Rote Zora (Terrororganisation)

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Logo der Roten Zora

Die Rote Zora war eine linksextremistische und radikal-feministische Terrororganisation in der Bundesrepublik Deutschland. Anfang der 1970er war sie Teil der Revolutionären Zellen, von denen sie sich in den 1980er Jahren löste und selbständig wurde. Sie bekannte sich zu mehreren Anschlägen mit teilweise erheblichem Sachschaden. Der Name geht auf das Jugendbuch Die rote Zora und ihre Bande von Kurt Held zurück.

Selbstverständnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rote Zora betrachtete sich als Teil des „Frauenkampfes“ und legitimierte ihre bewaffneten Aktionen mit feministischer Theorie.[1] In einem Interview, das sie der Zeitschrift Emma zur Verfügung stellten, berichteten sie 1984 erstmals ausführlich über ihre Ziele und Arbeitsweisen und luden alle interessierten Frauen ein, mit ihnen ein auch im Alltag umsetzbares Konzept radikaler feministischer Kritik und Praxis zu entwickeln. Dabei wollten sie sich nicht allein auf spezifische „Frauenthemen“ beschränken. Neben der internationalen Frauensolidarität, Kampf gegen den § 218, Reproduktionsmedizin und Gentechnik, Sextourismus und Frauenhandel, Lebenssituation von Flüchtlingen, legten sie ihren thematischen Schwerpunkt auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen in Ländern und Regionen mit nach ihrer Ansicht besonders entfesselten Formen wirtschaftlicher und patriarchaler Verwertung.

Sie verstanden ihre Politik nicht als „extrem“, sondern als „radikal“. Ziel sei es nicht, sich von der Frauenbewegung durch extreme Formen abzugrenzen, sondern mit Frauen in extremen Widersprüchen (z. B. wirtschaftliche Abhängigkeit der betroffenen Frauen und der damit verbundenen Zwang zur Prostitution etc.) radikale Veränderungen fordernde Antworten zu finden. Unter Radikalität verstanden sie auch eine Kritik an strukturellen Gewaltverhältnissen, die sich somit auch in Gesetzen widerspiegeln würden. Radikale feministische Positionen kämen somit konsequenterweise mit dem Gesetz in Konflikt. Eine grundlegende Voraussetzung für eine radikal feministische Politik sahen sie in der Solidarität unter Frauen, die sich auch „frech“ und „selbstbewusst“ organisieren müsse. Dazu forderten sie Frauen generell auf, sich in „Banden“ zusammenzuschließen. Militarismus wird generell einer Kritik unterzogen. Die von ihnen als legitim erkannten Widerstandsformen beschreiben sie mit dem Begriff Militanz.

Terroranschläge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1987 kam es zu mehreren Brandanschlägen gegen Filialen der Adler Modemärkte. Dabei wurde mittels eines kleineren Brandsatzes die Sprinkleranlage ausgelöst, wodurch möglichst hoher Sachschaden entstehen sollte. Die Bekleidungskette Adler betrieb das Tochterunternehmen Flair Fashion in Südkorea. Deren weibliche Angestellte waren im gleichen Jahr in den Arbeitskampf getreten; diesen Streik wollte die Rote Zora mit den Anschlägen unterstützen.

Nach den durch die Anschläge ausgelösten polizeilichen Ermittlungen gegen die Gruppe ließen die Anschläge bereits deutlich nach. Ab 1991 kam es auch aus den eigenen Reihen zu immer mehr kritischen Stimmen. Die Rote Zora spaltete sich auf in einen Teil, der den bewaffneten Kampf aufgeben, und in einen Teil, der daran festhalten wollte.

Die Rote Zora versuchte Ende 1993 mit ihrem Heft Mili’s Tanz auf dem Eis einen Neuanfang der Gruppe zu starten.[2] Ein 1995 verübter Anschlag auf die Lürssen-Werft in Bremen-Lemwerder blieb jedoch ohne Resonanz, so dass das Vorhaben scheiterte.

Da die Rote Zora aus den Revolutionären Zellen hervorgegangen ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, seit wann sie selbständig Anschläge verübt hat. Anschläge wurden anhand der dazugehörigen Erklärungen der Roten Zora zugeordnet.[3]

1975
Anschlag auf das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe (als: Frauen aus den Revolutionären Zellen)
1977
Sprengstoffanschlag auf das Gebäude der Bundesärztekammer in Köln
1978
Brandanschläge auf Sexshops in Köln
1981
Brandanschlag auf das Auto des Rechtsanwalts Wagner in Köln
Verteilung von gefälschten Nahverkehrs-Fahrkarten im Ruhrgebiet (zusammen mit den Revolutionären Zellen)
1983
Vier Anschläge auf Vermittlungsagenturen für Ausländerinnen
Sprengstoffanschlag auf die philippinische Botschaft in Bonn
Sprengstoffanschläge gegen Siemens-Kommunikationstechnik in Braunschweig und Witten
Anschläge auf die Nixdorf AG in Hannover und das Datenzentrum des „Verbandes der Vereine Creditreform“ in Neuss
1984
Brandanschlag auf einen LKW der Firma Kreuzer und Sprengstoffanschlag auf die Firma Koch in Gütersloh, da diese „sich an der Knastarbeit bereichern“ würden (zusammen mit den Revolutionären Zellen)[4]
1985
Zwei Anschläge auf das Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln und ein medizinisches Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Anschlag auf das Institut für Genetik der Universität Köln
1986
Brandanschlag auf das Institut für Humangenetik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Veröffentlichung der entwendeten Dokumente
Sprengstoffanschlag auf die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig[5]
1987
Zehn Brandanschläge auf die Hauptverwaltung der Adler Modemärkte in Haibach (Unterfranken) und Filialen derselben Kette in Halstenbeck, Bremen, Oldenburg, Isernhagen, Kassel, Holzwickede, Neuss, Frankfurt und Aachen[6]
1988
Sprengstoffanschlag auf das biotechnische Institut an der TU Berlin[7]
1994
Brandanschlag auf ein Unternehmen, das Flüchtlingsunterkünfte mit Lebensmitteln belieferte, in Nürnberg und Meilitz/Gera[8]
1995
Sprengstoffanschlag auf die Fr. Lürssen Werft als einer der Rüstungslieferanten für die Türkei[9]

