Reicholzheim

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Koordinaten: 49° 43′ 38″ N, 9° 32′ 5″ O

Reicholzheim
Stadt Wertheim
Wappen von Reicholzheim
Höhe: 158 m ü. NN
Fläche: 17,41 km²
Einwohner: 1300
Bevölkerungsdichte: 75 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1975

Reicholzheim an der Tauber ist der größte periphere Ortsteil der großen Kreisstadt Wertheim mit ungefähr 1300 Einwohnern und seit 1968 ein staatlich anerkannter Erholungsort.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wappen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blasonierung: In Rot ein goldener Brunnen mit zwei Schalen, aus denen silbernes Wasser fließt.

Ein 1614 vom Dorfgericht Dörlesberg ausgestellter Geburtsbrief wurde mit dem Privatsiegel des Reicholzheimer Oberschultheiß Johannes Heid besiegelt. Es trägt die Umschrift „REICHOLTZ. HEIMB. G. INS. 1760“ (= Reicholzheimer Gerichts-Insiegel) und zeigt den berittenen heiligen Georg, einen Drachen tötend. 1788 wurde unter einem gemeinen Dorf- und Gerichts Insiguel, wie gewöhnlich (Staatsarchiv Würzburg: Geburtsbriefe) ein Geburtsbrief ausgestellt; dieses Siegel wurde bis 1813 verwendet. In der Zeit von 1856 bis 1888 verwendete die Gemeinde neben einem ovalen Farbstempel mit der Inschrift „GEMEINDEVERWALTUNG REICHOLZHEIM“ ein etwas größeres Prägesiegel mit der Umschrift „GERICHTS SIEGEL DER GEMEINDE REICHOLZ HEIM“, die von einem Blumenkranz umgeben war. Außerdem führte Reicholzheim bis 1901 einen Farbstempel mit dem Buchstaben R im gekrönten Schild. Auf Vorschlag des Generallandesarchivs und in Erinnerung an die frühere Zugehörigkeit zum Kloster Bronnbach nahm der Gemeinderat am 9. September 1901 das heutige Wappen an. Es war erstmals 1650 neben dem persönlichen Wappen des Abtes erschienen und wurde in dieser Form in das linke Untereck des fürstlich löwenstein-wertheimischen Wappens aufgenommen. Das Innenministerium Baden-Württemberg verlieh Reicholzheim am 19. März 1965 außerdem das Recht, eine Flagge in den Farben „Gelb-Rot“ zu führen.

Gründung von Reicholzheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urkundlich erwähnt wird Reicholzheim erstmals 1178 als Richolfsheim. Dabei bestätigt Bischof Reinhard von Würzburg, dass die Zisterzienser-Abtei Kloster Bronnbach im Gebiet der Pfarrei Reicholzheim liegt. Wahrscheinlich ist Reicholzheim älter, denn es wurden bei einem Hausneubau alte Ausgrabungen gefunden, die vermutlich aus dem 5. Jahrhundert stammen. Den Ortsnamen erhielt Reicholzheim entweder vom Ritter Richolt oder vom Mainzer Erzbischof Richulf (Amtszeit: 787– 813 n. Chr.). Im Mittelalter hatte Reicholzheim verschiedene Namen: Reicholtsheim, Reichelsheim, Richolfsheim und Richolvesheim.

Reicholzheim im Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 12. Jahrhundert war das Grafschaftsdorf dem Wertheimer Grafen unterstellt, nach der Gründung des Klosters Bronnbach 1151 wird Reicholzheim als Klosterdorf erwähnt. So werden 1285 von Graf Rudolf II. alle seine Güter in Reicholzheim an das Kloster Bronnbach übergeben. Er behielt sich nur die Landesherrlichkeit vor. Durch den Verkauf des Straßengerichts im 1369 ging das letzte Recht des Wertheimer Grafen an das Kloster Bronnbach über, so dass Reicholzheim im vollen Umfange dem Kloster Bronnbach unterstellt war. Durch die Reformation ging 1524 Reicholzheim für 150 Jahre wieder in den Besitz des Grafen in Wertheim über, und die Reicholzheimer mussten in dieser Zeit sieben Mal ihre Konfession von katholisch auf evangelisch und umgekehrt ändern. So wechselte die Hoheit über Reicholzheim im Mittelalter immer wieder zwischen dem Grafen von Wertheim und dem Kloster Bronnbach, das zu dem Bistum Würzburg gehörte. Die weltlichen Verwaltungsstellen des Klosters waren in Reicholzheim untergebracht, so z. B. die Steuereinzugstelle des Würzburger Bistums. Ab dem 16. Jahrhundert spielte der Weinbau für Reicholzheim eine entscheidende Rolle. Dies war vor allem den Bronnbacher Mönchen zu verdanken, die die Kultur des Dorfes in religiöser und geistiger Hinsicht beeinflussten. So förderte das Kloster vor allem den Weinbau und die Landwirtschaft in Reicholzheim.

