Ernst Lossa

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Ernst Lossa im April 1942 bei der Einlieferung in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Ernst Lossa (* 1. November 1929 in Augsburg; † 9. August 1944 in Irsee) war ein Halbwaise aus der Volksgruppe der Jenischen, der in der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie, der Aktion Brandt, ermordet wurde und durch die Aufarbeitung dieses Mordes nach 1945 exemplarische Bekanntheit erlangte. Er wuchs in Kinderheimen auf und wurde in der Zweiganstalt Irsee der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren im Alter von 14 Jahren durch Injektion eines tödlichen Mittels ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ermittelten die Amerikaner Lossas Schicksal und vernahmen dazu auch mehrere Zeugen. Seine Krankengeschichte und seine Ermordung wurden dokumentarisch aufgearbeitet und zusammen mit den Zeugenaussagen als exemplarisches Beispiel in Strafprozessen zu Verbrechen des Nationalsozialismus verwendet.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit[Bearbeiten]

Lossa stammte aus Augsburg, wo sein Vater Christian Lossa mit Hausieren sein Geld verdiente. Seine Mutter Anna Lossa starb 1933, als er vier Jahre alt war. Seine Eltern waren Jenische, die als Restauratoren von Kirchenfiguren in den warmen Monaten des Jahres als Fahrende durch das Land reisten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden sein Vater, zwei Brüder des Vaters und andere Verwandte 1939 von den Nationalsozialisten in das Konzentrationslager (KZ) Dachau gebracht. Nach der nationalsozialistischen Rassenlehre wurden sie als „Zigeuner“ und „Hausierer“ verfolgt. Lossas Vater starb nach unterschiedlichen Berichten im KZ Mauthausen oder im KZ Flossenbürg.

Die Kinder – Ernst und zwei Schwestern – wurden von den Nationalsozialisten in einem Kinderheim in Augsburg-Hochzoll untergebracht. Lossa beging dort in der Schule viele Diebstähle.[1]

Jugenderziehungsheim Indersdorf[Bearbeiten]

Im Februar 1940 kam Lossa wegen „Unerziehbarkeit“ in das Jugenderziehungsheim Indersdorf bei Dachau, wo es weiterhin Schwierigkeiten mit ihm gab und ihm unter anderem zahlreiche Diebstähle vorgehalten wurden. Es wurde ein psychiatrisches Gutachten erstellt, in dem es zusammenfassend hieß, dass es sich bei Lossa „zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen handele.[2]

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren[Bearbeiten]

Lossa wurde daraufhin im April 1942 zwangsweise in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen, in der nach dem „offiziellen“ Ende der „Aktion T4“ für Euthanasie-Morde im Rahmen der sogenannten „wilden Euthanasie“ unter anderem auch gezielte Tötungen von Patienten vorgenommen wurden. Diese Euthanasiemorde erfolgten durch Injektionen mit überdosierten Medikamenten oder durch Verhungernlassen durch Unterernährung.

Lossa wurde am 20. April 1942 aufgenommen; in dem Formular mit seiner „Krankengeschichte“ wurde als Einlieferungsgrund das erwähnte psychiatrische Gutachten angegeben. Er verhielt sich weiterhin auffällig und unangepasst, wurde aber nach späteren Aussagen von (ehemaligen) Mitarbeitern der Heil- und Pflegeanstalt auch geschätzt, weil er liebenswürdig und hilfsbereit war. Er versuchte öfters, hungernden Kranken Nahrungsmittel zu geben, die er zuvor gestohlen hatte.

Von den Mitarbeitern wurde später auch ausgesagt, dass Lossa das gesamte System in Kaufbeuren durchschaut hatte und von den gezielten Tötungen in der Anstalt wusste. Sie vermuteten, dass dies den Verwaltungsleiter Josef Frick und wohl auch den ärztlichen Leiter Valentin Faltlhauser zusätzlich zur Tötung von Lossa motiviert habe.

Er wurde in die Zweiganstalt Irsee verlegt. In den Strafprozessen der Nachkriegszeit wurden unter anderem an Lossas Schicksal die Ereignisse beispielhaft dokumentiert.[3][4]

Zweiganstalt Irsee[Bearbeiten]

Wegen vorgeblicher Erkrankung kam Lossa in die Zweiganstalt Irsee, wo er am 9. August 1944 durch eine „Giftspritze“ ermordet wurde. In seinem „Leichenschauschein“ wurde als „Grundleiden“ „Asocialer Psychopath“ eingetragen, unter „Todesursache“ „Bronchopneumonie (107)“ und als „Sterbeort“ „Anstalt Irsee“.[5] Ausgestellt wurde der Leichenschauschein durch den stellvertretenden ärztlichen Leiter von Kaufbeuren und Oberarzt von Irsee, Dr. Gärtner.

