Schulmedizin

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Der Begriff Schulmedizin wird zur Bezeichnung der Heilkunde verwendet, die an Universitäten und medizinischen Hochschulen nach wissenschaftlichen Grundsätzen gelehrt wird. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Kampfbegriff von Vertretern der Homöopathie und Naturheilkunde geprägt und verbreitet, ist er bis heute in Gebrauch, um heilkundliche Lehren und Praktiken, die zum Lehrinhalt der akademischen Medizin gehören, von der sogenannten Alternativmedizin abzugrenzen.[1] Als Ersatzbegriff wurde „wissenschaftlich orientierte Medizin“ vorgeschlagen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Ausdruck „Schulmedizin“ leitet sich von der Bezeichnung für medizinische Ausbildungsstätten (z. B. Schule von Salerno, lat. Scola Salernitana) ab.

Aber bereits im frühen 16. Jahrhundert kritisierte Paracelsus: „Eine große Schande ist es doch, dass die hohen Schulen solche Ärzte machen, die es nur dem Scheine nach sind; geben einem Kerl den roten Mantel, das rote Barrett und der Welt einen viereckigen Narren, der bloß fähig ist, die Kirchhöfe aufzufüllen.“

1876 prägte der homöopathisch orientierte Arzt Franz Fischer aus Weingarten (Württemberg)[2] den Ausdruck „Schulmedizin“ in einem Brief an die Redaktion der Laienzeitschrift „Homöopathische Monatsblätter“ gezielt abwertend. Fischers Äußerung fußt wohl auch auf einer Mitteilung Samuel Hahnemanns von 1832, der gegen humoralpathologische Therapieansätze gerichtet war. In ihr ist von „Medizinern der Schule“ die Rede. Die „schulmedizinischen“ Behandlungsansätze zur Zeit Paracelsus und Hahnemanns hatten wenig mit der Hochschulmedizin des 20. und 21. Jahrhunderts gemein. Sie bezogen sich damals auf die sogenannte allopathische Medizin, die bis ins 19. Jahrhundert auf der Basis der galenschen Säftelehre beruhte.

In Homöopathen-Kreisen als Kampfbegriff popularisiert wurde „Schulmedizin“ Anfang der 1880er Jahre aufgrund des publizistischen Einsatzes des Stettiner Laienhomöopathen Heinrich Milbrot. Alsbald übernahmen auch einzelne Vertreter der naturwissenschaftlichen Medizin in der Auseinandersetzung mit der Naturheilkunde diesen Begriff – und zwar durchaus zustimmend. Dem Medizinhistoriker Robert Jütte zufolge, kann man um das Jahr 1900 von einer allgemeinen Verbreitung und Akzeptanz des Begriffes „Schulmedizin“ sprechen. Rudolf Virchows Aufsatz Zum neuen Jahrhundert lasse sich entnehmen, dass sich der einst ideologisch stark belastete Begriff zu einer weitgehend wertneutralen Sammelbezeichnung für die herrschende Richtung in der Medizin gewandelt hatte.[3]

Universitäten und Ärzteschaft im Deutschland der 1920er und 1930er Jahre galten unter Antisemiten als „verjudet“.[4] In diesem Kontext verwendeten antisemitisch eingestellte Kritiker der etablierten Medizin in den 1930er Jahren den Kampfbegriff „verjudete Schulmedizin“, um ihrer Forderung nach einer „gesunden Volksmedizin“ bzw. einer „neuen deutschen Heilkunde“ Nachdruck zu verleihen. Gemeint war damit eine stärkere Bedeutung für naturheilkundliche Ansätze und Verfahren in der medizinischen Praxis.[5][6] Der im Bund völkischer Europäer engagierte Publizist und Volksschullehrer im Ruhestand, Karl Weinländer, benutzte 1934 den Begriff „verjudete und verfreimaurerte Schulmedizin“, um zu kritisieren, dass die akademischen Vertreter der gerade neu etablierten Rassenkunde zu diesem Thema bereits vorliegende und seiner Ansicht nach wertvolle Werke als „unwissenschaftlich“ und „nicht den Anforderungen des Nationalsozialismus entsprechend“ zurückwiesen. Gemeint waren Traktate von Autoren wie ihm selbst. Als Folge dieser Schulmedizin fehle es jungen Ärzten an „Erfahrung und Schulung auf rassekundlichem Gebiet“. Stattdessen hätten sie „nach den Weisungen hoher judenfreundlicher Rassenwissenschaftler die weltpolitischen Interessen des hebräischen Bundes in der Rassenfrage vielleicht unbewusst zu vertreten“.[7]