Reicholzheim im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1803 wurde das Kloster Bronnbach im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses aufgelöst, und so unterstand Reicholzheim ab diesem Zeitpunkt dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Mit dem Bau der Taubertalbahn in den Jahren 1870–1871 entstand die wichtige infrastrukturelle Anbindung Reicholzheims, die die Ansiedlung des heutigen links der Tauber bestehenden Teils des Dorfes bewirkt hat. So entwickelten sich dort nach dem Ersten Weltkrieg verschiedene Industrie- und Gewerbebetriebe und eine größere Wohnsiedlung. Die Einwohnerzahl des Dorfes betrug 1900 mit Bronnbach 1.000. 1928 wurde Bronnbach durch Beschluss des badischen Landtags von Reicholzheim politisch getrennt und 1936 in Reicholzheim eingemeindet. Am 1. Januar 1975 wurde Reicholzheim gegen den Widerstand vieler Bürger Reicholzheims durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Baden-Württemberg zu Wertheim eingemeindet, wodurch Wertheim Große Kreisstadt werden konnte.

Reicholzheim und Kloster Bronnbach im Mai 2009

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Steinkreuznest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Steinkreuznest in Reicholzheim

Das Steinkreuznest in Reicholzheim ist die größte Steinkreuznestansammlung Deutschlands mit 14 Steinkreuzen, die aus Sandstein sind, in einer roten Sandsteinstützmauer eingebettet sind und auf dem alten Höhenweg zwischen Reicholzheim und Bronnbach stehen. Acht von den Steinkreuzen sind mit verschiedenen Zeichen versehen, es treten folgende Zeichen auf: Schwerter, Dolchmesser, Hammer, Lillie und ein Krug oder ein Hafen. Neben den Steinkreuzen befindet sich ein Bildstock aus dem Jahre 1722 der von Simon Werlein († 1730) aus Wittighausen der als Koch im Kloster Bronnbach gearbeitet hat, mit seiner Bronnbacher Frau Apollonia (geb. Kuhn 1675-1752) zu ehren Gottes gestiftet worden ist.[2][3] Deshalb steht auf dem Bildstock folgende Aufschrift: "ZU EHREN GOTTES UND MARIÄ HAT SIMON WERLEIN ABTEI KOCH MIT APOLLNIA SEINE HAUSFRAU DIES BILD SETZEN LASSEN"

Um das Steinkreuznest rankt sich folgende Sage: Es sollen neun bis zwölf junge Höhefelder Burschen mit einem schönen Mädchen von der Kirchweihe in Waldenhausen heimgegangen sein. Bei Reicholzheim gerieten sie wegen des schönen Mädchens in Streit. Während dieses Streits sollen alle Burschen bis auf einen und das Mädchen getötet worden sein. Der eine Bursche, der überlebte, soll bis zur Gamburger Steige gelaufen sein, wo er sich selbst umbrachte. Unterhalb von dem Steinkreuzenest steht noch ein weiteres Steinkreuz, bis zu dem das Blut des Streits geflossen sein soll. Bis heute soll es bei den Kreuzen nachts spuken, so die Sage Die Kreuze oberhalb von Reicholzheim.

