Gaullismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das Lothringer Kreuz – seit dem 1. Juli 1940 Symbol des Gaullismus – in Colombey-les-Deux-Églises

Gaullismus ist eine wichtige rechtsgerichtete politische Strömung in Frankreich, die von Charles de Gaulle begründet wurde und nach ihm benannt ist. Heute vertritt ein Teil des Parteienbündnisses UMP, dem auch der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy angehört, die Idee des Gaullismus.

Spricht man bei deutschen Politikern (historisch) vom Gaullismus, meint man damit eine außenpolitische Ausrichtung.

Politische Ideen[Bearbeiten]

Charles de Gaulle 1963

Die politischen Ideen des Gaullismus entwickelte Charles de Gaulle in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ein wichtiger Punkt war zu diesem Zeitpunkt die Wiederherstellung der nationalen Größe des von Deutschland besetzten Frankreichs. Von 1959 bis 1969 war de Gaulle der erste Präsident der Fünften Französischen Republik, deren Staatsform er maßgeblich bestimmt hatte.

Der Gaullismus ist grundsätzlich konservativ. Er strebt nach einem zentralistischen Staat und legt Wert auf die internationale Bedeutung Frankreichs. Gaullisten sind in der Regel gemäßigt rechts, sehr patriotisch und stehen der europäischen Integration ambivalent gegenüber.

Im Gaullismus verbinden sich zwei Gegensätze. Einerseits treten seine Unterstützer für soziale und kulturelle Traditionen ein, andererseits zeigen sie sich der wirtschaftlichen und technischen Modernisierung gegenüber aufgeschlossen. Nach dem Ende der Vierten Republik 1958 wurde der Gaullismus in Frankreich zur Gründungsideologie der Fünften Republik.

Parteien des Gaullismus[Bearbeiten]

Der Gaullismus brachte mehrere Parteien hervor:

Besondere Bedeutung erlangte dabei das in den 1970er Jahren entstandene neogaullistische Rassemblement pour la République (RPR) unter Jacques Chirac. Es ist nach einer Fusion im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfes 2002 zur Wiederwahl Chiracs in der Union pour un mouvement populaire (UMP) aufgegangen.

Zu den bedeutendsten Gaullisten in Frankreich gehören Jacques Chirac, Alain Juppé und Georges Pompidou.

„Gaullismus“ in Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland gibt es den Gaullismus im eigentlichen Sinne nicht, aber zu Zeiten de Gaulles hat man auch einige deutsche Politiker als „Gaullisten“ bezeichnet. Gemeint war damit, dass diese Politiker eine engere Anlehnung an Frankreich anstrebten. Das Gegenstück waren die "Atlantiker", die den Beziehungen zu den USA Vorrang einräumten. Diese Unterscheidung betrifft fast ausschließlich die Unionsparteien. Gaullisten und Atlantiker waren sich einig, dass die USA der wichtigste Bündnispartner für die Bundesrepublik waren, es ging eher um taktische Fragen.

Die Unterscheidung hat auch eine wirtschaftspolitische Komponente. An Frankreich orientierte Gaullisten neigten zu einer Wirtschaftspolitik mit größerem staatlichen Eingreifen (Rheinischer Kapitalismus). Dazu gehörte eine Zollpolitik, die den europäischen Markt abschirmte. Die Atlantiker hingegen sympathisierten mit den Freihandelsideen, wie sie in Großbritannien und den USA stärker anzutreffen sind. Gaullisten waren meist Katholiken, Atlantiker Protestanten.

Ein Problem für die deutschen Gaullisten war es, dass sie ein Interesse an einer starken Europäischen Gemeinschaft hatten. In Frankreich jedoch war es gerade de Gaulle, der sich dagegen aussprach und lieber von einem loseren „Europa der Nationen“ sprach.

Bekanntester Gaullist war Bundeskanzler Konrad Adenauer, der sich um den Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag von 1963 bemühte. Zu nennen sind auch Heinrich Krone und die bayerischen CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg.[1] Bei den Medien standen die Springer-Blätter, der Rheinische Merkur, die Stuttgarter Nachrichten und die katholische Bildpost auf der gaullistischen Seite.

Dagegen werden Ludwig Erhard, Gerhard Schröder und Kai-Uwe von Hassel, Der Spiegel, der Stern, Die Zeit, das Sonntagsblatt und Christ und Welt eher den Atlantikern zugerechnet.

Der Konflikt zwischen Atlantikern und Gaullisten wurde gegen 1969 durch den Konflikt um die Neue Ostpolitik abgelöst. Zeitgleich trat in Frankreich de Gaulle als Staatspräsident ab.[2]

Peter Scholl-Latour ist erklärtermaßen Gaullist (jedoch lehnt er diese Bezeichnung mit dem Verweis auf de Gaulles Tod ab[3]) und betrachtet die politischen Vorgänge auf dem Balkan, in Afrika, im Nahen Osten und Ostasien insbesondere aus der Sicht französischer Machtpolitik.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Tim Geiger: Atlantiker gegen Gaullisten. Außenpolitischer Konflikt und innerparteilicher Machtkampf in der CDU/CSU 1958-1969. Oldenburg, München 2008, ISBN 978-3-486-58586-5.
  • Frédéric Turpin: De Gaulle, les gaullistes et l'Indochine. 1940 - 1956. Paris 2005, ISBN 2-84654-099-3.
  • Matthias Waechter: Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie, 1940 - 1958. Wallstein-Verlag, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0023-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-Format"Prospects for change in West German foreign policy". Central Intelligence Agency, 6. September 1966, abgerufen am 29. November 2010.
  2. Peter Hoeres: Rezension: Tim Geiger: Atlantiker gegen Gaullisten, auf: sehepunkte.de..
  3. Phoenix:Unter den Linden vom 7. Mai 2007