Sinfonie in h-Moll (Schubert)

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Faksimile (1885) von Schuberts Autograph der Unvollendeten (Dritter Satz, Scherzo; im Gegensatz zu den voll ausgearbeiteten ersten zwei Sätzen sind nur die ersten 20 Takte orchestriert) als Beilage der Biographie ihres Entdeckers Johann von Herbeck

Die Sinfonie in h-Moll, D 759 (im deutschsprachigen Raum gebräuchliche Nummerierungen 7 oder 8)[1], genannt Die Unvollendete, ist eine zweisätzige Sinfonie von Franz Schubert. Von den restlichen Sätzen existieren nur ganz wenige rudimentäre Bruchstücke zu einem Satz 3. Eine allgemein akzeptierte Vervollständigung existiert nicht.

Werkbeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sinfonie besteht aus zwei Sätzen:

  1. Allegro moderato
  2. Andante con moto

Von einem geplanten 3. Satz Scherzo (Allegro) – Trio hat Schubert nur die ersten 20 Takte orchestriert; das als Klavierskizze notierte Particell zu diesem Satz bricht indes erst mit dem 16. Takt des Trios ab.

Die folgenden Audio-Dateien stammen von einer Aufnahme des Symphonieorchesters der Stadt Fulda aus dem Jahr 2000:

1. Satz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Loudspeaker.svg 1. Satz (Datei, ?)

Der erste Satz beginnt mit einem Unisono-Motiv der Celli und Kontrabässe im pp. Dadurch, dass diese Linie auf dem Dominantton Fis endet, entsteht der Eindruck einer Frage. Die Antwort besteht in einer düster klingenden Sechzehntelbewegung der Violinen, über der das Hauptthema in der Oboe und der Klarinette erklingt.

Nach einer für eine Sinfonie extrem kurzen Überleitung moduliert die Tonart von h-Moll nach G-Dur. Das nun erklingende Thema ist – neben dem Nimbus des Geheimnisvollen – für die große Popularität der Sinfonie verantwortlich. Die Melodie ist ländlich, ja sogar volksliedhaft. Angestimmt durch die Celli erklingt sie nachfolgend auch in den Violinen. Danach folgt eine Generalpause. Nach dem Seitenthema in G-Dur folgt ein regelrechtes Loch (das G-Dur-Thema bricht plötzlich in der Mitte ab). Danach brechen die Streicher mit dramatischen ffz-Tremoli über Dissonanzen in den Bläsern herein. Erneut das Seitenthema, diesmal jedoch in verschiedenen Moll-Modulationen, danach wieder in Dur, diesmal auch in den Bläsern. Hier endet die Exposition, die sogleich wiederholt wird. Danach folgt die Durchführung. Diese beschäftigt sich thematisch ausschließlich mit dem Eingangsmotiv, vom Seitensatz wird lediglich die synkopische Begleitung übernommen. In der Reprise werden nun noch einmal alle drei Themen verarbeitet und zum Finale des 1. Satzes gesteigert.

2. Satz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Loudspeaker.svg 2. Satz (Datei, ?)

Der ruhigere zweite Satz steht gemäß der Tradition im Kontrast zum dramatischen ersten. Er steht in E-Dur (Dur-Variante der Subdominante), was ihn klanglich vom düsteren h-Moll des 1. Satzes abhebt. In der Exposition erklingen drei Themen, die sich ständig wiederholen. Das ruhige erste Thema lebt vom Kontrast einer aufsteigenden Melodie der Hörner, bei gleichzeitig absteigender Pizzicato-Begleitung der Streicher. Auch die beiden folgenden Themen erscheinen zunächst in ruhiger und fast kontemplativer Stimmung. Gerade das in cis-Moll stehende zweite Thema erfährt jedoch mehrfach eine dramatische Wendung bis zum Fortissimo. Der Satz verklingt nach mehrfachem Durchlauf der Themen mit einer ruhigen Coda aus dem Material des ersten Themas.

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Pauken, Streicher

Aufführungsdauer: ca. 22 Minuten.

