Deutsche Botschaft Prag

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Die Deutsche Botschaft befindet sich im Prager Palais Lobkowitz. Blick auf die Südseite mit dem Gartengelände und der Orangerie (Nebengebäude). Im Zentrum der halbrunde Balkon im ersten Stock, von dem aus Genscher seine Rede hielt.

Die Deutsche Botschaft Prag ist die höchste diplomatische Vertretung Deutschlands in der Tschechischen Republik. Sie befindet sich auf der Prager Kleinseite im Palais Lobkowitz.

Ab August 1989 geriet die Prager Botschaft in den Blickpunkt der Medien, als DDR-Bürger dort Zuflucht suchten. In den folgenden Wochen besetzten Tausende das Gelände, worauf die DDR-Behörden einlenkten und ab 30. September insgesamt 17.000 ihrer Bürger die Ausreise in die Bundesrepublik erlaubten. Am 3. November erlaubten die ČSSR-Behörden den DDR-Bürgern die unreglementierte Ausreise in den Westen und hoben somit ihren Teil des Eisernen Vorhanges, was als eine der wichtigsten Vorstufen zum Fall der Berliner Mauer gilt.

Geschichte[Bearbeiten]

Deutsche Botschaft in Prag, Haupteingang auf der Nordseite
Kunstwerk des Künstlers David Černý: Trabbis auf Beinen im Garten der Deutschen Botschaft
Die Deutsche Botschaft (zentral, am Waldrand) vom Petřín aus gesehen. Im Hintergrund der Hradčany.

Als ehemaliger Sitz des Heiligen Römischen Reiches ist Prag untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Da Böhmen jahrhundertelang nicht selbständig war, wurde Prag erst wieder Sitz der Botschaften anderer Länder, als 1918 die Tschechoslowakei unabhängig wurde. Diese Selbständigkeit war von 1939 bis 1945 durch die Einverleibung ins Großdeutsche Reich aufgehoben. Nach dem Krieg wurden seitens der Bundesrepublik Deutschland zu Staaten, die die DDR anerkannten, im Rahmen von Alleinvertretungsanspruch und Hallstein-Doktrin keine formalen diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Dies änderte sich erst durch die Neue Ostpolitik. Im Jahr 1973 wurden Beziehungen zu der damaligen ČSSR aufgenommen.

„DDR-Flüchtlinge hat es in unserer Prager Botschaft immer gegeben, seit wir (1974) das Palais Lobkowicz bezogen hatten“,[1] so Hermann Huber, Botschafter von Dezember 1988 bis 1992. Bereits vier Jahre vor seinem Amtsantritt musste er in Prag aushelfen, um eine größere Welle von 160 Flüchtlingen zu versorgen. Diese wurden vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (BMB) durch Vermittlung von Rechtsanwalt Vogel freigekauft.

Als er im Dezember 1988 dem damaligen Staatspräsidenten Husák sein Beglaubigungsschreiben überreichte, gab es zwar keine DDR-Flüchtlinge in der Botschaft, aber im Februar/März stellten sich die ersten Zufluchtsuchenden ein, die über den rückwärtigen Botschaftszaun auf das Gelände gekommen waren oder auf andere Weise die strengen tschechoslowakischen Milizen überlisteten, die jeden Besucher kontrollierten.

Im Vorfeld der Revolutionen von 1989 wurde das Gelände der Botschaft als Zufluchtsort von Flüchtlingen aus der DDR bekannt. Im Sommer jenes Jahres wagten es weitere DDR-Bürger, vom Prager Hauptbahnhof den Weg über die Moldau hinweg in die bundesdeutsche Botschaft zu gehen. Am 19. August 1989 lebten rund 120 Flüchtlinge dort, täglich kamen 20 bis 50 weitere hinzu. Am 23. August schloss Botschafter Hermann Huber auf Weisung des Außenamtes das Barockpalais für den Publikumsverkehr. Die Konsularabteilung wurde vorübergehend in ein Prager Hotel verlegt, um den Botschaftsstatus aufrechterhalten zu können.[2]

