Variolation

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Die Variolation (auch veraltet Inoculierung) ist eine Technik der Impfung gegen Viruserkrankungen, die bis ins 18. Jahrhundert bei Menschen vor allem in China und im Nahen Osten eingesetzt wurde.

Hierbei wurden Virenkollektiva aus den Wunden von Pockenkranken genutzt, die die Krankheit überstanden hatten. Für gewöhnlich entnahm man erkrankten Personen mittels einer Lanzette Material aus einer Pustel, das man dann gesunden Personen subkutan, also durch kleine Wunden, in den Arm oder in das Bein einbrachte.[1] Dadurch wurden gesunden Personen attenuierte (abgeschwächte) Viren appliziert. Es wurde also ein attenuierter Lebendimpfstoff verwendet. Durch die Vermehrung der Viren sollte die Immunreaktion ausgelöst werden. Allerdings konnten die Viren durch Rückmutation bei ihrer Vermehrung wieder krankheitsauslösend werden, was zu einer relativ hohen Todesrate (2–3 %)[2] unter den derart Behandelten führte. Immerhin war aber damals die Sterblichkeit bei dieser Behandlung geringer als nach Infektion ohne vorausgegangene Variolation.[3][4] Ein weiteres Problem war, dass auch andere Krankheiten wie z. B. Syphilis oder Tuberkulose, übertragen werden konnten.[1] Außerdem konnte durch die Variolation eine (echte) Pockenepidemie ausgelöst werden.[5]

Wann genau diese Technik entwickelt wurde, ist unbekannt, vermutlich Anfang des zweiten Jahrtausend in Zentralasien. Von dort hat sich das Wissen über die Variolation nach China und über die Türkei nach Afrika und Europa verbreitet.[2] Avicenna empfahl, die Variolation durch Haut-zu-Haut-Übertragung oder per Inhalation durchzuführen.[6] Tscherkessische Händler haben 1670 die Technik in den türkischen Teil des Osmanischen Reiches eingeführt.[1] Ein in China 1742 entstandenes Medizinwerk („Goldener Spiegel der Medizin“) dokumentiert vier Arten der Variolation, größtenteils durch Einbringen pockenvirushaltigem Material in die Nase.[2] Die Ärzteschaft Englands wurde 1713 über diese Technik schriftlich durch den in der Türkei lebenden Arzt Emanuel Timoni informiert, 1716 durch Giacomo Pilarino.[2] Den Berichten wurde aber keine Signifikanz zugesprochen. Das Wissen über die Variolation wurde schließlich von Lady Mary Wortley Montagu 1721 aus ihrer Rückkehr von Konstantinopel nach England überliefert. In Konstantinopel führte der Arzt Charles Maitland eine Variolation am Sohn Montagus durch, 1721 nach ihrer Rückkehr in England an ihrer Tochter. Die neue Technik wurde in England durch König Georg I. gestattet, nachdem sie zuerst an sechs Sträflingen im Newgate-Gefängnis (9. August 1721) sowie sechs Waisenkindern erfolgreich getestet worden ist.[5] 1722 wurden die beiden Töchter der Princess of Wales Carolines von Brandenburg-Ansbach, Amelia und Carolina, erfolgreich einer Variolation unterzogen.[7] Als erster auf dem europäischen Kontinent inoculierte 1748 der Arzt Théodore Tronchin seinen Sohn in Amsterdam.[5] Der englische Arzt Thomas Dimsdale impfte Katharina die Große und ihre Söhne und Enkel mit dieser Methode und wurde deshalb zum Baron ernannt. Die Variolation wurde in Europa und auch Amerika (George Washington ließ Rekruten ab den 1770er Jahren inoculieren) nach und nach angewandt und verfeinert.

Ab 1800 wurde die Variolation zunehmend durch Edward Jenners Vakzination ersetzt.[8][9], in England schließlich 1840 gesetzlich verboten ("Vaccination acts").

