Geheimring 99

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Filmdaten
Deutscher Titel Geheimring 99
Originaltitel The Big Combo
Produktionsland USA
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1955
Länge 87 Minuten
Altersfreigabe FSK 18
Stab
Regie Joseph H. Lewis
Drehbuch Philip Yordan
Produktion Sidney Harmon
Musik David Raksin
Kamera John Alton
Schnitt Robert S. Eisen
Besetzung

Geheimring 99 (Originaltitel: The Big Combo) ist ein in Schwarzweiß gedrehter, US-amerikanischer Gangsterfilm aus dem Jahr 1955. Er zählt neben Rattennest (1955) und Im Zeichen des Bösen (1958) zu den späten Vertretern des Film noir.[1] Regie führte Joseph H. Lewis.

Lieutenant Leonard Diamond ermittelt gegen den skrupellosen Gangsterboss Mr. Brown. Zu seinen an Besessenheit grenzenden Recherchen treibt ihn auch seine obsessive Liebe zu Susan Lowell an, der Geliebten Browns, die sich nicht von diesem zu lösen vermag.

Handlung[Bearbeiten]

Lieutenant Leonard Diamond ermittelt seit geraumer Zeit gegen den skrupellosen Gangsterboss Mr. Brown, vermag aber keine für eine Anklage ausreichenden Indizien zu sammeln. Zudem ist er von dem Gedanken besessen, Susan Lowell, die Geliebte Browns, für sich zu gewinnen. Susan ist Brown hörig, der diese von seinen Handlangern Fante und Mingo überwachen lässt. Aus Verzweiflung über ihre Abhängigkeit unternimmt sie einen Selbstmordversuch. Bei ihrer Vernehmung lässt sie Diamond gegenüber den Namen Alicia fallen. Diamond glaubt an eine neue Spur und veranlasst eine Reihe von Verhaftungen. McClure, Browns ehemaliger Boss und jetzt sein Untergebener, entführt Diamond mit Fantes und Mingos Hilfe und foltert ihn, lässt ihn aber schließlich frei. Diamond setzt seine Recherchen fort und stellt fest, dass Alicia der Name von Browns verschwundener Ehefrau ist. Brown ordnet Diamonds Ermordung an, doch kommt an seiner Stelle Diamonds Freundin Rita ums Leben. Schließlich macht Diamond Alicia in einem Sanatorium ausfindig, erhält aber nicht die von ihm gewünschte Aussage. Währenddessen hat Brown erst McClure beseitigen lassen, der Umsturzpläne gegen ihn hegte, und anschließend Fante und Mingo getötet, um keine unliebsamen Mitwisser zu haben. Vor seinem Tod kann Mingo Diamond den Namen seines Mörders verraten. Brown entführt Susan zu einem Flugzeughangar, wo er mit einer Privatmaschine flüchten will, doch Diamond kann ihn überwältigen. Diamond und Susan verlassen gemeinsam den Schauplatz, eine ungewisse Zukunft vor sich.

Hintergrund[Bearbeiten]

Produktion und Kinostart[Bearbeiten]

Geheimring 99 wurde von Cornel Wildes eigener Produktionsfirma Theodora Productions und Sidney Harmons Security Pictures produziert und entstand in den Kling Studios, dem einstigen Studiogelände von Charles Chaplin. Ursprünglich war Jack Palance für die Rolle des Mr. Brown vorgesehen, wurde aber durch Richard Conte ersetzt.[2][3] Die Dreharbeiten endeten im September 1954.[4]

Der Film startete im März 1955 in den amerikanischen[5] und am 16. April 1956 in den bundesdeutschen Kinos.[6]

Analyse[Bearbeiten]

Obwohl bereits bei Erscheinen des Films wie auch und in späteren filmhistorischen Analysen wiederholt als altmodisch bewertet,[7][8] fand Geheimring 99 wegen seiner – für seine Entstehungszeit – expliziten Darstellung von Sexualität, Gewalt und deren Verhältnis zueinander häufig Erwähnung. Bruce Crowther (Film Noir. Reflections in a dark mirror) betonte „die perverse Sexualität, die permanent gegen den Hays Code und dessen Beschränkungen anrennt“, und führte unter anderem „die sadomasochistische Gewalt der Gangster, von denen zwei, Fante und Mingo […], klar homosexuell sind“, und die „psychosexuelle Dominanz“, die Anführer Brown auf seine Geliebte ausübt, an.[9] „Mingos und Fantes Homosexualität“, so Alain Silver und Elizabeth Ward in Film Noir: An Encyclopedic Reference to the American Style, „wird in der Atmosphäre aus Mord und sadistischer Folter unterdrückt, wenn sie die Konventionen der Gewalt zu einem erotischen Ritual verfeinern“. Die „Verbundenheit zwischen Sex und Gewalt“ fände sich auch in der Hörigkeit der Geliebten des Anführers Brown oder in Diamonds’ Kompensation von sexueller Frustration.[10]

Einstimmig gelobt wurden bis heute die Bilder von Kameramann John Alton. Alton, bekannt unter anderem für seine Schwarzweißkompositionen für Film noirs wie Anthony Manns Geheimagent T (1947) und Tödliche Grenze (1949), schuf, so der BFI Companion to Crime, „eines der herausragendsten Beispiele für ‚Noir‘-Lichtsetzung in Kriminalfilmen überhaupt“.[11] Dave Kehr vom Chicago Reader entdeckte in den Bildern gar eine „distanzierte, idealisierte Schönheit“.[12] „Der auffallende Kontrast zwischen den Schwarzweißbildern und Lewis’ erotischen Untertönen isoliert die Charaktere in einem düsteren, geschlossenen Universum voller unausgesprochener, verdrängter Dinge und expliziter Gewalt.“ (Silver/Ward)[10]