Ersatzbegriffe[Bearbeiten]

Der Internist Johannes Köbberling, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft,[8] kritisierte 1998 die Verwendung des Begriffs „Schulmedizin“ zur Bezeichnung der „eigentlichen Medizin“ als abwertend: Zwar könne man den Begriff wohlwollend so interpretieren, dass dies die Medizin sei, die an Hochschulen gelehrt wird. Jedoch habe schon Samuel Hahnemann den Ausdruck „Schulmedizin“ verwendet, um die zu seiner Zeit etablierte Medizin abzuqualifizieren. „Schule“ habe in diesen Zusammenhang ein starres, unflexibles System bedeutet, das in festen Denkstrukturen verhaftet und unfähig zu Innovationen sei. Die wissenschaftliche Medizin vertrete aber gerade nicht ein geschlossenes System, sondern sei dadurch gekennzeichnet, dass sie sich kontinuierlich in Frage stellt. Der Begriff „Schulmedizin“ besage so genau das Gegenteil von dem, was ausgedrückt werden müsste. Köbberling habe sich deshalb angewöhnt, den Begriff konsequent zu vermeiden und von Medizin schlechthin zu sprechen bzw. von wissenschaftlicher Medizin, wenn die Abgrenzung zur „unwissenschaftlichen Medizin“ oder Paramedizin beabsichtigt sei.[9]

In einem Positionspapier aus dem Jahr 2015 kommt er gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Arzneimittelkommission zu dem Schluss, dass es „überzogen“ wäre, „von der vorfindlichen Schulmedizin als ‚wissenschaftlicher Medizin‘ zu reden“. Mit und in der Medizin müsse gehandelt werden „und dies allzu oft, ohne befriedigende (validierte oder gar wissenschaftlich erklärte) Therapien etc. an der Hand zu haben“. Die „wissenschaftliche Medizin“ sei vielmehr ein Ideal, an dem sich die Schulmedizin ausrichte. Diese solle man daher richtiger als „wissenschaftlich orientierte Medizin“ bezeichnen und damit nicht jeden einzelnen ihrer Vertreter „und gewiss nicht jede ihrer Praktiken, sondern das Gesamtunterfangen mit seiner Grundorientierung meinen“.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Uwe Eckart, Robert Jütte: Medizingeschichte – Eine Einführung. UTB-Verlag, 2007. S. 338
  2. Lexikon deutschsprachiger Homöopathen, S. 32 (Auszug bei Google Books)
  3. Robert Jütte: Von den medizinischen Sekten des 19. Jahrhunderts zu den unkonventionellen Richtungen von heute – Anmerkungen eines Medizinhistorikers In: Materialdienst der EZW, 10/2004; S. 369.
  4. Vgl. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden, C. H. Beck, 2007; S. 118. ISBN 9783406566813.
  5. Caris-Petra Heidel: Naturheilkunde und Judentum: Medizin und Judentum, Mabuse-Verlag 2008, S.169, online in Google Bücher
  6. Wolfgang Wegner, Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage und Gundolf Keil: Enzyklopädie Medizingeschichte, Gruyter 2004, S. 855, online in Google Bücher
  7. Martin Finkenberger: Weinländer, Karl In: Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus, Band 8 (Nachträge und Register), Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2015; S. 145–146. ISBN 9783110379457.
  8. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: Kurzbiographie J. Köbberling
  9. Johannes Köbberling: Der Begriff der Wissenschaft in der Medizin (PDF; 85 kB) In: Die Wissenschaft in der Medizin – Wert und öffentliche Darstellung. (Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, 6. März 1998)
  10. Manfred Anlauf, Lutz Hein, Hans-Werner Hense, Johannes Köbberling, Rainer Lasek, Reiner Leidl, Bettina Schöne-Seifert: Komplementäre und alternative Arzneitherapie versus wissenschaftsorientierte Medizin In: GMS Ger Med Sci 2015;13:Doc05. doi:10.3205/000209.