Sebastian Heilmann

Sebastian Heilmann (* 1965 in Offenbach am Main) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Sinologe und seit 1999 Professor an der Universität Trier. Von 2013 bis 2018 war er Gründungsdirektor des Mercator Institute for China Studies (MERICS), das von der Stiftung Mercator gegründet wurde, um gegenwartsbezogene und praxisorientierte China-Forschung zu betreiben und die Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heilmann studierte von 1984 bis 1990 Politikwissenschaft, Sinologie und Vergleichende Sprachwissenschaft in Tübingen und Nanjing (VR China). Anschließend war er zu Forschungsaufenthalten an der Stanford University und in Peking.
1993 promovierte Heilmann bei Jürgen Domes an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität des Saarlandes.[1]
Von 1994 bis 1999 war er Wissenschaftlicher Referent für die Politik Chinas am Institut für Asienkunde in Hamburg. Während dieser Zeit war er Leiter mehrerer Drittmittelprojekte und beriet u. a. die Bundesregierung, das Bundespräsidialamt, Senat und Bürgerschaft in Hamburg sowie politische Stiftungen. 1999 habilitierte Heilmann sich an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und lehrte dort anschließend kurzzeitig als Privatdozent. Im selben Jahr erhielt er einen Ruf auf eine C4-Professur für Politikwissenschaft im Bereich Regierungslehre mit Schwerpunkt Ostasien an die Universität Trier.
2000–2006 leitete Heilmann die Forschungsgruppe Aktienmarktregulierung (Research Group on Equity Market Regulation, REGEM) an der Universität Trier, unter Beteiligung von Finanzmarktteilnehmern aus Luxemburg und Frankfurt. 2005–2006 war Heilmann Gast am Fairbank Center der Harvard University und forschte dort zur chinesischen Wirtschafts- und Innovationspolitik. In den Jahren 2007 und 2009 fungierte er als „Coordinate Scholar“ am Harvard-Yenching Institute im Rahmen eines mehrjährigen Forschungs- und Publikationsprojektes, das sich mit den Grundlagen von „Adaptive Authoritarianism“ in China befasste. 2011/2012 war er Visiting Fellow an der Oxford University (Merton College und China Centre).
Heilmann leitete von 2010 bis 2013 die vom Bundesforschungsministerium geförderte Projektgruppe „Industrie und Technologiepolitik der VR China“. 2012 wurde Heilmann ins Editorial Board der Fachzeitschrift The China Quarterly berufen. Er leitete von 2013 bis August 2018 das in Berlin ansässige Mercator Institute for China Studies (MERICS), welches sich in dieser Zeit zur größten europäischen Denkfabrik im Bereich der Chinaforschung entwickelte.[2]
Von 2014 bis 2018 war Heilmann als einer von 15 deutschen Vertretern Mitglied im Deutsch-Chinesischen Dialogforum. Dieses Beratungsforum wurde 2005 von den Regierungen beider Länder mit dem Ziel eines breit gefassten nichtstaatlichen Dialogs und der bilateralen Vertrauensbildung gegründet.
Heilmanns Forschungs- und Publikationstätigkeit ist auf Chinas Regierungssystem, Chinas internationale Beziehungen sowie Wirtschafts- und Innovationspolitik gerichtet. 2018 teilte er mit, aus familiären Gründen auf seine Professur an der Universität Trier zurückzukehren.[3] Seit 2019 beschäftigt er sich in Lehre, Forschung und Vortragstätigkeit intensiv mit geopolitischen sowie geoökonomischen Fragen und speziell den Konsequenzen des globalen Aufstiegs Chinas für Handel, Lieferketten, Infrastruktur und Technologien.
Forschungsschwerpunkte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Politisches System und Wirtschaftspolitik in der VR China.
- Chinas Außenpolitik und Außenwirtschaft.
- Politikinnovation durch Experimentalprogramme im internationalen Vergleich.
