Amadou Bamba

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Amadou Bamba

Amadu Bamba, auch Ahmadou Bamba Mbacké (Wolof) oder Schaich Ahmad ibn Muhammad ibn Habīb Allāh (Arabisch); (* 1853 in Mbacké-Baol, Senegal; † 19. Juli 1927 in Diourbel) war ein Marabout und der Begründer der Muridiyya, einer der wichtigsten islamischen Bruderschaften des Senegal. Bis heute besteht die Muridiyya aus einer Anzahl von Clanen und Familien, die die Brüder, Söhne und Schüler von Amadu Bamba begründet haben.[1]

Leben[Bearbeiten]

Aufstieg zum Marabout[Bearbeiten]

Bamba wurde 1853 im Königreich Baol geboren. Sein Vater war ein Marabout der Qadiriyya, der ältesten Bruderschaft in Senegal. Ahmadou Bamba lernte schon früh den Koran auswendig und studierte islamische Wissenschaften unter der Anleitung seines Vaters Muhammad ibn Habibu’llah Mbacke und anderer senegambischer Gelehrter seiner Zeit. Bereits mit 15 Jahren verfasste er ein 1600 Verse umfassendes Gedicht über die Wissenschaft des Sufismus mit dem Namen Masalik al-Jannan Fi Jam’i Ma Farraqahu ad-Dayman. Als 1871 die Franzosen Lat Dior, dem Damel von Cayor, erlaubten, sein Königreich wiederzubegründen, zog er in das Dorf Mbacké-Kayor, das der Marabut Mamor Anta Selly, Chef der Mbacké-Baol, dort gründete. Durch sein religiöses Wissen und seine Frömmigkeit erwarb er sich selbst den Ruf eines Marabut, so dass ihn auch Lat Dior bei politischen Entscheidungen zu Rate zog. Nach der Schlacht Dekkilé und der Auflösung des Königreichs Cayor im Jahre 1886 kehrte Amadu Bamba in sein Heimatdorf Mbacké-Baol zurück, in der Hoffnung, dort vor der französischen Kontrolle sicher zu sein.[2]

Konflikte zwischen den ursprünglichen Bewohnern des Dorfes und den zahlreichen Anhängern, die Amadu Bamba anzog, zwangen ihn ungefähr um 1888, das Dorf zu verlassen und in der Nähe ein neues Dorf zu gründen. Dieses Dorf mit dem Namen Darou Salam wuchs durch die zuziehende Anhängerschaft sehr schnell. 1889 wurde Amadou Bamba von einem Schüler des mauretanischen Scheichs Sidiya Baba in den Qādirīya-Orden eingeführt. Etwa um 1891 hatte er ein religiöses Erlebnis, das in den Quellen als "prophetische Offenbarung" bezeichnet wird.[3] Die französische Kolonialregierung zeigte sich über Bambas wachsende Anhängerschaft und seine Möglichkeit zur Kriegsführung gegen die Kolonialmacht beunruhigt. Um diese Befürchtungen zu zerstreuen, besuchte Amadou Bamba 1891 den Gouverneur in Saint Louis, erklärte seine Loyalität und gab die Namen seiner treuesten Anhänger bekannt. Aufgrund seiner immer weiter wachsenden Anhängerschaft blieben die Franzosen ihm gegenüber jedoch weiter misstrauisch. Als die Franzosen 1895 Baol unter ihre Kontrolle brachten, wich er deswegen nach Jolof aus, das noch eine gewisse Autonomie besaß. Im gleichen Jahre wurde er jedoch von einer französischen Einheit gefangengenommen und für unbestimmte Zeit nach Gabun verbannt.[4]

Exil und Hausarrest[Bearbeiten]

Das Exil in Gabun, das bis zum Jahre 1902 andauerte, erhöhte sein Ansehen noch weiter. Bei seinen Anhängern verbreitete sich eine Reihe von Legenden über sein wundersames Überleben von Qualen, Entbehrungen und versuchten Hinrichtungen, die seiner Bewegung weiteren Zulauf brachten. Auf dem Schiff nach Gabun soll Bamba, dem das Gebet verboten war, sich angeblich von seinen Eisenfesseln befreit haben. Er soll über Bord in den Ozean gesprungen sein und auf einem Gebetsteppich, der aus dem Wasser auftauchte, zu beten begonnen haben. Als die Franzosen ihn in einen Ofen warfen, habe er sich niedergesetzt und mit Mohammed Tee getrunken, In einem Käfig mit wilden Löwen legten sich die wilden Tiere an seiner Seite nieder und schliefen.[5]

