Valentin Müller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Valentin Müller (Begriffsklärung) aufgeführt.

Valentin Müller (* 15. August 1891 in Zeilitzheim; † 31. Juli 1951 in München)[1] war ein deutscher Arzt sowie ein Oberst der Wehrmacht.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Müller wurde 1891 im unterfränkischen Zeilitzheim geboren und katholisch getauft. Mit 13 Jahren besuchte er das Kilianeum, das Bischöfliche Knabenseminar in Würzburg. 1911 machte er dort schließlich 20-jährig sein Abitur und studierte in Würzburg Medizin. Er wurde aktives Mitglied des K.St.V. Normannia Würzburg im KV. Während des Studiums wurde er als Soldat im Ersten Weltkrieg zur Bayerischen Armee eingezogen und diente an der Front. Er erhielt die Silberne Militär-Verdienstmedaille und wurde von den Briten gefangengenommen.

Später eröffnete er eine Arztpraxis und war in Eichstätt nach Hitlers Machtergreifung der einzige Arzt, der in dieser Zeit kranke jüdische Patienten noch zu Hause besuchte.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Valentin Müller zum Oberst ernannt und wieder einberufen. Er nahm an den Feldzügen gegen Polen (1939), gegen Frankreich (1940) und gegen Russland (ab Juli 1941) teil. Wegen seiner unnachgiebigen, christlich-religiösen Haltung kam er mehrmals in Konflikte mit der Wehrmacht und stand unter Beobachtung. Er soll es nicht geduldet haben, dass in seinem Beisein ein Soldat fluchte oder lästerte. „...ich lasse mir das, was mir heilig ist, nicht in den Kot ziehen.“[2].

1942 wurde er angewiesen, das erste Lazarett in Stalingrad zu errichten. Nur wenige Tage, bevor die Rote Armee die Stadt einschloss, wurde er aber nach Lourdes weiterkommandiert, um dort eine Abteilung für den Transport von Verletzten aufzubauen. Als Chef dieser Abteilung kam er 1943 in Italien an. Im September 1943 wurde Müller Stadtkommandant von Assisi. Aufgrund der Vorschläge Müllers erklärte Generalfeldmarschall Albert Kesselring Assisi zur offenen, damit unverteidigten Stadt als Lazarettzentrum. Die Stadt durfte daher gemäß der Haager Landkriegsordnung nicht mehr angegriffen werden.

Zur damaligen Lage in Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 1943 änderte sich das Verhältnis zwischen Wehrmacht und Italienern dramatisch: Mussolini war vom Großen Faschistischen Rat entmachtet und anschließend auf Befehl von König Viktor Emanuel III. verhaftet worden. Am 3. September landeten zwei britische Divisionen bei nur minimalem Widerstand der Verteidiger auf dem italienischen Festland. Am gleichen Tag schloss die neue italienische Regierung den Waffenstillstand von Cassibile mit den Westalliierten.

Daraufhin startete die Wehrmacht das 'Unternehmen Alarich' (später umbenannt in Fall Achse): Sie nahm italienische Soldaten fest und wurde zu Besatzern des Landes. Am 10. September besetzten deutsche Truppen Rom und am 12. September gelang es einem deutschen Sonderkommando, Mussolini aus seiner Gefangenschaft im Hotel Campo Imperatore zu befreien (→ Unternehmen Eiche). Laut Bericht der Heeresgruppe B wurden bis zum 19. September 1943 insgesamt 82 italienische Generäle, 13.000 weitere Offiziere und ca. 400.000 Soldaten entwaffnet und in Gefangenschaft genommen.

Albert Kesselring wurde am 21. November 1943 zum Oberbefehlshaber Südwest und Oberbefehlshaber der Heeresgruppe C ernannt; zudem wurde ihm die Vollziehende Gewalt in den italienischen Operationsgebieten übertragen.

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Müller hatte bzw. fand bei seinem Kommandierenden General Rückendeckung.

Als Müller bei Kesselring seine Sorge vorbrachte, Wehrmachttruppen auf dem Rückzug könnten Assisi besetzen, erteilte dieser einen Befehl, der den Truppen das Betreten von Assisi verbot.[3] Müllers heimlich-passives Einverständnis kam auch dem Pater Rufino Nicacci zugute, der eine Untergrundorganisation zur Rettung verfolgter Juden leitete. Diese fanden, als Mönche und Nonnen getarnt, hinter Klostermauern Zuflucht. Pater Rufino wurde später als „Gerechter unter den Völkern“ in Yad Vashem anerkannt. Als tiefgläubigem Katholik war Müller auch die Zerstörung von Kirchen, Klöstern und Kunstdenkmälern zuwider, was speziell SS-Truppen manchmal taten. Müller und auch der Bischof Giuseppe Placido Nicolini kamen angesichts der militärischen Lage zu der Einsicht, dass nur die Ausweitung des Lazaretts in der Stadt und damit verbunden die offizielle Deklaration Assisis als „Lazarettstadt“ deren Rettung ermöglichen könnten. Zu diesem Zweck musste, als immer mehr Verwundete von der sich nähernden Front in den Ort kamen, das Päpstliche Regionalseminar Umbriens zu einem Lazarett umgewidmet werden. Am 3. Juni 1944 wurden dort die ersten Verwundeten eingeliefert.[4]

Alle Kriegsparteien erkannten Assisi als Lazarettstadt an und respektierten sie auch als solche. Müller genoss aufgrund seines Charakters hohes Ansehen bei Deutschen wie Italienern. Ein Ausspruch der Bewohner wurde zum geflügelten Wort: „Wir haben drei Beschützer: Gott, den hl. Franziskus und Oberst Müller“, sogar die Partisanen gaben die Parole aus, dass ihm „kein Haar gekrümmt“ werden dürfe.