- Geopolitische und geoökonomische Dynamiken im Dreieck USA-China-EU
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Internationale Rezensenten haben sich umfangreich mit Heilmanns Forschungsbeiträgen im Bereich des chinesischen politischen Systems sowie der chinesischen Industrie-, Innovations-, und Entwicklungspolitik befasst. Die China Review bezeichnete ihn als "one of Europe's most renowned China experts".[4] Der New York Review of Books beschreibt den von Heilmann gemeinsam mit Elizabeth J. Perry (Harvard University) herausgegebenen Band Mao’s Invisible Hand als „one of those books that make one feel good about scholarship“.[5] Während in der westlichen Öffentlichkeit nach 1989 immer wieder der Zusammenbruch der kommunistischen Parteien auch in China beschworen worden sei, untersuche dieses Werk die Grundlagen der unerwarteten Anpassungsfähigkeit und Resilienz des chinesischen politischen Systems, die in offensichtlichem Kontrast zu dem Untergang der Parteistaaten in Osteuropa 1989-91 stehe. Das Journal of Asian Studies kennzeichnete Mao’s Invisible Hand als „breathtaking overview of China’s adaptive governance“ und „revolutionary new perspective on today’s Chinese state and its continuities with the past“.[6] Das mit Heilmann als Editor veröffentlichte China’s Political System (2016) wurde für seine Klarheit und Gründlichkeit gelobt.[7] Sein Buch Red Swan: How Unorthodox Policy-Making Facilitated China's Rise (2018) wird als: "well argued and provocative" genug für Spezialisten und zugleich "informative and digestible" für eine breitere Leserschaft hervorgehoben.[8]
Kritik und Kontroversen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heilmanns Thesen blieben insbesondere im Hinblick auf Chinas Entwicklungsmodell und den politischen Veränderungen unter Xi Jinping nicht unwidersprochen. Kritiker warnen davor, Chinas Politikansätze als außergewöhnlich oder einzigartig darzustellen. Lokale Politikexperimente seien nicht auf China beschränkt, sondern auch in westlichen Regierungssystemen üblich – der Unterschied liege eher in der Art der Umsetzung als in einem singulären Konzept.[9] Über diese inhaltlichen Debatten hinaus sah sich Heilmann auch politischer Kritik ausgesetzt. Insbesondere chinesische Staatsmedien reagierten empfindlich auf Kommentare Heilmanns wie auch auf von ihm initiierte Studien zur chinesischen Industriepolitik. Seine bereits 2015 aufgestellte These, dass in China unter Xi Jinping eine „Schubumkehr“ und Abkehr vom Öffnungskurs zu beobachten sei, die „gravierende Konsequenzen für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Austausch westlicher Länder mit China“ haben werde, wurde in deutschen Außenpolitik- und Wirtschaftskreisen sehr kontrovers diskutiert und kritisiert.[10]
Scharfe Kritik erntete Heilmann von Seiten regierungsnaher chinesischer Medien, nachdem das Mercator Institute for China Studies (MERICS) 2016 unter seiner Leitung die international erste umfassende Studie zum chinesischen Industrie- und Innovationsprogramm Made in China 2025 veröffentlichte. Die Studie warnte explizit vor den chinesischen Plänen als unmittelbare Bedrohung für die deutsche und europäische Industriebasis. Unter anderem aufgrund dieser Studie unterstellte die Global Times MERICS tendenziöse Forschung und bezeichnete die Forschenden als "misguided academics".[11]
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- mit Bastian M. Dürr: Geoeconomics: How Geopolitical Rivalries Reshape Global Markets, Berlin: GeoEcon Publishing, 2025.
- Die Seidenstraßen-Illusion: Mythen und Realitäten eines eurasischen Superkontinents unter chinesischer Vorherrschaft. Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung. Zürich 2020
- Red Swan: How Unorthodox Policy-Making Facilitated China’s Rise. Hong Kong: Chinese University Press, 2018.
- Hrsg.: Das politische System der VR China. 2016, 3. Aufl., Springer 2016. ISBN 978-3-65807227-8.
- Hrsg.: China's Political System. Lanham u. a.: Rowman & Littlefield, 2017. ISBN 978-1-4422-7734-2, ISBN 1-4422-7734-3.