Rezeption in der Frauenbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Gewaltdebatte um die RAF Anfang der 1970er Jahre kritisierte die Frauenbewegung grundlegend militante und terroristische Strategien und wandte sich gegen damit sympathisierende Meinungen innerhalb der Neuen Linken. Zum Beispiel erschien im Oktober 1977 in der feministischen Zeitschrift Courage der Aufruf an alle Frauen zur Erfindung des Glücks. Darin distanzierten sich die Autorinnen von den Morden der RAF-Terroristen ebenso wie von der staatlichen Gewaltausübung. Die Militanz der Roten Zora und anderer terroristischer Frauengruppen wurden von allen Flügeln der Frauenbewegung abgelehnt. Nach den Anschlägen der Roten Zora auf Läden der Bekleidungskette Adler, die die Rechte von Frauen in der Dritten Welt missachtet hatte, kritisierten feministische Solidaritätsgruppen mit den Arbeiterinnen die Theorien und Aktionen der Roten Zora heftig. In einem Artikel von 1981 mit dem Titel Ist die Gewalt in der Frauenbewegung angekommen? entwickelte Sybille Plogstedt eine grundsätzliche Kritik der Macht- und Gewaltlogik. In der Auseinandersetzung um Gewalt und Terror in den 1980er Jahren vertiefte die Frauenbewegung im Zusammenhang mit der Frauenfriedensbewegung Ansätze zur friedlichen Konfliktlösung, die später in den internationalen Frauen- und Menschenrechtsdebatten weiterentwickelt wurden.[10]

Katharina Karcher[11] vertritt auf der Website anschlaege.at die Meinung, dass es weiter diskutiert werden sollte, ob die Aktionen der Gruppe feministisch waren.[12]

Ermittlungen und Strafverfolgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen die Rote Zora wurde wegen der Bildung terroristischer Vereinigungen ermittelt. Ein erster Prozess gegen eine Verdächtige endete mit einem Freispruch.

2007 gestand die 58 Jahre alte Pädagogin und gebürtige Hannoveranerin[13] Adrienne Agathe Gerhäuser vor dem Berliner Kammergericht ihre Beteiligung an zwei fehlgeschlagenen Sprengstoffanschlägen. Die Frau, die auch ausgebildete Funkelektronikerin ist, wurde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und versuchten Sprengstoffanschlägen angeklagt. Sie gestand, 1986 für ein Attentat auf das Gentechnische Institut in Berlin sowie 1987 auf ein Bekleidungswerk bei Aschaffenburg jeweils einen Wecker für die Zündung gekauft zu haben. Ihr und ihrem ebenfalls unter Terrorverdacht stehenden gleichaltrigen Lebensgefährten Thomas K.[14] wurden bei einem Geständnis eine Haftstrafe von 2 Jahren auf Bewährung in Aussicht gestellt und dann auch gewährt.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland (VS, 2. Aufl. 2010), Kapitel 8: Frauenbewegung und Terrorismus, S. 269
  2. Mili’s Tanz auf dem Eis, Broschüre der Roten Zora, 1993, dokumentiert auf freilassung.de
  3. ID-Archiv im IISG (Hrsg.): Die Früchte des Zorns. Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora. ID-Archiv im IISG, Berlin 1993, ISBN 3-89408-023-X (online).
  4. Anschlagserklärung der Revolutionären Zellen und Roten Zora vom August 1984
  5. Anschlagserklärung der Roten Zora vom September 1986, dokumentiert auf freilassung.de
  6. Anschlagserklärung der Roten Zora vom Juni 1987, dokumentiert auf freilassung.de
  7. Anschlagserklärung der Roten Zora vom Februar 1988, dokumentiert auf freilassung.de
  8. Anschlagserklärung der Roten Zora, dokumentiert auf freilassung.de
  9. Anschlagserklärung der Roten Zora, dokumentiert auf freilassung.de
  10. Ilse Lenz; Frauenbewegung und Terrorismus, ebd. S. 270
  11. Katharina Karcher schrieb ihre Dissertation zum Thema Female participation in leftist political violence in Germany since 1970 an der University of Warwick.
  12. Katharina Karcher: Das Patriarchat in Stücke hauen. Artikel auf der website von an.schläge, 23. Februar 2014, abgerufen am 22. April 2017.
  13. Linksextreme Frauengruppe: „Rote Zora“-Terroristin gesteht. dpa-Bericht auf stern.de, 11. April 2007, abgerufen am 22. April 2017.
  14. Uta Falck: Prozess: Die Rote Zora und ihre Schande. Spiegel Online, 11. April 2007, abgerufen am 22. April 2017.
  15. „Rote Zora“: Pädagogin bekennt sich zu Anschlägen. dieStandard.at, 11. April 2007, archiviert vom Original am 17. Juli 2012; abgerufen am 22. April 2017.