Absentismus

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Absentismus (aus lateinisch absentia, „Abwesenheit“) ist die Neigung von Personen, einem Termin, einer Verpflichtung oder einer Vereinbarung nicht nachzukommen, obwohl es keine Verhinderungsgründe (wie etwa Krankheit) gibt. Gegensatz ist der Präsentismus.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zuverlässigkeit gebietet es, dass jedermann die verabredeten Termine, eingegangenen Verpflichtungen oder Vereinbarungen auch tatsächlich einhält. Diese können aus einer Rechtspflicht entstehen, so dass der Absentismus auch Rechtsfolgen nach sich ziehen kann. Allgemein hat Absentismus zur Folge, dass der die Termine, Verpflichtungen oder Verabredungen Versäumende die vorgesehenen Informationen oder das Wissen nicht erhält oder seine Aufgaben nicht erfüllen kann.

Absentismus wird vielfach mit wiederholten Fehlzeiten in Verbindung gebracht, wenn motivationsbedingte Ursachen zugrunde liegen.[1][2] Als konkrete Ursache des Absentismus gilt die fehlende Arbeitsmotivation[3] oder fehlende Leistungsbereitschaft. Krankheitsbedingte Abwesenheit - auch wiederholt - ist daher kein Absentismus. Der englische Begriff (englisch absenteeism) dagegen bezeichnet den echten Krankenstand. Wer lediglich einmal im Jahr grundlos fehlt, unterliegt noch keinem Absentismus, doch häufigere Fehlzeiten stellen ein Indiz hierfür dar. Bei der Entfristung von befristeten Arbeitsverhältnissen geht die Deutsche Post AG davon aus, dass weniger als zehn Krankheitstage pro Jahr mit einem unbefristeten Arbeitsverhältnis belohnt werden können.[4]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Erklärungsmodelle für den Absentismus zieht man das Rückzugsmodell, das medizinische Modell oder das abweichende Verhaltensmodell heran.[5] Das Rückzugsmodell ist die Absicht, sich zeitweilig von unzufrieden machenden, belastenden, unangenehmen Seiten der Arbeitstätigkeit zurückzuziehen. Das medizinische Modell gilt als ein Weg zur Stressbewältigung bei der Beeinträchtigung der Gesundheit durch Arbeitseinflüsse. Dabei wird die Krankheit als akzeptierte Entschuldigung für das Fernbleiben vom Arbeitsplatz verstanden. Als Ursache für das „Abweichendes-Verhalten-Modell“ werden unvollständige Sozialisation und mangelnde Internalisierung von Wertvorstellungen angesehen.[6]

Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Absentismus gibt es in den verschiedensten Alltagssituationen. Früher bezeichnete man den Auslandsaufenthalt als Absentismus, wie der Volkswirt Hermann Roesler 1864 schrieb.[7] Heute ist der Begriff des Absentismus insbesondere in der Schule, bei Unternehmen oder der öffentlichen Verwaltung und in der Volkswirtschaftslehre verbreitet.

Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit August 1919 besteht in Deutschland Schulpflicht, so dass die Pflicht zum regelmäßigen Schulbesuch besteht. Das wiederholte Schulschwänzen von Schülern trotz Anwesenheitspflicht ist Absentismus. Er wird unterteilt in das eigentliche Schulschwänzen, die Schulverweigerung und das Zurückhalten.[8] Beim Schulschwänzen simuliert der Schüler beispielsweise eine Krankheit, so dass die Eltern ihn vom Schulbesuch entschuldigen. Eine Schulverweigerung liegt vor, wenn der Schüler zwar den Schulweg antritt, aber dann anstatt des Schulbesuchs etwa einen Spielplatz vorzieht. Beim Zurückhalten ergreifen die Eltern die Initiative und halten ihr schulwilliges Kind von der Schule zurück. Die Angst vor Klassenarbeiten, Langeweile, Mobbing in der Schule, Prüfungsangst, Überforderung, eine Lernbehinderung oder auch Kinderarbeit sind die Hauptgründe.

Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Arbeitspsychologie und der Arbeitssoziologie bezeichnet man wiederholtes Blaumachen als Absentismus. Arbeitnehmer unterliegen aufgrund ihres Arbeitsvertrages einer Arbeitspflicht, die ausnahmsweise bei echten Fehlzeiten außer Kraft gesetzt ist. Es gilt jedoch als schwer feststellbar, in welchem Umfang Krankmeldungen nicht auf eine tatsächlich bestehende Krankheit zurückzuführen sind. Absentismus ist ein Indikator für die Qualität der Arbeitsbedingungen bzw. die Arbeitsfähigkeit und Leistungsbereitschaft von Personen.[9] Der Absentismus korreliert unter anderem mit Problemen in der Privatsphäre und motivationalen Faktoren, er kann auch auf fehlender Arbeitszufriedenheit oder mangelnder Arbeitsmotivation beruhen.