Historisch sind die Steinkreuze aus verschiedenen Orten zusammengetragen worden und wurden dort aufgestellt. In einer Dorfordnung von 1494 sind die Steinkreuze erstmals erwähnt, sodass anzunehmen ist, dass zu diesem Zeitpunkt schon eine erste Ansammlung von Kreuzen dort zu finden war. Im Allgemeinen ist das Alter der Steinkreuze zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zu datieren, ein historischer Hintergrund, warum diese Steinkreuze dort angesiedelt wurden, ist bisher nicht bekannt. Ein angrenzender Flurname „Streitacker“ wäre ein Hinweis auf langandauernde Besitzstreitigkeiten, die möglicherweise mit Blutrache verbunden, den realen Hintergrund bilden könnten.

Kirche St. Georg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche Sankt Georg in Reicholzheim

Die Kirche St. Georg entstand vermutlich nach dem Abriss der Wehrkirche der Urpfarrei Reicholzheim aus dem 11. Jahrhundert. Der in Grünsfeld gebürtige Bronnbacher Abt Joseph Hartmann (1699–1724) ließ sie nach den Plänen seines Vorgängers, Abt Franz Wundert (1670–1699), in den Jahren 1710 bis 1713 errichten. Die Bauleitung erhielt der Würzburger Stadtbaumeister Johann Josef Greissing (1664–1721), der jedoch noch vor der Fertigstellung in Würzburg verstarb. Zu diesem Zeitpunkt war der Rohbau der Kirche vollendet. Der geplante Prunkbau konnte nicht realisiert werden, da die Mittel des Klosters Bronnbach hierfür nicht ausreichten.

Die Kirche hat im Grundriss eine Breite von 11,20 m und mit dem ehemaligen Chor, der etwas schmäler, dafür länger als der jetzige war, eine Länge von 37,50 m. Die Deckenhöhe beträgt 9 m. Sie steht in Richtung Ost-West, das Langschiff ist im Wesentlichen unverändert. Der Grundriss der Sakristei war erheblich kleiner als der der heutigen Anbauten. Damals wie heute bestand je ein Zugang zum Turm und zur Sakristei. Das Sakramentshäuschen, das auf der Turmseite angebracht ist, stammt aus der Zeit des Rohbaus. Der Westgiebel ist im Barockstil gehalten, er enthält das Hauptportal mit den profilierten Türgewändern und den Sturz mit den Initialen des Erbauers. Darüber befindet sich das Wappen des Abtes, in je einer Nische stehen beiderseitig davon die Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Die 1721 durch den Bildhauermeister Johann Thomas Müller aus Freudenberg gefertigten Statuen kosteten damals 19 Gulden. Die Empore wurde unter Abt Ambosius Balbus eingebaut. Das Fundament und die Umfassungsmauern sind aus heimischem Rotsandstein gemauert.

1903/04 wurde die Kirche unter dem Pfarrer Martin Noe erweitert und ein 43 m hoher Kirchturm errichtet. Besonders sehenswert sind die Barockaltäre, die vom Würzburger Meister Balthasar Esterbauer angefertigt wurden. Kirchenpatron ist der Heilige Georg, der im Aufbau des Hochaltars im Kampf mit dem Drachen zu sehen ist. Vor einigen Jahren wurde die Fassade der Kirche aufwändig renoviert.

Kapelle und Kriegerdenkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreifaltigkeitskapelle wurde 1893–1894 von Adam Umert mit der Hilfe von mehreren Dorfbewohnern errichtet und steht genau wie das Kriegerdenkmal auf einem Berg, von dem das ganze Dorf überblickt werden kann. Die Kapelle ist aus dem vor Ort vorkommenden Rotsandstein gebaut. Das Kriegerdenkmal ermöglicht einen Ausblick auf den Ort und das Taubertal bei Reicholzheim. Es wurde 1932 unter der Regie der Kriegerkameradschaft gebaut; auf den roten Sandsteintafeln sind die Namen der Gefallenen und vermissten Reicholzheimer des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu sehen.

Tauberbrücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im 14. Jahrhundert existierte an der Stelle der jetzigen Brücke ein hölzerner Vorgängerbau, der bei einem Hochwasser 1732 zerstört wurde. In den folgenden 40 Jahren existierte keine Brücke, sondern nur eine Furt, bis 1772 die heutige Brücke aus Sandstein erbaut wurde. Sie erstreckt sich mit vier Bögen über eine Länge von 39 Metern und trägt eine Statue des hl. Nepomuk von 1949.[4][5]

Öffentliche Einrichtungen und Dorfleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reicholzheim besitzt einen Kindergarten und eine Grundschule sowie ein Gemeindezentrum, in dem die Ortsverwaltung, die evangelische Kirchengemeinde und die Freiwillige Feuerwehr untergebracht sind. Des Weiteren besitzt Reicholzheim eine Turn- und Festhalle, in der bis zu 500 Menschen Platz finden sowie zwei Sportplätze, eine Motocrossstrecke und eine Sternwarte.

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • der Autofreie Sonntag, der alle zwei Jahre im unteren Taubertal am 2. Sonntag im August, stattfindet und an dem sich Reicholzheim mit einem Brückenfest beteiligt,
  • Die Faschingsfremdensitzungen des RNC,
  • das Hofschoppenfest, bei dem regionale Weine verkauft werden,
  • der Weihnachtsmarkt, bei dem es regionale Produkte zu kaufen gibt.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tourismus ist ein entscheidender Faktor der Wirtschaft in Reicholzheim geworden, der durch den Radfahrweg Liebliches Taubertal stark zugenommen hat.

Weinbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karte des Satzenbergs von 1805

Der Weinbau stellt in Reicholzheim seit Jahrhunderten eine Einkommensquelle dar. So fand der Satzenberg zwischen Reicholzheim und Bronnbach, die letzte bewirtschaftete Terrassenlage an der Tauber, bereits 1318 erstmals urkundliche Erwähnung; vermutlich wurde er jedoch bereits im 8. Jahrhundert angelegt.[6] Die Reicholzheimer Hauptlage ist der „First“. In Reicholzheim befindet sich eine Außenstelle der Gebietswinzergenossenschaft Franken (GWF).

Industrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Reicholzheim gibt es mehrere Firmen, darunter folgende überregionale Betriebe:

  • Sauerstoffwerk Friedrich Gutroff GmbH, Hersteller von Industriegasen und Sauerstoff
  • TFA Dostmann, Hersteller von Thermometern und digitalen Wetterstationen
  • UEBE GmbH & UEBE Medical GmbH, Hersteller von Fieberthermometern und Blutdruckmessgeräten

Kulinarische Spezialitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zemmede, eine einfache Mehlspeise

Höhenfestpunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richolfstraße 60, Ecke Alte Heerstraße, Gasthaus zum Riesen, Südostseite; 1,10 m von der Südwestkante; 0,10 m unter Sockelhöhe; 0,53 m über Gehweg (Asphalt), Inschrift: 1338". Es handelt sich um einen Höhenfestpunkt erster Ordnung, d. h., er wurde im Verbund mit einer Schweremessung auf Millimeter genau bestimmt. Die Höhe dort (Oberkante) ist 149,378 m ü. NHN.

In Reicholzheim geboren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Fridolin Bischof: Reicholzheim: Blut und Boden. Reicholzheim 1938
  • Wappenbuch des Landkreises Tauberbischofsheim, Staatliche Archivverwaltung Baden-Württemberg, 1967
  • Paul Benz: Reicholzheim – ältestes Dorf im unteren Taubertal. Verlegt von Horst Benz/Schnaufer Druck, 1993
  • Pfarrgemeinde St. Georg Reicholzheim – damals und heute. Pfarrgemeinderat St. Georg Reicholzheim, 2003

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Reicholzheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erholungsort Reicholzheim
  2. Ortsfamilienbuch Reicholzheim: Simon WERLEIN +1730. In: www.online-ofb.de. Abgerufen am 24. März 2016.
  3. Reicholzheim. In: www.suehnekreuz.de. Abgerufen am 24. März 2016.
  4. Historische Tauberbrücke saniert. In: Wertheimer Zeitung vom 7. September 2012
  5. Tauberbrücke Reicholzheim Tauberbrücke Reicholzheim. structurae.de, abgerufen am 5. März 2014.
  6. Wo ein besonderer Tropfen wächst … Landesarchiv Baden-Württemberg, abgerufen am 11. November 2011