Gedenktafel für die Unvollendete D 759 und Schubert als Gast bei Schobers (1822) im Göttweiger Hof Wien in der Spiegelgasse

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schubert arbeitete 1822 an der Sinfonie in h-Moll. Warum er die Arbeit daran einstellte, die nach dem üblichen Gebrauch zur Entstehungszeit vier Sätze umfassen sollte, ist nicht bekannt. Angeblich bot Schubert die Partitur 1823 dem Steiermärkischen Musikverein als „eine meiner Sinfonien in Partitur“ an, was darauf hindeuten würde, dass Schubert selbst sie auch in der zweisätzigen Form als abgeschlossen betrachtete, doch die Authentizität des als Beweis dienenden Dankschreibens wurde oft in Frage gestellt.[2]

Danach geriet das Werk zunächst in Vergessenheit, und die Partitur wurde erst 1865 von Johann von Herbeck bei Schuberts Freund Anselm Hüttenbrenner aufgefunden und unter Herbecks Leitung dann am 17. Dezember in den Redouten-Sälen der Wiener Hofburg uraufgeführt.[3]

Der Grund, warum diese Sinfonie „unvollendet“ blieb, ist bis heute ungeklärt und Gegenstand der Diskussion unter Musikwissenschaftlern. Es gibt die Theorie, dass Schubert nicht die Notwendigkeit sah, noch einen dritten und vierten Satz zu schreiben, da er alle seine Intentionen schon im ersten und zweiten Satz umgesetzt habe. Damit hätte Schubert in diesem einen Fall die formale Grundstruktur einer Sinfonie seiner Epoche ignoriert. Dies ist jedoch stark umstritten. Eine andere These besagt, Schubert habe die Arbeit am dritten Satz abgebrochen, weil er in eine zu starke Nähe zum dritten Satz von Ludwig van Beethovens 2. Sinfonie geriet.[4]

Versuche zur Vervollständigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1928, zum 100. Todestag Schuberts, veranstaltete die Columbia Graphophone Company in England einen Wettbewerb zur Vervollständigung der Sinfonie. Der Pianist Frank Merrick gewann den Wettbewerb, und sein Scherzo und Finale wurden aufgeführt und für eine Radiosendung aufgezeichnet. Die beiden von Merrick komponierten Sätze sind aber mittlerweile vergessen. In jüngerer Zeit haben Geoffrey Bush (1944), Denis Vaughan (um 1960), Gerald Abraham (1971), der britische Musikwissenschaftler Brian Newbould (um 1980), der Würzburger Dirigent Hermann Dechant[5] sowie der Tübinger Universitätsmusikdirektor Tobias Hiller (2003) weitere Vervollständigungen der Sinfonie vorgelegt, indem sie Schuberts eigene Skizzen des Scherzos (wobei das Trio ergänzt werden musste) und teilweise eine der Zwischenaktmusiken von Schuberts Schauspielmusik zu Rosamunde verwendeten. (Siehe auch das erste Bild dieses Artikels.)

Die Zwischenaktmusik aus Rosamunde wird von einigen Musikwissenschaftlern schon lange für das Finale der Sinfonie gehalten. Sie steht auch in h-Moll, die Instrumentation ist identisch, und die musikalische Stimmung ist den beiden vollendeten Sätzen der Sinfonie ähnlich. Falls die Zwischenaktmusik das Finale der Sinfonie sein sollte, dann hätte es Schubert tatsächlich aus der Sinfonie herausgelöst und stattdessen im Schauspiel verwendet.

Eine weitere Vervollständigung stammt von dem amerikanischen Musikwissenschaftler William Carragan, der das Scherzo orchestrierte und das Trio ergänzte. Für den vierten Satz verwendete er die zweite Zwischenaktmusik der Rosamunde-Ballettmusik als langsame Einleitung des Finalsatzes und fügte eine Wiederholung der Exposition hinzu, wie sie auch in anderen von Schuberts in Sonatensatzform gehaltenen Sätzen steht. Carragan verwendete großenteils nur Musik von Schubert, der er 13 Takte im ersten Schluss der Exposition, 9 Takte am Schluss des Satzes und 16 transponierte und neu transponierte Takte am Ende der langsamen Einleitung hinzufügte. Diese Fassung wurde von Gerd Schaller mit der Philharmonie Festiva 2011 im Regentenbau von Bad Kissingen für Profil Edition Günter Hänssler eingespielt.

