Streitwagen

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Darstellung Ramses’ II. auf einem Streitwagen, Relief im großen Tempel von Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.)

Ein Streitwagen war in der Antike ein mit Pferden bespanntes, meist einachsiges Militärfahrzeug. Es diente auch zu Repräsentations- und Wettkampfzwecken.

Aufkommen und Vorgeschichte[Bearbeiten]

Verbreitung von Streitwagen zwischen 2000 und 500 v. Chr.

Erfinder des Streitwagens sind die Träger der Sintashta-Kultur, auch Sintashta-Petrovka-Kultur oder Sintashta-Arkaim-Kultur in den Steppen, wo zuvor auch der vierrädrige Wagen einen seiner Ursprünge hatte. Er blieb in der Steppe aber nur kurz in Nutzung, denn bald wurden berittene Krieger eingesetzt. Wurden von den Sumerern im 3. Jahrtausend v. Chr. noch schwere zwei- oder vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern eingesetzt, so wurden ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern genutzt. Sie waren bis etwa zum 5. Jahrhundert v. Chr. allgemein verbreitet. Britannier und Perser nutzten ihn mindestens bis Christi Geburt, die Perser verwendeten Sichelstreitwagen, welche mit Klingen an den Achsen ausgestattet waren. Im Mittelalter wurden schwere Karren, die zur Deckung von Schützen dienten, gelegentlich auch als Streitwagen bezeichnet.

Der Streitwagen war im Altertum auch Statussymbol von Herrschern. Die antiken Wagenrennen wurden mit vierspännigen Modellen ausgetragen, während militärisch genutzte Fahrzeuge meist Zweispänner waren.

Der erste Kampfwagen stammt aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Auf zahlreichen Vasenmalereien, Tontafeln oder Schmuckstücken, taucht wiederkehrend das Motiv des Streitwagens auf. Abbildungen können sowohl real, als auch übernatürlich dargestellt werden. Die Herkunft des Streitwagens ist in der Forschung umstritten: Verschiedene Archäologen und Wissenschaftler spekulierten um 1930, dass der Streitwagen aus dem östlichen Anatolien stammen müsse. Später zielten die Vermutungen auf die Berglandschaft Anatoliens und Armenien ab. Andere wiederum vermuteten die Herkunft aus dem Land rund um den Kaukasus. Mit der wissenschaftlich durchgeführten Radiokarbonmethode, verschob sich die Erkenntnis um den Bereich der Herkunft jedoch auf ein Gebiet des südlichen Russlands, welches sich dann ins östliche Europa ausgebreitet haben muss.[1]

Sumerische, vierrädrige Pferdegespanne auf der Standarte von Ur (etwa 2850 bis 2350 v. Chr)

Der Streitwagen des zweiten Jahrtausends vor Christus, war nun wesentlich leichter, jedoch war seine Bauart zunächst sehr einfach gehalten und bestand aus zwei Rädern und einem einfachen Steg zur Befestigung am Pferd.[2] Das sogenannte Speichenrad löste das schwerere Scheibenrad ab und wurde ebenfalls im zweiten Jahrtausend auf einem Streitwagen, Relief im großen Tempel von Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.)verwendet. Da anfänglich noch keine Mundstücke für Zugtiere verwendet wurden, wurde eine Art Halfterung eingeführt, da die zuvor benutzen Nasenringe und die eigens für Ochsen und andere Zugtiere verwendeten Trageriemen zu schwer für das Pferd waren.[3] Später kam ein „Jochsattel“ hinzu, welcher extra an die Statur des Pferdes angepasst und auf dem Nacken des Tieres auflag. Zudem wurde auch ein Bauchgurt eingeführt, welcher ebenfalls wie die neue Halfterung zur Entlastung des zu tragendem Gewichts dienen sollte.

