St. Johannis (Harvestehude)

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St. Johannis-Harvestehude
St. Johannis-Harvestehude, Luftbild von Süden

St. Johannis-Harvestehude ist die Hauptkirche der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Johannis-Harvestehude. Sie wurde 1880 bis 1882 von Wilhelm Hauers im Stil der Neugotik erbaut. Sie ist in Architektur und künstlerischer Ausstattung weitgehend original erhalten bzw. restauriert. Die Kirche zählt deshalb zu den eindrucksvollsten Hamburger Baudenkmälern des späten 19. Jahrhunderts und findet auch über die Stadt hinaus Beachtung.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Aufhebung der Torsperre im Jahr 1860 begann ein stürmisches Wachstum der Hamburger Vororte. Die vorhandenen Kirchen wurden zu klein; daher wurden seit 1872 in kurzer Zeit eine Reihe neuer Vorortkirchen gebaut. Dazu gehört auch St. Johannis in Harvestehude.

Die stilistisch wegweisende Kirche dieser Zeit ist St. Johannis in Altona. Gebaut hatte sie 1872 Johannes Otzen. Hauers und Otzen waren Schüler von Conrad Wilhelm Hase. Sie folgten dessen historisierendem Stil der „Hannoverschen Schule“ (Kennzeichen: gotisierende Formensprache, Wandflächen aus farbigen, teils glasierten Ziegeln, mannigfaltige Formziegel, schmückende Bauelemente aus Sandstein, Fialgiebel und bewegte Dachlandschaften). Etliche Kirchen dieser Epoche wurden von den daraus resultierenden konstruktiven und stilistischen Elementen geprägt.[1][2]

Die Kirchengemeinde St. Johannis-Harvestehude wurde zum 27. Januar 1879 gegründet. Das Gemeindegebiet wurde aus dem Kirchspiel St. Johannis-Eppendorf ausgegliedert. Die neue Gemeinde wählte sich ihren Namen in Erinnerung an das frühere St. Johanniskloster, zu dessen Klosterland auch Harvestehude gehört hatte. Die Gemeinde fühlte sich diesem Kloster auch deshalb verbunden, weil der Hamburger Senat zum Bau der Kirche 100.000 Goldmark aus dem Stiftungsvermögen des ehemaligen Klosters gegeben hatte. Die restlichen Baukosten (270.000 Mark) und die gesamte Ausstattung wurden durch Spenden der Gemeindemitglieder aufgebracht.[3]

Der erste Kirchenvorstand der neuen Johanniskirche in Harvestehude, unter Vorsitz des Senators und späteren Bürgermeisters Johann Georg Mönckeberg, wählte aus sieben Vorschlägen den Entwurf des Architekten Wilhelm Hauers zur Realisierung aus. Da ein „provisorisches Comité für die Erbauung einer Kirche vor dem Dammthor“ bereits Grundstücksfragen mit der Stadt geklärt hatte und Kapital zur Verfügung stellen konnte, war es möglich, die Bauarbeiten zügig in den Jahren 1880 bis 1882 durchzuführen.

Im Juli 1936 heiratete in dieser Kirche die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergman ihren ersten Ehemann Petter Lindström.[4]

St. Johannis-Harvestehude war eine der wenigen Kirchen Hamburgs, die den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden. In den 1970er Jahren entwickelte sich die Kirche unter dem Organisten und späteren Kirchenmusikdirektor Claus Bantzer zu einem Zentrum des Kirchenmusiklebens in Hamburg.

Pastoren und Pastorinnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Weymann (1882–1903)
  • Adolf Bernitt (1892–1899)
  • John Nicolassen (1897–1928)
  • August Cordes (1904–1912)
  • Johannes Reinhard (1912–1947)
  • Walter Dittmann (1928–67)
  • Hagen Staack (1947–1950)
  • Hugo Linck (1949–1959)
  • Max Behrmann (1950–53)
  • Helmut Lang (1953–76)
  • Werner Krause (1958–66)
  • Olaf Lingner (1961–65)
  • Martin Hennig (1966–72)
  • Richard Blonski (1967–73)
  • Ulrich Wehr (1973–77)
  • Albrecht Nelle (1974–81)
  • Ilse Hass (1977–85)
  • Klaus Reblin (1984–95)
  • Thomas Beckershaus (1985–91)
  • Birgitta Heubach-Gundlach (1991–2016)
  • Thies Gundlach (1991–2001)
  • Ulrike Murmann (1997–2001)
  • Frie Bräsen (2002–2003)
  • Christoph Römhild (2004–2009)
  • Constantin Gröhn (2010–2019)
  • Claudia Tietz (seit 2017)[5]
  • Andrea Busse (seit 2020)[6]

