Schulverweigerung

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Schulverweigerung (auch Schuldistanz, Schulabsentismus, Nichtbeschulbarkeit) oder umgangssprachlich Schulschwänzen sind Formen des Absentismus bei Schülern, die sich durch die unentschuldigte Abwesenheit in der Schule (besonders von schulpflichtigen Schülern), anzweifelbares entschuldigtes Fernbleiben von der Schule (etwa durch Krankmeldungen von Eltern oder Ärzten bei Bagatell- oder vorgetäuschten Erkrankungen[1]) oder die passive Verweigerung (z. B. durch Nichtbeteiligung am Unterricht, Nachgehen unterrichtsferner Beschäftigungen während des Unterrichts oder Störung von Unterricht) zeigen.

Streng genommen muss also unterschieden werden zwischen Schulbesuchs-Verweigerung und Unterrichts-Verweigerung trotz physischer Teilnahme am Unterricht.

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man unterscheidet das eigentliche Schulschwänzen, die Schulverweigerung und das Zurückhalten.[2] Beim Schulschwänzen simuliert der Schüler beispielsweise eine Krankheit, so dass die Eltern ihn vom Schulbesuch entschuldigen. Eine Schulverweigerung liegt vor, wenn der Schüler zwar den Schulweg antritt, aber dann anstatt des Schulbesuchs etwa einen Spielplatz aufsucht. Beim Zurückhalten ergreifen die Eltern die Initiative und halten ihr schulwilliges Kind von der Schule zurück.

Unterschieden wird ferner, ob ein Schüler bewusst und geplant über einen längeren Zeitraum Schulverweigerung betreibt (so genannte intentionale Schulverweigerung, Schulkritik) oder von Tag zu Tag aufs Neue entscheidet, der Schule fernzubleiben (so genannte funktionale Schulverweigerung).

Motive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der kleine Schulschwänzer
Gemälde von Anton Ebert 1885

Die Gründe für eine funktionale Schulverweigerung sind vielfältig. Bei Grundschülern kann es die Angst sein, das vertraute Elternhaus zu verlassen. Oft verweigern Schüler die Schule, um dem Stress durch Leistungsdruck und Schulnoten zu entfliehen. Manche Schüler verweigern die Schule aber auch aus Schulangst vor den Lehrern oder den Mitschülern. Oft sind negative Erfahrungen des Kindes, wie zum Beispiel Mobbing in der Schule, Angst vor Klassenarbeiten, Langeweile oder Prüfungsangst Anlass für eine solche Entscheidung. Ein weiterer Grund kann Unterforderung oder Überforderung sein. So werden Hochbegabte (Schüler mit einem Intelligenzquotienten von über 130), die anfangs immer sehr gute Zensuren bekamen, zu Verweigerern aus Protest gegen die empfundene Langeweile.

Schulverweigerer holen sich gegebenenfalls Atteste von Ärzten oder von ihren Eltern und lenken damit nicht selten von psychologischen Ursachen der Schulverweigerung ab.

Kinderrechtlich orientierte Eltern möchten ihrem Kind ermöglichen, nach seinem eigenen Plan aufzuwachsen und nicht unnötige Langeweile, Frustration, Über- oder Unterforderung im Schulunterricht erdulden zu müssen. In diesen Fällen geschieht eine Schulverweigerung immer auf ausdrücklichen Wunsch des Kindes bzw. als gemeinsame Entscheidung von Eltern und Kind.

Bestimmte streng religiöse Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder z. B. am Sexualkunde- oder Schwimmunterricht teilnehmen, weil sie dies für schädlich oder für unvereinbar mit ihrer Kultur oder Religion halten.

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Immer öfter beschäftigen sich Psychologen und Pädagogen bei Fachtagungen und in Arbeitskreisen der Kultusministerien mit dem Phänomen der Schulverweigerung. Darüber hinaus gibt es verschiedene Schulersatzprojekte, deren Ziel es ist, durch ein geeignetes Lernumfeld und individuelle Betreuung Schulverweigerern den Schulbesuch zu ermöglichen, die aber gleichzeitig Integration verunmöglichen.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Juli/August 2005 entzogen Gerichte in Ostwestfalen einigen baptistischen Eltern das Sorgerecht bezüglich schulischer Belange. Die Familien kamen einer eventuellen Vorführung der Kinder in der Schule durch die Polizei nach dem Ende der Sommerferien dadurch zuvor, dass sie ihre Kinder in Deutschland ab- und in Österreich oder Belgien wieder anmeldeten, wo keine Schulpflicht, sondern nur Unterrichtspflicht besteht. Laut Bundesgerichtshof sind Eltern auch dann nicht berechtigt, ihre Kinder der Schulpflicht zu entziehen, „wenn einzelne Lehrinhalte oder -methoden der Schule ihren Glaubensüberzeugungen entgegenstehen“.[3]

Eine Familie, die 2008 aus Baden-Württemberg in die USA geflohen war, erhielt dort Asyl aus Gründen religiöser Verfolgung in Deutschland.[4]

Im April 2010 wurde von insgesamt über 5400 Mitzeichnern eine Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht, mit der eine Straffreiheit für Eltern erreicht werden soll, die ihre Kinder zuhause unterrichten. Das Petitionsverfahren dauert noch an (Stand Oktober 2011).

Risikoverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine für Deutschland repräsentative Studie mit mehr als 44.000 Jugendlichen neunter Klassen ergab:[5][6] Jugendliche, die bisher schon mindestens einmal in ihrem Leben den Schulunterricht verweigert hatten, gaben sich mit höherer Wahrscheinlichkeit in den letzten vier Wochen der Befragung dem Rauschtrinken hin als Jugendliche, die keine Schulverweigerer waren.[5] Unter den Jugendlichen, die schon einmal im Leben ernsthaft versucht hatten, einen Suizid zu begehen, waren signifikant mehr Schulverweigerer als unter den Jugendlichen ohne suizidale Handlungen.[6]

Rechtsfolgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit August 1919 besteht in Deutschland Schulpflicht, so dass die Pflicht zum regelmäßigen Schulbesuch besteht. Schulschwänzen wird in der Verwaltung als „unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht“ bezeichnet. Das unentschuldigte Fehlen am Unterricht stellt einen Verstoß gegen die Schulgesetze (SchulG) dar, die dem Landesrecht unterliegen. Gemäß § 41 SchulG NRW sind die Eltern dafür verantwortlich, dass die Schüler am Unterricht und an den sonstigen verbindlichen Veranstaltungen der Schule regelmäßig teilnehmen. Ist ein Schüler durch Krankheit oder aus anderen nicht vorhersehbaren Gründen verhindert, die Schule zu besuchen, so benachrichtigen die Eltern unverzüglich die Schule und teilen schriftlich den Grund für das Schulversäumnis mit (§ 43 Abs. 2 SchulG NRW). Versäumen Schüler unentschuldigt den Unterricht oder sonstige verbindliche Schulveranstaltungen, kann ein Ordnungswidrigkeitenverfahren (Bußgeldverfahren) gegen Erziehungsberechtigte, berufsschulpflichtige Schüler, Ausbilder sowie Schüler, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, eingeleitet werden (§ 126 Abs. 1 Nr. 1, 4 und 5 SchulG NRW). Schlimmstenfalls droht die behördlich angeordnete Schulvorführung durch die Polizei (§ 53 Abs. 2 OWiG). Eltern können wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht (§ 171 StGB) bestraft werden. Eine Kindeswohlgefährdung, die zur Entziehung der elterlichen Sorge nach § 1666 BGB führen kann, liegt vor, wenn das Kind zwei Jahre schulabstinent, derzeit unbekannten Aufenthaltes ist und die Mutter durch ihr Verhalten ein Auffinden des Kindes verhindert.[7]

Sanktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Schulverweigerung droht gegenüber den Sorgeberechtigten eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Ein Entzug des Sorgerechts ist hingegen unverhältnismäßig, wenn eine Lernstandserhebung nichts Besorgniserregendes ergibt, die Sozialkompetenz nicht eingeschränkt ist, die Eltern sich um ihre Kinder kümmern und diese auch sehr an ihren Eltern hängen.[8] Bei Verschulden durch den Schüler drohen diesem Geldbußen oder Arbeitsstunden.

International[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz will gemäß einer Studie aus dem Jahr 2009 jedes zehnte Kind nicht in die Schule, weil es sich vor Leistungsdruck und Mobbing fürchtet – Tendenz steigend.[9] Bevor in Österreich ein Schulverweigerer angezeigt wird, sieht das Schulpflichtgesetz eine genau strukturierte Vorgehensweise vor. Greifen alle Maßnahmen nicht, droht eine Verwaltungsstrafe. Vorarlberg hat nach Wien die höchste Schulabbrecher-Quote in ganz Österreich. Das geht aus dem so genannten Drop-Out-Bericht der Landesstelle für Statistik für das Jahr 2013 hervor.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Oelsner, Gerd Lehmkuhl: Schulangst. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer. Verlag Walter, Düsseldorf/Zürich 2002, ISBN 3-530-40120-X.
  • Heinrich Ricking in Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung, Oldenburg 2011.
  • Titus Simon, Steffen Uhlig (Hrsg.): Schulverweigerung. Muster, Hypothesen, Handlungsfelder. Leske und Budrich, Opladen 2002, ISBN 3-8100-3584-X.
  • Karlheinz Thimm: Schulverweigerung. Beltz-Votum Verlag, Münster 2000, ISBN 3-933158-45-1 (zugl.: Berlin, Techn. Univ., Diss.).
  • Karlheinz Thimm: Schuldistanzierung. In: Angelika Henschel u. a. (Hrsg.): Jugendhilfe und Schule. Handbuch für eine gelingende Kooperation. Wiesbaden 2007.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: schwänzen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Eine nicht unbeträchtliche Zahl der Versäumnisse geschieht ... mit Einverständnis, Unterstützung oder Duldung der Erziehungsberechtigten.“ Heinrich Ricking, Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung, 2011, S. 3.
  2. Bodo Hartke/Robert Vrban, Schwierige Schüler, Band 1, 2009, S. 92
  3. BGH-Urteil vom 16. November 2007
  4. sueddeutsche.de
  5. a b Carolin Donath u. a.: Predictors of binge drinking in adolescents: ultimate and distal factors – a representative study. In: BMC Public Health 2012, 12:263.
  6. a b Carolin Donath u. a.: Is parenting style a predictor of suicide attempts in a representative sample of adolescents? In: BMC Pediatrics, 2014, 14:113.
  7. OLG Hamm, Beschluss vom 21. Dezember 2012, Az.: II-2 UF 181/11
  8. Beck Online am 29. August 2014: OLG Frankfurt am Main: Schulverweigerer haben Sorgerecht für vier Kinder zurück
  9. Wo Eltern Antworten erwarten vom 2. September 2016, Wenn die Schulbank drückt
  10. ORF Vorarlberg vom 24.April 2014, Schulverweigerung: Geldstrafen erst als letzter Schritt
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