Deichmann SE

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Deichmann SE
2011 eingeführtes Logo
Rechtsform Societas Europaea
Gründung 1913
Sitz Essen, Deutschland
Leitung Heinrich Otto Deichmann
Mitarbeiter 35.000 (2013)[1]
Umsatz 4,6 Mrd. Euro (2013)[2]
Branche Einzelhandel
Produkte SchuheVorlage:Infobox Unternehmen/Wartung/Produkte
Website www.deichmann.com
Deichmann-Schuhe
Deichmann-Filiale in Eilenburg

Deichmann ist Europas größter Schuhhändler mit Firmensitz in Essen.

Aufbau des Unternehmens[Bearbeiten]

Deichmann SE bildet ein Geflecht aus zahlreichen Tochter- und Vertriebsgesellschaften, in deren Kern die Heinz Deichmann Familienstiftung mit Sitz in Luzern (Schweiz) steht. Diese Verflechtungen ermöglichen es dem Unternehmen, Publizitätspflichten zu umgehen.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

2011 abgelöstes Logo

Heinrich Deichmann eröffnete 1913 im Alter von 25 Jahren in der heutigen Johannes-Brokamp-Straße in Borbeck, das zwei Jahre später zur Stadt Essen eingemeindet wurde, einen Schuhmacherladen unter dem Namen „Schuhreperatur Elektra“. Zunächst zählten überwiegend Bergleute des damals aufstrebenden Ruhrgebietes zu seinen Kunden, die, weil zu den unteren Einkommen zählend, preiswerte Schuhreparaturen benötigten. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte Deichmann mit seinen Schuhmachern die ersten eigenen robusten Schuhe her. Bald darauf kaufte Heinrich Deichmann günstige Neuware aus Schuhfabriken, um sie seinen Kunden weiter zu veräußern. 1936 eröffnete Heinrich Deichmann am Borbecker Markt das erste große Schuhgeschäft. Nach dessen Tod 1940 übernahm seine Frau Julie die Geschäftsführung. Nach dem Zweiten Weltkrieg improvisierte Deichmann, in dem 50.000 Paar Schuhe aus Pappelholz und Fallschirmgurten hergestellt werden. Außerdem wird eine Tauschbörse für gebrauchte Schuhe aufgezogen, die schnell 5.000 Kunden in der Kartei hat. Früh schon half ihr Sohn Heinz-Horst Deichmann im Unternehmen, so dass er Ende der 1940er Jahre das erste Geschäft außerhalb Essens an der Ackerstraße in Düsseldorf eröffnete. Er studierte Theologie und promovierte als Mediziner. 1956 gab er den Beruf als Arzt auf und übernahm vollständig die Leitung des Schuhhandels, wobei er seine vier älteren Schwestern auszahlte. 1963 zählte man 16 Geschäfte an Rhein und Ruhr. Unter der Leitung von Heinz-Horst Deichmann entwickelte sich das Unternehmen zum Marktführer im deutschen und europäischen Schuheinzelhandel. Als erste führte Deichmann die sog. Vorwahlständer und später das Rack-Room-Konzept in Deutschland ein, bei dem die Schuhe in Kartons und direkt zum Anprobieren präsentiert werden.

1973 erfolgte in der Schweiz die Übernahme der Schuhkette Dosenbach, der 1992 die Schuh- und Sportkette Ochsner folgte. Die beiden Ketten wurden zur Dosenbach-Ochsner zusammengelegt. Ihre Namen werden noch heute in der Schweiz für die dortigen Filialen verwendet. 1984 folgte der Schritt in die USA, 1985 in die Niederlande, 1992 nach Österreich und 1997 nach Polen. 1999 übernahm Deichmanns Enkel Heinrich Otto den Vorsitz der Geschäftsführung; seine Schwestern arbeiten nicht im Unternehmen. 2001 wurden Filialen in Ungarn und Großbritannien eröffnet. 2003 folgten Dänemark und Tschechien, 2004 die Slowakei, 2006 Slowenien und die Türkei. 2006 wurde die tausendste Filiale Deutschlands eröffnet. Zum 1. Januar 2010 wurde die Rechtsform in eine Europäische Gesellschaft geändert.[4]

Positionierung auf dem Markt[Bearbeiten]

Im Geschäftsjahr 2012 verkaufte die Deichmann-Gruppe weltweit rund 165 Millionen Paar Schuhe, die Hälfte davon in Deutschland. Sie beschäftigt rund 33.700 (2012) Mitarbeiter in 22 Ländern[5] und ist Marktführer im europäischen Schuhhandel.

Deichmann-Schuhe produziert seine Schuhe nicht selbst, sondern kauft in rund 40 Ländern ein. Haupteinkaufsmarkt ist neben Europa Asien.

Im Mai 2005 kaufte Deichmann die Traditionsmarken „Gallus“ und „Elefanten“ auf. Gallus, eine unter diesem Namen 1907 vom jüdischen Kaufmann Max Ruben Hahn (ermordet 1942 in Riga) ins Leben gerufene Schuhfabrikation, 1938 arisiert, hatte Ende 2004 Insolvenz angemeldet und die Produktion eingestellt. Elefanten (Kleve) war Ende 2004 vom englischen Schuhhersteller Clarks geschlossen worden, nachdem man keinen geeigneten Investor gefunden hatte.[6]

The Pussycat Dolls werben seit März 2006 als Testimonial für Deichmann. Der Extremsportler und Musiker Joey Kelly wirbt für die Deichmann-Laufschuhmarke Victory. Im Frühjahr 2008 erschien die Starcolletion der Sugababes, in der Fernsehwerbung wurde ihr Song „Denial“ verwendet. Im Jahr 2009 brachte das amerikanische Topmodel Cindy Crawford ihre eigene Schuhkollektion unter dem Label „5th Avenue“ exklusiv für Deichmann auf den Markt.