Die Anzahl der Streitwagen belief sich in der frühen Bronzezeit auf eine geringe Anzahl, allerdings wurden allein in Knossos „120 mit Rädern, 41 ohne Räder, 237 ohne nähere Bezeichnung“ also rund 400 Streitwagen verzeichnet. Daher muss sich der Streitwagen zu einem sehr präsenten Objekt in der späteren Bronzezeit entwickelt haben. [4]

Verortung des Streitwagens[Bearbeiten]

Skizze eines Sichelstreitwagens, Leonardo da Vinci um 1485

Die vierrädrigen sumerischen Wagen werden noch nicht als Streitwagen angesehen. Spätere Nutzer des Streitwagens waren in Mesopotamien die Mitanni, von denen ihn Hethiter und Assyrer übernahmen. Durch die Hyksos kam der Streitwagen nach Ägypten. Zwischen Hethitern und Ägyptern kam es 1274 v. Chr. in der Schlacht bei Kadesch zum bekanntesten Einsatz von Streitwagen. Das Alte Testament erwähnt mehrfach den Einsatz von Streitwagen, zum Teil[5] ausdrücklich als »eiserne Wagen«. Ebenso finden sie Erwähnung im Rigveda, was ihre Existenz zu dessen Entstehungszeit in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in Indien belegt. Archäologische Nachweise finden sich dort erst für das sechste Jahrhundert v. Chr., was durch die klimatisch bestimmten schlechten Erhaltungsbedingungen zu erklären ist. Auch in China tauchen Streitwagen zu ähnlicher Zeit auf. Das älteste Streitwagengrab (nicht Wagengrab) datiert von 1200 v. Chr. Es gibt jedoch Hinweise, dass bereits die um 1600 v. Chr. endende Xia-Dynastie Streitwagen nutzte.

In Westasien bzw. Europa übernahmen um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. Perser und Kelten den Streitwagen und nutzten ihn längere Zeit. Die antiken Perser waren gefürchtet für ihre mit scharfen Klingen an den Rädern versehenen Sensenstreitwagen oder Sichelwagen. Die disziplinierte Infanterie der Armee Alexanders des Großen hatte jedoch wirksame Strategien gegen die Sensenstreitwagen, so dass diese 331 v. Chr. in der Schlacht von Gaugamela wirkungslos waren. Danach kamen im Heer des pontischen Königs Mithridates VI. noch vermutlich sensenbestückte Streitwagen zum Einsatz. In Europa nutzten die Kelten intensiv und mit als letzte den als essedum bezeichneten Streitwagen im Kampf. Der letzte bekannte kriegerische Einsatz von Streitwagen fand 83/84 n. Chr. in der Schlacht am Mons Graupius auf keltischer Seite statt.[6]

Die Wagenarten[Bearbeiten]

Einzelteile eines Streitwagens.

In der Entwicklung des Streitwagens kam es zu unterschiedlichen Wagenarten, welche nur in einem gewissen Zeitraum auftraten. Somit bildet der „dual chariot“ mit einer dauer von 250 Jahren, den am längsten verwendeten Streitwagentyp.

  • box chariot (1550-1450 v. Chr.)

Die Abbildung eines „box chariots“ wurde auf einem Ring in Mycenae aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gefunden. Der Wagen bestand aus einem festen Körper und besaß einen rechteckigen Umriss. Die Räder besaßen vier Speichen und der Wagen war für ein bis zwei Personen ausgelegt. Die Seitenstücke dieses Wagens waren ca. hüfthoch und die Reling lag horizontal und meist an den Seiten abgeschrägt auf. Die Seitenstücke waren meist mit verschiedenen Flechtmustern versehen: speziell in diesem Fall waren es Kreuzmuster. Der Fußboden hatte die Form des Großbuchstaben „D“, welche sich auch in späteren Wagenarten durchsetzte.[7]

  • quadrant chariot (1450-1375 v. Chr.)

Der „quadrant chariot“ wurde auf Abbildungen eines Siegelstempels aus Knossos um 1400 v. Chr. gefunden. Er zeigt eher einen runden Körper auf, wie ein „quadrant of a circle“ - ein Viertel eines Kreises. Auch dieser Wagen besitzt hüfthohe Seitenstücke und vierspeichige Räder. Zudem ist dieser Wagentyp sehr leicht und besteht aus durch Wärme gekrümmtem Holz und Rohleder. Die Maße der Plattform werden auf einen halben Meter Länge und einen Meter Breite geschätzt, so dass zwei Männer in diesem Wagen stehen konnten. Die typische „D-Form“ des Bodens wurde hier vom „box chariot“ übernommen. Die Seitenteile des Wagens konnten entweder komplett frei, geschlossen oder Ausschneidungen besitzen. Hierbei wurden keine aufwendigen Flechtmuster verwendet.[8]

  • dual chariot (1450-1200 v. Chr.)