Absentismus kann als Flucht interpretiert werden. Eine endgültige Flucht ist die Kündigung zwecks Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Weniger endgültige Formen der physischen Flucht sind beispielsweise Blaumachen („Krankfeiern“), „Flucht“ in Besprechungen und Gremien, „Sich-Absetzen“ in Form von Dienstreisen oder die innere Kündigung.[10]

Volkswirtschaftslehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Volkswirtschaftslehre und Soziologie bezeichnet man mit Absentismus eine Form der Vermögensverwaltung, bei der Unternehmer oder Großgrundbesitzer sich nicht am Ort ihrer Betriebe oder Vermögen aufhalten und stattdessen Verwalter oder Inspektoren mit der Wahrnehmung ihrer Geschäfte beauftragen, während sie selbst ihren Betrieb oder ihr Grundeigentum lediglich als Einkommensquelle betrachten; sie betreiben gewohnheitsmäßige Abwesenheit von ihren Besitzungen (englisch absentee ownership).[11] Relevant für historische Umwälzungen in wenig entwickelten Ländern mit einem noch relativ umfangreichen Bereich der Subsistenzwirtschaft wurde der Begriff im Zusammenhang anstehender Bodenreformen. Die Tendenz zum Absentismus erleichterte und beschleunigte Agrarrevolutionen. Die Ziele dieser Agrarrevolutionen waren die Abschaffung des Großgrundbesitzes sowie die Beseitigung des Absentismus.

Rechtsfolgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Rechtsfolgen kommt es, wenn der Absentismus mit bestehenden Rechtspflichten kollidiert. Durch eine Ladung ordnen Gerichte bei Gerichtsverfahren das persönliche Erscheinen beider Parteien an. Bleibt eine Partei dem Gerichtstermin eines Zivilprozesses unentschuldigt fern, so kann gegen sie ein Ordnungsgeld wie gegen einen im Vernehmungstermin nicht erschienenen Zeugen (§ 380 Abs. 1 ZPO) festgesetzt werden (§ 141 Abs. 3 ZPO). Im Strafprozess ist die Vorführung des Angeklagten anzuordnen oder ein Haftbefehl zu erlassen, wenn das Ausbleiben des Angeklagten nicht genügend entschuldigt ist (§ 230 Abs. 2 StPO).

Schulschwänzen wird in der Verwaltung als „unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht“ bezeichnet. Das unentschuldigte Fehlen am Unterricht stellt einen Verstoß gegen die Schulgesetze (SchulG) dar, die dem Landesrecht unterliegen. Gemäß § 41 SchulG NRW sind die Eltern dafür verantwortlich, dass die Schüler am Unterricht und an den sonstigen verbindlichen Veranstaltungen der Schule regelmäßig teilnehmen. Ist ein Schüler durch Krankheit oder aus anderen nicht vorhersehbaren Gründen verhindert, die Schule zu besuchen, so benachrichtigen die Eltern unverzüglich die Schule und teilen schriftlich den Grund für das Schulversäumnis mit (§ 43 Abs. 2 SchulG NRW). Versäumen Schüler unentschuldigt den Unterricht oder sonstige verbindliche Schulveranstaltungen, kann ein Bußgeldverfahren gegen Erziehungsberechtigte, berufsschulpflichtige Schüler, Ausbilder sowie Schüler, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, eingeleitet werden (§ 126 Abs. 1 Nr. 1, 4 und 5 SchulG NRW). Schlimmstenfalls droht die behördlich angeordnete Schulvorführung durch die Polizei (§ 53 Abs. 2 OWiG). Eltern können wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht (§ 171 StGB) bestraft werden. Eine Kindeswohlgefährdung, die zur Entziehung der elterlichen Sorge nach § 1666 BGB führen kann, liegt vor, wenn das Kind zwei Jahre schulabstinent, derzeit unbekannten Aufenthaltes ist und die Mutter durch ihr Verhalten ein Auffinden des Kindes verhindert.[12]

Im Arbeitsrecht wird der Arbeitnehmer versuchen, den Absentismus mit der Vortäuschung einer Krankheit zu verdecken. Es ist es auch für Ärzte nicht immer einfach, „echte“ von „unechten“ Krankheiten zu unterscheiden, so dass sich derartige Fehlzeiten teilweise als „eine Art ärztlich legitimierter Arbeitsverweigerung“ darstellen.[13] Das „Gefälligkeitsattest“ („gelber Urlaubsschein“) ist ein typischer Fall des Absentismus. Für das Bundesarbeitsgericht (BAG) ist hierbei nicht auszuschließen, dass der Arbeitnehmer bei bestimmten Krankheitsbildern subjektive Beschwerden schildert, die zwar durch Untersuchungen nicht objektivierbar sind, den Arzt aber gleichwohl veranlassen könnten, eine Arbeitsunfähigkeit zu bescheinigen. „Deshalb ist nicht von der Hand zu weisen, dass ärztliche Atteste, die eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigen, unrichtig oder missbräuchlich erstellt oder erlangt sind, so dass ihnen unter Zugrundelegung der anzuwendenden deutschen Vorschriften nicht ein absoluter Beweiswert beigelegt werden kann“.[14]

