Bibliometrie

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Bibliometrie (griechisch: biblion „Buch“ und métron „Maß“), die statistische Bibliografie, ist die quantitative Untersuchung von Publikationen, Autoren und Institutionen wie Bibliotheken mittels statistischer Verfahren. So lassen sich beispielsweise empirische Gesetzmäßigkeiten beim Wachstum der Publikationszahl von Büchern, der Verteilung von Themen über Fachzeitschriften und der Anzahl von Zitierungen eines Zeitschriftenartikels feststellen (Zitationsanalyse).

Geschichte[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Arbeiten, Studien und Untersuchungen, die einen bibliometrischen Charakter aufweisen, lassen sich, je nach Definition, bereits für das 12. Jahrhundert in Form von jüdischen Indexen feststellen.[1] Der Begriff bibliometrics selbst wurde 1969 von Alan Pritchard eingeführt. Bereits 1934 wurde allerdings der Begriff bibliométrie von Paul Otlet, dem Begründer der Dokumentation verwendet. Die 1948 von S. R. Ranganathan vorgeschlagene Bezeichnung librametrics konnte sich nicht durchsetzen. Zu den ersten wichtigen Resultaten der Bibliometrie zählt die Feststellung eines Potenzgesetzes in der Häufigkeit der Benutzung von einzelnen Wörtern, wie es 1916 von Estoup entdeckt und 1935 von George Kingsley Zipf formuliert sowie später von George Udny Yule, Benoît Mandelbrot und anderen weiterentwickelt wurde. Das Phänomen wurde bereits 1913 von Felix Auerbach an Rang und Größe von Städten festgestellt und ist als Zipfsches Gesetz bekannt.

Alfred J. Lotka entdeckte 1926 einen ähnlichen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Publikationen einer Person und der Anzahl von Personen mit einem eben so hohen Publikationsausstoß (Lotkas Gesetz).

P. Gross und E. Gross waren 1927 die ersten, die Zitate als bibliometrische Datenquellen verwendeten. Sie zählten und analysierten die in den einzelnen Artikeln einer chemischen Zeitschrift angeführten Zitate und kamen zu einer Liste von Zeitschriften, die sie als unentbehrlich für die chemische Ausbildung betrachteten. Die Analyse von Zitationen ist inzwischen ein Standardmittel bei der Evaluation von wissenschaftlichen Zeitschriften und Wissenschaftlern.

Dazu hat vor allem der 1963 von Eugene Garfield aufgebaute Science Citation Index beigetragen, aus dem der ebenfalls 1963 von Garfield vorgestellte Impact Factor berechnet wird. Aus dem Zitationsgraph lassen sich weitere Beziehungen wie die 1956 von Fano vorgestellte Bibliografische Kopplung und Kozitationen ablesen, die ebenfalls Gegenstand der bibliometrischen Forschung sind.

Ein anderer Gegenstand der Bibliometrie ist der 1968 von Robert K. Merton postulierte Matthäuseffekt, der in unterschiedlicher Form Eingang in viele bibliometrische Modelle gefunden hat.

Weitere wichtigen Ergebnisse sind das 1934 von Samuel C. Bradford entdeckte Bradfords Gesetz und die Widerlegung der Ortega-Hypothese von Cole & Cole (1967). Neben Zipfs Human behavior and the principle of least effort (1949) ist das 1963 erschienene Little science, big science von Derek de Solla Price, der damit die moderne Szientometrie begründete, das einflussreichste Werk des Fachs.

Die wichtigste bibliometrische Fachzeitschrift ist die 1978 gegründete Scientometrics, die jährlich als wichtigste Auszeichnung die erstmals 1984 verliehene „Derek J. de Solla Price Medaille“ vergibt. Eine internationale Konferenz wird seit 1987 alle zwei Jahre veranstaltet und von der 1993 im Rahmen der Konferenz gegründeten International Society for Scientometrics and Informetrics (ISSI) ausgerichtet.

Die Bibliometrie dient in der Regel als Teilgebiet der Scientometrie (1966) der quantitativen Untersuchung der Wissenschaft und wissenschaftlicher Vorgänge. Gleichzeitig ist sie ein Spezialgebiet der Informetrie (1979), der quantitativen Untersuchung von Informationen und damit ein Teilgebiet der Informationswissenschaft. Da in der Bibliometrie vorrangig publizierte Informationseinheiten untersucht werden, lässt sie sich auch der Bibliothekswissenschaft zuordnen. Mit der Zunahme von Online-Publikationen im Internet gibt es immer stärkere Überschneidungen mit der Webometrie.

