Wilhelm Hamkens

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Dieser Artikel behandelt den Führer der Landvolkbewegung, Wilhelm Hamkens. Der gleichnamige NS-Politiker findet sich unter Wilhelm Hamkens (Regierungspräsident).

Wilhelm Cornelius Hamkens (* 9. Juni 1896 in Kotzenbüll; † 19. Juni 1955 in Flensburg) war ein deutscher Landwirt und politischer Aktivist. Hamkens wurde bekannt als einer der Führer der schleswig-holsteinischen Landvolkbewegung.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Cornelius Hamkens war der Sohn des Landwirts Boye Janns Hamkens (1871–1943) und dessen Ehefrau Anna Catharina Hamkens (geb. Peters) (1874–1938). Boye Janns Hamkens bewirtschaftete einen Hof in Kotzenbüll und war von 1906 bis zu seinem Tode Amtsvorsteher der drei Gemeinden Kating, Kotzenbüll und Kirchspiel Tönning.[1] Der Landvolkbewegung gegenüber verhielt er sich als Amtsvorsteher neutral.[2] Nach dem Schulbesuch wurde Wilhelm Cornelius Hamkens zum Landwirt ausgebildet. 1914 meldete er sich als Freiwilliger zur Teilnahme am Ersten Weltkrieg, in dem er bis Kriegsende vom einfachen Soldaten zum Leutnant befördert und mehrfach ausgezeichnet wurde. 1921 erbte er ein Drittel des ca. 40 ha großen Hofes seines Großvaters Peter Wilhelm Hamkens (1846–1921[3]) in Tetenbüll auf Eiderstedt, den er anschließend für die Erbengemeinschaft verwaltete.[4][5] Am 4. Juni 1924 heiratete er in Mattischken/Ostpreußen Margarete Luise Doepner.[6] Deren Bruder Friedrich Doepner wurde später zum Führer der ostpreußischen Landvolkbewegung.[7]

Hamkens schloss sich in der Nachkriegszeit rechtsextremen Wehrverbänden an wie der „Organisation Escherich“, dem Tannenbergbund und dem Stahlhelm Westküste, dem radikalen, vom Bund Wiking beeinflussten Flügel des Stahlhelms in Schleswig-Holstein.[8] Diese Mitgliedschaften, über die behördliche Angaben vorliegen, wurden von seiner Witwe dementiert.[4] Gerhard Stoltenberg zieht die Mitgliedschaften nicht in Zweifel, vermerkt aber, Hamkens habe sich in der Verbandsarbeit bei „Organisation Escherich“ und „Stahlhelm Westküste“ nicht sonderlich hervor getan.[9]

Hamkens wurde 1924 Kreisvorsitzender der Jungbauernschaft Eiderstedt, aus der er nach Kompetenzschwierigkeiten mit dem Bauernverein Eiderstedt wieder austrat.[4]

Führer der Landvolkbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die Landwirtschaft seit 1927 durch Überproduktion, einen Rückgang der Verkaufspreise und Überschuldung in eine Krise geraten war, und die lokalen Banken durch Landbeschlagnahmungen und Versteigerungen versuchten, ihre Kredite wiederzubekommen, formierte sich im Winter 1927 neben den traditionellen Bauernorganisationen eine Bauernopposition um Claus Heim und Wilhelm Hamkens. Auch Hamkens war 1927 in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten[10] und trat in Eiderstedt an die Spitze der Einigungs- und Demonstrationsbewegung.[4] Zwischen Januar und Juli 1928 wurde auf Treffen mit Vertrauensmännern der Kampf gegen die Regierung organisiert. Zu den ersten Kadern gehörten dabei Mitglieder aus Erich Ludendorffs Tannenbergbund. Hamkens strebte eine Vereinigung aller ländlichen Berufsgruppen auf der Basis einer antiparlamentarischen und völkischen Ideologie an, der zufolge ein starker Staat eine erneuerte Landwirtschaft stützen sollte. Seine Polemik gegen die Institutionen war dabei virulent rassistisch. So beklagte Hamkens die Korrumpiertheit des Systems durch „jüdischen Giftgeist“. Im Herbst 1928 nannte er seine Bewegung „Landvolkbewegung“.[11]

