Richard Lewontin

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Richard Charles „Dick“ Lewontin (* 29. März 1929 in New York City) ist ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, Genetiker und Gesellschaftskritiker. Lewontin war an der Entwicklung der mathematischen Grundlagen der Populationsgenetik und der Evolutionstheorie maßgeblich beteiligt. Als einer der Ersten benutzte er molekularbiologische Techniken, wie beispielsweise die Gelelektrophorese, um Problemstellungen der Mutation und Evolution zu klären. In zwei Aufsätzen von 1966, die er zusammen mit J. L. Hubby in der Zeitschrift Genetics veröffentlichte, legte er die Grundlage für die moderne Molekulare Evolution.

Biographie[Bearbeiten]

Lewontin besuchte die Forest Hills High School und die Ecole Libre des Hautes Etudes in New York. 1951 erlangte er seinen BA in Biologie an der Harvard University und ein Jahr später seinen MA in mathematischer Statistik an der Columbia University, gefolgt von einem Doktorat in Zoologie. Er arbeitete an der North Carolina State University, der University of Rochester und der University of Chicago. 1973 lehrte er als Alexander-Agassiz-Professor der Zoologie und bis 1998 als Professor der Biologie in Harvard und war 2003 der Alexander Agassiz Research Professor. Lewontin hatte großen Einfluss auf viele Philosophen der Biologie wie William Wimsatt, der mit ihm in Chicago lehrte, seinen Studienkollegen Robert Brandon sowie Elliott Sober, Philip Kitcher und Peter Godfrey-Smith. Er lud sie oft zur Arbeit in seinem Labor ein.

Arbeit[Bearbeiten]

Lewontin und sein Harvard-Kollege Stephen Jay Gould führten das aus der Architektur stammende Wort „spandrel“ (Spandrille) in den evolutionären Kontext ein. In ihrer einflussreichen Schrift The spandrels of San Marco and the Panglossion paradigm: a critique of the adaptationist programme (1979) beschrieben sie damit ein Merkmal eines Organismus, das als notwendige Konsequenz aus anderen Merkmalen existiert und nicht durch natürliche Selektion entstanden ist. Die relative Häufigkeit von solchen Merkmalen gegenüber adaptiven Merkmalen in der Natur bleibt ein kontroverses Thema der Evolutionsbiologie.

Lewontin war in seinem Artikel The Units of Selection ein früher Verfechter einer Hierarchie von Ebenen der natürlichen Selektion. Außerdem betonte er die Wichtigkeit der Geschichtlichkeit (historicity), also der Reihenfolge vergangener Ereignisse auf die Evolution, wie er in Is Nature Probable or Capricious schrieb.

In Organism and Environment in Scientia und in populärerer Form im letzten Kapitel von Biology as Ideology sagte Lewontin, dass man im Gegensatz zur traditionellen darwinistischen Darstellung des Organismus als passiven Empfänger von Umwelteinflüssen den Organismus als aktiven Schöpfer der Umwelt ansehen sollte. Nischen sind keine vorgeformten, leeren Behälter, in die die Organismen eingefügt werden, sondern werden von den Organismen definiert und geschaffen. Die Beziehung zwischen Organismus und Umgebung ist wechselseitig und dialektisch. M. W. Feldman, K. N. Laland und F. J. Odling-Smee haben aus Lewontins Konzept detailliertere Modelle entwickelt.

Lewontin hat lange die traditionellen neodarwinistischen Ansichten zur Adaptation kritisiert. In seinem Artikel Adaptation in der italienischen Encyclopedia Einaudi und einer abgeschwächten Version in Scientific American betonte er die Notwendigkeit einer technischen Charakterisierung der Adaptation unabhängig von der Messung der Nachkommenzahlen, statt einfach anzunehmen, dass Organe und Organismen optimal angepasst seien. Seine allgemeinere technische Kritik des Adaptationismus resultiere aus der Erkenntnis, dass die Trugschlüsse der Soziobiologie fundamental falsche Annahmen über die Anpassungsfähigkeit im Neodarwinismus offenbaren.

Zusammen mit anderen Forschern wie Stephen Jay Gould kritisierte Lewontin immer wieder einige Themen des Neodarwinismus, insbesondere Soziobiologen und Evolutionspsychologen wie Edward O. Wilson oder Richard Dawkins, die versuchten, tierische Verhaltensweisen und soziale Strukturen mit evolutionären Fortschritten oder Strategien zu erklären. Dies wurde bei der Anwendung auf Menschen kontrovers diskutiert, da manche es als genetischen Determinismus ansehen. Lewontin forderte in seinen Schriften einen nuancierteren Blick auf die Evolution, der seiner Meinung nach ein besseres Verständnis des ganzen Organismus und der Umgebung erfordert.

Solche Sorgen über eine angeblich übertriebene Vereinfachung der Genetik veranlassten Lewontin immer wieder zu Kommentaren in Debatten und er hielt viele Vorlesungen, um seine Ansichten über Evolutionsbiologie und Wissenschaft zu verbreiten. In seinen Büchern wie Not in Our Genes (zusammen mit Steven Rose und Leon J. Kamin) und zahlreichen Artikeln stellte er die Vererbung von menschlichen Verhaltensweisen und in IQ-Tests gemessener Intelligenz in Frage, wie sie zum Beispiel in The Bell Curve von Charles Murray beschrieben wird.