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Methode nach Sutton[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das System oder die Methode nach Sutton geht auf den in Suffolk praktizierenden Arzt Robert Sutton (* 1707; † 1788)[10] zurück.[11] Auslöser ist wahrscheinlich eine 1756 von John Rodbard durchgeführte klassische Variolation seines ältesten Sohnes Robert Jr. Dieser entwickelte starke Symptome einer Pockenerkrankung. Die Methode nach Sutton wurde von ihm und seinen sechs Söhnen praktiziert.[10]

Bei dieser Methode erfolgt zwei Wochen vor der Variolation eine Diät, bei der der Patient kein Alkohol und kein Fleisch zu sich nehmen soll.[11] Bei der Variolation selbst wurde darauf geachtet, dass die Lanze, mit der geringe Mengen an Lymphe übertragen wurde, nicht zu tief in die Haut des Empfängers eindrang (minimalinvasiv). Danach sollte der Empfänger im Freien Übungen abhalten, so lange bis er Fieber entwickelte. Dieses wurde mit kaltem Wasser, warmen Tee und Brei behandelt. Gegen beim milden Verlauf einer Pockenerkrankung auftretenden Symptome sollte der Patient unter anderem quecksilber- und antimonhaltige Präparate einnehmen.[11]

Die Methode nach Sutton war höchst populär und verbreitete sich auch in Europa. 1769 verstarben von 40.000 Patienten, die in England inocluiert wurden, nicht mehr als 100 Patienten.

Methode nach Dimsdale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thomas Dimsdale kritisierte die Methode nach Sutton dahingehend, dass gerade inoculierte Personen sich frei auch unter nicht-inoculierten Menschen aufhalten und damit unbeabsichtigt Pocken verbreiten konnten[11]. Daraus schloss er, dass man ganze Gemeinden incoluieren müsse. Zusammen mit Ingenhousz inoculierte er in der Grafschaft Hertfordshire die Gemeinden Little Berkhamsted und Bayford, was einen vorausgegangen Zyklus an Variolation und Kontamination beendete.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Stefan Riedel: Edward Jenner and the history of smallpox and vaccination. In: Proceedings (Baylor University. Medical Center). Band 18, Nr. 1, 2005, S. 21–25, PMID 16200144, PMC 1200696 (freier Volltext).
  2. a b c d Stanley A. Plotkin et al.: Plotkin's Vaccines. 7. Auflage. Elsevier, Philadelphia 2017, ISBN 978-0-323-35761-6, S. 1 (elsevier.com).
  3. Otto Dornblüth, Klinisches Wörterbuch - Variolation
  4. Pocken - Seuchengeschichte
  5. a b c Marie-Louise Portmann: Die Variolation im Spiegel der Korrespondenz Albrecht von Hallers (1708-1777) und Achilles Mieg (1731-1799). In: Gesnerus : Swiss Journal of the history of medicine and sciences. Band 34, Nr. 3-4, 1977, doi:10.5169/seals-521255 (e-periodica.ch).
  6. Damiano Rondelli: Edward Jenner (1749-1823): from variolation to vaccination. Hektoen International, 2016, abgerufen am 16. Dezember 2018 (englisch).
  7. Hervé Bazin: Vaccination: A History from Lady Montagu to Genetic Engineering. John Libbey Eurotext, 2011, ISBN 978-2-7420-0775-2, S. 31.
  8. Sequence 263 (Page 59): Montagu, Mary Wortley. Letters of the Right Honourable Lady M--y W---y M----e :written, during her travels in Europe, Asia and Africa, to persons of distinction, men of letters, &c. in different parts of Europe: which contain.... Abgerufen am 27. August 2008.
  9. Wortley Montagu, Mary. Modern History Sourcebook: Lady Mary Wortley Montagu (1689–1762): Smallpox Vaccination in Turkey. abgerufen am 31. Januar 2011.
  10. a b Darren R. Flower: Bioinformatics for Vaccinology. John Wiley & Sons, Ltd, Chichester, UK 2008, ISBN 978-0-470-69983-6, S. 18 ff., doi:10.1002/9780470699836.
  11. a b c d e S. L. Kotar, J. E. Gessler: Smallpox: A History. McFarland, 2013, ISBN 978-0-7864-6823-2, S. 18 ff.