Zwar führten zahlreiche Eingaben seiner Anhänger dazu, dass Amadu Bamba 1902 in seine Heimat zurückkehren durfte, doch wurde er aufgrund von Gerüchten, dass er einen Heiligen Krieg vorbereite, schon wenig später erneut ins Exil geschickt, dieses Mal nach Mauretanien. Über Briefe hielt Amadou Bamba aber intensiven Kontakt mit seiner Anhängerschaft. In einem dieser Briefe aus dem Jahre 1903 teilte er seine Anhänger in vier Kategorien, wobei er jeder bestimmte Aufgaben zuwies.[6] Verwandte wie sein Halbbruder Scheich Anta Mbacké nutzten in dieser Zeit allerdings die Abwesenheit von Amadu Bamba, um sich selbst an den Geschenken seiner Anhänger zu bereichern.[7]

Im Jahr 1907 erkannten die Franzosen, dass sie durch eine Isolation Amadou Bambas die Expansion seiner Bewegung nicht aufhalten konnten, und ließen ihn nach Senegal zurückkehren, dieses Mal in das Dorf Chéyen in Jolof. Dort hielten sie in einer Art Hausarrest,[8], allerdings wurde Amadou Bamba regelmäßig von seinen Anhängern besucht, die ihm zahlreiche Geschenke überbrachten.[9] Unter denjenigen, die sich ihm anschlossen, waren jetzt auch viele Angehörige der alten Herrscherfamilien, die ihre politische Macht an die Franzosen verloren hatten.[10]

Zusammenarbeit mit der französischen Kolonialmacht[Bearbeiten]

Im Jahre 1910 schrieb Amadou Bamba einen Rundbrief an seine Anhänger, in dem er sie zum Gehorsam gegenüber der Kolonialmacht aufforderte, die Frieden gebracht habe und zu mächtig sei, um gegen sie Dschihad zu führen. Die Franzosen, die erkannten, dass Bamba keine kriegerische Absicht habe, ließen ihn daraufhin 1912 nach Diourbel in Baol zurückkehren, ein Ereignis, das den Übergang zu guten Beziehungen mit der Kolonialregierung und zu einer neuen Expansionsphase seiner Bruderschaft, die seit 1909 als Murīdīya bekannt war, markierte. Seine Lehre von der harten Arbeit diente den französischen Interessen. Für seine Unterstützung bei der Rekrutierung von Soldaten für den Ersten Weltkrieg wurde Amadou Bamba 1918 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.[11] Nur gelegentlich zeigte sich bei der Bewegung Feindseligkeit gegenüber den Franzosen. So wurde im August 1912 bei einem Anhänger eine Bekenntnisschrift von Amadou Bamba gefunden, in der stand: "O ihr Juden und Europäer, sterbt und hofft morgen nicht auf Hilfe!"[12]

Seine Anhängerschaft wuchs weiter. Am Prophetengeburtstag 1914 empfing er 4.000 Pilger aus ganz Senegal, vier Jahre später hatte sich diese Zahl schon verfünffacht.[13]Teilweise überstieg die Verehrung seiner Anhänger für ihn die eines normalen Marabut. Ein französischer Beamter berichtete im Jahre 1912, dass Bamba bei seiner Durchfahrt durch Mbacké-Baol mit Rufen "Unser Gott kehrt zurück" begrüßt wurde.[14]

In diesen Jahren verlor Amadou Bamba allerdings die Kontrolle über seine Bewegung zunehmend an seine Umgebung. Ein französischer Beamter schrieb schon 1911, dass Amadu Bambu gewissermaßen nur noch der Ehrenvorsitzende sei, während andere Scheiche, seine Verwandten und Schüler, die tatsächliche Kontrolle übernommen hätten.[15]

Die Jahre ab 1924 bis zu seinem Tod widmete Bamba der Errichtung einer großen Moschee in dem Dorf Touba, in dem er seine frühe Offenbarung erhalten hatte. Diese richtete er auch als Grabstätte ein. Die französische Verwaltung autorisierte das Projekt erst im Jahre 1926.[16] Er starb am 19. Juli 1927 in seinem Haus in Diourbel. Da die französische Verwaltung unkontrollierbare Demonstrationen fürchtete, entfernte sie seinen Leichnam heimlich in der Nacht und brachte ihn zur Bestattung nach Touba.[17]

Amadu Bamba war ein äußerst produktiver Autor. Sein Betätigungsfeld umfasste verschiedene Bereiche der islamischen Literatur wie Theologie, islamisches Recht und Sufismus. Ein Großteil seines Werks wird in der von ihm gegründeten Stadt Touba aufbewahrt.

