Emily Dickinson

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Emily Dickinson
Emily Dickinson. Diese Photographie wurde erst im Jahr 2012 entdeckt, bislang jedoch nicht authentifiziert.

Emily Elizabeth Dickinson, (* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda) gilt als bedeutende amerikanische Dichterin. Ihre Gedichte, erstmals 1890 nach ihrem Tod veröffentlicht, scheinen stilistisch vielfach ins 20. Jahrhundert vorzugreifen.

Biografie[Bearbeiten]

Emily Dickinson war eins von drei Kindern von Edward Dickinson (1803–1874) und dessen Frau Emily Norcross (1804–1882), die am 6. Mai 1828 geheiratet hatten. Ihre Geschwister waren William Austin Dickinson (1829–1895; genannt „Austin“) und Lavinia Norcross Dickinson (1833–1899; genannt „Vinnie“). Emily verbrachte ihr gesamtes Leben in Amherst, Massachusetts. Sie entstammt einer alteingesessenen, calvinistischen Familie. Ihr Vater war Rechtsanwalt und Schatzmeister des Amherst College, das ihr Großvater gegründet hatte, sowie zeitweise auch Kongressabgeordneter. Emily besuchte die Amherst Academy (1834–1847), wo sie Unterricht in klassischer Literatur, Latein, Geschichte, Religion, Mathematik und Biologie erhielt. Danach wechselte sie auf das Mount Holyoke Female Seminary (1847–1848), eine konservativ-evangelikale Schule für Mädchen. Dort fiel sie ihren Lehrern durch ihre Intelligenz auf, sie war jedoch physisch und psychisch anfällig und litt an Depressionen, so dass sie die Schule nach nur einem Jahr abbrach.

Seit 1850 hegte sie eine Vorliebe für weiße Kleidung und zog sich mehr in die Einsamkeit zurück. Sie empfing nur wenige Besucher und machte selbst selten Besuche. Sie galt als menschenscheu und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer.

Emily Dickinson stand mit einer Reihe von Bekannten und Verwandten in Briefkontakt, persönliche Kontakte pflegte sie aber nur zu wenigen Menschen. Dazu gehörte neben ihrer Schwester Lavinia und ihrem Bruder Austin und dessen Frau Susan, einer Jugendfreundin von Emily, auch der Geistliche Charles Wadsworth aus Philadelphia. In ihm sah sie einen Seelenverwandten, den sie als dearest earthly friend bezeichnete. Der Kontakt brach ab, als Wadsworth nach San Francisco ging. Der spätere Herausgeber ihrer Werke, Thomas Wentworth Higginson, mit dem sie über viele Jahre korrespondierte, ist ihr nach eigener Aussage in all der Zeit nur zweimal von Angesicht zu Angesicht begegnet.

Die ersten Gedichte von Emily Dickinson stammen aus dem Jahr 1850, die sie ab etwa 1858 in Faszikel ordnete und zusammenfasste. Die fruchtbarste Schaffensphase (1860–1870) war von zunehmender Vereinsamung und Krankheit überschattet. Nur sieben ihrer insgesamt 1775 Gedichte wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht, viele fanden jedoch den Weg in die Öffentlichkeit in Briefen an Freunde und Verwandte.

Emily Dickinson starb am 15. Mai 1886. Ihre Todesursache ist unklar; im Kirchenbuch von Amherst ist von Bright's disease, also einem Nierenleiden, die Rede. Emily Dickinsons letzte Worte waren: „I must go in, for the fog is rising.“

Es sind bislang lediglich zwei Photographien von Emily Dickinson als authentisch identifiziert worden: die berühmte Daguerreotypie von 1847 oder 48[1], die sich im Archiv des Amherst College befindet, sowie ein erst 2012 entdecktes Photo von 1859[2] aus einer Privatsammlung.

Werkausgaben[Bearbeiten]

Die Interpretation der Gedichte von Emily Dickinson ist bisweilen schwierig, da es keine autorisierte Endfassung gibt. Einige der Gedichte liegen in mehreren Fassungen vor, manche sind nur im Entwurfsstadium vorhanden, die der Herausgeber des Gesamtwerks „semifinal draughts“ nennt. Emily Dickinson hatte zu Lebzeiten einige ihrer Gedichte dem Verleger Thomas Wentworth Higginson überlassen, der ihr aber von einer Veröffentlichung abgeraten hatte.

Vier Jahre nach ihrem Tod, 1890, gab Higginson zusammen mit Emilys Schwester Lavinia und Mabel Loomis Todd, einer Freundin von Emilys Bruder Austin, eine Auswahl aus den Werken der Dichterin unter dem Titel: Poems by Emily Dickinson heraus. Dabei veränderten die Herausgeber den Text überall dort, wo er für ihr Dafürhalten sperrig war. Auch eine weitere Ausgabe ihrer Werke aus dem frühen 20. Jahrhundert, von Emilys Nichte Martha Dickinson Bianchi herausgegeben, enthält massive Eingriffe in den Text.

