheim eine deutlich Überalterung zu erwarten. Die heute 40 - 60–jährigen sind dann größtenteils im Rentenalter, die hohe Zahl dieser Altersgruppe wird nicht durch eine entsprechende Anzahl an jüngeren Einwohnern kompensiert. Diese Entwicklung entspricht der allgemeinen Entwicklung der Altersstruktur für den ländlichen Raum in Deutschland.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landtagswahlen 2016[8][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gültige Stimmen Dr. Wolfgang

Reinhart

Birgit

Väth

Ute

Schindler-Neidlein

Susanne

Löffler

Rolf

Grüning

Falk

Hagelstein

Werner

Zollt

Christine

Stankus

Michael

Bindr

Dr. Christina

Baum

CDU GRÜNE SPD FDP DIE LINKE PIRATEN REP ÖDP ALFA AfD
627 291 146 49 40 14 7 1 8 8 63
Prozent 46,41 23,28 7,81 6,37 2,23 1,11 0,15 1,27 1,27 10,04

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke und Baudenkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steinkreuznest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Steinkreuznest in Reicholzheim

Das Steinkreuznest in Reicholzheim ist die größte Steinkreuznestansammlung Deutschlands mit 14 Steinkreuzen, die aus Sandstein sind, in einer roten Sandsteinstützmauer eingebettet sind und auf dem alten Höhenweg zwischen Reicholzheim und Bronnbach stehen. Acht von den Steinkreuzen sind mit verschiedenen Zeichen versehen, es treten folgende Zeichen auf: Schwerter, Dolchmesser, Hammer, Lillie und ein Krug oder ein Hafen. Neben den Steinkreuzen befindet sich ein Bildstock aus dem Jahre 1722 der von Simon Werlein († 1730) aus Wittighausen der als Koch im Kloster Bronnbach gearbeitet hat, mit seiner Bronnbacher Frau Apollonia (geb. Kuhn 1675-1752) zu ehren Gottes gestiftet worden ist.[9][10] Deshalb steht auf dem Bildstock folgende Aufschrift: "ZU EHREN GOTTES UND MARIÄ HAT SIMON WERLEIN ABTEI KOCH MIT APOLLNIA SEINE HAUSFRAU DIES BILD SETZEN LASSEN"

Um das Steinkreuznest rankt sich folgende Sage: Es sollen neun bis zwölf junge Höhefelder Burschen mit einem schönen Mädchen von der Kirchweihe in Waldenhausen heimgegangen sein. Bei Reicholzheim gerieten sie wegen des schönen Mädchens in Streit. Während dieses Streits sollen alle Burschen bis auf einen und das Mädchen getötet worden sein. Der eine Bursche, der überlebte, soll bis zur Gamburger Steige gelaufen sein, wo er sich selbst umbrachte. Unterhalb von dem Steinkreuzenest steht noch ein weiteres Steinkreuz, bis zu dem das Blut des Streits geflossen sein soll. Bis heute soll es bei den Kreuzen nachts spuken, so die Sage Die Kreuze oberhalb von Reicholzheim.

Historisch sind die Steinkreuze aus verschiedenen Orten zusammengetragen worden und wurden dort aufgestellt. In einer Dorfordnung von 1494 sind die Steinkreuze erstmals erwähnt, sodass anzunehmen ist, dass zu diesem Zeitpunkt schon eine erste Ansammlung von Kreuzen dort zu finden war. Im Allgemeinen ist das Alter der Steinkreuze zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zu datieren, ein historischer Hintergrund, warum diese Steinkreuze dort angesiedelt wurden, ist bisher nicht bekannt. Ein angrenzender Flurname „Streitacker“ wäre ein Hinweis auf langandauernde Besitzstreitigkeiten, die möglicherweise mit Blutrache verbunden, den realen Hintergrund bilden könnten.