Hamkens setzte auf passiven Widerstand, Boykottaktionen und Steuerverweigerung als Mittel des politischen Kampfes. Eine im März 1929 gegen ihn verhängte einmonatige Gefängnisstrafe wegen Aufrufs zum Steuerstreik ließ ihn als Märtyrer der Bewegung erscheinen. Hamkens verbüßte die Strafe im Sommer 1929 erst in Husum, dann im Gefängnis von Neumünster. Für den 1. August, dem Tag seiner Haftentlassung, hatte die Landvolkbewegung zu einer großen Kundgebung nach Neumünster gerufen, an der über tausend Menschen teilnahmen. Ursprünglich wollte man Hamkens aus dem Gefängnis abholen, doch der stieß erst später zur Kundgebung. Die Justizverwaltung hatte ihn am Tag zuvor heimlich in das Flensburger Gefängnis transportiert, aus dem er dann entlassen wurde. Er fuhr anschließenden mit der Bahn nach Neumünster. Bei der dortigen Kundgebung kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei und zur Beschlagnahme der Landvolk-Fahne, was einen monatelangen Boykott der Stadt durch die Bauernschaft zur Folge hatte, der erst mit der feierlichen Rückgabe der Fahne am 7. November 1930 beendet wurde. Die Ereignisse von Neumünster verhalfen der Landvolkbewegung anfangs zu einem „gewaltigen Aufschwung“.[12][13]

Bald geriet Hamknes in einen Gegensatz zu Heim und Bruno von Salomon, die als Anführer des radikalen Flügels der Landvolkbewegung auf Terroranschläge setzten und für eine Reihe von Bombenanschlägen verantwortlich zeichneten, mit denen sie den Zusammenbruch des Systems zu bewerkstelligen hofften.[14] Obwohl er nicht zu den Bombenlegern zählte, wurde Hamkens im „Bombenlegerprozess“ des Schwurgerichtes Altona angeklagt, aber am 31. Oktober 1930 lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt („statt 2 Monaten Gefängnis 500 RM Geldstrafe“). Claus Heim wurde zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.[15]

Nach dem Altonaer Prozess erlahmten die Aktivitäten der Landvolkbewegung; auch ihre Zeitung Das Landvolk stellte das Erscheinen ein. Hamkens konzentrierte sich auf seine Heimatregion Eiderstedt, wo er von 1930 bis 1933 Vorsitzender der „Landvolkvereinigung“, dem relativ autonom agierenden, einheitlichen Berufsverband der Bauern war. Dieser Verband war der einzige der schleswig-holsteinischen Bauernverbände, der anfangs in Opposition zur 1933 betriebenen Gleichschaltung ging. Dem mit der Gleichschaltung beauftragten „Gaufachberater“ Wilhelm Struve entgegnete Hamkens am 30. Mai auf einer Versammlung in Garding, früher habe man ihm „Hosianna“ zugerufen, jetzt wolle man ihn und seinen Verband gewaltsam stürzen. Er beschwor die aktiven Jahre der Landvolkbewegung und rief Struve zu: „Wo waren Sie damals und wo ich?“[16] Erst in einer folgenden internen Zusammenkunft erklärten Hamkens und seinen Vorstandskollegen angesichts des übermächtigen politischen Drucks ihren Rücktritt.[17]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Zeit des Nationalsozialismus zog Hamkens sich aus dem öffentlichen Leben zurück.[18] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder politisch tätig. Ab 1946 war er Fraktionsvorsitzender der CDU im Eiderstedter Kreistag. 1950 wurde er stellvertretender Landrat des damaligen Kreises Eiderstedt. Ebenfalls 1950 wurde er zum 2. Vorsitzenden der Schleswig-Holsteinischen Gemeinschaft (SHG) gewählt, einer politischen Vereinigung, die sich gegen den erheblichen Einfluss des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) im Lande richtete[19] und die schleswig-holsteinische Sache nicht dem dänisch orientierten Südschleswigschen Wählerverband (SSW) überlassen wollte. Mit der Gründung der Eiderstedter Gemeinschaft hatte Hamkens die Entwicklung eingeleitet, die zur SHG-Entstehung führte. Da es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen der Landes-CDU und dem SHG kam, verließ Hamkens die Partei im Juni 1951.[20] Bis zu seinem Tod war er einige Jahre als Amtmann des Amtes Tetenbüll tätig und amtierte zudem seit 1948 als Vorsitzender des „Heimatbundes Landschaft Eiderstedt“.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gönna Hamkens: Die Familie Hamkens aus Eiderstedt. Eine Chronik. Weiland, Lübeck 1972.
  • Thomas Schäfer: Die Schleswig-Holsteinische Gemeinschaft 1950-1958. Mit einem Beitrag zur Entstehung des „Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten“. Wachholtz, Neumünster 1987, ISBN 3-529-02192-X.
  • Christian M. Sörensen: Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt, 1918–1933. Wachholtz, Neumünster 1995.
  • Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1962.

