Sturzprävention

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Sturzprävention oder Sturzprophylaxe umfasst die Gesamtheit vorbeugender Maßnahmen insbesondere gegen Stürze, insbesondere gegen Stürze im Alter.

Stürze und Sturzverletzungen gehören zu den häufigen medizinischen Problemen bei Senioren. Etwa ein Drittel aller Senioren über 65 Jahren stürzt einmal pro Jahr und davon die Hälfte mehrmals jährlich.[1] Aufgrund von Osteoporose und eingeschränkter Mobilität und Reflexen resultieren Stürze oft in Hüft- und anderen Frakturen, Kopfverletzungen oder sogar in Mortalität. Unfallverletzungen sind die fünfthäufigste Todesursache bei älteren Erwachsenen. Bei 75 % der Hüftfraktur-Patienten erfolgt keine vollständige Genesung und der Allgemeingesundheitszustand verringert sich.

Die am konsistentesten nachgewiesenen Vorhersagefaktoren für das Sturzrisiko einer Einzelperson sind die Sturzgeschichte des letzten Jahres sowie Gang- und Balanceabnormalitäten. Schlechte Sichtverhältnisse[2], bestimmte Medikationen (speziell psychotrope Medikamente,[3], aber auch Antihypertensiva, Muskelrelaxanzien und Diuretika[4]) oder eingeschränkte kognitive Fähigkeiten werden ebenfalls mit einem erhöhten Sturzrisiko assoziiert.

Maßnahmen zur Sturzprävention[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Forschung deutet an, dass multifaktorielle Interventionsprogramme die Anzahl der Stürze reduzieren können; in einer Metaanalyse von Studien bei Senioren im Allgemeinen betrug die Sturzreduktion 27 %, und bei Senioren mit Sturzgeschichte oder anderen Risikofaktoren 14 %. Obwohl es noch mehr Forschung braucht, werden Kraft- und Balance-Training, eine Risikoabschätzung der häuslichen Umgebung, das Absetzen von psychotroper Medikation, und T'ai chi als erfolgversprechende Maßnahmen beurteilt. T'ai chi Übungen reduzierten das Sturzrisiko um 47 %, wobei weniger die Gangparameter als die Messgrößen des Selbstvertrauens in Studien nachgewiesen wurden.[5] (Zur Vermeidung von Stürzen insbesondere in Pflegeeinrichtungen siehe: Expertenstandard Sturzprophylaxe.)

Physiotherapeutische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Physiotherapeuten analysieren das Gangbild und die Balancefähigkei des Klienten und können Probleme in diesen Bereichen feststellen. Daraufhin wird ein individuell auf den Klienten zugeschnittenes Übungsprogramm erstellt.

Anpassungen des Umfelds[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufige Aufenthaltsorte für einen Sturz sind Treppe oder Badewanne. Anpassungen der häuslichen Umgebung zielen darauf ab, Stolperfallen zu entfernen und einer Person eine Hilfestellung zu geben, ihre täglichen Aktivitäten im Haus auszuführen. Anpassungen können sein: Unordnung zu minimieren, Haltegriffe in Dusche oder Badewanne und in der Nähe der Toilette zu installieren.[6] Treppen können durch Haltegriffe beiderseits ausgerüstet werden, auch Handläufe in der Wohnung, wo möglich, installiert werden, die Lichtverhältnisse können verbessert werden, Farbkontraste zwischen den Treppenstufen sind möglich. Rutschsichere Teppiche oder Gummimatten können unterstützend wirken, am Boden liegende Kabel sollten vermieden werden. Das Entfernen oder Abpolstern spitzer Ecken und scharfer Kanten an Möbelstücken, so wie das Absenken des Bettes zu Schlafenszeiten ist im Fall eines Sturzes vorteilhaft, um Verletzungen zu vermeiden.[7][8][9]

Sturzrisikofaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die multifaktoriellen Ursachen eines Sturzes im Alter erschweren eine einfache Risikovorhersage. Weiterhin sind Stürze für viele Betroffene ein heikles Thema, worüber ungern gesprochen wird. Für Hausärzte muss ein valides Instrument zur Einschätzung des Sturzrisikos einerseits Personen mit Sturzrisiko genau und zuverlässig erfassen und andererseits einfach und rasch anwendbar sein. Eine Möglichkeit für Hausärzte, in der Anamnese sturzgefährdete von nicht sturzgefährdeten Personen zu differenzieren ist folgendes Frageschema:

  1. Zwei oder mehr Stürze in den letzten 12 Monaten?
  2. Ist der Sturz der aktuelle Grund des Arztbesuchs?
  3. Gangschwierigkeiten oder Gleichgewichtsstörungen (subj. Einschätzung des Patienten)?

