Schickeria

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Die Schickeria (von Italienisch sciccheria = Schick, Eleganz und jidd./jüd.-dt. „schickern“ = „trinken, sich betrinken“; auch Chiqueria oder Chikeria von frz. chic = schick) ist eine ursprünglich spöttische Bezeichnung für das Szenepublikum, dessen Party-Eskapaden durch den Boulevardjournalismus der breiten Öffentlichkeit zugetragen werden. Synonym dazu ist der Begriff Schickimicki. Dieses Wort wird auch adjektivisch und für einzelne Angehörige der „Schickeria“ verwendet. Es gibt auch verschiedene Begriffsverwendung oder Verknüpfungen wie "Schickeria-Droge" (- für Kokain) oder "Öko-Schickeria".

Den Urheberrechtsanspruch für den Begriff "Schickeria" erhob der Schriftsteller Gregor von Rezzori und verwies dabei schon als Erklärung auf das Wort "schick" und den jiddischen Begriff "schickern" für "sich besaufen". Erst die Verbindung beider Begriffe bezeichne präzise die gemeinte Sache wobei darüber hinaus die Schickeria aber auch vom Wichtig-und-schön-sein-wollen lebe, denn Geld allein genügt noch nicht. Die Schickeria "will, sie darf nicht unter sich bleiben, sondern muss die Gesellschaft anderer suchen, nämlich die von noch Höheren, Reicheren, Mächtigeren. Der Schickeria wohnt ein unstillbarer Expansionsdrang inne." - so Rezzori 1984 für das Magazin Geo Special.[1]

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zugehörigkeit zur Schickeria wird allgemein daran bemessen, ob man zu szenetypischen Partys geladen wird, die von Medien wahrgenommen werden. Dieser Kreis setzt sich aus Begüterten, Künstlern und Personen des öffentlichen Lebens (überwiegend durch Boulevardmedien bekannte Persönlichkeiten) zusammen. In der Schickeria spielen Äußerlichkeiten wie ausgefallene Kleidung (der Chic bzw. Schick), edles Essen, Champagner und ursprünglich als exaltiert geltendes, in den 2010er Jahren weit verbreitetes Verhalten (insbesondere der beidseitige, angedeutete Wangenkuss, was zu dem Begriff der „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ führte) eine herausragende Rolle.

Adabei (Hochdeutsch: „auch dabei“) ist eine österreichische, vor allem in Wien geläufige Bezeichnung für Personen die Mitglieder der Schickeria sind, sein wollen oder diese medial kommentieren. Der Begriff geht auf das von Vinzenz Chiavacci geschriebenes Werk Seltsame Reisen des Herrn Adabei aus dem Jahre 1908 zurück.

Adabei ist auch eine bekannte Kolumne der Kronen Zeitung (- der meistgelesenen Tageszeitung Österreichs seit der Neuerscheinung) über das Geschehen im Leben der Prominenten beziehungsweise in der Schickeria, der Szene und dem Jet-Set. Dahinter standen oder stehen immer prominente Journalisten wie Roman Schliesser, der wegen seines Stils umstrittene Michael Jeannée und seit 2011 Norman Schenz.

Auch als Seitenblickegesellschaft wird die immer wieder in den Medien präsente Gesellschaftsschicht bezeichnet. Der vorwiegend in Österreich verwendete Begriff leitet sich von der seit 1987 im ORF, der staatlichen österreichischen Rundfunkanstalt, ausgestrahlten Society-Sendung Seitenblicke ab und wird seit spätestens 1992 verwendet.[2] Als Wortschöpfer gilt Erhard Busek, der den Begriff sicherlich nicht freundlich meinte.[3] 2009 wurde das Wort in den Duden aufgenommen.[4]

Die einerseits auch kritisch verstandenen Begriffe Schickeria, Adabei oder Seitenblickegesellschaft dokumentieren und prägen andererseits ein wichtiges redaktionelles Thema, auf das heute auch elektronische Qualitätsmedien aus kommerziellen Gründen nicht verzichten können. Die Leute-Berichterstattung über die Seitenblickegesellschaft ist grundsätzlich aber besonders im Print-Medium ein wichtiger nach eigenen Regeln funktionierender Journalismusbereich und wird laut dem Top-Journalisten Norman Schenz mit "Wir schreiben längst nicht mehr einfach über ein Event, sondern wir erzählen Geschichten" charakterisiert.[5]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