Beim Rückzug der deutschen Truppen – 2000 Verwundete verließen Assisi am Morgen des 15. Juni 1944 – ließ Müller große Mengen an wertvollen Medikamenten und medizinischen Einrichtungen in der Stadt zurück.

Er selbst blieb bis zum letzten Augenblick in Assisi. Die Nachhut bestand aus einem SS-Bataillon. Dieses setzte bei seinem Rückzug zahlreiche Gebäude vor der Stadt in Brand, betrat Assisi nach einem Gespräch mit Müller aber nicht. Müller verließ Assisi früh am 16. Juni.[5]

Wenige Wochen darauf wurde er von der US Armee in Kriegsgefangenschaft genommen.

Im Jahr 1950 war er zusammen mit seiner Familie nach Assisi eingeladen. Die ganze Stadt empfing ihn wie einen Helden.[6]

Im Frühjahr 1951 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert, der bereits Hirnmetastasen gebildet hatte. Am 31. Juli 1951, zwei Wochen vor Vollendung seines 60. Lebensjahres, starb Valentin Müller in einem Krankenhaus in München[7] und wurde in Eichstätt begraben. Auf seinem Grabstein ist die Silhouette der Basilika San Francesco und des Sacro Convento in Assisi eingemeißelt. Eine Gedenktafel in der Straße Viale Vittorio Emanuele II. von Assisi erinnert bis heute an den Retter und Wohltäter der Stadt.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 verfilmte Alexander Ramati eine fiktive Novelle, die im Assisi der Jahre 1943/44 spielt (der deutsche Titel lautet: Der Assisi Untergrund. Maximilian Schell in der Rolle als Valentin Müller, in weiteren Rollen: Ben Cross, James Mason, Irene Papas, Giancarlo Prete, Karlheinz Hackl.) In der Filmhandlung stehlen zwei Juden einen Blankobefehl bei Marschall Kesselring; mit diesem erklären sie die Stadt zur Lazarettstadt.

Posthumes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zeilitzheim steht ein Gedenkstein für Müller.[1][8]

Am 4. Oktober 2013 besuchte Papst Franziskus Assisi. Der Papst erinnerte an die damalige Rettung der Juden und daran, dass auch Bischof Giuseppe Placido Nicolini von Assisi (1877–1973) beim Verstecken von etwa 300 Juden in den Klöstern der Stadt beteiligt war.[9][10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Francesco Santucci: Mit Courage und Tatkraft zur Rettung Assisis. Der deutsche Arzt Valentin Müller und die Rettung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Deutsch von Josef Raischl. Editrice Minerva, Assisi 1999, ISBN 88-87021-18-X, (M–154).
  • Josef Raischl SFO, Andrè Cirino OFM: Three heroes of Assisi in World War II. Bishop Giuseppe Nicolini, Colonel Valentin Muller, Don Aldo Brunacci. Editrice Minerva, Assisi 2005, ISBN 88-87021-73-2, (M-197).
  • Alexander Ramati: Der Assisi Untergrund. Assisi und die Nazibesetzung nach dem Bericht von Pater Rufino Niccacci. Ullstein, Frankfurt am Main u. a. 1986, ISBN 3-548-33071-1, (Ullstein 33071 Zeitgeschichte).
  • Siegfried Koß: Valentin Müller. In: Siegfried Koss, Wolfgang Löhr (Hrsg.): Biographisches Lexikon des KV. Band 3. SH-Verlag, Schernfeld 1994, ISBN 3-89498-014-1, (Revocatio historiae 4), S. 80f.
  • Der Retter von Assisi. In: Akademische Monatsblätter. 100, Februar 1988, 2, ISSN 0002-3000, S. 1–2, online (PDF; 6,6 MB).
  • Dr. Valentin Müller – Retter der Stadt Assisi 1944. Ein Lebensbild. Von Bernadette Raischl, jüngste Tochter von Robert, dem Sohn von Valentin Müller.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Zeilitzheim – Dorfrundgang (Gedenkstein = letzter Abschnitt)
  2. Bernadette Raischl, (Enkelin) in: „Dr. Valentin Müller, ein Lebensbild“ (PDF; 28 kB), Feldpostbrief vom 14. Februar 1941
  3. Seite 19
  4. [1]
  5. Seite 20
  6. Bericht seiner Tochter
  7. Raischl/Cirino, Three heroes of Assisi in World War II, S. 106.
  8. Die nördlichste Straße im Neubaugebiet “Am Schweinfurter Tor” heißt 'Dr.-Valentin-Müller-Straße'. An ihrem Ende steht, von drei Lindenbäumen umrahmt, der Stein. Inschrift: “In Erinnerung an Oberstarzt Dr. Valentin Müller * 15.08.1891 in Zeilitzheim, (gest.) 31.07.1951 in München. Retter der Stadt Assisi.”
  9. FAZ: Auf den Spuren des Patrons
  10. Deutsche Welle