Alfred Müller-Armack

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Alfred Müller-Armack (Mitte) 1961.

Alfred Müller-Armack (Alfred August Arnold Müller;) (* 28. Juni 1901 in Essen; † 16. März 1978 in Köln) war ein deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe, Urheber des Begriffs und Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

In den 1920er Jahren fügte er seinem Namen den Geburtsnamen seiner Mutter hinzu und veröffentlichte ab 1929 unter dem Namen „Müller-Armack“.

Anfang Mai 1933 trat er der NSDAP bei, da er hoffte, das nationalsozialistische Regime könne als „starker Staat“ eine bessere und stabilere Wirtschaftspolitik durchsetzen als die Weimarer Republik. Bis 1945 blieb er - ein zwar passives - Parteimitglied, formulierte aber in einem emphatischen Pamphlet seine Hoffnungen auf die nun möglich werdende Wirtschaftsordnung. [1]

Im gleichen Jahr veröffentlichte er seine Schrift Staatsidee und Wirtschaftsordnung im Neuen Reich, die dem Nationalsozialismus ideologisch nahestand. 1940 wurde er ordentlicher Professor und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo er Beratungsaufgaben für das NS-Regime und die Wehrmacht übernahm.[2]

In vertraulichen Gesprächskreisen der Wirtschaft, in denen man nicht unbedingt von einem „Endsieg“ des Deutschen Reiches ausging und wo er auch auf Ludwig Erhard traf, arbeitete er an Konzepten für eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg. Ab 1943 wirkte er in Vreden-Ellewick, wohin seine Forschungsstelle für Allgemeine und Textile Marktwirtschaft ausgelagert worden war. Mit seiner Studie Das Jahrhundert ohne Gott versuchte er 1948 auch eine religionssoziologische Deutung des Nationalsozialismus, den er rückblickend als Ersatzreligion in einer Zeit des Glaubensabfalls ansah.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der CDU bei und entwarf 1946 in seinem Buch Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft (erschienen 1947) die Idee und den Begriff der „Sozialen Marktwirtschaft“ (dabei schrieb er sozial stets mit großem „S“) als einer mit „sozialer Gerechtigkeit ... in einem komplementären Verhältnis“ stehenden Marktwirtschaft.[3] 1950 wechselte er als ordentlicher Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an die Universität zu Köln und gründete im selben Jahr gemeinsam mit Dr. h.c. Franz Greiß als unabhängiges wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut das Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln. Ab 1952 arbeitete er im Wirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard als Leiter der Grundsatzabteilung. Bei seiner theoretischen und praktischen Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft erweiterte er auch ganz erheblich die Gedankenwelt Ludwig Erhards und der Ordoliberalen.[4] Von 1958 bis 1963 war er Staatssekretär für Europäische Angelegenheiten. Müller-Armack war sowohl vom Soziologischen Neoliberalismus und der Freiburger Schule als auch von der christlichen Soziallehre beeinflusst.[5]

1971 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel Auf dem Weg nach Europa. 1972 erhielt er den Ernst-Hellmut-Vits-Preis der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster. 1976 wurde er mit der Alexander-Rüstow-Plakette ausgezeichnet.

Im Gegensatz zu Erhard hielt er noch bis zu seinem Tode (1978) daran fest, dass das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft mit der realen Wirtschaftsordnung übereinstimme.

„Das Stilprinzip der Sozialen Marktwirtschaft [ist] einer permanenten Abwandlung zugänglich [...] Ich erinnere an die Sparförderung, an die weiterzuführenden Ansätze der Vermögenspolitik, an die dynamische Rentenformel, an das Betriebsverfassungsgesetz und alles was sich daran anschloss.“

Alfred Müller-Armack: Die Grundformel der Sozialen Marktwirtschaft, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Symposion I: Soziale Marktwirtschaft als nationale und internationale Ordnung, Bonn 1978, S. 13

Fortleben[Bearbeiten]

Nach ihm ist der Müller-Armack-Preis benannt, der an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster seit 2002 an die besten Absolventen des Studienganges Volkswirtschaftslehre vergeben wird.

