Głuszyca

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Głuszyca
Wappen von Głuszyca
Głuszyca (Polen)
Głuszyca
Głuszyca
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Niederschlesien
Powiat: Wałbrzych
Geographische Lage: 50° 41′ N, 16° 22′ OKoordinaten: 50° 41′ 17″ N, 16° 22′ 15″ O
Einwohner: 6509
(31. Dez. 2016)[1]
Postleitzahl: 58-340
Telefonvorwahl: (+48) 74
Kfz-Kennzeichen: DBA
Wirtschaft und Verkehr
Straße: DW381 WałbrzychNowa Ruda
Schienenweg: Wałbrzych–Kłodzko
Nächster int. Flughafen: Breslau
Gmina
Gminatyp: Stadt- und Landgemeinde
Gminagliederung: 5 Schulzenämter
Fläche: 61,92 km²
Einwohner: 8777
(31. Dez. 2016)[1]
Bevölkerungsdichte: 142 Einw./km²
Gemeindenummer (GUS): 0221053
Verwaltung (Stand: 2015)
Bürgermeister: Roman Głód[2]
Adresse: ul. Grunwaldzka 55
58-340 Głuszyca
Webpräsenz: www.gluszyca.pl



Głuszyca (deutsch Wüstegiersdorf, bis 1917 in der Schreibweise Wüste Giersdorf) ist eine Stadt im Powiat Wałbrzyski in der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Sie ist Sitz der gleichnamigen Stadt- und Landgemeinde.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick über den Ort, 2015

Głuszyca liegt im Waldenburger Bergland, an der Woiwodschaftsstraße 381, die von Wałbrzych (Waldenburg) nach Kłodzko (Glatz) führt. Nachbarorte sind Jedlinka (Tannhausen) und Olszyniec (Erlenbusch) im Norden, Jawornik (Oberdorf-Jauernig), Dolki (Niedergrund) und Walim (Wüstewaltersdorf) im Nordosten, Grządki (Grund) und Rzeczka (Dorfbach) im Osten, Sokolina (Schlesisch Falkenberg), Sierpnice (Rudolphswaldau) und Kolce (Dörnhau) im Südosten, Nowa Głuszyca (Neugiersdorf) und Głuszyca Górna (Ober Wüste Giersdorf) im Süden, Łomnica (Lomnitz) und das untergegangene Radosno (Freudenburg) im Südwesten sowie Grzmiąca (Donnerau) und Suliszów (Sophienau) im Nordwesten. Östlich liegt die Ruine der Burg Rogowiec (Hornschloss). Südlich von Głuszyca Górna führt der touristische Grenzübergang Głuszyca Górna/Janovičky über den Heidelgebirgskamm in die tschechische Nachbargemeinde Heřmánkovice.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pfarrkirche Maria Königin von 1809
Blick über Oberwuestegiersdorf ca. 1930

Wüstegiersdorf wurde erstmals 1305 als „Neu-Gerhardisdorf“ erwähnt. Es gehörte zum Burgbezirk Hornschloss im Herzogtum Schweidnitz und gelangte mit diesem zusammen 1368 an die Krone Böhmen. Seit 1509 war es im Besitz der Adelsfamilie Hochberg auf Fürstenstein. Sie veranlasste Mitte des 16. Jahrhunderts die Wiederbesiedlung des in den Hussitenkriegen zerstörten Ortes durch sächsische Bergleute. Nachdem der Bergbau 1586 eingestellt werden musste, breitete sich die Leineweberei aus.

Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Wüstegiersdorf zusammen mit Schlesien 1742 an Preußen. Nach der Neugliederung Preußens gehörte es seit 1815 zur Provinz Schlesien und war ab 1816 dem Landkreis Waldenburg eingegliedert, mit dem es bis 1945 verbunden blieb. Seit 1874 war die Landgemeinde Nieder Wüstegiersdorf Sitz des gleichnamigen Amtsbezirks, zu dem auch die Landgemeinde Kaltwasser gehörte.[3] 1917 erfolgte die Umbenennung von Nieder Wüstegiersdorf in „Wüstegiersdorf“.

Von wirtschaftlicher Bedeutung war die 1838 errichtete, erste mechanische Baumwollweberei A. Großmann, die 1845 an das Berliner Unternehmen N. Reichenheim & Sohn überging. Weitere Arbeitsplätze entstanden 1862 im benachbarten Tannhausen mit der Gründung der Flachsgarnspinnerei und Flachsbleiche der Firma Websky, Hartmann & Wiesen AG. Erzeugt wurden Tischdecken, Stoffe für Bettwäsche sowie Bucheinbandstoffe. Ein weitere bedeutende Textilfabrik in Wüstegiersdorf war die „Wollabteilung“ der von Salomon Kauffmann (1824–1900) in Breslau gegründeten Meyer Kauffmann Textilwerke AG.[4] Deren Generaldirektor war von 1918 bis 1933 Hans Schäfer (1880–1945).[5]

1929 wurden Wüstegiersdorf sowie ein Anteil Tannhausen, Blumenau und Kaltwasser zur Gemeinde Wüstegiersdorf zusammengeschlossen. Sie bestand 1939 aus 6.952 Einwohnern.

Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gehörte ein Teil von Wüstegiersdorf neben Dörnhau[6] zum Komplex Riese,[7] einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, welches für die Organisation Todt eingerichtet wurde.

Im Arbeitslager Wüstegiersdorf (-Tannhausen) waren 2000 überwiegend jüdische Häftlinge in einem dreigeschossigen Fabrikgebäude[8] untergebracht. Dieses war mit Stacheldraht eingezäunt und wurde von 75 Männern bewacht. Die Häftlinge wurden in erster Linie für den Bau von Gleisanlagen sowie den Stollenbau eingesetzt. Das Lager in Dörnhau wurde 1943 ebenfalls in einem ehemaligen Fabrikgebäude eingerichtet. Dort waren ebenfalls etwa 2000 Menschen untergebracht. Im 1. Stock gab es eine zentrale Krankenstation. Die Häftlinge wurden für Kanalisationsarbeiten, Stollen- und Straßenbau eingesetzt. Die Krupp AG verlegte 1944 die Zünderproduktion aus Essen nach Wüstegiersdorf und beschäftigte im Dezember 1944 224 Kriegsgefangene, 1029 ausländische Zwangsarbeiter und zusätzlich 200 ungarische und kroatische weibliche KZ-Häftlinge.[9]

Als Folge des Zweiten Weltkriegs fiel Wüstegiersdorf 1945 wie fast ganz Schlesien an Polen und wurde in Głuszyca umbenannt. Die deutsche Bevölkerung wurde, soweit sie nicht schon vorher geflohen war, vertrieben. Die neuen Bewohner des Ortes waren teilweise polnische Heimatvertriebene aus Ostpolen. Das im Zweiten Weltkrieg als Arbeitslager verwendete Fabrikgebäude diente nach 1945 wieder zur Produktion von technischen Bauteilen. 1954 wurde Głuszyca zur stadtartigen Siedlung und 1961 zur Stadt erhoben. 1975–1998 gehörte Głuszyca zur Woiwodschaft Wałbrzych (Waldenburg).

Gemeindegliederung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde Głuszyca umfasst ein Gebiet von 61,92 km² und besteht aus den Ortsteilen:

  • Głuszyca
  • Głuszyca Górna (Ober Wüstegiersdorf)
  • Grzmiąca (Donnerau)
  • Kolce (Dörnhau)
  • Łomnica (Lomnitz)
  • Sierpnica (Rudolfswaldau)

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gasthaus Zur alten Brauerei (poln. Pod Jeleniem)
Ehemaliger Landsitz an der Grunwaldzka-Straße
  • Die Pfarrkirche Maria Königin wurde 1809 als evangelisches Gotteshaus errichtet und nach dem Übergang an Polen 1945 der katholischen Kirche übertragen. Der Saalbau mit zweigeschossigen Emporen enthält eine einheitliche Ausstattung aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts. Der architektonische Hauptaltar enthält die Figuren der hll. Petrus und Paulus. Das Hauptaltargemälde „Muttergottes von Tschenstochau“ ist aus neuerer Zeit.
  • Wohnhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, z. B. „Gasthaus Zur alten Brauerei“ (Pod Jeleniem) von 1784.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Głuszyca – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Population. Size and Structure by Territorial Division. As of December 31, 2016. Główny Urząd Statystyczny (GUS) (PDF-Dateien; 5,19 MiB), abgerufen am 29. September 2017.
  2. Website der Stadt, Władze miasta (Memento des Originals vom 7. Februar 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/gluszyca.pl, abgerufen am 7. Februar 2015
  3. Amtsbezirk Wüstegiersdorf. territorial.de
  4. Teresa Nentwig: Hinrich Wilhelm Kopf und sein Wirken während des „Dritten Reiches“. Nachträge zu einer Debatte. In: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Jg. 88 (2016), S. 227–333, hier S. 287.
  5. Max Kreutzberger (Bearb.): Leo Baeck Institute, New York: Bibliothek und Archiv. Katalog, Band 1: Deutschsprachige jüdische Gemeinden. Zeitungen, Zeitschriften, Jahrbücher, Almanache und Kalender, unveröffentlichte Memoiren und Erinnerungsschriften. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1970, S. 427–428.
  6. Zwangsarbeitslager für Juden Dörnhau
  7. Der Komplex Riese (PDF; 215 kB)
  8. Die Arbeitslager im Projekt Riese (Memento vom 4. Januar 2015 im Webarchiv archive.is)
  9. Werner Abelshauser: Rüstungsschmiede der Nation? Der Kruppkonzern im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit 1933 bis 1951. In: Lothar Gall (Hrsg.): Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-742-8, S. 424, 439.