Karl Bechert

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Karl Bechert (* 23. August 1901 in Nürnberg; † 1. April 1981 in Weilmünster-Möttau) war ein deutscher theoretischer Physiker und Politiker der SPD.

Leben[Bearbeiten]

Karl Bechert wurde am 23. August 1901 in Nürnberg geboren. Er studierte nach dem Abitur Physik, Mathematik und Chemie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1925 promoviert er unter Arnold Sommerfeld mit einer Arbeit über Die Struktur des Nickelspektrums. In den Jahren 1925–1926 arbeitete er als Rockefeller-Stipendiat in Spanien. Er war seit 1929 mit Sibylle Lepsius verheiratet und hatte zwei Kinder.

Von 1942 bis 1948 war er Vorsitzender des Gauvereins Hessen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

Im Jahr 1945 wurde Bechert nach dem Einmarsch der US-Amerikaner zum Bürgermeister in Donsbach (Westerwald) und zum Oberschulrat in Dillenburg ernannt.

Seit den 1950er Jahren war Bechert Mitglied im Kuratorium der Deutschen Friedensgesellschaft. Ab 1955 war er Mitglied im Arbeitskreis „Kirche und Politik“ der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Als Vorsitzender der Landesvereinigung zur Erhaltung und Förderung der christlichen Simultanschule in Rheinland-Pfalz setzte er sich gegen die Trennung nach Konfessionen, wie dies die Schulartikel der Landesverfassung vom 18. Mai 1947 und das Volksschulgesetz vom 25. Januar 1955 ermöglichten, [1] und für ein ökumenisches Zusammenleben ein. Bechert trat 1956 der SPD bei.

1963 wählte ihn die Norwegische Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitglied. 1971 wurde er Vorsitzender der „Internationalen Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft“. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1972 trat er immer häufiger öffentlich gegen die Atomenergiepolitik der Bundesregierungen Brandt/Scheel und Schmidt/Genscher auf (er sprach vom „Prinzip des kurzsichtigen Nutzens“). Er war Mitglied im Weltbund zum Schutz des Lebens, im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz sowie anderen Organisationen der sozialen Bewegungen und galt als „Vater der Anti-Atomenergie-Bewegung“.[2] Seine Schriften wurden von 1975 bis 1981 durch den von Herbert Wiedmann, Grafenberg, und Wilfried Hüfler, Reutlingen, betreuten „Prof.-Bechert-Infodienst“ viermal jährlich an bis zu 1700 Adressaten im In- und Ausland versandt. Letztere befinden sich archiviert noch bei Wilfried Hüfler, Reutlingen.

Bechert gehörte im November 1980 zu den Initiatoren des Krefelder Appells gegen die Atomrüstung in Europa (NATO-Doppelbeschluss). Für die Ostermarsch-Kundgebung am 4. April 1981 im Bonner Hofgarten war er als Hauptredner vorgesehen, starb aber drei Tage zuvor, wenige Stunden nach einem Vortrag im hessischen Kirchhain.

Beruf[Bearbeiten]

Von 1926 an war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für theoretische Physik in München und nach seiner Habilitation 1930 auch Privatdozent. 1933 erhielt Bechert einen Ruf an die Justus-Liebig-Universität Gießen und wurde dort Direktor des Instituts für Theoretische Physik, 1945/46 war er Rektor der Gießener Universität. 1946 folgte er einem Ruf an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo er ebenfalls Direktor des Instituts für Theoretische Physik war. Er lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1969.

Politischer Werdegang[Bearbeiten]

Bechert war 1945/46 Mitglied des Stadtrates von Gießen und 1956 bis 1964 des Stadtrates von Gau-Algesheim. Die amerikanische Besatzungsmacht ernannte Bechert 1945 zum Bürgermeister von Donsbach, wegen seiner Tätigkeit in Gießen legte er das Amt aber noch im selben Jahr nieder. Von 1956 bis 1960 gehörte Bechert dem Kreistag im Landkreis Bingen an.

Bechert gehörte dem Deutschen Bundestag von 1957 bis 1972 an. Obwohl in Rheinland-Pfalz lebend, vertrat er den hessischen Wahlkreis Waldeck im Parlament. Von 1961 bis 1965 war er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Atomenergie und Wasserwirtschaft. Dabei war er ein expliziter Gegner sowohl der zivilen wie auch der militärischen Nutzung der Atomenergie. Er unterzeichnete die Göttinger Erklärung 1957 nicht, weil diese zwar die militärische Nutzung ablehnte, die zivile aber unterstützte.

Ehrungen[Bearbeiten]

Für Verdienste um ihren Wiederaufbau und die Verhinderung ihrer Schließung ernannte die Universität Gießen Bechert 1957 zum Ehrensenator. In Gau-Algesheim ist das „Karl-Bechert-Haus“ der „Sozialdemokratischen Bildungsinitiative“ nach ihm benannt.

Professor-Karl-Bechert-Preis[Bearbeiten]

Die nordhessische SPD verleiht seit dem Jahr 2007 regelmäßig den Professor-Karl-Bechert-Preis für dezentrale erneuerbare Energie. Die Auszeichnung ehrt natürliche oder juristische Personen, die sich gesellschaftspolitisch, wirtschaftlich oder wissenschaftlich stark für die Entwicklung und Verbreitung dezentraler erneuerbarer Energien in Nordhessen eingesetzt haben.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralf Kohl, Das politische Wirken Professor Karl Becherts von 1956-1972. Eine Studie über (un-)politisches Verhalten. Dissertation, Mainz 1993.
  • Kurt Friedrich: Karl Bechert 1901-1981. Wissenschaftler und Politiker aus Verantwortung. in: Historisches Lesebuch Gau-Algesheim, Hg. Stadt Gau-Algesheim, Red. Norbert Diehl, Verlag Carl-Brilmayer-Gesellschaft, ebd. 1999, S. 128 - 133
  • Wilhelm Wegner: Vorbilder: K. Bechert gilt als Vater der Antiatombewegung in Deutschland. in Chrismon plus. Rheinland, H. 2, Düsseldorf 2012, S. 64

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Norbert Diehl, Schullandschaften, in: Rheinland-Pfalz. Grenzland in der Mitte Europas, hrsg. in Zusammenarbeit mit Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, 4. Aufl. - Heidelberg, 2006, S. 114-119.
  2. http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/nachlass/nachlass_b/bechert-ka.htm
  3. Beschluss des SPD-Bezirksparteitag Hessen-Nord vom 24. Juni 2006