Schülke & Mayr

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Schülke & Mayr GmbH

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Rechtsform GmbH
Gründung 1889
Sitz Norderstedt, Deutschland
Leitung Christian Last, Geschäftsführer[1]
Mitarbeiterzahl 944[2]
Umsatz 281 Mio. Euro
Branche Chemie
Website schuelke.com

Die Schülke & Mayr GmbH (korrekte Firma), im Außenauftritt seit 2007 nur noch schülke, ist ein von den Hamburger Kaufleuten Rudolf Schülke und Julius H. Mayr 1889 in Hamburg-Winterhude gegründetes chemisches Unternehmen. Seit 1963 hat die Firma ihren Sitz in Norderstedt und gehört seit 1996 zur französischen Air Liquide-Gruppe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 15. April 1889 gründeten der Schiffskapitän Rudolf Schülke († 1924) und der Amsterdamer Kaufmann Julius Mayr-Bertheau (geb. Mayr; † 1921) die Firma Schülke & Mayr OHG und erwarben im gleich Jahr nach eingehender Prüfung auf Tauglichkeit durch den Bakteriologen Robert Koch für 50.000 Goldmark das Weltpatent für die Herstellung von Lysol.

Briefmarke der Afrikanischen-Seen-Post von Schülke + Mayr 1892

Dieses wasserlösliche Desinfektionsmittel Lysol legte den Grundstein für die Expansion der Firma[3] und wird als eine wichtige Grundlage für ein Überleben der europäischen Imperialisten in den afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Kolonialgebieten betrachtet.[4] 1890 wurde am Victoriasee in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (ab 1964 Vereinigte Republik Tansania) von Schülke & Mayr eine Station zur Erprobung von Lysol und anderer medizinischer Erzeugnisse angelegt.[5] Schülke & Mayr führte ebenfalls vor Ort für das Jahr 1892 die private Afrikanische-Seen-Post mit eigener Briefmarkenserie zwecks Boten-Transporte von Daressalam zum Victoriasee, nach Tabora, Bukoba und Mwanza.

1893 Bestätigung hilfreichen Bürgertums

Durch den Einsatz von Lysol gelang die Bekämpfung der Choleraepidemie von 1892 in Hamburg, wofür dem Unternehmen 1893 von dem Nothstands-Comite der Freien und Hansestadt Hamburg die Bestätigung hilfreichen Bürgertums in Form einer Ehrenurkunde überreicht wurde.

In eine Aktiengesellschaft wurde Schülke & Mayr 1911 gewandelt. 1913 wurde das erste Markendesinfektionsmittel für den Endverbrauchermarkt mit dem Markennamen Sagrotan eingeführt. 1920 hatte der New Yorker Distributeur von pharmazeutischen Produkten und Lizenzproduzent von Sagrotan Lehn & Fink Inc 100 Prozent der Aktien übernommen. 1924 folgte der Einstieg in den Bereich der Konservierung mit dem ersten Markenbiozid für die Industrie mit dem Markennamen Grotan. Sagrotan ist ein Akronym und setzt sich zusammen aus SAanus (lat. gesund), den ersten drei Buchstaben „GRO“ und dem „T“ von dem Nachnamen des damaligen Schülke & Mayr-Geschäftsführers Arnold GROeThuysen und der beliebigen Endung „AN“.[6]

Ehemaliges Stammhaus Schülke & Mayr in Hamburg Winterhude, heute Goldbekhaus

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Unternehmen treuhänderisch von Kurt Bussmann aus der Hamburger Sozietät Wassermann/Fischer/Bussmann geführt.[7][8] Im Zeitraum von 1933 bis 1940 stieg die Desinfektionsmittelpulverproduktion von 290.000 auf 725.000 Kg und der Gefolgschaftszuwachs von 88 auf 192 Personen.[9] Das Amt für Schönheit der Arbeit zeichnete am Ersten Mai 1941 Schülke & Mayr als Nationalsozialistischen Musterbetrieb mit der Goldenen Fahne aus.[10] Während des Zweiten Weltkrieges wurden Riesenmengen Desinfektionsmittel für Lazarette benötigt, und somit wurden Ausweichbetriebe an weniger gefährdeten Orten errichtet. Die Zweigwerke lagen in Brand, einem kleinen Ort im Fichtelgebirge und in Wesel im Rheinland.[11] Die Schülke & Mayer Produktionsstätten in Winterhude blieben im Zweiten Weltkrieg unversehrt, während die Chemischen Farben Fabriken Beit & Co., welche unmittelbar an das Grundstück am Goldbekkanal grenzten, durch die Operation Gomorrha zu 80 Prozent zerstört wurden.[12]

