Göttinger Achtzehn

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit der „Göttinger Erklärung“ von 1957. Für eine Beschreibung der Göttinger Erklärung zum Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft vom 5. Juli 2004 siehe Aktionsbündnis Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft.

Die Göttinger Achtzehn waren eine Gruppe von 18 hochangesehenen Atomforschern aus der Bundesrepublik Deutschland, (darunter die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born und Werner Heisenberg), die sich am 12. April 1957 in der gemeinsamen Göttinger Erklärung (auch Göttinger Manifest) gegen die damals namentlich von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß angestrebte Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen wandten. Die Wissenschaftler setzten sich ausdrücklich für die friedliche Verwendung der Atomenergie ein.[1] Unmittelbarer Anlass war eine Äußerung Adenauers vor der Presse am 5. April 1957, in der er taktische Atomwaffen lediglich eine „Weiterentwicklung der Artillerie“ nannte und forderte, auch die Bundeswehr müsse mit diesen „beinahe normalen Waffen“ ausgerüstet werden.[2]

Der Name Göttinger Achtzehn beruft sich auf gemeinsame akademische Anfänge vieler ihrer Mitglieder in der Universitätsstadt Göttingen. Er ist eine Anspielung auf die „Göttinger Sieben“: 1837 protestierten sieben Göttinger Professoren öffentlich gegen die Suspendierung der Verfassung durch König Ernst August I.. Sie mussten ihre Zivilcourage mit Amtsenthebung (sowie teilweise auch Verbannung) bezahlen.

Hergang[Bearbeiten]

Die Gruppe bestand aus Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max von Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz.

Es handelte sich um führende Wissenschaftler der Kernforschung und Mitglieder von staatlichen Organisationen, die mit der Nutzung der Kerntechnologie beschäftigt waren; einige hatten auch schon während des Zweiten Weltkrieges im Uranprojekt (Uranverein) mitgewirkt und waren um 1956 Mitglied in der Deutsche Atomkommission. (Oft wird fälschlicherweise Wolfgang Pauli statt Wolfgang Paul als Unterzeichner angegeben. Dies geschah sogar in dem offiziellen Programm der Universität Göttingen zur 50-jährigen Gedenkfeier und in dem dabei möglicherweise falsch zitierten Originaltext.[3])

Nicht alle führenden Kernforscher der Bundesrepublik unterzeichneten den Appell. Entweder ging ihnen der Appell nicht weit genug (z.B. Karl Bechert ) oder sie befürchteten persönliche Nachteile. Sicherlich gab es auch praktische Hindernisse für das organisierende Sekretariat von Otto Hahn. Nicht beteiligt waren zum Beispiel Erich Bagge, Walther Bothe, Klaus Clusius, Kurt Diebner, Wolfgang Gentner, Wolfgang Finkelnburg, Siegfried Flügge, Paul Harteck, Willibald Jentschke, Johannes Hans Daniel Jensen, Pascual Jordan und Walter Seelmann-Eggebert.

Die Erklärung fand in der öffentlichen Meinung ein unerwartetes Echo, vor allem aber auch an den Universitäten, wo sich eine starke studentische Opposition daran anlehnte (vgl. Studentenkurier, 58er).

Schon am 17. April 1957 verabschiedeten 14 namhafte Kernphysiker auf einer Sitzung der Physikalischen Gesellschaft der DDR einstimmig eine Resolution gegen Atomwaffenversuche, die Entwicklung von Atomwaffen und für die friedliche Nutzung der Atomenergie, die als Solidaritätserklärung für die Göttinger zu verstehen war. Die Unterzeichner waren Hans Joachim Born, Alfred Eckardt, Hans Ertel, Hans Falkenhagen, Walter Friedrich, Gustav Hertz, Paul Kunze, Gustav Richter, Robert Rompe, Rudolf Seeliger, Max Steenbeck, Peter Adolf Thiessen, Max Volmer und Carl Friedrich Weiss.

Im März 1958 gründete die SPD, die diesen Standpunkt auch im Bundestag vertrat, das Komitee Kampf dem Atomtod, das auch vom DGB unterstützt wurde.

Aus den Göttinger Achtzehn ging 1959 die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler hervor, eine gemeinnützige Organisation, die sich der Tradition einer verantwortlichen Wissenschaft verpflichtet fühlt.

Originaltext[Bearbeiten]

Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist eine Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichnenden fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.

1. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als „taktisch“ bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als „klein“ bezeichnet man diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten „strategischen“ Bomben, vor allem der Wasserstoffbomben.

2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik wahrscheinlich schon heute ausrotten. Wir kennen keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen.

Wir wissen, wie schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politischen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leugnen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbomben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.

Fritz Bopp, Max Born, Rudolf Fleischmann, Walther Gerlach, Otto Hahn, Otto Haxel, Werner Heisenberg, Hans Kopfermann, Max v. Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Josef Mattauch, Friedrich-Adolf Paneth, Wolfgang Paul, Wolfgang Riezler, Fritz Straßmann, Wilhelm Walcher, Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker, Karl Wirtz.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Elisabeth Kraus: Atomwaffen für die Bundeswehr?. In: Physik Journal. 6, Nr. 4, April 2007, ISSN 1617-9439, S. 37.
  •  Robert Lorenz: Die „Göttinger Erklärung“ von 1957. Gelehrtenprotest in der Ära Adenauer. In: Johanna Klatt/Robert Lorenz (Hg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells. transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1679-8, S. 199–227.
  •  Robert Lorenz: Protest der Physiker: die „Göttinger Erklärung“ von 1957. transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1852-5.
  •  Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze: Gespräche im Umkreis der Atomphysik. Piper, München 1969, ISBN 3-492-22297-8., Kapitel „Auseinandersetzungen in Politik und Wissenschaft“
  •  Otto Hahn: Mein Leben – Die Erinnerungen des großen Atomforschers und Humanisten. (Erweiterte Neuausgabe). Piper, München, Zürich 1986, ISBN 3-492-00838-0, S. 228–236.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Manfred Wetzel: Praktisch-politische Philosophie – Band 1. Königshausen&Neumann, 2004, ISBN 3-8260-2773-6, S. 467 (books.google.de/books?id=72vYvCCT3loC&pg=PA467&dq=Göttinger+Achtzehn+friedliche+Atomenergie&hl=de&sa=X&ei=W9xlUc3JL4OStAaqkYGYBg&ved=0CD4Q6AEwAg#v=onepage).
  2. Franz Walter: Aufstand der Atomforscher. Auf: Spiegel online. 10. April 2007.
  3. 50 Jahre Göttinger Erklärung. Auf: uni-goettingen.de 12. April 2007.
  4. Text des Göttinger Manifests der Göttinger 18. Auf: uni-goettingen.de 19. Dezember 2012.

Weblinks[Bearbeiten]