Um Absentismus vorzubeugen, gibt es gesetzliche Einschränkungen der Fehlzeiten. Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit sind gemäß § 275 Abs. 1a SGB V insbesondere in Fällen anzunehmen, in denen Arbeitnehmer auffällig häufig oder auffällig häufig nur für kurze Dauer arbeitsunfähig sind oder der Beginn der Arbeitsunfähigkeit häufig auf einen Arbeitstag am Beginn oder am Ende einer Woche fällt oder die Arbeitsunfähigkeit von einem Arzt festgestellt worden ist, der durch die Häufigkeit der von ihm ausgestellten Bescheinigungen über Arbeitsunfähigkeit auffällig geworden ist. Die Prüfung hat unverzüglich nach Vorlage der ärztlichen Feststellung über die Arbeitsunfähigkeit zu erfolgen. Die mutmaßliche Nutzung der Arbeitsunfähigkeit zu Privatzwecken (vergrößerte Freizeit) kann nach dem Verständnis des § 275 Abs. 1a SGB V angenommen werden, wenn die Abwesenheitsquote eines bestimmten Arbeitnehmers über 50 % der Quote der Kollegen innerhalb derselben Abteilung liegt; dann ist stets von einem „auffälligen Verhalten“ auszugehen.[15] Zudem sieht § 2 Abs. 3 EFZG vor, dass Arbeitnehmer, die am letzten Arbeitstag vor oder am ersten Arbeitstag nach Feiertagen unentschuldigt der Arbeit fernbleiben, keinen Anspruch auf Bezahlung für diese Feiertage haben.

Tritt der Arbeitnehmer die Arbeit nicht an und kann er hierfür keine triftigen Gründe vorbringen, so liegt eine Leistungsstörung vor. Durch unberechtigte Fehlzeiten versäumte Arbeitszeit führt im Regelfall zur Teilunmöglichkeit der Erfüllung, die gemäß § 313 Abs. 1 BGB den Arbeitgeber berechtigt, den der Fehlzeit entsprechenden Arbeitslohn einzubehalten oder zurückzufordern.[16] Es besteht auch die Gefahr der Arbeitsverweigerung, die den Arbeitgeber dazu berechtigen kann, den Arbeitsvertrag zu kündigen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Absentismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Hilla/R E Tiller, Krankenstand aus medizinischer Sicht. Absentismus – der schleichende Verlust an Wettbewerbspotential, in: Rainer Marr (Hrsg.), Absentismus, 1996, S. 92
  2. Thorsten Uhle/Michael Treier, Betriebliches Gesundheitsmanagement, 2011, S. 356
  3. Ulrich Büdenbender/Hans Strutz, Gabler Kompaktlexikon Personal, 2011, S. 3 f.
  4. SPIEGEL ONLINE vom 6. Mai 2018, Wer zu oft krank ist, muss gehen, abgerufen am 6. Mai 2018.
  5. Thorsten Uhle/Michael Treier, Betriebliches Gesundheitsmanagement, 2011, S. 356
  6. Elke Ziegler/Ivars Udris/Andre Büssing/Margarete Boos/Uwe Baumann, Ursachen des Absentismus, 1996, S. 205
  7. Hermann Roesler, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1864, S. 599
  8. Bodo Hartke/Robert Vrban, Schwierige Schüler, Band 1, 2009, S. 92
  9. Albert Ritter, Absentismus, in: Josef Sauer/Michael Scheil/Michael Schurr/Rainer von Kiparski (Hrsg.), Arbeitsschutz von A-Z 2014, 2013, S. 12
  10. Gerhard Comelli/Lutz von Rosenstiel, Führung durch Motivation, 2011, S. 120
  11. Hans Jürgen Seraphim, Methoden und Probleme der Wirtschaftspolitik, 1964, S. 166
  12. OLG Hamm, Beschluss vom 21. Dezember 2012, Az.: II-2 UF 181/11
  13. Peter Nieder, Management von Absentismus und Fluktuation durch Anwesenheits- und Bleibeanreize, in: Günther Schanz (Hrsg.), Handbuch Anreizsysteme, 1991, S. 1051
  14. BAG, Urteil vom 27. April 1994, Az.: 5 AZR 747/93 (A)
  15. Achim Lepke, Pflichtverletzungen des Arbeitnehmers bei Krankheit als Kündigungsgrund, in: NZA 1995, S. 1089
  16. Ulrich Huber, Leistungsstörungen, Band 1, 1999, S. 164
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