Der dritte Wagentyp des „dual chariots“ fand man auf Wandmalereien in Knossos um 1375 v. Christus. Der „dual chariot“ besaß wieder eine rechteckige Form, jedoch mit abgerundeten Seitenteilen, welche am Frontstück, der Reling, befestigt sind. Zuvor hatten nur zwei Mitfahrer im Streitwagen Platz gefunden. In diesem Wagentyp jedoch kommt es vereinzelt auch zu Abbildungen auf denen eine dritte Person zu sehen ist. Folglich sollte diese Wagenart eine größere Stehfläche haben, wobei auch hier die typische „D-Form“ übernommen wurde. Die Besonderheit dieses Wagens war ein neuer Achsenantrieb, der nun dreiachsig mit Wagen und Fußteil verbunden war. Auch bei den Materialien dieser Wagenart wurde am Holz gespart und mehr Leder verwendet, um diesen Wagen noch leichter werden zu lassen.[9]

  • rail chariot(1250-1150 v. Chr.)

Den letzten Wagentyp des „rail chariots“ hat man unter anderem auf einer Vase aus Mykene aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gefunden. Seine Besonderheit ist, dass sein Körper nur aus einem Geländer besteht und die Front- und Seitenteile komplett frei gelassen wurden. Dieser Wagentyp zählt somit zu den sicherlich leichtesten seiner Art. Allerdings sind am wenigsten Informationen über diese Art vorhanden, außer dass auch dieser Typ ein vierspeichiges Rad besitzt und ein bis zwei Personen befördern kann. Bei diesem Wagentyp war die Mitnahme von Waffen jedoch unwahrscheinlicher, da sie an den Seiten leichter hinausfallen konnten.[10]

Militärischer Nutzen und Prestigeobjekt[Bearbeiten]

Anfangs waren Streitwagen Truppentransporter, um Krieger in guter physischer Verfassung zum Kampfplatz zu bringen. Später wurden beweglichere Wagen entwickelt, die mit Speerkämpfern und Bogenschützen aktiv in das Kampfgeschehen eingriffen. Die taktische Rolle von Streitwagen war ab diesem Zeitpunkt ähnlich der von Panzern im modernen Krieg. Streitwagen konnten allerdings nur auf relativ ebenem Gelände eingesetzt werden. Später wurden sie von der flexibleren und billigeren Reiterei abgelöst.

Manche Streitwagen waren für den Fernkampf vorgesehen, aufgesessene Bogenschützen nahmen aus sicherer Entfernung die feindlichen Verbände unter Beschuss, und ehe die gegnerischen Truppen zu nahe kamen, zog sich der Wagen in sichere Entfernung zurück. Neben dieser Zermürbungstaktik gab es auch den Einsatz im Nahkampf, dafür wurden schwerere, von mehreren Pferden gezogene Wagen gebaut, Rahmen und Radnaben waren mit Klingen versehen. Durch die Sicheln an den Achsen und die zwei bis vier Pferde war ein massiver Einschlag in feindliche Linien zwar möglich, Pferde reiten allerdings nur seltenst in geschlossene Gefechtsformationen hinein. Der psychologische Nutzen – die Angst der Fußsoldaten vor einem heranpreschenden Streitwagen – war ebenfalls nicht zu unterschätzen. Ähnlich wie die gewöhnliche Kavallerie hatte der Streitwagen also die Fähigkeit, offene Soldatenformationen einfach zu überrennen. Auch Reiter hatten sich vor Streitwagen zu hüten, denn die Sicheln waren für ungeschützte Pferdebeine ebenfalls eine große Gefahr. Zu dieser Kampfkraft kamen dann auch noch Fernwaffen und Lanzen, die von dem Streitwagen aus benutzt wurden. Vom Streitwagen aus wurde mit Bögen sowie mit Wurfspeeren gekämpft; zum Nahkampf mit Schwertern und anderen Waffen sprang man ab. Bei Gefahr kehrte der Wagenlenker zurück, so dass der Kämpfer wieder aufspringen konnte. Der Streitwagenkämpfer war meist adlig, da im Altertum Waffen und Gerät vom Kämpfer selbst zu stellen waren – ein Wagen samt Pferden war sehr teuer. In der Ilias werden Streitwagenkämpfer beschrieben. Der Wagenlenker kämpfte meist nicht selber.