Der russische Komponist Anton Safronov (der die Zugehörigkeit der Rosamunden-Musik als mögliche Erklärung für den fehlenden Finalsatz grundsätzlich ablehnt) hat den 3. Satz nach den vorhandenen Skizzen von Schubert vollendet und einen neuen Finalsatz dazu komponiert, den er selbst als „ein[en] Versuch, in die Mentalität des Komponisten reinzukommen“, beschreibt. Das von ihm dazu herangezogene motivische Material geht auf einige um dieselbe Zeit entstandene z.T. unvollendete Klavierwerke Schuberts zurück. Die Fassung von Safronov wurde mit der Philharmonie Baden-Baden (dirigiert von Werner Stiefel) im Dezember 2005 uraufgeführt und hat ihre britische Erstaufführung im Londoner Royal Festival Hall am 6. November 2007 mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment unter der Leitung von Wladimir Jurowski erlebt.[6] Die russische und US-amerikanische Erstaufführung unter Jurowski mit dem Russischen Nationalorchester fanden in der Spielzeit 2007-08 statt.[7][8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Andraschke (Hrsg.): Franz Schubert. Sinfonie Nr. 7 h-Moll „Unvollendete“. Taschenpartitur mit Erläuterung. Goldmann, München 1982, ISBN 3-442-33061-0.
  • Martin Chusid (ed.): Franz Schubert. Symphony in B minor ("Unfinished"). An Authoritative Score, Schubert's Sketches, Views and Comments, Essays in History and Analysis. W.W. Norton & Cie., New York/London 1971, ISBN 0-393-09731-5.
  • Andreas Dorschel, 'Das Unbeantwortete und das Unvollendete', in: Musikfreunde XXIV (2011/12), Nr. 1, S. 12–15.
  • Tobias Hiller: Zum Fragment und dem Versuch einer Vervollständigung des 3. Satzes von Schuberts „Unvollendeter“ Sinfonie h-Moll D 759. In: Schubert: Perspektiven 4 (2004), S. 187–219 (die Partitur von Hillers Fassung ist hier (S. 199–219) vollständig wiedergegeben).
  • Renate Ulm (Hrsg.): Franz Schuberts Symphonien. Entstehung, Deutung, Wirkung. dtv/Bärenreiter, München/Kassel 2000, ISBN 3-423-30791-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das Werk trägt nach aktuellem Stand der Forschung in der Reihe von Schuberts Sinfonien die Nr. 7. Dies war nicht immer so: zunächst wurde die Sinfonie als Nr. 8 gezählt, da zu diesem Zeitpunkt die später entstandene Große Sinfonie in C-Dur bereits als Nr. 7 veröffentlicht war. Erst die neueste Auflage des Deutsch-Verzeichnisses (herausgegeben von der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe und Werner Aderhold stellte 1978 die chronologische Reihenfolge der Nummerierung wieder her. Auf vielen CD-Veröffentlichungen, insbesondere aus dem angelsächsischen Sprachraum, trägt sie bis heute die Nr. 8, da man dort die gleichfalls nicht fertiggestellte E-Dur-Sinfonie D 729 als 7. zählt.
  2. Vergleiche etwa Ernst Hilmar (Hrsg.): Schubert-Lexikon. Akademische Druck- und Verlags-Anstalt, Graz 1997, ISBN 3-201-01665-9.
  3. Johann Herbeck. Ein Lebensbild von seinem Sohne Ludwig, Wien 1885, S. 162–169.
  4. Symphony in B minor, ed. by Martin Chusid, S. 103–105
  5. Sinfonie in h-Moll D759, Unvollendete, vollendet in 4 Sätzen von H. Dechant (Memento vom 18. Juli 2012 im Webarchiv archive.is). Katalogeintrag bei Apollon Musikoffizin Austria.
  6. Schubert's 'Unfinished' Symphony is brought to a satisfying close
  7. [1] russisch nur für Abonnenten.
  8. Schubert, Brahms: Stephen Hough, piano; Russian National Orchestra, Vladimir Jurowski, conductor. Davies Symphony Hall, San Francisco, 14.2.2008 (HS)