- Hrsg. mit Matthias Stepan: China’s Core Executive: Leadership Styles, Structures and Processes under Xi Jinping, MERICS Papers on China 1, Berlin 2016.[12]
- mit Dirk H. Schmidt: China's Foreign Political and Economic Relations: An Unconventional Global Power, 2014 (komplett neue bearbeitete internationale Auflage der deutschen Fassung von 2012)
- mit Lea Shih / Andreas Hofem: National Planning and Local Technology Zones: Experimental Governance in China’s Torch Programme. In: The China Quarterly, Dezember 2013.
- mit Oliver Melton: The Reinvention of Development Planning in China, 1993–2012. In: Modern China, November 2013.
- mit Dirk H. Schmidt: Außenpolitik und Außenwirtschaft der VR China. 2012.
- Hrsg. mit Elizabeth J. Perry: Mao's Invisible Hand: The Political Foundations of Adaptive Governance in China. Harvard University Press, 2011.
- Hrsg. et alii: Der chinesische Aktienmarkt, 2002.
- Die Politik der Wirtschaftsreformen in China und Russland, 2000.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Sebastian Heilmann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Homepage von Heilmann an der Universität Trier
- Heilmann am Mercator Institute for China Studies (MERICS)
- Studienserie „China Analysis“ zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen im chinesischen Raum
- Forschungsgruppe Aktienmarktregulierung (Research Group on Equity Market Regulation, REGEM)
- chinapolitik.de
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Vita auf Chinapolitik.org, Abruf am 14. Februar 2020
- ↑ https://merics.org/en/about?utm, Abruf am 3. Oktober 2025
- ↑ Mitteilung über Wechsel in der Leitung des MERICS zum 1. September 2018. In: www.merics.org. 11. Januar 2018, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 9. Februar 2018; abgerufen am 8. Februar 2018.
- ↑ Ahlers, Anna L., “Review of Sebastian Heilmann, Red Swan: How Unorthodox Policy Making Facilitated China's Rise”, China Review (Hong Kong), Vol.19 No.2 (May 2019), 177-179.
- ↑ Mirsky, Jonathan, „China: Politics as Warfare“, Review of Sebastian Heilmann and Elizabeth J. Perry, „Mao’s Invisible Hand: The Political Foundations of Adaptive Governance in China“, The New York Review of Books, 21 June 2012.
- ↑ Hung, Ho-Fung, „Review of Mao’s Invisible Hand: The Political Foundations of Adaptive Governance, edited by Sebastian Heilmann und Elizabeth J. Perry“, The Journal of Asian Studies
- ↑ Barter, Shane (2017) China’s Political System, online verfügbar, URL: https://www.iias.asia/the-review/chinas-political-system [Abruf am 3. Oktober 2025]
- ↑ Rithmire, Meg, “Review of Sebastian Heilmann, Red Swan: How Unorthodox Policy Making Facilitated China’s Rise”, China Review International, Vol.23 No.4 (2016), 361-364.
- ↑ Gordon, P. (2018) “Red Swan: How Unorthodox Policy-Making Facilitated China’s Rise” by Sebastian Heilmann, Asian Review of Books, available online, URL: https://asianreviewofbooks.com/red-swan-how-unorthodox-policy-making-facilitated-chinas-rise-by-sebastian-heilmann/
- ↑ Godehardt, N. (2024) The Logic of Germany's China Policy in the Zeitenwende, SWP Research Paper 16, online verfügbar, URL: https://www.swp-berlin.org/publications/products/research_papers/2024RP16_Germanys_China_Policy.pdf?utm [Abruf am 3. Oktober 2025]
- ↑ https://chinamediaproject.org/2018/02/06/the-misguided-academics-of-europe/, Abruf am 3. Oktober 2025
- ↑ China’s Core Executive: Leadership Styles, Structures and Processes under Xi Jinping ( vom 16. Dezember 2017 im Internet Archive)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Heilmann, Sebastian |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politikwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 1965 |
| GEBURTSORT | Offenbach am Main |