St. Bartholomäus (Wesselburen)

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St. Bartholomäus auf einer Wurt
St. Bartholomäus, Innenraum. Links oben die blaue Fürstenloge, die nur einmal zur Kircheinweihung von einem Holsteiner Herzog benutzt wurde.
Steintaufbecken in der Kirche St. Bartholomäus

Die Kirche St. Bartholomäus liegt an der höchsten Stelle von Wesselburen auf einer Wurt, ihr charakteristischer Zwiebelturm ist noch aus vielen Kilometern Entfernung zu sehen. Sie gehört zur Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Wesselburen im Kirchenkreis Dithmarschen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchspiel Wesselburen entstand wohl schon im 12. Jahrhundert als Auspfarrung aus dem Weddingstedter Kirchspiel. Wie die Weddingstedter St.-Andreas-Kirche enthielt die dem Apostel Bartholomäus geweihte Kirche einen Rundturm. Das Turm verarbeitete Tuffgestein aus der Eifel lässt auf eine Bauzeit vor 1200 schließen, denn im 13. Jahrhundert wurde Tuff in der Region durch Backstein abgelöst. Es besteht damit die Wahrscheinlichkeit, dass das junge Kirchspiel Wesselburen bereits vor der Mutterkirche in Weddingstedt einen solchen Turm hatte. Zudem ist die Wesselburener Kirche die einzige in Dithmarschen mit einer Apsis aus durch Spaltung geglätteten Feldsteinen. Dafür waren damals seltene und teure Metallwerkzeuge nötig. Außer an der Dithmarscher Hauptkirche, dem Meldorfer Dom, findet sich sonst kein Beweis für die Anwendung der Technik in der Region.

1736 brannte die Kirche aus; einzig die romanisch-gotischen Außenmauern und der Sakristeianbau blieben bestehen. Der auch für Dithmarschen zuständige Landesfürst Carl Friedrich von Holstein-Gottorf Der Herzog Carl Friedrich wählte aus drei vorgelegten Entwürfen den des aus Vaihingen an der Enz gebürtige Johann Georg Schott (1690–1753) aus und unterstützte den Wiederaufbau der abgebrannten Kirche ideell und mit einer großen Geldsumme.

Der "großfürstliche Landesbaumeister" Schott gestaltete die Kirche 1737/1738 komplett um. Es ist eine in ihrer Art in der Region einzigartige Barockkirche. Schott integrierte den vorher allein stehenden, nun in Backsteinen eingefasst Rundturm und den Chor unter ein großes, an einen Haubarg erinnerndes Dach. In der Mitte des Dachs befindet sich ein relativ großer Dachreiter mit einer an süddeutsche Kirchen erinnernden Zwiebelspitze. (Schon 1711 schuf er einen gleichgeformten Dachreiter auf der St.-Jürgen-Kirche in Heide). Diese Zwiebelspitze ist in dieser Art einzig in Schleswig-Holstein. In der Vergangenheit wurde vielfach die Meinung vertreten, mit dieser Form sollte ein Dank an das russische Zarenhaus ausgedrückt werden, da Herzog Carl Friedrich mit der Zarentochter Anna Petrowna verheiratet gewesen war; der gemeinsame Sohn Carl Peter Ulrich zog 1742 nach Sankt Petersburg und wurde 1762 Zar Peter III. In neuerer Zeit hat sich aber die Ansicht durchgesetzt, dass der Baumeister sich am Vorbild süddeutscher Zwiebeltürme orientiert habe. Ein Einschnitt über der Westseite des Chores ist im Stil dem Heck eines barocken Prachtschiffes abgeschaut.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders bemerkenswert ist die Taufe der Kirche. Die Steintaufe stammt wahrscheinlich aus dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts und ist damit jünger als die Kirche, aber nach dem aus dem 11. Jahrhundert stammenden Windberger Kruzifix das älteste Kunstwerk in Dithmarschen.[1] Wahrscheinlich wurde sie in Westfalen gefertigt, wohin es über die Hansestädte zahlreiche Verbindungen gab. Die Reliefs an der Hauptseite wurden im Laufe der Geschichte abgeschlagen. In der Schräge finden sich aber in einer von nur wenigen Taufen die Darstellung der Paradiesströme. Sie werden als vier Männer mit entblößten Oberkörpern dargestellt, die sowohl Fisch als auch Schrift in die Höhe halten. Sie sind damit sowohl als Wasserwesen (Fisch) wie als Künder des Evangeliums (Schriftrolle) erkennbar. Die vier Paradiesströme symbolisierten in der damaligen Vorstellung ebenso die vier Evangelien wie sie auf antike Vorstellungen zurückgriffen, dass die vier Ströme Wasser und Leben spenden.