Werksgelände seit 1963 von schülke in Norderstedt

1952 wurde Schülke & Mayr in eine GmbH gewandelt und bezog – nach Grundsteinlegung am 15. Juni 1961 von dem damaligen Geschäftsführer Albert Obladen – im Jahr 1963 mit seinerzeits 320 Mitarbeitern seinen neuen Hauptsitz in Norderstedt-Glashütte bei Hamburg.[13][14] 1966 wurde das Unternehmen von dem amerikanischen Arzneimittelkonzern Sterling Drug geschluckt, welches 1988 – und somit auch Schülke & Mayer – von der Eastman Kodak Company übernommen wurde.[15]

Anteilseigner von Schülke & Mayr seit 1994 war die Londoner Reckitt & Colman plc. 1990 wurde das Wund- und Schleimhautantiseptikum octenisept auf Basis des Wirkstoffes Octenidin eingeführt.

Seit 1996 ist Schülke & Mayr Teil der französischen Air Liquide-Gruppe.[16] 1997 wurde der Markenname Sagrotan ausgegliedert und an Reckitt & Colman, heute Reckitt Benckiser verkauft. Nach Neugestaltung der eigenen Corporate Identity nennt sich Schülke & Mayr seit 2007 nur noch schülke. Im Handelsregister ist das Unternehmen weiterhin als Schülke & Mayr GmbH eingetragen. Im September 2009 hat schülke ein neues Logistikzentrum am Standort Norderstedt eröffnet. Das Unternehmen verfügt derzeit über zwölf Standorte, davon sechs außerhalb der Europäischen Union in China, Indien, Malaysia, Schweiz, Singapur und USA (Stand 2014).[2]

Geschäftsfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Produziert werden heute hauptsächlich Desinfektionsmittel für Oberflächen, Instrumente und die Haut. Des Weiteren stellt das Unternehmen Spezialadditive z. B. für die Konservierung von Schmierstoffen, Farben oder Kosmetika her und bietet Forschungs- und Dienstleistungen an.

Altlastensanierung auf dem ehemaligen Werksgelände in Hamburg-Winterhude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehem. Verwaltungsgebäude und Lagerhalle (rechts) am Goldbekkanal, heute Stadtteilkulturzentrum Goldbekhaus

