Manfred von Ardenne

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ardenne als junger Mann
Manfred von Ardenne im Alter von 26 Jahren (1933)
Ehemaliges Forschungslaboratorium für Elektronenphysik in Berlin-Lichterfelde, heute Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung (Villa Folke Bernadotte).
Ardenne-Villa mit Sternwarte,
Dresden, Weißer Hirsch
Grab Manfred von Ardennes auf dem Waldfriedhof Weißer Hirsch
Manfred von Ardenne auf der Volkskammertagung 1986

Manfred Baron von Ardenne (* 20. Januar 1907 in Hamburg; † 26. Mai 1997 in Dresden-Weißer Hirsch) war ein deutscher Naturwissenschaftler. Er war als Forscher vor allem in der angewandten Physik tätig und hielt am Ende rund 600 Erfindungen und Patente in der Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-, Plasma- und Medizintechnik.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Forschung [Bearbeiten]

Manfred von Ardenne kam am 20. Januar 1907 in Hamburg als Sohn des Regierungsrates Baron Egmont von Ardenne und dessen Frau Adela zur Welt. Seine Großmutter Elisabeth von Plotho war das Vorbild für Theodor Fontanes Romanfigur Effi Briest. Als sein Vater 1913 ins Kriegsministerium versetzt wurde, zog die Familie nach Berlin in den von Adeligen und Offizieren geprägten Villenvorort Lichterfelde. Bis 1919 wurden die Kinder der Familie von Privatlehrern unterrichtet; danach besuchte Ardenne für die nächsten drei Jahre das Friedrichs-Realgymnasium, die heutige Leibniz-Schule in Berlin-Kreuzberg.

Schon als Schüler (1922) interessierte sich Ardenne sehr für die Naturwissenschaften, insbesondere für die Elektrophysik. Er konstruierte Modelle eines Fotoapparats und einer elektrischen Alarmanlage, beschäftigte sich mit Problemen der Rundfunktechnik und erhielt im Alter von 16 Jahren sein erstes Patent über ein „Verfahren zur Erzielung einer Tonselektion, insbesondere für die Zwecke der drahtlosen Telegraphie“.

1923 verließ er vorzeitig das Gymnasium und widmete sich der Weiterentwicklung der Radiotechnik. Siegmund Loewe, der Gründer der Loewe Radio GmbH, wurde zu seinem Förderer. Mit den Honoraren für seine Veröffentlichungen und Geldern aus dem Patentverkauf verbesserte Ardenne 1925 den Breitbandverstärker (widerstandsgekoppelter Verstärker) erheblich, der u. a. die Entwicklung des Fernsehens und Radars entscheidend voranbrachte. Ein Patent auf diese Verbesserung wurde ihm wegen Vorveröffentlichung jedoch aberkannt. Im gleichen Jahr schrieb er sich dank Hilfe aus dem Familienkreis, aber ohne das Abitur erreicht zu haben, an der Universität in Berlin ein und begann Physik, Chemie und Mathematik zu studieren. Nach vier Semestern brach er das Studium jedoch wieder ab und widmete sich ganz seinen privaten Forschungen auf dem Gebiet der angewandten Physik.

1928 wurde Manfred von Ardenne volljährig und gründete das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik in Berlin-Lichterfelde (heute: Villa Folke Bernadotte), das er bis 1945 leitete. In dieser Zeit war Ardenne u. a. an der Entwicklung des Fernsehens mit Leuchtfleck-Zeilenabtastung und zeilenweiser Wiedergabe mit einer Braunschen Röhre, an der Erfindung des Rasterelektronenmikroskops sowie an der Radarentwicklung und an Arbeiten zur Atomforschung beteiligt.

Die weltweit erste vollelektronische Fernsehübertragung mit Kathodenstrahlröhre gelang Manfred von Ardenne am 14. Dezember 1930 in seinem Lichterfelder Laboratorium.[1] Zur Funkausstellung in Berlin führte er ab dem 21. August 1931[2] das erste vollelektronische Fernsehen vor, mit dem er es bis auf das Titelblatt der New York Times schaffte. Mitte des 20. Jahrhunderts gingen eine Vielzahl bedeutender Erfindungen auf den Gebieten der Funk- und Fernsehtechnik und der Elektronenmikroskopie auf die Arbeit seines privaten Forschungsinstitutes zurück.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Institut von Manfred von Ardenne und dem Reichspostministerium unter Wilhelm Ohnesorge ist noch nicht in allen Einzelheiten aufgearbeitet. Hier sei besonders auf die Entwicklung eines elektromagnetischen Massentrenners (eine Art präparatives Massenspektrometer) für Uran hingewiesen, dessen Prototyp wahrscheinlich 1943 auf einem Luftwaffenstützpunkt in Bad Saarow aufgebaut wurde.[3] Auch die Entwicklung eines Lithium-Trenners im Jahre 1945 wurde noch nicht umfassend erforscht.[4] Sie könnte allerdings auf die bislang noch kontrovers diskutierte Entwicklung einer thermonuklearen Bombe in der Zeit des Nationalsozialismus hinweisen, für die 6Li ein Grundstoff ist.

Hingewiesen werden soll noch auf die kurzzeitige Zusammenarbeit von Ardenne mit Friedrich Georg Houtermans im Jahre 1941. Während dieser Zeit schrieb Houtermans Zur Frage der Auslösung von Kern-Kettenreaktionen (August 1941). Die Forschungsarbeit gibt explizit die Gewinnung von Plutonium an und seine Vorteile als Kernspaltstoff gegenüber Uran-235. In einem späteren Schreiben weist Ardenne 1987 nochmals auf die Arbeit von Houtermans hin und fügt auch die Namen an, an die die Forschungsarbeit 1941 verteilt worden ist. Als Motiv gibt er an, dass sich niemand aus dem Kreis der deutschen Kernphysiker nach dem Krieg an diesen Forschungsbericht erinnern wollte.