Der Streitwagen galt jedoch auch als reines Prestigeobjekt meist von Königen oder höheren Offizieren genutzt, welche den Streitwagen als reines Gefährt benutzten. Für diese Theorie sprechen die verschiedenen Verzierungen in Formen von Flechtarbeiten am Körper des Streitwagens selbst und das Verzieren der Speichen und Räder. In dieser Hinsicht war der Streitwagen zunächst ein Aufsehen erregendes Objekt und ermöglichte Königen und Offizieren, optisch höhergestellt zu sein als andere. Auch tauchen Formulierungen wie „Freizeitbeschäftigung“ und reines Transportmittel in alten Inschriften auf.[11]

Jedoch spielt auch die Jagd mit dem Streitwagen, neben dem militärischen und elitären Nutzen eine Rolle. Bereits im 18.-17. Jahrhundert v. Chr. gibt es Abbildungen eines syrischen Zylinders, auf dem Fahrer, welche die Zügel um die Hüfte gebunden haben, mit Bogen zu sehen sind.[12] Allerdings wäre diese Methode bei schneller Fahrt riskant, da der Fahrer fast keine Kontrolle über den Wagen hat. Somit muss der Streitwagen ebenfalls als reiner Fuhr- und Jagdwagen genutzt worden sein.[13]

Der Streitwagenfahrer[Bearbeiten]

In einem Streitwagen konnten bis zu drei Insassen mitfahren. Oftmals stand vorne der Fahrer, welcher von einem zweiten Mann durch ein Schild geschützt wurde, da der Streitwagen nach hinten keinerlei Deckung aufwies. Idealerweise fuhr eine dritte Person, die eine Kampfwaffe besitzt, zum Angreifen mit. Die Ausrüstung bestand meist aus: Peitsche, Schild und Bogen. Der Fahrer hatte zudem eine Lanze oder ein Schwert bei sich. Die Uniform bestand meist nur aus Helm und Brustpanzer, welcher nur aus Leder bestand, um möglicherweise das Gewicht nicht zu erhöhen. Die Streitwagenfahrer gehörten der Oberschicht der Bevölkerung an, da der Erwerb und Unterhalt eines Streitwagengespanns mit erheblichen Kosten verbunden sind“. Die Unterhaltung eines Streitwagens war mit sehr hohe Kosten verbunden, sodass sich nur wohlhabende Regionen eine immense Aufrüstung an Streitwagen leisten konnten.[14] Der Streitwagenfahrer benötigte eine lange Ausbildung, um den Wagen richtig zu lenken und das Gleichgewicht optimal zu verteilen, wohingegen andere Insassen des Streitwagens Verteidigungsmanöver und Kampftaktiken langwierig erlernt haben.

Das Pferd und die Domestizierung[Bearbeiten]

Funde von Pferden gibt es bereits aus dem vierten bis dritten Jahrtausend v. Chr. Anfänglich wurden Pferde als reines und Nutztier und Fleischlieferant verwendet, bevor sie als richtige Nutztiere Ochsen- und Eselarten ablösten. Ein eindeutiges Indiz für den aufkommenden Nutzen des Pferdes ist die Erfindung des Zaumzeuges, als Gegensatz zum Nasenring, welcher bei Ochsen verwendet wurde. Erst ab 1500 v. Chr. wurde das Zaumzeug mit richtigen Mundstücken aus Metall verwendet. Jedoch traten Pferde nicht plötzlich in das Leben der Menschen: verschiedene Rassen sind bereits aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. aus Anatolien stammend bekannt. Jedoch breiteten sich Pferderassen rund um Nord-West Europa aus. Ein Fünftel aller gefundenen Tierknochen in den Gebieten sind Pferdeknochen.[15]

Zwei von insgesamt vier Tafeln des Kikkuli-Textes.

Als das Pferd sich vom Nutz- zum Zugtier entwickelte, brauchte es ein spezielles Training, um es an Fahrer und Wagen zu gewöhnen. Hierbei steht die Domestizierung, also eine vom Menschen verursachte Zähmung im Vordergrund. Besonders wichtig hierbei ist eine Kenntnis der physischen Struktur und der Verhaltensweise des Pferdes.[16] Ein Beispiel hierfür ist das Gleichgewicht: Der Wagenfahrer muss den Schwerpunkt optimal verlagern können, damit das Pferd keine zu große Last auf dem Nackenjoch trägt und folglich langsamer und kürzere Distanzen läuft. Doch gerade das Pferd eignet sich sehr gut als Zugtier: es kann lange Distanzen, nach erfolgreichem Training, ohne Wasser oder Nahrung zurücklegen und ist deutlich schneller als Ochsen- oder Eselarten. Zudem wurden nur Hengste domestiziert, da sie einen stärkeren Körperbau haben als Stuten. Es wird daher auch vermutet, dass erst nach dem vierten Lebensjahr mit der Domestizierung begonnen wurde, damit die Knochen vollständig ausgebildet sind.