Die ehemaligen Produktionsstätten von Schülke & Mayr in Winterhude am Goldbekkanal wurden 1961 an die Freie und Hansestadt Hamburg unter dem damaligen Bürgermeister Paul Nevermann verkauft. Seit 1981 befindet sich auf dem Firmenareal das Stadtteilkulturzentrum Goldbekhaus.[17] Ab 1984 wurde aufgrund von Geruchsbelästigungen und darauf erfolgten Bodenproben festgestellt[18][19], dass der Boden dort Phenole, Kresole und Xylenole in Konzentrationen von bis zu 63.000 mg/kg Trockensubstanz und im Grundwasser bis zu 10.000 µg/l enthielt. In einem modifizierten Soilcrete-Verfahren – zu Lasten der Stadt – wurde 1988 für circa 15 Millionen Euro das kontaminierte Erdreich bis auf eine Tiefe von 19 Metern saniert.[20][21]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Rudolf-Schülke-Stiftung, gegründet 1972 durch die Schülke & Mayr GmbH und benannt nach Mitbegründer Rudolf Schülke, vergibt alle zwei Jahre den Hygiene-Preis an Wissenschaftler, die besondere Problemlösungen im Bereich der Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin erzielt haben.[22]
  • 2005 verleiht der Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.) Schülke & Mayr den Mimosa-Preis für einen virtuellen Adventskalender im Intranet, welcher die Mitarbeiter zu Nachhaltigkeit motivieren sollte.[23]
  • Ende 2007 gibt Schülke & Mayr sich ein neues Markendesign: Das Mayr fällt weg und das Et-Zeichen wird durch ein mathematisches Plus ersetzt, welches laut Eigenangaben für den Mehrwert steht; der angedeutete Pfeil im Plus soll positive Dynamik symbolisieren.[24]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • John Fuhlberg-Horst, Hermann Köster (Illustrationen): Im Kampf gegen die Seuche. Rückblickend auf fünfzig Jahre „Lysol“. Hrsg.: Schülke & Mayr Aktien-Gesellschaft. Schettler, Köthen 1939, DNB 361493207.
  • Elly Heuss-Knapp: Plageteufelchens Abenteuer. Märchen für kleine und große Leute. Schülke & Mayr, Hamburg 1940.
  • Siegfried Wenzel: S&M Fleisch-Hygieneplan. Technologie und Desinfektion in der Fleischwirtschaft. Schülke & Mayr, Norderstedt 1976.
  • Eckhard Freiwald, Gabriele Freiwald-Korth: Hamburgs alte Fabriken – einst und jetzt. Sutton, Erfurt 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Impressum auf schuelke.com
  2. a b Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens, 2016 (PDF; 4,4 MB).
  3. Rudolph und Bertha Schülke, Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Trittau (abgerufen am 19. Januar 2014)
  4. Hamburgs alte Fabriken – einst und jetzt. Eckhard Freiwald und Gabriele Freiwald-Korth, Sutton Verlag, Erfurt 2013, Seite 87
  5. Waldemar Gruschke: Markenländerlexikon A-G, Seite 16
  6. Markenlexikon, siehe Sagrotan (abgerufen am 12. Mai 2010)
  7. 200 Jahre Wirtschaftsanwälte in Deutschland – Lovells, I.1.b) (Memento vom 18. Februar 2013 im Webarchiv archive.is). Baden-Baden 2009, ISBN 978-3-8329-4446-9.
  8. S&M Geschäftsberichte, HWWA, Digitalisierte Pressemappe 20. Jahrhundert, Firmen- und Institutionenarchiv, siehe dort: Schülke (abgerufen am 1. März 2013)
  9. Schreiben der Firma Schülke & Mayr vom 19. November 1940 an die Landesplanungsgemeinschaft Hamburg 36, Bleichenbrücke 17 (Hamburger Staatsarchiv 371-8 II / XXXIII G110)
  10. Wieder ein Hamburger Betrieb unter der „Goldenen“! Die Chemische Fabrik Schülke & Mayr – „Tagblatt“ Besuch in einem vorbildlichen Werk, Hamburger Tagblatt vom 2. Mai 1941 (HWWA Presseartikel 00033)
  11. S&M information, Mitteilungsblatt der Schülke und Mayr GmbH Jubiläumsausgabe 1964, Seite 13
  12. Dieter Thiele/Reinhard Saloch, Vom Wiesengrund zum Industriegürtel, Kanalfahrten durch die Geschichte, VSA-Verlag, 2004, Seite 79–83
  13. Neuer Grundstein auf alter Tradition, DIE WELT vom 15. Juni 1961, Staatsarchiv A906
  14. Neue Fabrik in Glashütte, Hamburger Abendblatt vom 4. September 1963 (abgerufen am 17. Februar 2013) (PDF-Datei; 1,8 MB)
  15. Werner Weltgen: Total Quality Management als Strukturierungsaufgabe für nachhaltigen Unternehmenswandel 3.1.1 Kurze Einführung in die Geschichte von Schülke & Mayr, Seite 60–61
  16. Norderstedter Unternehmen ist Marktführer, DIE WELT vom 2. Juni 1999 (Abgerufen am 12. Mai 2010)
  17. Winterhude von A-Z, Das Stadtteillexikon Ulrike Sparr, Medien-Verlag-Schubert, 2000
  18. „An Umweltschutz haben wir damals nicht gedacht“, Hamburger Abendblatt vom 10. Juli 1984 (abgerufen am 16. Februar 2013) (PDF-Datei; 2 MB)
  19. Goldbekhaus: Noch mehr Phenol, Hamburger Abendblatt Nr. 161, Seite 3 vom 12. Juli 1984 (abgerufen am 17. Februar 2013) (PDF-Datei; 1,9 MB)
  20. Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Hamburg: Altlastensanierung Goldbekhaus, abgerufen am 12. Mai 2010
  21. Projektdatenbank im Fachamt R der Behörde für Umwelt und Gesundheit Hamburg: Sanierungssteckbrief Goldbekhaus – Boden (PDF-Datei; 88 kB)
  22. Website der Rudolf-Schülke-Stiftung
  23. Mathias Eberenz: Erster Preis für Schülke & Mayr, Hamburger Abendblatt vom 20. Dezember 2005 (abgerufen am 17. Februar 2013)
  24. Ulrike Hoffrichter: Schülke & Mayr: neues Markendesign, Interview mit schülke, 1. Mai 2008 in Management & Krankenhaus, GIT Verlag (abgerufen am 17. Februar 2013)