In der Sowjetunion [Bearbeiten]

Von 1945 bis 1954 arbeitete Ardenne, gemeinsam mit anderen deutschen Technikern und Wissenschaftlern zwangsverpflichtet,[4] an der Entwicklung der sowjetischen Atombombe mit.[5] Mit dem in Berlin gegründeten Forschungslaboratorium für Elektronenphysik zog er nach Sochumi in der ehemaligen AbASSR (im heutigen Abchasien/Georgien) um, wo der NKWD am 27. Juli 1945 ein Physikalisch-Mathematisches Institut eröffnet hatte.[6] Dort entwickelte er einen magnetischen Isotopentrenner und eine Duoplasmatron-Ionen-Quelle. 1953 erhielt er für seine Mitarbeit an der Bombe den Stalinpreis.

In der DDR [Bearbeiten]

Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion unterhielt Ardenne in der DDR ein nach ihm benanntes Forschungsinstitut auf dem Weißen Hirsch in Dresden, wo er auch in einem Haus lebte, das die Regierung der DDR zuvor enteignet und ihm dann überlassen hatte. Es entwickelte sich zum größten privaten Forschungsinstitut des gesamten Ostblocks – mit rund 500 Mitarbeitern. Stellvertretender Direktor des Institutes war seit 1965 Siegfried Schiller.

Außerdem war Ardenne Professor für elektronische Sonderprobleme der Kerntechnik an der Technischen Universität Dresden. Insgesamt besaß er etwa 600 Patente.

Auf dem Gebiet der Medizin entwickelte von Ardenne zwei unterschiedliche, teilweise kombinierte Therapien. Die umstrittene Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie, die das Befinden und die Vitalität verbessern soll, und die sogenannte systemische Krebs-Mehrschritt-Therapie zur Krebsbehandlung, bei der der Krebs und die Metastasen durch Hyperthermie (Überwärmung) ggf. in Kombination mit einer Chemotherapie in mehreren Behandlungsstufen bekämpft werden sollen. Ardenne war der Erste, der die Hyperthermie zur Krebsbekämpfung einsetzte. Da dieses Verfahren sehr anstrengend ist, setzte er zur Unterstützung der Patienten während der Behandlung Sauerstoff ein.

Ardenne war Volkskammerabgeordneter. Bei der Volkskammersitzung am 13. November 1989 entwickelte er eine originelle Theorie für eine Sozialistische Marktwirtschaft, die er aus der Systemtheorie begründete und die mit der Aufforderung zur Dezentralisierung der Wirtschaft begann.

Ardenne war unter anderem Mitglied der Internationalen Astronautischen Föderation in Paris.

Ardenne war Autor der Physik-Monographie Tabellen zur angewandten Physik, erschienen im Deutschen Verlag der Wissenschaften (1964), des Werkes Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie und vieler anderer Bücher und Publikationen.

Ehrungen [Bearbeiten]

Ardenne erhielt zweimal den Stalinpreis, 1947 für die Entwicklung eines Elektronenmikroskops, 1953 vor seiner Rückkehr nach Deutschland für seinen Beitrag zum sowjetischen Atombombenprojekt. Ardenne wurde zweimal mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Er ist außerdem seit dem 26. September 1989 Ehrenbürger der Stadt Dresden.

Persönliches [Bearbeiten]

Seit 1938 war er mit Bettina Bergengruen, einer Nichte des Schriftstellers Werner Bergengruen, verheiratet. Seinen 90. Geburtstag konnte er am 2. Januar 1997 noch mit seiner Ehefrau und im Kreis seiner Kinder und Kindeskinder - eine Tochter, drei Söhne, acht Enkel, drei Urenkel feiern.[7] Manfred von Ardenne starb am 26. Mai 1997 in Dresden. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Weißer Hirsch.

Literatur [Bearbeiten]

Werke [Bearbeiten]

  •  Manfred von Ardenne, Gerhard Musiol, Uwe Klemradt: Effekte der Physik und ihre Anwendungen. Harri Deutsch, 2005, ISBN 3-8171-1682-9.
  •  Manfred von Ardenne: Oxygen Multistep Therapy. Physiological and Technical Foundations. Thieme, Stuttgart 1990, ISBN 3-13-743501-3.
  • Manfred von Ardenne: Atomenergie in Technik und Industrie; Hrsg. Bundesvorstand des FDGB, Berlin (Ost) 1956

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Helliwood.de: Manfred von Ardenne, abgefragt am 13. Dezember 2010
  2. Deutsches Museum: Die Fernseh-Versuchsanordnung von Manfred von Ardenne. Abgerufen am 25. Januar 2012.
  3. Rainer Karlsch: Hitlers Bombe. DVA, München 2005, ISBN 3-421-05809-1.
  4. a b Manfred von Ardenne: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung. 6. Aufl., Verlag der Nation, Berlin 1982, S. 389.
  5. Wir haben die russische Atombombe beschleunigt: Interview mit Manfred von Ardenne. In: Michael Schaaf: Heisenberg, Hitler und die Bombe. Gespräche mit Zeitzeugen. GNT-Verlag, Berlin 2001.
  6. The Messenger, Tbilisi: Polonium 210 comes from Abkhazia – Georgian Greens.
  7. Den Applaus der Mediziner will er noch erleben: Manfred von Ardenne, einst bedeutendster Wissenschaftler und Erfinder der DDR, wird am Montag 90, Die Welt, 18. Januar 1997.