Einige Akademiker kritisierten Lewontin für seine Ablehnung der Soziobiologie und schreiben diese seinen politischen Ansichten zu (Lewontin identifizierte sich zeitweise als Marxist oder zumindest links orientiert; vgl. Wilson 1995). Andere (wie Kitcher 1985) erwiderten, dass Lewontins Kritik auf Sorgen um die Disziplin beruht. Steven Pinker (2002) meint, dass Lewontin eine Strohmann-Version der Soziobiologie (oder ihrer modernen Inkarnation als Evolutionäre Psychologie) angreift und somit das Ziel verfehlt.

Gleichnis von den zwei Feldern[Bearbeiten]

Erblichkeitsschätzungen innerhalb einer Gruppe dürfen nicht zur Interpretation von Gruppenunterschieden herangezogen werden[1]

Eine von Lewontins bekanntesten Thesen ist das Gleichnis von den zwei Feldern: Man stelle sich vor, man habe einen Sack voll Weizenkörner. Man teile diesen Sack rein zufällig in zwei Hälften. Die eine Hälfte säe man auf einem fruchtbaren Boden, den man gut wässert und düngt. Die andere Hälfte werfe man auf einen kargen Acker.

Wenn man nun das erste Feld betrachtet, wird einem auffallen, dass die Weizenähren verschieden groß sind. Man wird dies auf die Gene zurückführen können, denn die Umwelt war für alle Ähren gleich. Wenn man das zweite Feld betrachtet, wird man die Variation innerhalb des Feldes auch auf die Gene zurückführen können. Doch es wird auch auffällig sein, dass es große Unterschiede zwischen dem ersten Feld und dem zweiten Feld gibt. Auf dem ersten Feld sind die Unterschiede zu 100 % genetisch, auf dem zweiten Feld sind die Unterschiede zu 100 % genetisch, doch das heißt nicht, dass die Unterschiede von Feld 1 und Feld 2 auch genetisch sind.

Analog betrachtet Lewontin das Verhältnis sozialer Schichten. Laut Lewontin könnten die IQ-Unterschiede innerhalb einer Schicht zu einem gewissen Prozentsatz genetisch sein, doch dies würde nicht zur Folge haben, dass die Unterschiede zwischen zwei Schichten auch genetisch sein müssten. Als Beweise für seine These nennt Lewontin Adoptions- und Zwillingsstudien, zum Beispiel die Zwillingsstudie von Skodak und Skeels und die Minnesota Transracial Adoption Study.

Weitere Interessengebiete[Bearbeiten]

Lewontin befasste sich auch mit der Ökonomie der industriellen Landwirtschaft. Er war der Auffassung, dass hybrides Getreide nicht wegen seiner besseren Qualität entwickelt und propagiert wurde, sondern weil es den Firmen erlaubte, die Bauern jährlich zum Kauf von neuem Saatgut zwingen, statt Samen aus der vorherigen Ernte zu pflanzen. Er sagte in einem erfolglosen Prozess in Kalifornien aus, der sich gegen die staatliche Finanzierung der Forschung zur Entwicklung von automatischen Tomatenerntern wandte, die den Profit der industriellen Landwirtschaft gegenüber der Anstellung von Farmarbeitern bevorzugte.

Werke[Bearbeiten]

  • Is Nature Probable or Capricious? In: Bio Science. Vol. 16, 1966, S. 25–27.
  • The Units of Selection. In: Annual Reviews of Ecology and Systematics. Vol. 1, 1970, S. 1–18.
  • The Apportionment of Human Diversity. In: Evolutionary Biology. Vol. 6, 1972, S. 391-398.
  • The Genetic Basis of Evolutionary Change. Columbia University Press, 1974, ISBN 0-231-03392-3
  • Adattamento. In: Enciclopedia Einnaudi. Vol. 1, 1977, S. 198–214.
  • Adaptation. In: Scientific American. Vol. 239, 1978, S. 212–228.
  • The spandrels of San Marco and the Panglossion paradigm: a critique of the adaptationist programme. In: Proc R Soc Lond B. 205, 1979, S. 581–598 (mit S. J. Gould).
  • Human Diversity. 2nd ed. Scientific American Library, 1995, ISBN 0-716-76013-4.
  • The Organism as Subject and Object of Evolution. In: Scientia. Vol. 188, 1983, S. 65–82.
  • Not in Our Genes: Biology, Ideology and Human Nature 1984, ISBN 0-394-72888-2 (mit Steven Rose und Leon J. Kamin).
  • The Dialectical Biologist. Harvard University Press, 1985, ISBN 0-674-20283-X (mit Richard Levins).
  • Biology as Ideology: The Doctrine of DNA. 1991, ISBN 0-060-97519-9.
  • The Triple Helix: Gene, Organism, and Environment. Harvard University Press, 2000, ISBN 0-674-00159-1.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. How Heritability Misleads about Race. The Boston Review, XX, no 6, January, 1996, S. 30-35 [1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Philip Kitcher: Vaulting Ambition: Sociobiology and the Quest for Human Nature. MIT Press, 1985, ISBN 0262111098.
  • Steven Pinker: The Blank Slate: The Denial of Human Nature in Modern Intellectual Life. Penguin Press, 2002.
  • Rama S. Singh, Costas Krimbas, Diane Paul, John Beattie: Thinking about Evolution. Cambridge University Press, 2001 (eine zweibändige Festschrift für Lewontin mit vollständiger Bibliographie).
  • Edward O. Wilson: Science and ideology. In: Academic Questions. 8, 1995 (online).

Weblinks[Bearbeiten]