Einer der wichtigsten Funde zur Belegung der Domestizierung ist ein Text zur Zähmung von Streitwagenpferden 1931 bei den sogenannten „bittelschen Grabungen“ in Büyükkale in der Türkei gefunden worden. Von diesem Text sind heutzutage nur noch vier Tafeln erhalten: der Kikkuli-Text. Im Zusammenhang mit den Texten findet sich ein mitanischer-hurritischer Schriftsteller names Kikkuli wieder, welcher als Verfasser der Texte gilt. Die Texte werden auf 1400 v. Chr. datiert. Auf der ersten Tafel des Textes befinden sich Informationen zur Fütterung, richtiger Haltung und verschiedenen Distanzen zum Ausreiten. Es wird erläutert woraus sich das Futter am Beginn des Trainings zusammensetzt. Da die zeitliche Spanne der Texte in Tageseinheiten gehalten wurde, erfährt man auf der ersten Tafel alles über die ersten 74 Tage, bei denen es um Rennübungen und der richtigen Fütterung geht. Bei den Fütterungen ist noch laut dem Text zu beachten, dass die Pferde lange Zeit nicht getränkt, mit Salzwasser getränkt, oder nicht gefüttert wurden, um sie wahrscheinlich an Dürreperioden und lange Distanzen zu gewöhnen.[17] Der Kikkulitext bildet eine der wichtigsten, erhaltenen Anleitungen, die es ermöglichen nachzuvollziehen, wie langwierig und aufwendig das Training war.

Hethitische Streitwagen[Bearbeiten]

Hethitischer Streitwagen

Die hethitischen Streitwagen – zu ihrer Zeit vielleicht die stärkste Waffe der Welt – wurden zuerst mit zwei, später mit drei Mann besetzt: Anfangs gab es einen Bogenschützen und einen Wagenlenker, der beide mit einem Schild beschützte, später kam ein dritter Krieger hinzu, der den Schild übernahm und für den Nahkampf ausgerüstet war.

Ein großer Vorteil der hethitischen und ägyptischen Streitwagen, die von zwei Hengsten gezogen wurden, war ihre leichte Bauweise: Der Aufbau bestand aus einem mit Leder und Gurten bespanntem Holzrahmen, an der Achse drehten sich zwei Räder mit sechs Speichen; nur die stark beanspruchten Radkränze waren massiver. Dies sorgte dafür, dass ein einziger Mann ein solches Gefährt tragen konnte: Ein erhaltener ägyptischer Wagen, den man in Florenz besichtigen kann, wiegt nur 24 Kilogramm (zum Vergleich: ein moderner Leichtmetall-Sulky darf 30 Kilogramm nicht überschreiten).

Anders als etwa die Perser nutzten die Hethiter Streitwagen vorwiegend als Fernkampfwaffen, von denen aus man den Gegner beschießen und sich dann schnell zurückziehen konnte. Ihre Besatzung stellte auch keine elitäre Kaste dar wie bei vielen Nachbarvölkern (etwa in Mitanni). Es kam sogar vor, dass eroberte Gespanne samt Fahrern in die eigene Armee eingegliedert wurden. Die Hethiter waren äußerst abhängig von ihrer stärksten Waffe: Ein König weigerte sich gar, Gegner in unwegsames Gebiet zu verfolgen, und hungerte sie lieber aus – was beträchtlich länger dauerte – , denn seine Krieger könnten schließlich nicht die Wagen auf den Rücken tragen – ein Kampf ohne Streitwagen schien ihm gar nicht möglich zu sein.

Eine hethitische Inschrift ist es auch, die Streitwagen erstmals erwähnt: Großkönig Anitta zog mit 40 von diesen in die Schlacht. In der Schlacht von Kadesch kommen nach ägyptischen Quellen ganze 3500 zum Einsatz – 7000 Pferde und 10500 Mann Besatzung.

