Alteuropäische Hydronymie

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Die alteuropäische Hydronymie ist ein Netzwerk von Gewässernamen in Mittel- und Westeuropa, die dem deutschen Sprachforscher Hans Krahe zufolge aus einer frühen indoeuropäischen, aber vorgermanischen und vorkeltischen Sprache stammen.[1]

Dieser Begriff „alteuropäisch“ ist nicht mit dem Alteuropa-Begriff von Autoren wie Marija Gimbutas zu verwechseln, der sich auf vorindoeuropäische Sprachen Südosteuropas bezieht.

Alteuropäische Hydronymie Übersichtskarte der Wurzeln *al-, *alm-.

Verbreitung[Bearbeiten]

Die alteuropäischen Gewässernamen kommen in Mitteleuropa, im Baltikum, in Südskandinavien, auf den Britischen Inseln, in Frankreich, auf der Iberischen Halbinsel[2] und in Italien vor.

Struktur der Namen[Bearbeiten]

Die alteuropäischen Gewässernamen bestehen aus einer Wurzel, einem oder (seltener) zwei Ableitungssuffixen (Affix) und einer Endung.

Die häufigsten Wurzeln sind *al-, *alb-, *drav-, *kar-, *sal- und *var-. Als Ableitungssuffixe kommen *-l-, *-m-, *-n-, *-r-, *-s-, *-st-, *-k, *-w- und *-y- vor. Die Endung ist nördlich der Alpen meistens *-a, in den Mittelmeerländern daneben häufig auch *-os.

Beispiele[Bearbeiten]

Ursprungshypothesen[Bearbeiten]

Krahe vermutete, dass die Namen aus einer „alteuropäischen“ oder „westindogermanischen“ Sprache stammen, die den keltischen, italischen, germanischen und baltischen Sprachen sowie der ausgestorbenen illyrischen Sprache zugrunde liegt.

Alteuropäische Hydronymie Übersichtskarte der Wurzeln *Sal-, *Salm-.

Der deutsche Linguist Wolfgang P. Schmid vermutete, dass Krahes „Alteuropäisch“ mit der indoeuropäischen Grundsprache gleichzusetzen sei, die demzufolge in Mitteleuropa gesprochen worden sei.[3] Dies wird damit begründet, dass die einschlägigen Sprachen keine nennenswerten gemeinsamen Neuerungen aufwiesen, das „Alteuropäische“ also das Urindogermanische sein müsse. Diese Ansicht wird jedoch von den meisten einschlägigen Linguisten nicht anerkannt.

Der deutsche Linguist Theo Vennemann vermutet, dass die Gewässernamen nicht indoeuropäisch seien, sondern aus Sprachen stammten, die mit einer baskischen Sprachgruppe verwandt wären (Vaskonische Hypothese).[4] Auch diese Hypothese findet Anlass zu weiteren Diskussionen.[5]

Alteuropäische Hydronymie Übersichtskarte der Wurzeln *var-, *ver-.

Bis heute existiert kein Konsens über das Alter und die Herkunft der Namen; es wird sogar bezweifelt, dass sie überhaupt einer einheitlichen Sprachfamilie entstammen und die Ähnlichkeiten nicht auf Zufall beruhen. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass die ursprünglichen Bedeutungen der Namen unbekannt sind und daher die Bedeutungsseite der Wortgleichungen fehlt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Bammesberger, Theo Vennemann: Languages in Prehistoric Europe. Winter, Heidelberg 2003, ISBN 3-8253-1449-9, S. 319–332.
  • Andrea Böhm: Probleme der Deutung Mitteleuropäischer Ortsnamen. Herbert Utz Verlag, München 2003, ISBN 3-8316-0152-6.
  • Rudolf Gerber: Die Sprache. Books on Demand. Norderstedt 2007, ISBN 9-7838-3347-515-3,
  • Elisabeth Hamel: Das Werden der Völker in Europa. Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik. Rottenbücher Verlag, Ebersberg 2009, ISBN 978-3-00-027516-6, S. 181–192, 429–439.
  • Elisabeth Hamel, Theo Vennemann: Vaskonisch war die Ursprache des Kontinents. In: Spektrum der Wissenschaft. Deutsche Ausgabe des Scientific American. Spektrumverlag, Heidelberg Mai 2002. ISSN 0170-2971.
  • Hans Krahe: Unsere ältesten Flußnamen. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1964, ISBN 3-447-00536-X .
  • Dieter H. Steinbauer: Vaskonisch – Ursprache Europas? In: Günter Hauska (Hrsg.): Gene, Sprachen und ihre Evolution. Universitätsverlag, Regensburg 2005, ISBN 3-930480-46-8.
  • Jürgen Udolph (Hrsg.): Europa Vasconica - Europa Semitica?: Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa. Baar-Verlag, 2012, ISBN 978-3-935536-06-6.
  • Theo Vennemann: Zur Frage der vorindogermanischen Substrate in Mittel- und Westeuropa. In: Patrizia Noel Aziz Hanna, Theo Vennemann (Hrsg.): Europa Vasconica - Europa Semitica. (= Trends in Linguistics. Studies and Monographs. Bd 138). de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017054-X, S. 517–590.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Krahe: Die Struktur der alteuropäischen Hydronymie. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Steiner, 1963.
  2. Xaverio Ballester: Hidronimia Paleoeuropea: una Aproximación Paleolítica. S. 25–39
  3. Wolfgang P. Schmid: Alteuropäisch und Indogermanisch. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Steiner, 1968.
  4. Theo Vennemann, Patrizia Noel Aziz Hanna: Europa Vasconica, Europa Semitica. Walter de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017054-X.
  5. Jürgen Udolph (Hrsg.): Europa Vasconica - Europa Semitica? Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa. Baar-Verlag, Hamburg 2013, ISBN 3-93-5536062