Der Ansturm auf das Botschaftsgelände ging jedoch weiter, weitere Flüchtlinge erzwangen sich Zutritt, teils an den nachlässiger werdenden tschechoslowakischen Polizisten vorbei durch das Tor, oder durch Klettern über den Zaun, was teilweise zu Verletzungen führte. Im Park der Botschaft wurden Zelte und sanitäre Anlagen aufgestellt und sogar ein Schulbetrieb für die Kinder eingerichtet. Verlassene Fahrzeuge der Marken Trabant und Wartburg prägten das Bild der Umgebung; die DDR bemühte sich alsbald um einen Abtransport der stummen Zeugnisse. Die sanitären Bedingungen in der Botschaft spitzten sich im Laufe des Septembers zu, zeitweise hielten sich 4000 Flüchtlinge gleichzeitig auf dem von Regenfällen durchnässten Gelände auf. Hauptbeschäftigung war das stundenlange Schlange stehen vor den WCs, in knöcheltiefem Schlamm. Teils heftige Auseinandersetzungen fanden mit Personen statt, die man der Stasi-Tätigkeit verdächtigte.

Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher traf am Abend des 30. September 1989 ein. Er kam von Verhandlungen mit dem damaligen Außenminister der Sowjetunion Eduard Schewardnadse und anderen am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Versammelten Journalisten sagte er, er möchte ihnen keine Mitteilung machen, da er zunächst mit den Deutschen aus der DDR sprechen wolle. Um 18:58 Uhr[3] gab er vom Balkon des Palais aus bekannt:[4]

„Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise
(Tausendfacher Aufschrei und Jubel)
… in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“

Das Satzende ging unter mit dem auf das Stichwort „Ausreise“ hin aufbrausenden Jubel der im Hof kampierenden, ausreisewilligen DDR-Flüchtlinge. Eine Gedenktafel auf dem Balkongeländer erinnert an die bewegenden Worte. Die in Verhandlungen erreichte Möglichkeit der indirekten Ausreise in die Bundesrepublik, per Zug mit Umweg über das Gebiet der DDR zwecks Aufrechterhaltung der Fassade einer regulären Ausreise von dort, wurde jedoch anschließend in Zwischenrufen ängstlich hinterfragt, da eine Verhaftung durch DDR-Organe aufgrund von „Republikflucht“ befürchtet wurde.

Ab 1. Oktober 1989 fuhren dann die ersten Züge von Prag über Dresden und Karl-Marx-Stadt bis nach Hof (Bayern).[5] Nach erfolgreicher Räumung der Botschaft fanden sich jedoch erneut Tausende Ausreisewillige in den Gassen um das Palais, am 4. Oktober waren über 5000 im Gelände, weitere 2000 harrten davor in der Kälte aus, so dass belagerungsähnliche Zustände herrschten. Erneut konnte eine Ausreise arrangiert werden, kurz vor der 40-Jahr-Feier der DDR, nun führte diese eine Visumspflicht auch für das Bruderland ČSSR ein und schloss somit die Grenze. Die grüne Grenze im Erzgebirge war, zumal im Herbst, nur noch in kleineren Zahlen überwindbar, so dass der Zustrom fast versiegte. Am 28. Oktober durfte diese Gruppe sogar mit legalen DDR-Ausreisepapieren mit eigenen Fahrzeugen direkt in die Bundesrepublik fahren, worauf der Botschafter seinen im Sommer unterbrochenen Urlaub fortsetzte.

Bald jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Am 1. November hob die DDR die Visumspflicht wieder auf, prompt waren am 3. erneut mehr als 5000 Personen auf dem Gelände. Am 3. November 21:00 Uhr teilte der stellvertretende Außenminister der ČSSR in einem kurzen Gespräch mit, dass die Menschen ohne DDR-Genehmigung direkt von Prag in die Bundesrepublik ausreisen können, was der Stellvertreter Armin Hiller vom „Genscher-Balkon“ aus verkündete.

Die historische Dimension dieser Entscheidung für eine unkonditionierte Ausreise ist nichts anderes als der Fall des ČSSR-Teils des Eisernen Vorhanges, der alsbald durch Abbau der Grenzbefestigungen auch sichtbar wurde. Gemäß dem geflügelten Wort „Wie geht’s? – Über Prag!“ stiegen nun täglich tausende DDR-Bürger in einen Zug nach Prag, wo das Botschaftspersonal nun direkt auf dem Bahnhof Hilfestellung zur direkten Weiterreise in die Bundesrepublik gab. Dies führte dazu, dass die DDR-Führung am 9. November ankündigte, die Ausreise direkt zu ermöglichen, was noch am selben Abend den Fall der Berliner Mauer nach sich zog. Ab Mitte November erfolgte die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei.