Architektur und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Architekt Wilhelm Hauers entwarf die Kirche nach den Vorschriften des Eisenacher Regulativs von 1861. Es ist eine fast bis ins letzte Detail geschlossene Komposition neugotischen Kunstempfindens. Dazu gehören unter anderem die Kirchenbänke, Stühle, Lesepulte, der Orgelprospekt, der Terrazzo-Fußboden und die Deckengemälde. Die St.-Johannis-Kirche ist eines der am besten erhaltenen Hamburger Baudenkmäler dieser Epoche. In der Geschlossenheit der Konzeption nimmt sie unter den neugotischen Gotteshäusern in Deutschland eine besondere Stellung ein.

Altar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altar in St. Johannis-Harvestehude

In dieser Kirche ist alles auf die Christus-Darstellungen und den holzgeschnitzten vergoldeten Altar ausgerichtet. Der Altar, eine Arbeit des Hamburger Bildhauers Fritz Neuber (1837–1889), zeigt Christus gleich dreimal:

  • in der Nachgestaltung des Heiligen Abendmahls von Leonardo da Vinci mit dem Untertitel „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matthäus-Evangelium 11,28),
  • über dem Abendmahlsbild in einer Kreuzigungsgruppe, umgeben von einer Mandorla: Neben dem Kreuz stehen links Maria, rechts Johannes – der einzige Jünger, der Christus bis ans Kreuz gefolgt ist.
  • am Giebel des Altars in Gestalt des auferstandenen und erhöhten Christus.

Im Kirchenfenster oberhalb des Altars erscheint Christus als himmlischer Herrscher. Er hält in der einen Hand das Buch des Lebens, in der anderen zwei Schlüssel, Zeichen für die Macht über Himmel und Hölle.

Weitere Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für St. Johannis Harvestehude hat der Bildhauer Aloys Denoth 1892 zwei Engel in Adorantenhaltung geschaffen. Sie standen ursprünglich auf Altarschranken links und rechts neben dem Hochaltar. Sie wurden später in der Vorhalle aufgestellt.

Denoth fertigte auch zwei der sieben Reliefmedaillons im Zentralraum: Auf der Nordseite „Die Rückkehr des Tobias“ (Tob 5,14), gegenüber „Die Auferweckung der Tabita (= Tabea) durch Petrus“ (Mt. 5,7). Sie zeichnen sich durch besonderes lebendige Darstellung aus.[7]

Der Bildhauer Joseph Struber hat ein Medaillon angefertigt, die „Geschichte vom barmherzigen Samariter“ (Lk 10,37). Die vier anderen Medaillons sind von Fritz Neuber, nämlich: „Die Auferweckung der Tochter des Jairus durch Jesus“ (Mk 5,41), „die Verkündigung Mariä“ (Lk 1,28), „die Geburt Jesu“ (Lk 2,14) und „die Befreiung des Paulus und des Silas aus dem Gefängnis“ (Apg 16, 30–31). 

In der Vierung befinden sich weit oben die Vollskulpturen der 12 Apostel: Matthäus (hier ‚Mathaeus’ geschrieben), Paulus, Judas Thaddäus, Jakobus der Ältere, Andreas, Bartholomäus, Simon, Johannes, Jakobus der Jüngere, Thomas, Petrus und Philippus. Andreas wurde als Muster zum Einwerben von Spenden bereits 1882 geschaffen, die anderen Apostelfiguren stammen aus dem Jahr 1893.

Bronzerelief von Giambologna: Geißelung Christi

Ein kleines, aber sehenswertes Bronzerelief befindet sich im Chor, am ersten Pfeiler links. Es ist ein Nachguss der „Geißelung Christi“ von Giambologna. Er hatte es 1585 als eines von acht Reliefs für die Grimaldi-Kapelle in Genua geschaffen.[8]

Die Deckenmalerei im Chor, fünf singende Engel, stammt vom Kirchenmaler Hermann Schmidt. Er hat 1887 die ganze Kirche ausgemalt. Im Lauf der Zeit änderte sich der Geschmack, man übertünchte die Malereien. Die Chorbemalung wurde 1973 wieder freigelegt und restauriert.