Mesopotamien und Nachbarländer[Bearbeiten]

Auf akkadisch hieß der Wagen narkabtu oder mugerru, der Wagenfahrer rākib narkabti. Gewöhnlich wird angenommen, dass zweirädrige Streitwagen in größerem Umfang ab ca. 1600 v. Chr. eingesetzt wurden. Zuerst wurden Streitwagen mit sechs Speichen gebaut, seit Tiglat-pileser III. achtspeichige. Im Jahr 839 konnte Assyrien 2002 Streitwagen aufstellen.[18]

Die Zugehörigkeit der oft sehr ähnlichen Wagen konnte durch die Deichselzier herausgestellt werden. Neu-Assyrische Streitwagen hatten meist einen fächerförmigen Aufsatz,[19] dieser ist jedoch auch aus aramäischen Stadtstaaten wie Sam'al überliefert[20]. Die Deichselzier der Urartäer bestand dagegen aus einer „Scheibe mit 5 hochstehenden Zungen“[19], diese ist sowohl im Original (mit Besitzinschrift von Išpuini) als auch als Abbildung seit Argišti I. überliefert[21].

Ägäis[Bearbeiten]

In der Ägäis ist der Streitwagen ebenfalls ab ca. 1600 nachzuweisen (Schachtgräber). Nach Drews ist die mit dem Streitwagen verbundene Terminologie indogermanisch.

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Mythologie[Bearbeiten]

In der Mythologie verschiedener Völker spielen Streitwagen indirekt eine Rolle. So werden in Indien die alten vedischen Götter wie der Sonnengott Surya oder der Windgott Vayu ebenso wie Krishna auf Rathas (sanskrit für „Wagen“) dargestellt. In der griechischen Mythologie fährt der Sonnengott Helios auf einem Streitwagen über das Himmelsgewölbe.