Der größte Hörsaal im Wiso-Gebäude der Universität zu Köln – der Hörsaal I – trägt den Namen Müller-Armack-Hörsaal. Das Berufskolleg Köln-Zollstock trägt den Namen Alfred-Müller-Armack-Berufskolleg - kurz AMA-Berufskolleg Köln.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Entwicklungsgesetze des Kapitalismus. Ökonomische, geschichtstheoretische und soziologische Studien zur modernen Wirtschaftsverfassung. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1932
  • Staatsidee und Wirtschaftsordnung im Neuen Reich. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1933
  • Genealogie der Wirtschaftsstile. Die geistesgeschichtlichen Ursprünge der Staats- und Wirtschaftsformen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Kohlhammer, Stuttgart 1941
  • Zur Diagnose unserer wirtschaftlichen Lage. Küster, Bielefeld 1947
  • Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft. Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik, Hamburg 1947; Kastell, München 1990, ISBN 3-924592-28-4 (auch in Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik enthalten)
  • Das Jahrhundert ohne Gott. Zur Kultursoziologie unserer Zeit. Regensberg, Münster 1948; Schmitt, Siegburg 2004, ISBN 3-87710-324-3
  • Diagnose unserer Gegenwart. Zur Bestimmung unseres geistesgeschichtlichen Standorts. Bertelsmann, Gütersloh 1949; 2. erweiterte Auflage: Haupt, Bern/Stuttgart 1981, ISBN 3-258-03023-5
  • Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform. Kohlhammer, Stuttgart 1959; Haupt, Bern/Stuttgart 1981, ISBN 3-258-03024-3
  • Studien zur sozialen Marktwirtschaft. Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, 1960
  • Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Studien und Konzepte zur sozialen Marktwirtschaft und zur europäischen Integration. Rombach, Freiburg 1966; Haupt, Bern/Stuttgart 1976, ISBN 3-258-02515-0
  • Wirtschafts- und Finanzpolitik im Zeichen der sozialen Marktwirtschaft. Festgabe für Franz Etzel. Seewald, Stuttgart 1967
  • Auf dem Weg nach Europa. Erinnerungen und Ausblicke. Wunderlich, Tübingen 1971, ISBN 3-8052-0202-4
  • Genealogie der Sozialen Marktwirtschaft. Frühschriften und weiterführende Konzepte. Haupt, Bern/Stuttgart 1974, ISBN 3-258-01198-2; 2. erweiterte Auflage ebd. 1981, ISBN 3-258-03025-1 (versammelt Frühschriften 1945–1948 – außer Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft – sowie Beiträge zu den geistigen Grundlagen und zur Fortentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft von 1953 bis 1973)
  • Die zentrale Frage der Forschung. Die Einheit von Geistes- und Naturwissenschaften. In: ORDO. Bd. 28, 1975, S. 13-23.
  • Die Grundformel der Sozialen Marktwirtschaft. In: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Symposion I: Soziale Marktwirtschaft als nationale und internationale Ordnung. Verlag Bonn Aktuell, Bonn 1978, S. 9-18.

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Dietzfelbinger: Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil. Alfred Müller-Armacks Lebenswerk. Kaiser, Gütersloh 1998, ISBN 3-579-02617-8
  • Daniel Dietzfelbinger: Von der Religionssoziologie zur Sozialen Marktwirtschaft: Leben und Werk Alfred Müller-Armacks. In: Hanns-Seidel-Stiftung (Hrsg.): Politische Studien. 373, 51. Jahrgang, September/Oktober 2000, S 85–99 (PDF)
  • Rolf Kowitz: Alfred Müller-Armack. Wirtschaftspolitik als Berufung. Zur Entstehungsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft und dem politischen Wirken des Hochschullehrers. Deutscher Instituts-Verlag, Köln 1998, ISBN 3-602-14440-2
  • Bernhard Löffler: Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard. Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-07940-8
  • Andreas Müller-Armack: Müller-Armack, Alfred. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 487 f. (Digitalisat).
  • Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 2000, ISBN 3-258-06012-6
  • Bertram Schefold: Vom Interventionsstaat zur sozialen Marktwirtschaft. Der Weg Alfred Müller-Armacks. Verlag Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 1999, ISBN 3-87881-135-7
  • Hans Willgerodt: Alfred Müller-Armack - Der Schöpfer des Begriffs "Soziale Marktwirtschaft" Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Jg. 50 (2001) Heft 3, S. 253-277 (PDF)
Fest- und Gedenkschriften
  • Franz Greiss & Fritz W. Meyer (Hrsg.): Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Festgabe für Alfred Müller-Armack. Duncker & Humblot, Berlin 1961
  • Fritz W. Meyer & Hans Willgerodt (Hrsg.): Beiträge zur Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Festgabe für Alfred Müller-Armack. Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln, 1966
  • Christian Watrin & Hans Willgerodt (Hrsg.): Widersprüche der Kapitalismuskritik. Festschriften zum 75. Geburtstag von Alfred Müller-Armack. Haupt, Bern/Stuttgart 1976, ISBN 3-258-02567-3
  • Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.): Europa als Wertegemeinschaft. Wege und Irrwege. Zum 100. Geburtstag von Alfred Müller-Armack. Sinus-Verlag, Krefeld 2002, ISBN 3-88289-419-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alfred Müller-Armack – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Nina Streeck: Alfred Müller-Armack (1901–1978), Nationalökonom Landschaftsverband Rheinland, 2010
  2. Ralf Ptak: Vom Ordoliberalismus zur sozialen Marktwirtschaft. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland. Leske und Budrich, Opladen 2003, ISBN 3-8100-4111-4
  3. Friedrun Quaas: Soziale Marktwirtschaft. Wirklichkeit und Verfremdung eines Konzepts. Haupt, Bern 2000, S- 55.
  4. Otto Schlecht, Grundlagen und Perspektiven der Sozialen Marktwirtschaft, J.C.B. Mohr, 1990, ISBN 3-16-145690-4, Seite 13
  5. Daniel Dietzfelbinger: Von der Religionssoziologie zur Sozialen Marktwirtschaft: Leben und Werk Alfred Müller-Armacks. In: Hanns-Seidel-Stiftung (Hrsg.): Politische Studien. 373, 51. Jahrgang, September/Oktober 2000, S 85–99.