In seiner Zeugenaussage erklärte ein Krankenpfleger später, dass er sich geweigert habe, Lossa mit Luminal totzuspritzen. Er habe danach beobachtet, wie die Krankenpflegerin Pauline Kneissler Lossa im Beisein von Faltlhauser und Frick eine Spritze verabreichte, wobei Lossa eingeredet wurde, es sei eine Impfung gegen Typhus.[6]

Strafverfolgung in der Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges untersuchten die Amerikaner unter anderem auch die „Euthanasie“-Morde in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und deren Außenstellen, wie der Zweiganstalt in Irsee. Dabei ermittelten sie seit Mitte 1945 auch das Einzelschicksal von Lossa und die Umstände seiner Ermordung, unter anderem durch Vernehmung mehrerer Zeugen wie früherer Krankenpfleger. Lossas Krankengeschichte und seine gezielte Tötung wurden dokumentarisch aufgearbeitet und gemeinsam mit den Zeugenaussagen als exemplarisches Beispiel in mehreren Strafprozessen zu Verbrechen des Nationalsozialismus verwendet. Ob der Eintrag „Euthanasiert!“ während der NS-Zeit oder im Rahmen der Prozessvorbereitungen in die Krankengeschichte geschrieben wurde, ist ungeklärt. Valentin Faltlhauser jedenfalls benutzte den Begriff, wie aus den Prozessakten erkennbar ist, mehrmals selbst.

Unter anderem war Lossas Schicksal in den 1948 in Kempten geführten Strafprozessen exemplarischer Bestandteil der Beweisführung gegen den leitenden NS-Euthanasie-Arzt Valentin Faltlhauser und weitere Angeklagte. Faltlhauser wurde von der Staatsanwaltschaft des Mordes angeklagt, weitere vier Anklagen (Frick, Heichele, Rittler und Wörle) erfolgten wegen Beihilfe zum Mord. 1949 wurde Faltlhauser zu drei Jahren Haft wegen „Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag“ verurteilt, wobei 16 Monate in einem amerikanischen Internierungslager voll auf die Haft angerechnet wurden. Die Reststrafe trat er nie an; sie wurde ihm später von der Landesregierung erlassen. Aus heutiger Sicht werden die milden Strafen kritisch beurteilt; der Historiker Hans-Ludwig Siemen stellt dazu fest, dass sich nach Kriegsende „ein bleiernes Schweigen über die psychiatrischen Anstalten“[7] ausbreitete sowie „bestimmte Gerichte mit Nachdruck möglichst milde urteilten“.[1]S.308f.

Die Krankenschwester Pauline Kneissler wurde 1948 vom Landgericht Frankfurt am Main wegen der von ihr verübten NS-Euthanasie-Tötungen in Hadamar, Grafeneck, Kaufbeuren und zuletzt ab April 1944 in Irsee zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Schwurgericht begründete das niedrige Strafmaß damit, dass in erster Linie nicht die Taten selbst, sondern der verbrecherische Wille zähle. Weil Kneissler den eigenen Willen dem verbrecherischen Willen anderer untergeordnet habe, sei sie lediglich als Gehilfin zu verurteilen.[8]

Der frühere Mitorganisator der nationalsozialistischen „Euthanasie“, Walter Schultze, der als Staatskommissar im bayerischen Innenministerium unter anderem auch für den so genannten „Hungererlass“ verantwortlich zeichnete, wurde 1948 vom Landgericht München I wegen Beihilfe zum Totschlag in mindestens 260 Fällen zu drei Jahren Haft verurteilt.[9]

Gedenken[Bearbeiten]