München[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als idealtypisch für eine Schickeria gilt die Schwabinger Schickiszene im München der späten 1970er und dann 1980er Jahre, wie sie in der 1981–1983 von Helmut Dietl gedrehten Fernsehserie Monaco Franze vorgeführt wird. Durch den Gegensatz des Münchener Urgewächs Franz Münchinger (gespielt von Helmut Fischer) und seiner Schickeria-affinen Gattin („Spatzl“, gespielt von Ruth Maria Kubitschek) wurde ein sehr detailliertes Bild der Münchener Kultur und insbesondere der Schickeria gezeichnet. Die Fernsehserie Kir Royal (1986) und die Komödie Rossini (1997) – beide ebenfalls gedreht von Helmut Dietl – beschäftigten sich ebenso mit dieser Thematik. Die Spider Murphy Gang besang aber nicht, wie oft angenommen, diese Schickeria in ihrem gleichnamigen Lied, sondern das Münchener Szenelokal „Schikeria“, das in den 70er- und 80er-Jahren von Natascha Stangl, die heute geschieden auf Gran Canaria lebt, und ihrem damaligen Mann geleitet wurde. Rudolph Moshammer galt ob seiner Extravaganz als Paradebeispiel für die Münchener Schickeria.

2010 wurde der Kreis der engeren Münchner Schickeria rund um Michael Käfer, Uschi Glas, Roberto Blanco oder Julia Siegel auf 120 Personen geschätzt, wobei der Glanz und Glimmer nicht mehr so wie in den Achzigern funkelte.[6] Eine 2002 gegründete Ultrafangruppe des FC Bayern München nennt sich ironisierend Schickeria München.[7][8]

So wie sich seit der Wiedervereinigung das Zentrum Deutschlands ganz langsam weg von München hin nach Berlin verlagert hat, so gab es auch eine Begriffsverwendungsverlagerung weg von "Schickeria" hin zu "hip" oder "Szene".[9]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich beschreibt die Wiener Schickeria in seinem 1981 veröffentlichten Song Schickeria.[10]

Seitenblicke seit 1987 und Chili von 2010 bis 2012 waren bzw. sind Fernsehsendungen des ORF, die täglich über das Geschehen in der österreichischen Adabei-Szene bzw. Schickeria berichten.[11] Der Privatsender Puls 4 zeigt in Pink! Österreichs Starmagazin ebenfalls das aktuelle Society-Geschehen.[12] Der österreichische Privatsender ATV betreibt das Sendeformat Hi Society.[13]

Der Autor Manfred Baumann beschreibt und verwendet den Begriff Schickeria in seinem 2010 erschienenen ersten Kriminalroman Jedermanntod, der in der Festspielstadt Salzburg zur Zeit der „Jedermannaufführungen“ spielt. Unter anderem beleuchtet er die gesellschaftliche Schicht, die nicht nur der Kunst wegen, sondern auch ihrer Selbstdarstellung wegen die Festspielzeit begleitet.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Schickeria – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. dazu Franz Kotteder "Schick, schick, Schickeria" in Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010.
  2. Kurt Dieman: Ich sehe weiss: Aktion Weiss. Druckerei Hawelka, 1992, S. 155 („Der "Homo austriacus" Marboe hat zwei ausgeprägte Talente: ein künstlerisches und ein politisches. Die "Seitenblickegesellschaft" ist beiden nicht gerade förderlich.“).
  3. Profil. Band 38. Wirtschafts-Trend Zeitschriftenverlag, Wien 2007, S. 362.
  4. Top 10 der meistinterviewten Promis. Bereits seit 25 Jahren macht die Sendung Österreicher zu heimischen Stars. In: news.at. 16. Oktober 2012, abgerufen am 26. März 2014.
  5. vgl. "Society-Berichterstattung im Wandel. Wer berichtete denn noch über Promis?" in Wiener Zeitung vom 28. Juni 2013.
  6. so Franz Kotteder "Schick, schick, Schickeria" in Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010.
  7. Bericht vom 4. Januar 2008 in der Welt über die Fangruppe, abgerufen am 5. Januar 2013
  8. Website der Schickeria München, abgerufen am 5. Januar 2012
  9. vgl. Matthias Heine "Nimmt Helmut Dietl die Schickeria mit ins Grab?" in Die Welt vom 31. März 2015.
  10. Austriancharts
  11. tv.orf.at – Chili
  12. Pink! Österreichs Starmagazin auf puls4.com
  13. Dominic Heinzl kehrt 2010 zum ORF zurück