Urpfarrei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Renovierungsarbeiten an der Kirche St. Georg wurden 3 Skelette gefunden deren Arme seitlich neben dem Körper lagen. Die Toten waren nicht mit auf der Brust gefalteten Händen begraben worden und Experten schließen daraus, dass sie vor 1100 gestorben sein müssen. Außerdem fand man eine große Grabplatte ohne Beschriftung, die ebenso alt sein muss. Die Reicholzheimer Kirche galt als Mutterkirche für alle umgebenen Dörfer.[11] Erst als es den Menschen zu beschwerlich wurde, nach arbeitsreichen Werktagen sonntags einen Kilometer langen Marsch zu unternehmen um die Heilige Kommunion zu empfangen, bauten sie sich in ihren umliegenden Dörfern ihre eigenen Kirchen. Die Reicholzheimer Kirche war damals kleiner, der Turm war nicht so hoch und sie war eine Wehrkirche. Bei Gefahr konnten sich die Reicholzheimer in ihre Umfriedungsmauern flüchten, das Tor abschließen und waren in Sicherheit. Das war sehr nötig, denn das Mittelalter war eine äußerst unsichere Zeit für die Reicholzheimer. Erst gehörten sie dem Wertheimer Grafen. Diese gaben sie dann an das Kloster Bronnbach ab und so wurde aus der übergeordneten Mutterpfarrerei eine untergeordnete Filiale. Das Kloster Bronnbach war also Jahrhunderte lang Grundherr der Gemeinde Reicholzheim. In dieser Zeit stritt sich jeder mit jedem, die Wertheimer Grafen mit den Bronnbacher Abten, die Reicholzheimer Bauern[12] und den Mainzer Bischöfen. Immer ging es um Zuständigkeiten, Besitz und Macht. Im 16. Jahrhundert verschoben sich die Machtverhältnisse zugunsten der Wertheimer Grafen. Diese führten die Reformation ein. Zwischen 1573 und 1648 mussten sie 6 mal ihre Religion ändern. Der Augsburger Religionsfriede beruhte auf dem Grundsatz: "Quiuz regio eius religio". Dies hieß, die Religion der Grundherren müssen seine Untertanen annehmen und wenn sie das nicht wollten, mussten sie auswandern. Erst 1674 kehrte wieder Ruhe ein. Reicholzheim wurde endgültig dem Kloster Bronnbach zugesprochen, die Einwohner wurden wieder katholisch. Jetzt war ihre Kirche zu klein geworden und wahrscheinlich wollte man auch nicht mehr an die turbulente Vergangenheit erinnert werden und so ließ der Bronnbacher Abt die Kirche neu errichten.

Kirche St. Georg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche St. Georg entstand vermutlich nach dem Abriss der Wehrkirche der Urpfarrei Reicholzheim aus dem 11. Jahrhundert. Der in Grünsfeld gebürtige Bronnbacher Abt Joseph Hartmann (1699–1724) ließ die neue Kirche nach den Plänen seines Vorgängers, Abt Franz Wundert (1670–1699), in den Jahren 1710 bis 1713 errichten. Die Bauleitung erhielt der Würzburger Stadtbaumeister Johann Josef Greissing (1664–1721), der jedoch noch vor der Fertigstellung in Würzburg verstarb. Zu diesem Zeitpunkt war der Rohbau der Kirche vollendet. Der geplante Prunkbau konnte nicht realisiert werden, da die Mittel des Klosters Bronnbach hierfür nicht ausreichten.

Die Kirche hat im Grundriss eine Breite von 11,20 m und mit dem ehemaligen Chor, der etwas schmäler, dafür länger als der jetzige war, eine Länge von 37,50 m. Die Deckenhöhe beträgt 9 m. Sie steht in Richtung Ost-West, das Langschiff ist im Wesentlichen unverändert. Der Grundriss der Sakristei war erheblich kleiner als der der heutigen Anbauten. Damals wie heute bestand je ein Zugang zum Turm und zur Sakristei. Das Sakramentshäuschen, das auf der Turmseite angebracht ist, stammt aus der Zeit des Rohbaus. Der Westgiebel ist im Barockstil gehalten, er enthält das Hauptportal mit den profilierten Türgewändern und den Sturz mit den Initialen des Erbauers. Darüber befindet sich das Wappen des Abtes, in je einer Nische stehen beiderseitig davon die Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Die 1721 durch den Bildhauermeister Johann Thomas Müller aus Freudenberg gefertigten Statuen kosteten damals 19 Gulden. Die Empore wurde unter Abt Ambosius Balbus eingebaut. Das Fundament und die Umfassungsmauern sind aus heimischem Rotsandstein gemauert.