Seit 2012 wirbt Halle Berry für Deichmann.

In der Schweiz übernahm Dosenbach für eine Saison das Titelsponsoring der zweithöchsten Fußballliga, die in dieser Zeit «Dosenbach Challenge League» hieß.

Öffentliche Wahrnehmung[Bearbeiten]

2006: Kritik an den Umweltstandards[Bearbeiten]

2006 erschien auf tagesschau.de ein Beitrag[7], der sich auf einen taz-Bericht[8] beruft, demzufolge die Lederproduktion eines Deichmann-Lieferanten (aber auch anderer bekannter Unternehmen) auch in jenem Gebiet in Indien angesiedelt ist, in dem die Gerbereien täglich 30 Millionen Liter hochgiftige Abwässer unkontrolliert ins Umland ablassen. Deichmann-Schuhe legt demgegenüber Wert auf die Feststellung, dass seine Lieferanten an seinen Verhaltenskodex[9] gebunden sind, der Sozial- und Umweltstandards festlegt. Die Einhaltung werde von unabhängigen Prüfern kontrolliert. Eine dieser Schuhfabriken arbeite mit einer Gerberei in dieser Region zusammen, die ihr Leder zuliefere. Diese Gerberei halte ebenfalls die Umweltstandards ein und kläre auch ihre Abwässer über eine Kläranlage. Der Blacksmith-Bericht berichte von Verbesserungen in Ranipet in den letzten Jahren, die auch darauf zurückzuführen seien, dass alle großen europäischen Abnehmer auf Einhaltung des Verhaltenskodex drängen.

2008: Kritik an den Arbeitsbedingungen an Produktionsstandorten[Bearbeiten]

Nach Recherchen des Politikmagazins Report Mainz der ARD vom 7. Juli 2008 produziert ein Großlieferant in Kambodscha, der außer Deichmann auch andere Schuhfirmen beliefert, unter unhaltbaren und gesundheitsgefährdenden Bedingungen. In der Fabrik "Shoes Premier" in Phnom Penh, in der ca. 3000 Menschen arbeiten und die jährlich 2,5 Millionen Paar Schuhe für Deichmann liefere, würden Mitarbeiter zu täglichen Überstunden gezwungen. Die Arbeiterinnen beklagten sich über Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, weil sie Dämpfen von Lösemitteln ohne Schutzmasken ausgesetzt seien. Wer sein Pensum von 100 Schuhen pro Stunde nicht schaffe, müsse stundenlang mit den Händen auf dem Rücken vor einer Wand als "firmeninternem Pranger" stehen.

Das Unternehmen will von den Missständen nichts gewusst haben und bemüht sich nach Angaben eines Sprechers intensiv um Aufklärung. Die Fabrik sei an strenge Auflagen gebunden, und Verstöße gegen Arbeitnehmerrechte würden auf keinen Fall geduldet. Report Mainz hatte die Vorwürfe in einer Presse-Vorabmeldung zur Sendung verbreitet, auf die Ausstrahlung des Beitrages dann aber letztlich verzichtet. Begründet wurde das von der Redaktion mit „komplizierten rechtliche Detailfragen“. Deichmann teilte mit, man habe keine Rechtsmittel gegen die Ausstrahlung eingelegt. Nach Information des Unternehmens war der Zulieferer im Mai 2008 bereits überprüft worden, das Ergebnis sei im Wesentlichen unauffällig gewesen. Aufgrund der Vorwürfe wurde für Oktober 2008 eine weitere Überprüfung durch unabhängige Experten angekündigt.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • 100 Jahre Deichmann, in: Essen Affairs – Das Magazin der Messe Essen, Ausgabe 2/2013, S. 34 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Deichmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deichmann geht nach Jubiläumsjahr weiter in die Offensive. Abgerufen am 18. September 2014.
  2. Deichmann geht nach Jubiläumsjahr weiter in die Offensive. Abgerufen am 18.092014.
  3. Peter Brors/Christoph Hardt: Heinz-Horst Deichmann: „Die Firma muss dem Menschen dienen“, in: Handelsblatt online vom 1. Dezember 2005
  4. http://www.shearman.com/de/Shearman-Sterling-begleitet-Deichmann-Gruppe-bei-Gruendung-der-Obergesellschaft-Deichmann-SE/
  5. Derwesten.de vom 14. Februar 2013
  6. Wirtschaftswoche [1]
  7. Studie: "Die zehn schmutzigsten Städte der Welt", 5. Absatz – Meldung unter tagesschau.de (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[2] [3] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung vom 20. Oktober 2006
  8. Ashwin Raman: Gift ist im Schuh, in: die Tageszeitung (taz) vom 10. April 2001, S. 4
  9. Kurzfassung des Code of Conduct
  10. http://www.swr.de/report/presse/-/id=1197424/nid=1197424/did=3749010/1pd4glo/index.html