Heutige Verehrung[Bearbeiten]

Wandmalerei in Dakar, Senegal, mit den Muridiyya-Führern Amadou Bamba (in weiß), Ibra Fall und Malick Sy

Bamba gilt unter seinen Anhängern noch heute als Erneuerer des Islam. Diesen Ruf begründen sie überlieferungsgeschichtlich mit einem Hadith Abū Dāwūds, wonach Allah den Muslimen zu Beginn eines jeden Jahrhunderts einen Erneuerer des Glaubens entsenden soll. In Abweichung zur traditionellen islamischen Lehre verkündete Bamba, dass zur Erlösung die Unterwerfung unter den Marabout und harte Arbeit nötig seien.

Bei der intellektuellen Elite der Muriden wird vor allem das Gedenken an Ahmadu Bambas Exilierung durch die Franzosen im Jahre 1895 gepflegt. Sie soll erfolgt sein, weil Ahmadu Bamba sich weigerte, dem Islam abzuschwören. In Erinnerung an dieses Ereignis führten die Muriden 1980 eine neue Wallfahrt ein, den Magal der zwei Rakʿas am 5. September. Damit wird daran gedacht, dass Ahmadu Bamba, als er vom französischen Gouverneur einbestellt wurde, darauf bestand, sein Gebet mit zwei Rakʿas zu verrichten.[18]

Von Bamba ist nur eine einzige authentische Fotografie überliefert. Sie zeigt ihn in der klassischen Kopfbedeckung und Kleidung eines Marabut, bei der ein Schal den Großteil des Gesichts versteckt. Verschiedene Versionen dieses Bildes werden überall im Senegal und in den muridischen Gemeinschaften in Paris und New York gezeigt.

Ehrende Beinamen von Amadu Bamba sind Sériñ Touba ("Heiliger Mann von Touba"; Wolof) und Chādimu r-Rasūl ("Diener des Propheten"; Arabisch).

Literatur[Bearbeiten]

  • Cheikh Anta Mbacké Babou: Fighting the greater jihad: Amadu Bamba and the founding of the Muridiyya of Senegal, 1853 - 1913. Ohio 2007.
  • Donal B. Cruise O'Brien: The Mourides of Senegal. The political and economic organization of an Islamic brotherhood. Oxford: Clarendon Press 1971. S. 37-57.
  • Rüdiger Sesemann: Aḥmadu Bamba und die Entstehung der Murīdīya Analyse religiöser und historischer Hintergründe ; Untersuchung seines Lebens und seiner Lehre anhand des biographischen Werkes von Muḥammad al-Muṣṭafā Ān. Berlin 1993.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Amadou Bamba – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Christian Coulon: "Women, Islam and baraka" in Donal B. Cruise O'Brien and Chritian Coulon: Charisma and Brotherhood. Oxford 1988. S. 113-135. S. 125.
  2. Vgl. O'Brien 1971, 40.
  3. Vgl. O'Brien 1971, 41.
  4. Vgl. O'Brien 1971, 42.
  5. Vgl. dazu O'Brien 1971, 43.
  6. Vgl. O'Brien 1971, 52.
  7. Vgl. O'Brien 1971, 54.
  8. Vgl. O'Brien 1971, 52
  9. Vgl. O'Brien 1917, 45.
  10. Vgl. O'Brien 1971, 57.
  11. Vgl. O'Brien 1971, 46.
  12. Zit. O'Brien 1971, 50.
  13. Vgl. O'Brien 1971, 47.
  14. Vgl. O'Brien 1971, 54.
  15. Vgl. O'Brien 1971, 55.
  16. Vgl. O'Brien 1971, 47.
  17. Vgl. O'Brien 1971, 48.
  18. Vgl. Donal B. Cruise O'Brien: "Charisma Comes to Town: Mouride Urbanization 1945-1986" in Donal B. Cruise O'Brien and Chritian Coulon (ed): Charisma and Brotherhood. Oxford 1988. S. 135-157. S. 150f.