1903/04 wurde die Kirche unter dem Pfarrer Martin Noe erweitert und ein 43 m hoher Kirchturm errichtet. Besonders sehenswert sind die Barockaltäre, die vom Würzburger Meister Balthasar Esterbauer angefertigt wurden. Kirchenpatron ist der Heilige Georg, der im Aufbau des Hochaltars im Kampf mit dem Drachen zu sehen ist. Vor einigen Jahren wurde die Fassade der Kirche aufwändig renoviert.

Kapelle und Kriegerdenkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreifaltigkeitskapelle wurde 1893–1894 von Adam Umert mit der Hilfe von mehreren Dorfbewohnern errichtet und steht genau wie das Kriegerdenkmal auf einem Berg, von dem das ganze Dorf überblickt werden kann. Die Kapelle ist aus dem vor Ort vorkommenden Rotsandstein gebaut. Das Kriegerdenkmal ermöglicht einen Ausblick auf den Ort und das Taubertal bei Reicholzheim. Es wurde 1932 unter der Regie der Kriegerkameradschaft gebaut; auf den roten Sandsteintafeln sind die Namen der Gefallenen und vermissten Reicholzheimer des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu sehen.

Tauberbrücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 14. Jahrhundert existierte an der Stelle der jetzigen Brücke ein hölzerner Vorgängerbau, der bei einem Hochwasser 1732 zerstört wurde. In den folgenden 40 Jahren existierte keine Brücke, sondern nur eine Furt, bis 1772 die heutige Brücke aus Sandstein erbaut wurde. Sie erstreckt sich mit vier Bögen über eine Länge von 39 Metern und trägt eine Statue des hl. Nepomuk von 1949.[13][14]

Kulinarische Spezialitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zemmede, eine einfache Mehlspeise

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • der Autofreie Sonntag, der alle zwei Jahre im unteren Taubertal am 2. Sonntag im August, stattfindet und an dem sich Reicholzheim mit einem Brückenfest beteiligt,
  • Die Faschingsfremdensitzungen des RNC,
  • das Hofschoppenfest, bei dem regionale Weine verkauft werden,
  • der Weihnachtsmarkt, bei dem es regionale Produkte zu kaufen gibt.

Dialekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Reicholzheim hat sich im Laufe des Mittelalters ein eigener Dialekt des Taubergründischen entwickelt.[15] Er wird von Reicholzheimer im Dorf und vor allem auf den Faschingssitzungen des Reicholzheimer Faschingsclub verwendet.

Beispiele[16]:

Hochdeutsch Reicholzheimer Dialekt
heißen ghaasse
unserem unnerm
herausgekommen nauskumme
schimpfen g´schennt
glauben glaab
hat hoat
Arbeit Aerwet
wirklich wärgli
einreden ejgreedt
haben häwwe
werden wärd
meinen moan
hoch nuff
geredet gebabbelt

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reicholzheim besitzt einen Kindergarten und eine Grundschule sowie ein Gemeindezentrum, in dem die Ortsverwaltung, die evangelische Kirchengemeinde und die Freiwillige Feuerwehr untergebracht sind. Des Weiteren besitzt Reicholzheim eine Turn- und Festhalle, in der bis zu 500 Menschen Platz finden sowie zwei Sportplätze, eine Motocrossstrecke und eine Sternwarte.

Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tourismus ist ein entscheidender Faktor der Wirtschaft in Reicholzheim geworden, der durch den Radfahrweg Liebliches Taubertal stark zugenommen hat.

Weinbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte des Satzenbergs von 1805

Der Weinbau stellt in Reicholzheim seit Jahrhunderten eine Einkommensquelle dar. So fand der Satzenberg zwischen Reicholzheim und Bronnbach, die letzte bewirtschaftete Terrassenlage an der Tauber, bereits 1318 erstmals urkundliche Erwähnung; vermutlich wurde er jedoch bereits im 8. Jahrhundert angelegt.[17] Die Reicholzheimer Hauptlage ist der „First“. In Reicholzheim befindet sich eine Außenstelle der Gebietswinzergenossenschaft Franken (GWF).

Industrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Reicholzheim gibt es mehrere Firmen, darunter folgende überregionale Betriebe:

  • Sauerstoffwerk Friedrich Gutroff GmbH, Hersteller von Industriegasen und Sauerstoff
  • TFA Dostmann, Hersteller von Thermometern und digitalen Wetterstationen
  • UEBE GmbH & UEBE Medical GmbH, Hersteller von Fieberthermometern und Blutdruckmessgeräten

Höhenfestpunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richolfstraße 60, Ecke Alte Heerstraße, Gasthaus zum Riesen, Südostseite; 1,10 m von der Südwestkante; 0,10 m unter Sockelhöhe; 0,53 m über Gehweg (Asphalt), Inschrift: 1338". Es handelt sich um einen Höhenfestpunkt erster Ordnung, d. h., er wurde im Verbund mit einer Schweremessung auf Millimeter genau bestimmt. Die Höhe dort (Oberkante) ist 149,378 m ü. NHN.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fridolin Bischof: Reicholzheim: Blut und Boden. Reicholzheim 1938
  • Wappenbuch des Landkreises Tauberbischofsheim, Staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg, 1967
  • Paul Benz: Reicholzheim – ältestes Dorf im unteren Taubertal. Verlegt von Horst Benz/Schnaufer Druck, 1993
  • Pfarrgemeinde St. Georg Reicholzheim – damals und heute. Pfarrgemeinderat St. Georg Reicholzheim, 2003

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Reicholzheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erholungsort Reicholzheim
  2. Ortsfamilienbuch Reicholzheim: Martin KRIEG *1828 +1897. Abgerufen am 16. Februar 2017.
  3. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- u. Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen u. Reg.-Bez. vom 27.5.1970 bis 31.12.1982. Kohlhammer, Stuttgart/Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 469.
  4. Wertheim: CDU Stadtverband Wertheim - Bürgerschaftliches Engagement in Reicholzheim gewürdigt. Abgerufen am 27. Februar 2017 (deutsch).
  5. Den Rosengarten ersetzen. In: main-echo.de. (main-echo.de [abgerufen am 27. Februar 2017]).
  6. Ortsfamilienbuch Reicholzheim: Adam OETZEL *1681 +1752. Abgerufen am 16. Februar 2017.
  7. Stadtverwaltung Wertheim: wertheim.de - Zahlen, Daten, Fakten. Abgerufen am 6. April 2017 (deutsch).
  8. Stadtverwaltung Wertheim: wertheim.de - Wahlen. Abgerufen am 6. März 2017 (deutsch).
  9. Ortsfamilienbuch Reicholzheim: Simon WERLEIN +1730. In: www.online-ofb.de. Abgerufen am 24. März 2016.
  10. Reicholzheim. In: www.suehnekreuz.de. Abgerufen am 24. März 2016.
  11. Web Commerce GmbH www.w-commerce.de: Die Pfarrkirche St. Georg in Reicholzheim. Abgerufen am 16. Februar 2017 (deutsch).
  12. Ortsfamilienbuch Reicholzheim: Leonhard SIMON +1694. Abgerufen am 16. Februar 2017.
  13. Historische Tauberbrücke saniert. In: Wertheimer Zeitung vom 7. September 2012
  14. Tauberbrücke Reicholzheim Tauberbrücke Reicholzheim. structurae.de, abgerufen am 5. März 2014.
  15. Administrator: Reichelzer Dialekt. Abgerufen am 27. Februar 2017.
  16. Reinhard Horber: Reicholzheimer Dialekt - der Gagg. Abgerufen am 27. Februar 2017.
  17. Wo ein besonderer Tropfen wächst … Landesarchiv Baden-Württemberg, abgerufen am 11. November 2011