Masse (Soziologie)

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Loveparade Dortmund (2008)

Masse bezeichnet in der Soziologie eine große Anzahl von Menschen, die konzentriert auf relativ engem Raum physisch miteinander kommunizieren und/oder als Kollektiv gemeinsam sozial handeln. Der Begriff wird oft abwertend gebraucht („dumme Massen“, „Vermassung“), andererseits können Massen als soziale Bewegungen auch kulturell hochstehende Werte wie Gerechtigkeit und Gleichheit ins Bewusstsein der öffentlichen Meinung bringen oder sie als „revolutionäre Massen“ aktiv politisch durchsetzen.

Begriffsbestimmungen[Bearbeiten]

„Masse“ wird umgangssprachlich auch oft synonym zu „einfachen Leuten“, „Ungebildeten“, zur „Arbeiterklasse“, allgemeiner auch zum „Volk“ bzw. zur „Bevölkerung“ gebraucht. Gegenbegriffe sind dann „Individuum“, „bedeutende Einzelne“, auch „die Gebildeten“. Der Soziologe Vilfredo Pareto stellt die „Masse“ den „Eliten“ und „Reserveeliten“ gegenüber, ähnlich unterscheidet Charles Wright Mills zwischen „Masse“ und „Machtelite“.

Andererseits ist ein zweiter, soziologischer Gegenbegriff auch die „Menge“. Während „Massen“ oft (meist spontane, manchmal aber auch geplante) Hierarchien aufweisen (insbesondere in Form von Anführern und Rädelsführern), sind „Mengen“ unstrukturiert, nur situativ verbunden (z. B. alle Passanten in einer Einkaufsstraße) und tendieren im Gegensatz zu „Massen“ nicht dazu, geschlossen, also aktiv und intentional zu handeln.

Soziologische Merkmale[Bearbeiten]

Massen als politische Bewegung: Der Sturm auf die Bastille während der Französischen Revolution. Gemälde von Jean-Pierre Houël (1735-1813) aus dem Jahr 1789.

In der Regel geht Massenbildung mit einer Verhaltensenthemmung und einer temporären Überschreitung von sozialen Normen einher. Dies kann sowohl positive Affekte freisetzen (insbesondere soziale Nähe bei Festen und Feiern) als auch negative wie Hass und Aggression (etwa in Form des Lynchmobs). Mitunter können Massenstimmungen sehr rasch umschlagen (der redensartliche „Wankelmut der Massen“), wenn äußere Ereignisse eintreten oder sich Gerüchte innerhalb der Masse verbreiten.

Dennoch folgt das soziale Handeln von Massen eigenen Gesetzmäßigkeiten (vgl. „Figuration). Ihre Teilnehmer werden dabei von gemeinsamen Intentionen und Interessen, aber auch von kollektiven emotionalen Affekten und unbewussten Regungen koordiniert. Oft orientieren sich Massen auch an kollektiven Symbolen und Ideen, etwa politischen oder religiösen Konzepten.

Eine aktuelle Masse ist alsdann zur Schaffung eigener sozialer Dynamik in der Lage: Im negativen Fall reichen diese von Gerüchtverbreitung, Plünderung, Panik bis hin zu Pogrom und Lynchjustiz, im positiven Fall aber auch von einer friedlichen Kundgebung oder Demonstration über den politischen Widerstand gegen Tyrannei und die Befreiung von Diktaturen in Aufständen und Revolten – bis hin zur revolutionären Ausrufung einer neuen Gesellschaftsform, wie es in der Französischen Revolution 1789 in Frankreich oder in der Februarrevolution 1917 und der folgenden Oktoberrevolution in Russland der Fall war.

Nicht zwangsläufig, aber oft werden Massen dabei von einzelnen (Rädels-)Führern angeleitet und dabei mitunter zu Taten verführt, die sie außerhalb der Masse als Individuen nicht begehen würden. Die negativen Aspekte der Manipulierbarkeit des Individuums, sein „Aufgehen“ in der Masse, sind insbesondere in bzw. vor Kriegen (vgl. Hurra-Patriotismus) sowie im Massenkult des Nationalsozialismus zum Vorschein gekommen. Eine anschauliche Beschreibung des rauschhaften Augusterlebnisses beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland bietet Heinrich Mann in seinem Roman Der Untertan:

„Hurra, schrie Diederich, denn alle schrien es. Und inmitten eines mächtigen Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das Blitzen, aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein Rausch höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt die Macht.“

Herrschende beriefen und berufen sich zu ihrer Legitimation nicht selten auf eine Unterstützung der Massen, erwartbar in Demokratien, aber auch in ‚populistischen‘ Diktaturen (vgl. Tyrannis).