Die erste kritische Gesamtausgabe ihrer Werke in drei Bänden unter dem Titel The Poems of Emily Dickinson, Ed. Th. H. Johnson (Cambridge, Mass., 1955) folgt allen bekannten Manuskripten in unveränderter Form und gilt als Standardwerkausgabe. Daneben steht die etwas modernere Gesamtausgabe in 3 Bänden: The Poems of Emily Dickinson, Ed. R.W. Franklin, (Cambridge, Mass., 1998) und die einbändige Reading Edition dazu von 1999 ohne Textvarianten und ohne kritischen Apparat.

Das lyrische Werk[Bearbeiten]

Obwohl Emily Dickinson fast ihr ganzes Leben in ihrem Haus verbrachte, ist ihr lyrisches Werk von enormer Weite geprägt. Emily Dickinsons begrenzter Erfahrungsradius hat ihr Schaffen nicht eingeschränkt, sondern gefördert, denn sie war mittels ihrer Vorstellungskraft in der Lage, die kleine und überschaubare Welt, in der sie lebte, in eine große Welt zu verwandeln.

„To make a prairie it takes a clover and a bee,
one clover, and a bee,
And revery.
The revery alone will do,
If bees are few.”

Als Zeitgenossin von Walt Whitman hat man Emily Dickinson „einen epigrammatischen Walt Whitman“ genannt und sie wegen ihrer Nähe zu den englischen metaphysischen Dichtern, besonders zu George Herbert, als „puritanische Metaphysikerin“ bezeichnet. Auch andere Aussagen von Kritikern, dass Emily Dickinson „eine private Dichterin, die unermüdlich schreibt, so wie andere Frauen kochen oder stricken“ („a private poet, who wrote indefatigably, as other women cook or knit“) oder „ein Vulkan, der in einem Eisblock ausbricht“ („a volcano erupting in a block of ice“) sei, zeigen, wie schwer es ist, Emily Dickinson einer bestimmten Richtung der Lyrik zuzuordnen.

Ihre bevorzugten Themen sind Natur, Liebe, Tod und Todeserwartung, Unsterblichkeit und auch Entsagung und Verzicht (“renunciation”) sowie die Transzendenz des Zeitlichen. Hält sich die träumerisch vollzogene Entstehung einer Prairie aus clover (dt. Klee) und bee (dt. Biene) in den Gedichtzeilen oben noch im Bereich des Weltimmanenten, so gewinnt in dem Gedicht Indian Summer (dt. in etwa: Altweibersommer) eine gewohnte jahreszeitliche bzw. klimatische Erscheinung einen unmittelbaren Bezug zur Ewigkeit. Obwohl dieses Gedicht in der Gegenwart bleibt, wird mit der Anrufung des Sakraments des heiligen Abendmahls (Oh sacrament of summer days, Oh, last communion of the haze) das Phänomen des Spätsommers nach dem Scheitern einer versuchten Sinngebung durch das lyrische Ich (Oh, fraud) zum Tod Jesu Christi in Beziehung gesetzt.

Was den Jüngern im neuen Testament wie das Ende, wie eine große Täuschung oder Enttäuschung und Zerstörung vorkommen musste, erscheint nun symbolisch als aufbauend; gerade die Zerstörung ist, wie Hans Combecher in seiner Deutung dieses Gedichtes ausführt, die Erlösung, der Niedergang der unmittelbare Weg zur Erhöhung. Die Jahreszeit des Indian Summer überstrahlt so die „sterbende Natur, mit goldener Glorie“ in Analogie zu der Erlösungtat Christi. Obwohl das Gedicht in der Gegenwart bleibt, erscheint es sowohl auf die Vergangenheit wie auch auf die Zukunft gerichtet. Der in der Natur wirksame Verfall wird in der Erinnerung an den gewesenen Sommer in der Zwischenzeit zur Verheißung einer ewig herrlichen Zukunft, die in der Augenblicksbeobachtung der Vergänglichkeit allen Sinnen zugänglich ist.

Die in dem Gedicht vollzogene Trennung des Sakraments von der Person und Autorität Christi spiegelt in Emily Dickinsons Lyrik trotz des deutlich erkennbaren Zuges einer puritanischen Denk- und Geisteshaltung die typisch amerikanische neuzeitliche Ablösung von den puritanischen Dogmen; die Person Christi wird in Dickinsons Gedicht einfach als „transzendenzbezogenes Symbol“ einer völlig anderen Wirklichkeit zugeordnet. In dieser Hinsicht bietet Indian Summer ein Musterbeispiel für das Nachwirken des puritanisch-calvinistischen Glaubens oder Denkens einerseits und der Säkularisierung seines christlichen Kerns andererseits - ein typisch amerikanischer, für Europäer zumeist erstaunlicher Wesenszug.[3]