„Eine historische Aufarbeitung der Ereignisse, die zur deutschen Wiedervereinigung geführt haben, wird die dramatischen Vorgänge im Spätsommer und Herbst des Jahres 1989 in Prag nicht außer Acht lassen können, als Tausende von Flüchtlingen aus der DDR Zuflucht in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland suchten. Der im August 1989 plötzlich einsetzende Ansturm auf die Botschaft war nicht nur von der Dimension her ein Novum, sondern stellte auch qualitativ eine völlig neue Situation dar, mit der es galt sich auseinanderzusetzen. Sie kumulierte schließlich am 3. November 1989 in einer Ausreiseregelung (seitens der ČSSR), die den eisernen Vorhang und die Berliner Mauer obsolet werden ließ.“

Damaliger Botschafter Hermann Huber[6]

Auf der Webseite der Botschaft sind die damaligen Ereignisse auch mit Fotos dokumentiert.[7] Gelände und Gebäude wurden durch den wochenlangen Aufenthalt der Menschenmenge stark in Mitleidenschaft gezogen und mussten hinterher saniert werden.

Abgesehen von der Genscher-Plakette auf dem Balkongeländer erinnert im Park die Skulptur Quo Vadis des Künstlers David Černý, die einen auf Beinen davonlaufenden Trabant darstellt, „an die vielen Tausend Deutschen aus der DDR, die im Sommer und Herbst 1989 über die Botschaft Prag den Weg in die Freiheit suchten und fanden“.

Botschafter der Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

Werbung für die deutsche Sprache an der Deutschen Botschaft Prag

Siehe auch: Liste der deutschen Botschafter in Tschechien[8]

  • 25. April 1974 – 18. Mai 1977 Dr. Gerhard Ritzel
  • 8. Juni 1977 – 27. Oktober 1982 Dr. Jürgen Diesel
  • 13. Dezember 1982 – 31. Mai 1985 Dr. Klaus Meyer
  • 25. Juni 1985 – 17. November 1988 Dr. Werner Schattmann
  • 21. Dezember 1988 – 30. August 1992 Hermann Huber
  • 15. September 1992 – 13. März 1996 Dr. Rolf Hofstetter
  • 18. März 1996 – 31. Januar 1998 Dr. Anton Roßbach
  • 10. Februar 1998 – 30. September 1998 Michael Steiner
  • 23. Februar 1999 – 30. Juni 2001 Hagen Graf Lambsdorff
  • 22. August 2001 – 15. Juni 2005 Dr. Michael Libal
  • 25. September 2005 – 10. Juli 2009 Helmut Elfenkämper
  • 3. September 2009 – 2. September 2011 Johannes Haindl
  • seit 7. September 2011 Detlef Lingemann[9]

Dokumentationen[Bearbeiten]

  • Harald Salfellner, Werner Wnendt: Das Palais Lobkowicz – Ein Ort deutscher Geschichte in Prag. Vitalis Verlag, Prag 1999, ISBN 80-85938-65-0. (Bildband)
Fernsehfilme

Im Oktober 2006 fanden auf dem Originalschauplatz Dreharbeiten für den Fernsehfilm „Prager Botschaft“ über die damaligen Ereignisse statt. Schauspieler sind Hinnerk Schönemann, Hans-Werner Meyer, Anneke Kim Sarnau, Timm-Marvin Schattling und Christoph Bach, Regisseur Lutz Konermann. Produzent ist filmpool. Erstausstrahlung war am 23. September 2007 um 20:15 (RTL).[3][10]

Hans-Dietrich Genscher gab Gisela Marx im Rahmen eines Dokumentationsfilmes vor Ort ein langes Interview. Die Dokumentation lief erstmals direkt im Anschluss an die Erstausstrahlung von „Prager Botschaft“ am 23. September 2007 bei RTL.[11]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: German Embassy, Prague – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Huber
  2. Erinnerungen von Botschafter a.D. Hermann Huber
  3. a b Fernsehprogrammzeitschrift „TV-Spielfilm“, Ausgabe 19/07, S. 16.
  4. TV-Mitschnitt
  5. Die Botschaftsflüchtlinge auf ihrer Fahrt von Prag nach Hof
  6. Hermann Huber, Botschafter außer Dienst über das Jahr 1989
  7. Webseite der Botschaft – Flüchtlinge
  8. [1]
  9. Botschafter Helmut Elfenkämper
  10. RTL [2] Radio.cz [3]
  11. Flüchtlinge

50.08706388888914.39815Koordinaten: 50° 5′ 13″ N, 14° 23′ 53″ O