Im Marxismus wird die Masse als (zumindest potenziell) revolutionärer, nach Emanzipation strebender Teil der Gesellschaft (insbesondere in Form des Proletariats) als möglicher Träger einer sozialen Revolution gesehen. Gerade der Bezug auf die Interessen der Massen unterscheidet in den Augen der Marxisten die kommunistische Bewegung von anderen historischen sozialen Bewegungen. So schreibt Karl Marx 1848: „Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“[1] Doch verstanden Engels und Marx, die Masse der Proletarier von den Massenauftritten (den „Emeuten“ und Aufläufen) der Elenden, des „Lumpenproletariats“, zu unterscheiden.

Nach Vilfredo Pareto übernimmt jedoch nach einer erfolgreichen Revolution niemals die „Masse“ selber die Herrschaft, sondern immer eine „Reserveelite“, die die Masse auf ihre Seite gebracht und derart instrumentalisiert hat.[2]

Ursachen für Massenbildungen[Bearbeiten]

Spontane Massengeschehnisse, insbesondere in Form von sozialen Protestbewegungen, sind allgemein vor allem in krisenhaften Zusammenhängen erwartbar.

Soziale Krisen aufgrund von Inflation, Hungersnöte, Seuchen oder militärischer Konflikte führten seit jeher zu Massenhandeln – daher auch die Bedeutung von Massen in Gestalt ad hoc zusammen tretender Volksversammlungen oder Heeresversammlungen (im Römischen Reich oft bis hin zur Ausrufung eines neuen Kaisers). Generell liegt eine Hauptursache für Massenhandeln darin, dass neuartige Krisen nicht durch die in gewohnten Gemeinschaften bewährten Notmaßnahmen bewältigt werden können.

Das historische Auftreten von Menschen als Massen ist also nicht nur ein Phänomen höherer Zivilisationen oder gar der Neuzeit, wo es seine Ursache in der mit dem Bevölkerungswachstum verbundenen sinkenden Dichte und Verkleinerung sozialer Netzwerke, zumal bei steigender Urbanisierung und damit der Verunsicherung durch zumeist wirtschaftliche Krisen hat.

In der Neuzeit findet sich dagegen eine ganz neue Form der Massenbildung: die Massenkommunikation durch Massenmedien wie Zeitung, Rundfunk oder Fernsehen. Aufgrund ihrer großen Reichweite und Kapazität bieten Massenmedien einerseits die Möglichkeit, große Menschenmassen kommunikativ miteinander zu vernetzen, andererseits gehen sie aufgrund ihrer starren Sender-Empfänger-Struktur meist mit einseitigen Machtstrukturen einher. In der Regel im Besitz großer Konzerne oder des Staates, bilden Massenmedien eigene Strategien zur Massenformierung aus, um die öffentliche Meinung in ihrem Interesse bzw. im Interesse Dritter zu beeinflussen (Propaganda) oder um mehr Waren abzusetzen (Werbung).

Elias Canetti schreibt der Masse vor allem den wichtigen Vorgang der Entladung zu. Erst dieser Vorgang, wo sich eine Mehrzahl für oder gegen etwas entscheidet, ist nach ihm konstituierendes Element jeglicher Massenbildung. Vorher ist sie quasi nicht existent. Erst wenn Individuen "ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen" [3] entsteht eine Masse mit einer ihr innewohnenden Handlungsrichtung.

Theodor W. Adorno kritisierte die industriell produzierte Massenunterhaltung in seinem Schlagwort der „Kulturindustrie“. Eine wesentliche Motivation der kulturindustriell betriebenen „Vermassung“ durch Massenmedien sieht er in der ideologischen Gleichschaltung der Individuen zu gehorsamen Konsumenten und Untertanen.[4]

Arten von Massen[Bearbeiten]

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Gerichtete Masse
spontane oder provozierte Gewalttaten, zielgerichtete gegen abweichende Einzelne oder kleine Gruppen
Hetzmasse
Demagogie und Hetze vermögen Minderwertigkeitsgefühle auf andere zu projizieren; die Gewissheit der Zugehörigkeit zu den „Guten“ erleichtert das Vorgehen gegen die minderwertigen anderen bis zur Bereitschaft ihrer Vernichtung.
Fluchtmasse
In Momenten drohender Gefahr reagiert die Fluchtmasse meist irrational; sie richtet ihre Bewegung nicht in vernünftiger Erwägung aus, sondern vergrößert durch Panik die Bedrohung mitunter noch.
Verbotsmasse
Das Aufbegehren gegen Benachteiligungen lässt eine Verbotsmasse entstehen: eine fest organisierte Masse (z.B. in einem Streik).
Umkehrungsmasse
Eine unterdrückte Masse wird Umkehrungsmasse genannt, wenn sie gewaltsam gegen ihre Unterdrücker vorgeht, um die Verhältnisse umzukehren.[5]