Glasmalerei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchenfenster Taufdarstellung

Die Entwürfe für die in einer Innsbrucker Werkstatt erstellten Glasfenster stammen aus dem Kreis des bekannten „Nazareners“ Julius Schnorr von Carolsfeld. Sie leuchten heute noch so schön und klar wie vor hundert Jahren, denn sie sind durch zusätzliche Außenfenster besonders geschützt.

Die Glasmalereien zeigen Bilder aus der biblischen Geschichte. Im Kirchenschiff stehen sich Motive aus dem Alten Testament (auf der Nordseite) passenden Motiven aus dem Neuen Testament gegenüber: Das „verlorene Paradies“ korrespondiert mit dem „künftigen Paradies“ aus der Offenbarung; „Abrahams Opfer“ mit der „Taufe des Cornelius“ (beides sind Glaubensthemen); „Mose und Aaron“ mit der „Bekehrung des Paulus“ (Gottes Gesetz und Jesu Gebot). Im Zentralbau stehen sich das Weihnachtsfenster und das Pfingstfenster gegenüber.

Im Chor werden Stationen aus dem Leben Christi dargestellt: „Taufe Jesu durch Johannes“, „Christus in Gethsemane“, in der Mitte folgt der thronende himmlische Christus, dann folgen „Auferweckung des Lazarus“ und „Gespräch mit der Samariterin am Brunnen“.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel in St. Johannis-Harvestehude Hamburg

Die Orgel geht zurück auf ein Instrument aus der Zeit der Erbauung der Kirche. 1882 errichtete die Firma Marcussen & Søn aus Apenrade (Abenrå, Dänemark) ein zweimanualiges Werk mit 27 klingenden Stimmen. Ebenfalls 1882 war die Orgelverkleidung von dem Holzbildhauer Heinrich Walldorf sen. geschaffen worden.[9][10] Die Orgel wurde 1925 durch die Firma Rother (Hamburg) und 1933 durch die Firma P. Furtwängler & Hammer (Hannover) umgebaut und ständig erweitert. Das nunmehr dreimanualige Instrument mit 55 Registern und 3494 Pfeifen (III+P/55) war seitdem ununterbrochen in Benutzung. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie die einzige in Hamburg erhaltene spielbare Konzert-Kirchenorgel. In den 1970er Jahren wurde die Orgel gründlich gereinigt und renoviert. Außerdem wurde von der Firma Willi Peter in Köln im Jahr 1974 ein elektrischer Spieltisch angefertigt. Disposition und Intonation wurden dem Zeitgeist entsprechend weg von einer romantischen hin zu einer neobarocken verändert.

Nachdem die Technik und insbesondere die Elektrik der Orgel abgängig waren, baute die Firma Mühleisen zwischen 2013 und 2015 ein neues Instrument hinter den vorhandenen historischen Orgelprospekt, welches in Anlehnung an den Originalzustand im romantischen Stil disponiert ist. Das Pfeifenmaterial von Marcussen und einiges von Rother wurde restauriert und wiederverwendet. In Fortführung der ursprünglichen Konzeption wurde ein neues Schwellwerk hinter der Orgel errichtet, sowie zwei Clarinett-Register als eigenständiges Werk hinzugefügt. Die mechanischen Spiel- und Registertrakturen können zusätzlich elektrisch gesteuert werden, einige Koppeln sind wahlweise mechanisch/elektrisch gebaut. Aufgrund seiner Disposition eignet sich das Instrument insbesondere für romantische Literatur, erlaubt aber auch das Spiel von barocker bis moderner Literatur.

Das neue Instrument hat nun 53 Register auf drei Manualen und Pedal.

Zudem wurde das modulare System „Sinua Castellan“ eingebaut. Dieses fungiert als Setzeranlage mit 3000 Speichern pro Chip, als interner Sequenzer, als Programm zum Erzeugen freier Koppeln und als Midi-Schnittstelle. Durch die Interaktion mit externen Sequenzerprogrammen und elektronischen Klangerzeugern erlaubt die Orgel neue Formen der Improvisation und Komposition. Das Klarinettenwerk kann frei an alle Manualwerke und das Pedal gekoppelt werden.