Da mit dem Brand auch mit Ausnahme zweier gotischer Figuren, die Maria und Johannes darstellen, die alte Kirchenausstattung verlorenging, wurden die meisten übrigen Einrichtungsgegenstände für den Neubau im Barockstil geschaffen. Der Altar ist eine Kopie des 1942 beschädigten und 1959 abgebauten Fredenhagen-Altars der Lübecker Marienkirche. Die Kanzel wurde vom lokalen Handwerker Johann Anton Burmeister gestaltet. Sie stellt insofern eine Seltenheit dar, als der Kanzelkorb gleich von zwei Trägerfiguren, Moses mit den Gesetzestafeln als Repräsentant des Alten Bundes und Johannes der Täufer, der mit dem Lamm Gottes auf den Neuen Bund hinweist.

Ein zweites Taufbecken, dessen braune Steinschale von drei Putten getragen wird, wurde 1738 für den Neubau gestiftet. Der barocke Taufdeckel erzählt die Geschichte von Brand und Wiederaufbau der Kirche.

Blick auf die Orgel

Den Orgelprospekt mit Akanthusschnitzerei schuf 1740/41 der Glückstädter Orgelbauer Johann Hinrich Klapmeyer, ein Schüler von Arp Schnitger. Die ursprüngliche Orgel war 1968 durch ein neues Instrument ersetzt worden und wurde in jahrelanger Arbeit von Orgelbauer Rowan West bis 2011 rekonstruiert. Die Orgel steht einen halben Ton über normal auf 465 Hertz. Die Stimmung ist eine wohltemperierte Stimmung nach Bach/Barnes.[2][3]

I Hauptwerk C,D–f3
01. Quinthadena 16′
02. Principal 08′
03. Gedact 08′
04. Octav 04′
05. Rohrflöt 04′
06. Quint 03′
07. Superoctav 02′
08. Rauschpfeiff III
09. Mixtur IV-VI
10. Cimbel IV
11. Trommet 08′
12. Vox humana 08′
II Brustwerk C,D–33
13. Quinthadena 08′
14. Gedact 08′
15. Principal 04′
16. Gedact 04′
17. Octav 02′
18. Waldflöt 02′
19. Zipfflöt 0112
20. Sexquialter II
21. Scharff III-IV
22. Dulcian 08′
Pedalwerk C,D–f1
23. Principal 16′
24. Untersatz 16′
25. Octav 08′
26. Octav 04′
27. Rauschpfeiff II
28. Mixtur IV-VI
29. Posaun 16′
30. Trommet 08′
31. Trommet 04′
32. Cornett 02′
  • Koppeln: II/I, I/P
  • Effektregister: 2 Tremulanten über das ganze Werk, Cimbelstern

An den Wänden des Kirchenschiffs ziehen sich zwei Emporen entlang, in die zwei große herrschaftliche Logen integriert sind: Der Rote Stuhl unter der Orgel, in denen sich reiche Bürger Plätze kauften, um so den Neubau mitzufinanzieren, und die blaue herzogliche Loge gegenüber der Kanzel, aus der aus Herzog Carl Friedrich der Einweihung beiwohnte. Die Bänke sind traditionell in Ostrichtung aufgestellt und auf Altar und Kanzel orientiert.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dachstuhl oberhalb des mittelalterlichen Turmstumpfes befindet sich ein dreistimmiges Eisenhartgussgeläut. Gegossen wurden die Glocken im Jahr 1921 von der Glockengießerei Ulrich & Weule in Bockenem. Die Schlagtöne lauten d′, e′ und f′. Durch eben diese besondere Disposition ist das Geläut in der hiesigen Region einzigartig. Außergewöhnlich ist auch der verhältnismäßig gute Erhaltungszustand der Glocken, was bei den vorherrschenden klimatischen Bedingungen nicht selbstverständlich ist. Aus der Gusszeit stammen noch die Joche, sodass hier ein einheitliches technisches Ensemble anzutreffen ist. Dadurch beansprucht das Geläut Denkmalwert. Im Zwiebelturm über dem Kirchengebäude befindet sich noch eine im Jahr 1738 von Johann Andreas Bieber und Nicolaus Müller aus Hamburg gegossene Uhrschlagglocke.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heinrich Claussen: Die St. Bartholomäus-Kirche in Wesselburen, Verlag Ludolf Möhring, Wesselburen, 1938
  • Kunst-Topografie Schleswig-Holstein, Karl Wachholtz Verlag, Neumünster, 1969
  • Dehio-Handbuch. Schleswig-Holstein. Hamburg 2009, S. 960f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: St. Bartholomäus (Wesselburen) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jutta Müller: Exkurs: Kunst und Kunstgewerbe in Dithmarschen. In: Geschichte Dithmarschens. Heide 2000, S. 434–457; S. 434.
  2. St. Bartholomäus
  3. Informationen zur Orgel

Koordinaten: 54° 12′ 43,8″ N, 8° 55′ 20,9″ O