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gönna Hamkens: Die Familie Hamkens aus Eiderstedt. Eine Chronik. Weiland, Lübeck 1972, S. 68 f.
  2. Christian M. Sörensen: Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt, 1918–1933. Wachholtz, Neumünster 1995, S. 231.
  3. Gönna Hamkens: Die Familie Hamkens aus Eiderstedt. Eine Chronik. Weiland, Lübeck 1972, S. 67.
  4. a b c d Christian M. Sörensen: Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt, 1918–1933. Wachholtz, Neumünster 1995, S. 233.
  5. Zum Zeitpunkt der Hofübernahme als Verwalter gibt es unterschiedliche Angaben. Christian M. Sörensen nennt 1921 als Jahr der Übernahme. Bei Gönna Hamkens heißt es, Wilhelm Cornelius Hamkens sei erst nach seiner Heirat auf dem Tetenbüller Hof seßhaft geworden, vgl. Gönna Hamkens: Die Familie Hamkens aus Eiderstedt. Eine Chronik. Weiland, Lübeck 1972, S. 46.; Klaus-J. Lorenzen-Schmidt nennt 1925 und erwähnt zudem, Hamkens sei vorher Hofverwalter in Ostpreußen gewesen, vgl. Klaus-J. Lorenzen-Schmid: Drei Briefe des „Bauerngenerals“ Claus Heim, S.153
  6. Gönna Hamkens: Die Familie Hamkens aus Eiderstedt. Eine Chronik. Weiland, Lübeck 1972, S. 69.
  7. Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1962, S. 136.
  8. Thomas Schäfer: Die Schleswig-Holsteinische Gemeinschaft 1950-1958. Mit einem Beitrag zur Entstehung des „Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten“. Wachholtz, Neumünster 1987, S. 106.
  9. Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1962, S. 203.
  10. Christian M. Sörensen, Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt, 1918–1933., Wachholtz, Neumünster 1995, S. 60, Anmerkung 82..
  11. Patrick Moreau: Nationalsozialismus von links. Die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die „Schwarze Front“ Otto Strassers 1930–1935. DVA, Stuttgart 1985, S. 118f..
  12. Johann Wilhelm Thomsen: Landleben in der Weimarer Republik. Boysen, Heide, 1989. S. 144 ff.
  13. Literarisch wurden die Vorgänge von Hans Fallada bearbeitet, siehe Bauern, Bonzen und Bomben.
  14. Patrick Moreau: Nationalsozialismus von links. Die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die „Schwarze Front“ Otto Strassers 1930–1935. DVA, Stuttgart 1985, S. 121.
  15. Johann Wilhelm Thomsen: Landleben in der Weimarer Republik. Boysen, Heide, 1989. S. 157 f.
  16. Zitiert nach Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1962, S. 193.
  17. Gerhard Stoltenberg: Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918–1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Droste, Düsseldorf 1962, S. 193.
  18. Christian M. Sörensen: Politische Entwicklung und Aufstieg der NSDAP in den Kreisen Husum und Eiderstedt 1918–1933. Neumünster 1995, S. 234.
  19. Der BHE hatte bei den Landtagswahlen 1950 23,4 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt und bildete gemeinsam mit der CDU (19,8 Prozent) die Landesregierung, überließ dem kleineren Partner aber das Amt des Ministerpräsidenten, um keinen Proteststurm auszulösen.
  20. Thomas Schäfer: Die Schleswig-Holsteinische Gemeinschaft 1950–1958. Neumünster 1987, S. 107 f.
  21. 100 Jahre Heimatbund Landschaft Eiderstedt, in: Nordfriesland, herausgegeben vom Nordfriisk Instituut, Nr. 184, Dezember 2013, S. 6., Onlineversion