Fritz Hirsch (Bauhistoriker)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fritz Hirsch mit Frau und Kind 1910

Fritz Hirsch (eigentlich Friedrich Hirsch; * 21. April 1871 in Konstanz; † 18. Juli 1938 in Baden-Baden) war ein deutscher Bauhistoriker, Architekt und Pionier der staatlichen Denkmalpflege.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Fritz Hirschs Vater Nathan war Fabrikant in Konstanz, seine Mutter Ida, geborene Moos, entstammte einer Kaufmannsfamilie in Buchau. Ursprünglich israelitisch, war sein Elternhaus konfessionslos. 1889 machte Fritz in Konstanz Abitur und nahm das Studium der Architektur und Kunstgeschichte in Karlsruhe und München auf. In Karlsruhe trat er der Burschenschaft Germania (heute Teutonia) bei. Ab 1895 arbeitete er als Baupraktikant bei den Bezirksbauinspektionen Konstanz und Heidelberg und promovierte 1897 in Heidelberg über den Barock-Bildhauer Hans Morinck. Im selben Jahr nahm er eine Lehrerstelle bei der Baugewerkschule Lübeck an.

1900 wurde er Regierungsbaumeister (Assessor) in Heidelberg, 1905 Bezirksbauinspektor in Bruchsal. Die umfangreiche Sanierung von Schloss und Peterskirche Bruchsal unter seiner Regie in den Jahren bis 1909 war wegweisend für die moderne staatliche Bau- und Kunstdenkmalpflege. Er brach radikal mit dem romantisierenden und eklektischen Arbeitsstil der Kaiserzeit und setzte an dessen Stelle vor allem exaktes Quellenstudium sowie Analyse und Dokumentation des Vorgefundenen. So rekonstruierte er mit Hilfe von Farbresten und Archivalien die farbigen barocken Fassaden. Ab 1913 lebte Fritz Hirsch mit Familie in Karlsruhe und war als Hochbautechnischer Referent beim Badischen Finanzministerium verantwortlich für die Restaurierung u.a. von Schloss und Schlossgarten Schwetzingen, Schloss und Hofkirche Rastatt, Stadtkirche und Münze in Karlsruhe sowie des Konstanzer Münsters. 1918 avancierte er zum Ministerialrat beim Badischen Finanzministerium. Ab 1920 hatte er eine Honorarprofessur an der Technischen Hochschule Karlsruhe inne und lehrte Geschichte der Architektur und Christliche Kunst. In Baden war er auch Bauberater für den Evangelischen Oberkirchenrat. Ab 1921 wohnte die Familie im um 1850 von Heinrich Hübsch entworfenen Wohnhaus des Hofgartendirektors zwischen Staatlicher Kunsthalle und Botanischem Garten in Karlsruhe.

Fritz Hirsch war mit Anna, geborene Bornschein (1878–1929), verheiratet. Das Paar hatte einen Sohn, Peter, geboren 1910 in Bruchsal. 1939 emigrierte dieser in die USA und änderte seinen Familiennamen in Hurst. Anna brachte eine Tochter mit in die Ehe, die spätere Schauspielerin Anneliese Born(-Schoenhals).

Fritz Hirschs Arbeiten als Architekt sind unspektakulär und wenig umfangreich. Erhalten ist z.B. das 1928-1930 gebaute Studentenhaus der heutigen Universität Karlsruhe (KIT).

Bekannt wurde Fritz Hirsch für seine maßgeblichen baugeschichtlichen Abhandlungen. Seine drei vielleicht bekanntesten Arbeiten sind:

  • Das Konstanzer Häuserbuch Bd. 1 (1906). Bei der festlichen Übergabe an den badischen Großherzog erhielt allerdings nur der Kollege Konrad Beyerle Orden und Würdigung
  • Reich bebildert Das Bruchsaler Schloss: aus Anlass seiner Renovation (1900–1909) mit dem Tafelteil, Hirsch-Mappe genannt, besonders nach den Kriegszerstörungen ein wichtiges Quellenwerk zum Thema
  • Das zweibändige Werk zur Karlsruher Bau- und Kulturgeschichte, 100 Jahre Bauen und Schauen, von dessen nach 1933 erschienenen Lieferungen ein großer Teil dem Vandalismus von NS-Behörden zum Opfer gefallen sein muss.