Bei Beantwortung mindestens einer Frage mit Ja muss eine weitere Klärung der Sturzrisikofaktoren erfolgen. Diese können sein:[10]

  • Stolpergefahr durch unebenen oder glatten Boden
  • Unpassende, insbesondere zu lange Kleidung und schlecht sitzende Schuhe
  • Nicht ausreichende Beleuchtung
  • Nicht verfügbare Halte- und Stützmöglichkeiten
  • Sensorisches Nervensystem, z. B. durch Neuropathie beeinträchtigt
  • Unzureichende Aufmerksamkeit für Störeinflüsse wie Medikation, Drogen oder Erkrankungen
  • Funktion des Zentralen Nervensystems (ZNS) gestört, z. B. durch Demenz, Morbus Parkinson oder Medikation
  • Lähmungen,
  • Verminderte Körperkraft oder mangelnde Beweglichkeit
  • Vorherige Stürze, Angst durch Sturzerfahrungen
  • Kontinenzprobleme
  • Fortgeschrittenes Lebensalter

Weitere zum Teil ähnliche Fragenkataloge zur Bewertung der Sturzrisikofaktoren sind die Hendrich-Skala, die Morse-Skala und STRATIFY. Ein physisches Testverfahren, das anhand von 14 kurzen, praktischen Tests die Funktion des Gleichgewichtssinns überprüft, ist der Berg Balance Scale.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Englisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kyle C. Moylan, Ellen F. Binder: Falls in older adults: risk assessment, management and prevention. In: The American Journal of Medicine. Band 120, Nr. 6, Juni 2007, ISSN 1555-7162, S. 493.e1–6, doi:10.1016/j.amjmed.2006.07.022, PMID 17524747.
  2. Stephen R. Lord, Stuart T. Smith, Jasmine C. Menant: Vision and falls in older people: risk factors and intervention strategies. In: Clinics in Geriatric Medicine. Band 26, Nr. 4, November 2010, ISSN 1879-8853, S. 569–581, doi:10.1016/j.cger.2010.06.002, PMID 20934611.
  3. Sirpa Hartikainen, Eija Lönnroos, Kirsti Louhivuori: Medication as a risk factor for falls: critical systematic review. In: The Journals of Gerontology. Series A, Biological Sciences and Medical Sciences. Band 62, Nr. 10, Oktober 2007, ISSN 1079-5006, S. 1172–1181, PMID 17921433.
  4. Torsten Kratz, Albert Diefenbacher: Psychopharmakotherapie im Alter. Vermeidung von Arzneimittelinteraktionen und Polypharmazie. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Heft 29 f. (22. Juli) 2019, S. 508–517, S. 512 (Substanzen mit Erhöhung des Sturzrisikos).
  5. Fuzhong Li, Peter Harmer, K. John Fisher, Edward McAuley, Nigel Chaumeton: Tai Chi and Fall Reductions in Older Adults: A Randomized Controlled Trial. In: The Journals of Gerontology: Series A. Band 60, Nr. 2, 1. Februar 2005, ISSN 1079-5006, S. 187–194, doi:10.1093/gerona/60.2.187 (oup.com [abgerufen am 8. Juli 2017]).
  6. Sturzprävention: Ein sicheres Gefühl im Badezimmer – Mit welchen Maßnahmen sich die Sturzgefahr reduzieren lässt. VdK Sozialverband, 31. Oktober 2016, Abruf 9. Juli 2017.
  7. Best-Practice-Studie "Sturzprävention" – Teilprojekt im Rahmen des Projekts «Best Practice Gesundheitsförderung im Alter»@1@2Vorlage:Toter Link/gesundheitsfoerderung.ch (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., Februar 2011, Universitätsspital Basel Akutgeriatrie m. Unterstützung d. bfu, PDF 694 KB, S. 10, Abruf 9. Juli 2017.
  8. Adriano Pierobon, Manfred Funk: Sturzprävention bei älteren Menschen: Risiken - Folgen - Maßnahmen. (bei Google Books). Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-13-143761-7, S. 39. Abruf 9. Juli 2017.
  9. Annette Kulbe: Basiswissen Altenpflege: Gesundheit und Krankheit im Alter. Kohlhammer Verlag, Sturrtgart 2017, ISBN 978-3-17-031760-4.
  10. Dagmar Wiederholt: Pflegealphabet Von Absaugen bin Zystitisprophylaxe, 3. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München 2013, ISBN 978 3 437 27993 5, Seite 114
  11. Clinical and laboratory measures of postural balance in an elderly population. in Archives of physical medicine and rehabilitation K. O. Berg, B. E. Maki et al. Band 73, Nummer 11, November 1992, S. 1073–1080, ISSN 0003-9993. PMID 1444775.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt nicht eine Diagnose durch einen Arzt. Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!