Anwendungen[Bearbeiten]

Ein Anwendungsgebiet der Bibliometrie ist die quantitative Evaluation von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Einrichtungen anhand ihrer Publikationen. Bei der Zitationsanalyse werden dazu Zitierungsdatenbanken wie das Web of Science (ehemals Science Citation Index) verwendet, die Angaben über einzelne Zeitschriftenartikel und die in ihnen enthaltenen Verweise auf andere Artikel (Zitationen) enthalten. Es wird davon ausgegangen, dass Artikel, die häufiger zitiert werden, von besonderer Bedeutung sind und mit der Forschungsleistung eines Wissenschaftlers in Beziehung stehen. Die verschiedenen Fachzeitschriften werden nach ihrem Einfluss mit dem so genannten Impact Faktor gewichtet.

Diese Methode der Evaluation der persönlichen Leistung von Wissenschaftlern anhand der Zitierung ihrer Aufsätze ist nicht unumstritten. In einem Gutachten[2] der International Mathematical Union wird vor der verbreiteten Praxis unzulässiger Schlussfolgerungen aus bibliometrischen Daten gewarnt. Bei kleinen Zeitschriften schwanke der impact factor von Jahr zu Jahr stark. Auch könne von der Qualität einer Zeitschrift nicht unbedingt auf die Qualität eines Artikels geschlossen werden. "Im Gegenteil: Hat ein Journal A auf der Grundlage von gut einhundert Artikeln pro Jahr eine durchschnittliche Zitationsrate von 0,4 und ein Journal B im selben Fach bei gut fünfzig Artikeln einen Impact-Faktor von 0,8, dann liegt die Fehlerwahrscheinlichkeit des Urteils, ein zufällig ausgewählter Aufsatz in A sei besser als einer in B, bei mehr als sechzig Prozent.

Wenn aber die Beurteilung einzelner Artikel aufgrund ihres Publikationsortes fragwürdig ist, dann, so hält das mathematische Gutachten fest, ist ein Urteil über einzelne Wissenschaftler und sind Vergleiche zwischen ihnen nicht möglich. Das gelte auch für andere, etwas raffinierter angelegte Kennziffern wie etwa den sogenannten und derzeit beliebten Hirsch-Index."[3]

Die mittels Bibliometrie erhobenen Zahlen und festgestellten Gesetzmäßigkeiten sind insbesondere für Bibliotheken von praktischer Bedeutung (siehe auch Deutsche Bibliotheksstatistik).

Die Bibliometrie bedient sich Methoden des Data-Mining.

Neben der Messbarkeit wissenschaftlichen Outputs ermöglicht die Bibliometrie, Themengebiete zu beobachten (siehe Zitationsanalyse): Welche Themen werden wissenschaftlich aktuell diskutiert, in welchem Bereich wird viel publiziert?

Die wichtigsten Aussagen bibliometrischer Analysen lassen sich an der Zitationsrate und am Impaktfaktor ablesen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1.  Milos Jovanovic: Eine kleine Frühgeschichte der Bibliometrie. De Grüyter, 2012 ([1]).
  2. http://www.mathunion.org/fileadmin/IMU/Report/CitationStatistics.pdf
  3. Jürgen Kaube, Die bibliometrische Verblendung, F.A.Z., 24. Juli 2008, S. 36

Literatur[Bearbeiten]

  •  Frank Havemann: Einführung in die Bibliometrie. Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, 2009 (PDF).
  •  R. Ball, D. Tunger: Bibliometrische Analysen - Daten, Fakten und Methoden - Grundwissen Bibliometrie für Wissenschaftler, Wissenschaftsmanager, Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Eigenverlag des Forschungszentrums Jülich, 2005, ISBN 3-89336-383-1 ([ http://hdl.handle.net/2128/381 Zugriff auf den Volltext]).
  •  J. R. Cole, S. Cole: The Ortega hypothesis. In: Science. Nr. 178, 1972, S. 368–375.
  •  D. J. de Solla Price: General Theory of Bibliometric and other Cumulative Advantage Processes. In: Journal of the American Society for Information Science. 27, Nr. 5–6, 1976, S. 292–306.
  •  H. D. White, K. W. McCain: Bibliometrics. In: Review of Information Science and Technology. 24, 1989, S. 119–186.
  •  Alan Pritchard: Statistical Bibliography or Bibliometrics?. In: Journal of Documentation. 25, Nr. 4, 1969, S. 348–349.

Weblinks[Bearbeiten]