Obwohl ein archäologischer Nachweis für die Verwendung von Streitwagen in Irland nicht existiert, kommen in den mythischen Heldengedichten der Insel die Kämpfer fast immer als Streitwagenfahrer vor.[22] Die Erzählung Aided Chon Culainn („Der Tod Cú Chulainns“) berichtet von dessen Wagenlenker Loeg mac Riangabra und den Rössern Liath Macha und Dub Sainglenn. Für Wales sind durch die Funde von Llyn Cerrig Bach auf Anglesey Streitwagen archäologisch bestätigt. Im Werk „Kelten - Bilder ihrer Kultur“ werden der rekonstruierte Wagen von Llyn Cerrig Bach sowie Zeichnungen von Streitwageneinsätzen gezeigt.[23]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arthur Cotterell: Chariot. The Astounding Rise and Fall of the World's First War Machine. Pimlico, Random House, London 2005. ISBN 1-8441-3549-7.
  • Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981. ISBN 9071211215.
  • Robert Drews: The coming of the Greeks. Indo-European conquests in the Aegean and the Near East. 2nd printing. Princeton University Press, Princeton NJ 1988, ISBN 0-691-02951-2.
  • James K. Hoffmeier: chariots. In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-18589-0, S. 193–195.
  • Robert Drews: The end of the Bronze Age. Changes in warfare and the catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton 1993. ISBN 0691048118.
  • Anthony Harding: Warriors and weapons in Bronze Age Europe. Budapest 2007. ISBN 9789638046864.
  • Anja Herold: Streitwagentechnologie in der Ramses-Stadt. (= Forschungen in der Ramses-Stadt – Die Grabungen des Pelizaeus-Museums Hildesheim in Qantir-Piramesse Bd. 3), Philipp von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3506-7.
  • Valentin Horn: Das Pferd im Alten Orient. Das Streitwagenpferd der Frühzeit in seiner Umwelt, im Training und im Vergleich zum neuzeitlichen Distanz-, Reit- und Fahrpferd. Hildesheim 1995. ISBN 3487083523.
  • Annelies Kammenhuber: Hippologia Hethitica. Wiesbaden 1961. ISBN 9783447004978.
  • Mary Aiken Littauer: Selected writings on chariots and other early vehicles, riding and harness. Leiden 2002. ISBN 9004117997.
  • Thomas Richter: Der Streitwagen im Alten Orient im 2. Jahrtausend v. Chr. – eine Betrachtung anhand der keilschriftlichen Quellen. In: Mamoun Fansa, Stefan Burmeister (Hrsg.): Rad und Wagen. Der Ursprung einer Innovation. Wagen im Vorderen Orient und Europa (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 41). Isensee, Oldenburg 2004, ISBN 3-89995-085-2, S. 507ff.
  • Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984. ISBN 3700106203.
  • Frank Starke: Ausbildung und Training von Streitwagenpferden. Eine hippologisch orientierte Interpretation des Kikkuli-Textes. Wiesbaden 1995. ISBN 3447035013.
  • Rupert Wenger: Strategie, Taktik und Gefechtstechnik in der Ilias. Analyse der Kampfbeschreibungen der Ilias (= Schriftenreihe altsprachliche Forschungsergebnisse. Bd. 6). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3586-2
  • Michael Ventris: Documents in Mycenaean Greek. 2nd printing. Cambridge 1973. ISBN 0521085586.
  • Heike Wilde: Technologische Innovationen im zweiten Jahrtausend vor Christus. Zur Verwendung und Verbreitung neuer Werkstoffe im ostmediterranen Raum (= Göttinger Orientforschungen. Reihe 4: Ägypten, Bd. 44). Harrassowitz, Wiesbaden 2003. ISBN 3-447-04781-X, S. 109–130 (Zugleich: Göttingen, Universität, Magisterarbeit, 1999/2000).
  • Heike Wilde: Innovation und Tradition. Zur Herstellung und Verwendung von Prestigegütern im pharaonischen Ägypten. Wiesbaden 2011. ISBN 9783447066310.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Streitwagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984. S.107f.
  2. Thomas Richter: Der Streitwagen im Alten Orient im 2. Jahrtausend v. Chr. – eine Betrachtung anhand der keilschriftlichen Quellen. In: Mamoun Fansa, Stefan Burmeister (Hrsg.): Rad und Wagen. Der Ursprung einer Innovation. Wagen im Vorderen Orient und Europa (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 41). Isensee, Oldenburg 2004, ISBN 3-89995-085-2, S. 46.
  3. Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984. S.77.
  4. Michael Ventris: Documents in Mycenaean Greek. 2nd printing. Cambridge 1973. S.365.
  5. Jos 17,16-18 EU; Ri 1,19 EU, 4,3 EU und 4,13 EU
  6. Tacitus: Agricola. – Biographie von Gnaeus Iulius Agricola, röm. Statthalter in Britannien
  7. Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981. S.59-61.
  8. Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981. S.62-63
  9. Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981. S.63-66.
  10. Joost H. Crouwel: Chariots and other means of land transport in Bronze Age Greece. Amsterdam 1981. S.65-70
  11. Robert Drews: The end of the Bronze Age. Changes in warfare and the catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton 1993. S.105.
  12. Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984. S.100.
  13. Robert Drews: The end of the Bronze Age. Changes in warfare and the catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton 1993. S.115.
  14. Frank Starke: Ausbildung und Training von Streitwagenpferden. Eine hippologisch orientierte Interpretation des Kikkuli-Textes. Wiesbaden 1995. S.127.
  15. Fritz Schachermeyr: Griechische Frühgeschichte. Ein Versuch, frühe Geschichte wenigstens in Umrissen verständlich zu machen. Wien 1984. S. 76/80.
  16. Frank Starke: Ausbildung und Training von Streitwagenpferden. Eine hippologisch orientierte Interpretation des Kikkuli-Textes. Wiesbaden 1995. S. 10.
  17. Annelies Kammenhuber: Hippologia Hethitica. Wiesbaden 1961. S.61.
  18. Brad E. Kelle: What's in a Name? Neo-Assyrian designations for the Northern Kingdom and their implications for Israelite history and Biblical interpretation. Journal of Biblical Literature 121/4, 2002, S. 642
  19. a b P. Calmeyer/U. Seidl: Eine frühurartäische Siegesdarstellung. Anatolian Studies 33, 1983 (Special Number in Honour of the Seventy-Fifth Birthday of Dr. Richard Barnett), S. 106
  20. Walter Andrae: Die Kleinfunde von Sendschirli. Walter de Gruyter, Berlin 1943, S. 79ff
  21. Arch. Mitt. Iran 13, 1980, S. 75
  22. Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997, ISBN 3-7001-2609-3, S. 952.
  23. Helmut Birkhan: Kelten. Bilder ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2814-2, S. 338 f, Bilder 607, 608, 611.