Ein Stolperstein in Irsee erinnert an Lossa
  • 1999: Buchwidmung auf Seite 3: des Buches Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945[1]
  • Ausstellung IN MEMORIAM
  • 2002: Wohnanlage für Behinderte in Haltern am See wurde als Ernst-Lossa-Haus benannt.[10]
  • 2004: ORF Science Bericht zu Ernst Lossa: Ein Fall von 200.000 anlässlich der Ausstellung IN MEMORIAM im Museumsquartier in Wien.[11]
  • 2004: Krankenpflegeschüler aus Kaufbeuren stifteten ein Ernst-Lossa-Stipendium für drei junge Menschen in Rumänien.[12]
  • 2007: Die Stadt Augsburg benannte im Ortsteil Pfersee eine Straße im Bereich der Sheridankaserne auf Ernst-Lossa-Straße.[13]
  • 2009 wurde ein Stolperstein im ehemaligen Kloster Irsee verlegt.
  • Am 27. Januar 2011 hielt der italienische Schauspieler Marco Paolini anlässlich des Holocaustgedenktags in der psychiatrischen Klinik "Paolo Pini" in Mailand einen dreistündigen Monolog über die Krankenmorde, der auf dem TV-Sender La7 direkt übertragen wurde. Darin widmete er ca. 9 Minuten der Geschichte von Ernst Lossa[14]
  • Das Spielzeug-Museum in Neapel wurde der Erinnerung an Ernst Lossa gewidmet.[15]
  • 2011: Dokumentations-Film "Zum Andenken" von Sina Moslehi[16]
  • 2013: Die Sendereihe "Schwaben & Altbayern" des Bayrischen Rundfunks berichtet am 1. November 2013 über das Schicksal von Ernst Lossa[17]

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael von Cranach: Die Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus. Schwabenakademie, Irsee 1990.
  • Gernot Römer: Für die Vergessenen. KZ-Außenlager in Schwaben – Schwaben in Konzentrationslagern. Wißner-Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-89639-047-3. (S. 18-32: „Die grauen Busse in Schwaben“)
  • Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, ISBN 3-486-56371-8. (Aufsatzsammlung: S. 265–325: Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, S. 475–486: Ernst Lossa: Eine Krankengeschichte)
  • Michael von Cranach, L&L, Autoren und Künstler: IN MEMORIAM (Lossa, Ernst). Ausstellung in Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms aus Anlass des XI. Weltkongresses für Psychiatrie in Hamburg. 1999. Ausstellungskatalog deutsch english. Bezirkskrankenhaus D-87600 Kaufbeuren.
  • Robert Domes: Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa, mit Vorwort von Michael von Cranach, cbt-Verlag München 2008, ISBN 978-3-570-30475-4.[18]
  • Marco Paolini: Ausmerzen. Vite indegne di essere vissute, Einaudi Turin 2012 ISBN 978-88-06-21017-5 (DVD: ISBN 978-88-06-21241-4)

Film[Bearbeiten]

Der 30-minütige Dokumentarfilm „Zum Andenken: Vom Leben und Sterben des Ernst Lossa“ des damals 16-jährigen Sina Moslehi (Deutschland 2011, Fernseh-Erstausstrahlung) wurde 2012 mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet.[19]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernst Lossa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c siehe Literatur Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, S. 475, 477, 478
  2. Cranach, 1999, S. 478 und 479f.
  3. Cranach, 1999, S. 478 f.
  4. Vgl. die Abbildung auf sonderpaedagoge.de, ein Faksimile der Krankengeschichte von Ernst Lossa, Kaufbeuren.
  5. Cranach, 1999, S.482
  6. Cranach, 1999, S.484
  7. Gregor Schöllgen: Die Macht der Psychiater. Auch in den bayerischen Heil- und Pflegeanstalten waren Patienten im Dritten Reich oft Opfer (Version aus dem Internet Archive vom 28. September 2007, da Original nicht mehr verfügbar). (Rezension von: Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945) In: Süddeutsche Zeitung vom 22. März 1999.
  8. Cranach, 1999, S. 309f.
  9. Cranach, 1999, S.310f.
  10. Ernst-Lossa-Haus, Wohnanlage für Behinderte in Haltern
  11. Onlineauftritt SCIENCE.ORF.at IN MEMORIAM: Ernst Lossa: Ein Fall von 200.000
  12. Jahresbericht 2004 des Europabüros beim Bezirk Schwaben Ernst Lossa Stipendien von und für Krankenpflegeschüler, Seite 8
  13. Onlineauftritt Ortsteil Pfersee Entscheidung zur Ernst-Lossa-Straße.
  14. In ricordo di Ernst Lossa e delle altre vittime come lui, nachzusehen auf Der Lossa-Teil des Monologs auf Youtube
  15. übersetzt: "Das Spielzeugmuseum von Neapel ist ein Museum, das der Erinnerung an Ernst Lossa, dem 1944 von der Nazikampagne der Euthanasie getöteten Zigeunerkind, gewidmet ist"
  16. Filmhomepage "Zum Andenken: Vom Leben und Sterben des Ernst Lossa" (DE 2011) von Sina Moslehi
  17. Erinnerung an Ernst Lossa in Augsburg
  18. Onlineauftritt Robert Domes Kurzinhalt zum Buch: Nebel im August
  19. Broschüre BERTINI-Preis 2012 - Lasst Euch nicht einschüchtern, darin: Leben und Sterben des Ernst Lossa, Seite 17 (PDF; 3,69 MB)