Die Phänomene des Spätsommers, in denen sich sein Schwinden ankündigt, das Noch-Nicht-Wahrnehmbare erspürt und das Vertraute im Unvertrauten wahrgenommen wird, wird ebenso in anderen Gedichten Dickinsons thematisiert, beispielsweise in As Imperceptibly As Grief. Indem sie hier das Bild einer erfahrenen Wirklichkeit entfaltet, die in der offenbaren Ruhe ihrer Erscheinungen zugleich das Geheimnis des Bewegten, des unmerklich Vergänglichen, enthält, bringt sie auch hier das Unbegreifliche und Nicht-zu-Beschreibende des Vorgangs zum Ausdruck, den der Titel des Gedichts ankündigt.[4]

Der Bruch mit klassischen Formen der Lyrik, die zahlreichen Gedankenstriche und die nicht zu Ende geführten Gedanken erschweren allerdings die Interpretation ihres lyrischen Werks.

Ehrungen[Bearbeiten]

Sie fand Eingang in die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts. Die feministische Künstlerin Judy Chicago widmete ihr in ihrer Arbeit The Dinner Party eines der 39 Gedecke am Tisch.[5]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Guten Morgen, Mitternacht. Gedichte und Briefe. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Lola Gruenthal. Zweisprachige Ausgabe. Diogenes, Zürich 1997, ISBN 978-3-257-22977-6.
  • Dichtungen. Englisch - deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Werner von Koppenfels. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. 3. Auflage 2005. ISBN 978-3-87162-037-9.
  • Wilde Nächte. Ein Leben in Briefen. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-10-013907-8.
  • Emily Dickinson – Gedichte. Englisch und deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Gunhild Kübler. Hanser, München 2006, ISBN 978-3-446-20782-0.
  • The Poems of Emily Dickinson. Reading Edition. Ed. R. W. Franklin (Cambridge, 1999).
  • The Letters of Emily Dickinson. Ed. Thomas H. Johnson. 3 vols. (Cambridge, Mass. 1958).

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Galinski: Wege in die dichterische Welt Emily Dickinsons. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts - Interpretationen Band X. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a. M., ISBN 3-436-01456-7, S. 239-268.
  • Lyndall Gordon: Lives like loaded guns: Emily Dickinson and her family’s feuds, Virago, London 2010, ISBN 978-1-84408-453-1
  • Roland Hagenbüchle: Emily Dickinson. Wagnis der Selbstbegegnung. Stauffenburg, Tübingen 1988, ISBN 3-923721-14-5.
  • Roland Hagenbüchle: Precision and Indeterminacy in the Poetry of Emily Dickinson, Emerson Society Quarterly, 1974
  • S Juhasz, G Grabher, R Hagenbüchle, C Miller: The Emily Dickinson Handbook,1998, University of Massachusetts Press
  • Connie Ann Kirk: Emily Dickinson: a biography, Westport, Greenwood Press, Conn. [u.a.] 2004, ISBN 0-313-32206-6
  • Gunhild Kübler: Emily Dickinson – Eine Seele in Weißglut. In: Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter (Hrsg.): Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. C. Bertelsmann, München 2009, S. 142–147. ISBN 978-3-570-01048-8
  • Brita Lindberg-Seyersted, The Voice of the Poet. Aspects of Style in the Poetry of Emily Dickinson (Uppsala 1968).
  • C. Miller, Emily Dickinson: A Poet's Grammar (Cambridge, 1987).
  • Heike Oeldorf: Positionen poetischer Identität in Gedichten Emily Dickinsons. Frankfurt am Main, 2002. ISBN 3-631-36848-8
  • David T. Porter, The Art of Emily Dickinson's Early Poetry (Cambridge, Mass. 1966).
  • Linda Wagner-Martin: Emily Dickinson : a literary life, Basingstoke [u.a.] : Palgrave Macmillan, 2013, ISBN 978-1-137-03305-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Emily Dickinson – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. https://www.amherst.edu/library/archives/holdings/edickinson/dickinsondag
  2. http://www.guardian.co.uk/books/2012/sep/05/emily-dickinson-new-photograph
  3. Vgl. eingehend den Deutungsansatz von Hans Combecher: Deutung englischer Gedichte - Heft 2. Diesterweg Verlag, 3. Auflage, Frankfurt a. M. et. al. 1975, ISBN 3-425-06612-9, S. 138-141, hier insbesondere S. 140 und S. 142.
  4. Teut Andreas Riese: Emily Dickinson - As imperceptibly as Grief. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die amerikanische Lyrik · Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. Bagel Verlag, Düsseldorf 1974, ISBN 3-513-02215-8, S. 157-162, hier S. 160f.
  5. Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art: The Dinner Party. Place Setting: Emily Dickinson. Brooklyn Museum, 23. Oktober 2012, abgerufen am 23. April 2014 (englisch).