Literatur[Bearbeiten]

Untersucht wurde das Massenphänomen u.a. von

  • Gustave Le Bon, der in seiner Psychologie der Massen (1895) befand, dass Massen kritik- und prinzipienlos, daher leicht lenk- und umstimmbar seien. Da sie Ideen und Ideale eher in minderwertiger, depravierter Form aufzunehmen vermögen, werde ihre Vorstellungskraft nicht durch Vernunft, sondern durch Bilder (Sensationen, Skandale) gelenkt. Dann aber seien sie fähig, diese mit höchster Leidenschaft und Gewaltsamkeit umzusetzen. Le Bon war ein Mitbegründer der so genannten „Massenpsychologie“.
  • Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921), der die Massenbildung als eine Form narzisstischer Projektion vom Individuum auf eine väterliche Führerfigur als kollektives Ich-Ideal erklärt und mit Zuständen wie Verliebtheit und Hypnose in Verbindung bringt.
  • José Ortega y Gasset, der in Der Aufstand der Massen 1930 formulierte: „Wenn die Masse selbständig handelt, tut sie es nur auf eine Art: Sie lyncht.“
  • Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion (1926), stellt der psychologischen Deutung Le Bons eine soziologische Konzeption entgegen. Masse ist für ihn stets revolutionäre Masse.
  • Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse (1927), der die Masse als Form des Rückschlags der modernen Rationalität in mythisches Bewusstsein auffasst.
  • Hermann Broch, Massenwahntheorie (1948, veröffentlicht postum 1979), der ein nach Befriedigung und Eindeutigkeit strebendes Bedürfnis der Massen konstatiert, welches – im pathologischen Fall – von Führerideologien (was er am Nationalsozialismus nachweist) erfüllt zu werden scheint. Dem stellt er Religionsstifter gegenüber, deren Zielstellung Ewigkeit und Menschheit sich von der totalitären des Fortschritt und der Massen wesentlich unterscheiden. Die Demokratie sei gegenwärtig gegen einen Rückfall keineswegs immun.
  • David Riesman, The Lonely Crowd (1950; dt.: Die einsame Masse), der die gleichzeitige Vermassung und Vereinzelung des Menschen in der modernen Mediengesellschaft untersucht.
  • Wilhelm Kornhauser, The Politics of Mass Society, Glencoe (Ill.) 1959.
  • Elias Canetti, Masse und Macht (1960), der in einer historisch ausgreifenden transkulturellen Studie das Wesen der Masse als zusammengehörig mit dem Phänomen der Macht erkennt, welches er in der Struktur von Befehl und Stachel charakterisiert. Als lenkendes führendes Prinzip bestimmt er den Drang zur Selbsterhaltung.
  • Michael Günther, Masse und Charisma. Soziale Ursachen des politischen und religiösen Fanatismus (2005), ist die jüngste gründliche Untersuchung des Zusammenhanges dieser Begriffe in der Soziologie von Gabriel Tarde, Gustave Le Bon und zumal von Max Weber, den er mit Ferdinand Tönnies kritisiert.
  • Andrea Jäger/Gerd Antos/Malcolm H. Dunn (Hg.): Masse Mensch. Das „Wir“ – sprachlich behauptet, ästhetisch inszeniert. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2006. ISBN 3-89812-394-4
  • Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, 1933
  • Volkwin Marg für die Akademie der Künste, Berlin, Hg.: "Choreographie der Massen - Im Sport. Im Stadion. Im Rausch.", JOVIS Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-86859-164-4

Zitatnachweise[Bearbeiten]

  1. Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei, in MEW 4, S. 472. Die „Mehrzahl“ erschien dann in kommunistischer Propaganda häufig als „die Massen“.
  2. Vilfredo Pareto: Trattato di sociologia generale, 1916, dt. 1955: Allgemeine Soziologie.
  3. Canetti, Masse und Macht, S. 12.
  4. In diesem Sinne schon 1922 Ferdinand Tönnies in seiner Kritik der öffentlichen Meinung (Bd. 14 der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002).
  5. Die vier letzten Begriffe nach Elias Canetti Masse und Macht (Fischer TB, Juli 1980, S. 49, 54, 57 und 60).

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]