I Hauptwerk C–a3
Bourdon 16′
Principal 08′
Viola da Gamba 08′
Flute Harmonique 0 08′
Gedackt 08′
Octav 04′
Rohrflöte 04′
Quinte 0223
Octav 02′
Cornett III 0223
Mixtur major 02′
Trompete 08′


Klarinettenwerk C–a3
Bassclarinett 00000 16′
Clarinett 08′
II Positiv C–a3
Gedackt 16′
Corno di bassetti 0 08′
Fugara 08′
Rohrflöte 08′
Flauto amabile 08′
Aeoline 08′
Gambette 04′
Flöte 04′
Cornettino 0223
Flautino 02′
Mixtur minor 02′
Englischhorn 08′
Tremulant
III Schwellwerk C–a3
Salicional 16′
Geigenprincipal 08′
Koncertflöte 08′
Bourdon 08′
Salicional 08′
Voix céleste 08′
Fugara 04′
Traversflöte 04′
Nasat 0223
Flageolett 02′
Terz 0135
Fourniture IV–V 0223
Fagott 16′
Trompette harmonique 0 08′
Oboe 08′
Clairon 04′
Tremulant
Pedalwerk C–f1
Untersatz 32′
Principal 16′
Violon 16′
Salicet (aus Schwellwerk) 0 16′
Subbass 16′
Principal 08′
Cello 08′
Gedackt 08′
Octav 04′
Posaune 16′
Fagott (aus Schwellwerk) 16′
Trompete 08′
Clarine 04′
  • Sinua Castellan:
    • 10 personalisierbare Chips mit je 3000 Speicherplätzen
    • Midi In/Out für alle Werke
    • Sequenzerfunktionen (u. a. Aufnahme, Wiedergabe, Tonhöhen- und Tempoänderungen)
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P mechanisch (II/I, III/I, III/II einzeln wahlweise elektrisch)
    • Suboktavkoppeln: II/I, II/II, III/I, III/II, III/III elektrisch
    • Superoktavkoppeln: II/I, II/II, III/I, III/II, III/III, II/P, III/P elektrisch
    • Melodie- und Basskoppel
    • frei programmierbare Koppeln von und zu allen Werken in allen Intervallen und Tonbereichen
  • zwei Schwelltritte
  • Walze (2fach programmierbar) umschaltbar zw. Walze und 2. Schwelltritt
  • Windschweller (für Hw/P, Pos, Sw über 2.Schwelltritt steuerbar)
  • Röhrenglocken (freie Zuordnung)
  • Tastenfesseln (separat pro Werk)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lorenz Gösta Beutin, Heike Nowicki: Archiv der Kirchengemeinde St. Johannis-Harvestehude. Archiv des Kirchenkreises Alt-Hamburg, Hamburg 2007.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: St. Johannis-Kirche (Hamburg-Harvestehude) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sabine Behrens: Norddeutsche Kirchenbauten des Historismus: die Sakralarchitektur Hugo Groothoffs, 1851–1918. Ludwig, Kiel 2006, ISBN 978-3-933598-97-4, S. 192.
  2. Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg, Geschichte, Kultur und Stadtbaukunst an Elbe und Alster. In: DuMont Kunst-Reiseführer. 3. Auflage. DuMont Buchverlag, Köln 1996, ISBN 3-7701-1590-2, S. 59.
  3. Dokumente im Archiv der Kirche St. Johannis
  4. Thilo Wydra: Ingrid Bergman – Ein Leben. Hrsg.: Deutsche Verlagsanstalt, München 2017. ISBN 978-3-421-04673-4, S. 80.
  5. Geschichte der Gemeinde, Abschnitt Pastoren an St. Johannis auf der Gemeinde-Homepage
  6. Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg. Abgerufen am 30. März 2021 (deutsch).
  7. Ralph Knickmeier, Wilhelm Hornbostel: Aloys Denoth – Hamburger Bildhauerkunst zwischen Historiscmuis und Jugendstil. MKG-Hamburg 1997
  8. Bayerisches Nationalmuseum München: die Bronzereliefs aus der Grimaldi-Kapelle in Genua. Abgerufen am 24. November 2018.
  9. Edmund Meier-Oberist: Das neuzeitliche hamburgische Kunstgewerbe …, Hamburg 1925, S. 98
  10. Der Holzschnitzer Heinrich Walldorf sen. hatte seine Werkstatt 1868 gegründet. Sein Sohn Heinrich Walldorf jun. führte sie ab 1903 weiter (Meier-Oberist, S. 378)

Koordinaten: 53° 34′ 15″ N, 9° 59′ 36″ O