Hirsch war auch Herausgeber der Zeitschrift für Geschichte der Architektur (erschienen mit Beiheften 1907-1925).

Um seine Pläne für eine farbliche Neugestaltung z.B. von Schloss Schwetzingen oder die rot-weiße Fassade der Karlsruher Münze gab es 1930/1931 wütende Kontroversen und wüste Angriffe auf den als ehrgeizig und reizbar bezeichneten Baubeamten Hirsch, z.T. mit antisemitischem Unterton. Im Januar 1933 entzog ihm die Hochschule „aus Ersparnisgründen“ den Lehrauftrag, im April 1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis aus allen Ämtern gedrängt und zog sich (etwa Anfang 1934) nach Baden-Baden zurück.

In der Todesanzeige vom 20. Juli 1938 kam noch eine wohlwollende Stimme zu Wort: „Ein aufrechter Mann musste zu früh von seiner Lebensaufgabe gehen, die der Heimat geweiht war. Prof. Dr. Fritz Hirsch, Großherzoglicher Ministerialrat a. D., Ehrenbürger der Städte Bruchsal und Schwetzingen, Ehrensenator der Universität Freiburg i. Br., Ritter hoher Orden“.[1]

Die Stadt Bruchsal hat eine Fritz-Hirsch-Straße nach ihrem Ehrenbürger benannt.

Schriften[Bearbeiten]

  • Hans Morinck. (= Sonderabdruck aus dem Repertorium für Kunstwissenschaft, XX. Band, 4. Heft). Spemann, Berlin/Stuttgart 1897.
  • Von den Universitätsgebäuden in Heidelberg: ein Beitrag zur Baugeschichte der Stadt. Winter, Heidelberg 1903.
  • Die Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck. Hrsg. von der Baubehörde. Teil 2,1: Die Petrikirche. Nöhring, Lübeck [1905].
  • Konstanzer Häuserbuch. Band 1: Bauwesen und Häuserbau. Winter, Heidelberg 1906.
  • Das Bruchsaler Schloss: aus Anlass seiner Renovation (1900–1909). Winter, Heidelberg 1910.
  • Das sogenannte Skizzenbuch Balthasar Neumanns. Ein Beitrag zur Charakteristik des Meisters und zur Philosophie der Baukunst. Winter, Heidelberg 1912.
  • Der Weg zur Kunst unter besonderer Berücksichtigung des Studiums der Baukunst. Winter, Heidelberg 1922.
  • Rastatt: Schloss und Stadt. Band 1: Die Topographie. Winter, Heidelberg 1923.
  • 100 Jahre Bauen und Schauen. Ein Buch für Jeden, der sich mit Architektur aus Liebe beschäftigt, oder weil sein Beruf es so will. Zugleich ein Beitrag zur Kunsttopographie des Grossherzogtums Baden unter besonderer Berücksichtigung der Residenzstadt Karlsruhe. Badenia, Karlsruhe 1928–1938.

Bekannte Bauten[Bearbeiten]

  • Studentenhaus des KIT Karlsruhe
  • Kliniken in Bruchsal, Heidelberg und Freiburg
  • ehem. Vermessungsamt mit Dienstwohngebäude in Bühl/Baden, Alban-Stolz-Straße 2–4, erbaut 1926

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Leiser: „Friedrich Hirsch“. In: Badische Biographien. Neue Folge, Band 1. Kohlhammer, Stuttgart 1982, S. 172–175.
  • Josef Werner: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich. 2. Auflage. Badenia, Karlsruhe 1990, S. 49 ff.
  • Hermann Rückleben: Evangelische Judenchristen in Karlsruhe 1715–1945. In: Heinz Schmitt (Hrsg.): Juden in Karlsruhe. Beiträge zu ihrer Geschichte bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung. Badenia, Karlsruhe 1988, S. 368 f.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Badische Biographien. Neue Folge, Band 1. Kohlhammer, Stuttgart 1982, S. 174.