Kritiken[Bearbeiten]

Während Geheimring 99 bei seiner Erstaufführung eher verhalten aufgenommen wurde, gilt er inzwischen, zumindest im angelsächsischen Raum, als kleiner Klassiker des Film noir. In Deutschland dagegen wird der Film immer noch als Außenseiter behandelt, Georg Seeßlen etwa erwähnte ihn nicht einmal namentlich in seiner Buchreihe Grundlagen des populären Films.[13]

Geheimring 99 ist weder besonders groß noch gut. Selbst mit seiner Kombination aus fähigen Darstellern, angeführt von Cornel Wilde und Richard Conte, und einer im Kern provokanten Geschichte, das Ergebnis ist ein schrilles, plumpes und eher altmodisches Kriminalmelodram, dessen Zutaten in entgegengesetzte Richtungen auseinandertreiben.“

Howard Thompson, The New York Times[7]

„Die schauspielerischen Leistungen orientieren sich an Joseph Lewis’ beinharter Regie, und sind auf diesem Niveau gut. John Altons Low-key-Bilder und David Raksins laute, jazzige Filmmusik […] passen zu der rauen Stimmung des Films.“

Variety[14]

„Roher, gewalttätiger Film noir […] ein Kultfilm, stilvoll inszeniert.“

Leonard Maltin[15]

„Herausragender Gangsterfilm […] strukturiert durch Grausamkeit und Schmerz […], eine dunkle Nacht einer Vielzahl von Seelen, visuell perfekt umgesetzt durch John Altons herausragende Kameraarbeit. Übertrifft sogar Lewis’ vorher entstandenen – und bemerkenswerten – Gun Crazy.“

Tom Milne, Time Out Film Guide[16]

„Routineprodukt aus Hollywood, das eine mitunter recht ruppige Gangart einschlägt.“

Lexikon des Internationalen Films[6]

„Der stets unterschätzte Regisseur Lewis (Gun Crazy) schuf eine späte Perle der Schwarzen Serie. Für das Jahr 1955 überraschend offen, stellt sein B-Film einen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität und exzessiver Gewalt her. Fazit: Pessimistischer Zweikampf der Extraklasse.“

Cinema[17]

DVD-Veröffentlichung[Bearbeiten]

Geheimring 99 wurde in den USA unter seinem Originaltitel The Big Combo von verschiedenen Firmen auf DVD veröffentlicht. In Frankreich erschien er unter dem Titel The Big Combo – Association Criminelle bei „Wild Side Video“, in Spanien als Agente Especial bei „Sotelysa“. Alle Veröffentlichungen präsentieren den Film im Open Matte-Normalformat (1,33:1).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Foster Hirsch: The Dark Side of the Screen: Film Noir. Da Capo Press, New York 2001, ISBN 0-306-81039-5, S. 202.
  2. Bericht in Daily Variety vom 31. August 1954, zitiert nach Turner Classic Movies, abgerufen am 14. April 2012.
  3. J. A. Aberdeen: The Charlie Chaplin Studio: History of the Legendary Lot. im Hollywood Renegades Archive/Cobblestone Entertainment, abgerufen am 14. April 2012.
  4. Geheimring 99 im Verzeichnis der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, abgerufen am 5. Juni 2012.
  5. Die Internet Movie Database und Turner Classic Movies geben den 13. Februar 1955 als Datum für den amerikanischen Kinostart an. Hier handelt es sich offensichtlich um eine Falschangabe: Laut dem Eintrag im Verzeichnis der Academy of Motion Picture Arts and Sciences feierte der Film am 23. März 1955 seine Premiere in Los Angeles, und die Rezension in der New York Times vom 26. März 1955 bespricht den Film anlässlich seines Starts im Palace Theatre.
  6. a b Geheimring 99 im Lexikon des Internationalen Films, abgerufen am 14. April 2012
  7. a b „[The Big Combo] isn't very big or good. Even with the "combo" of a capable cast, headed by Cornel Wilde and Richard Conte, and the kernel of a provocative plot, the result is a shrill, clumsy and rather old-fashioned crime melodrama with all hands pulling in opposite directions.“ – Rezension in der New York Times vom 26. März 1955, abgerufen am 14. April 2012.
  8. James Naremore: More than Night: Film Noir in Its Contexts. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 1998, ISBN 0-520-21294-0, S. 156.
  9. Bruce Crowther: Film Noir. Reflections in a dark mirror. Virgin, London 1988, ISBN 0-86287-402-5, S. 63.
  10. a b Alain Silver, Elizabeth Ward (Hrsg.): Film Noir. An Encyclopedic Reference to the American Style. Third Edition, Overlook/Duckworth, New York/Woodstock/London 1992, ISBN 0-87951-479-5, S. 29.
  11. Phil Hardy (Hrsg.): The BFI Companion to Crime. University of California Press, Berkeley/Los Angeles 1997, ISBN 0-520-21538-9, S. 48.
  12. Rezension im Chicago Reader (undatiert), abgerufen am 14. April 2012.
  13. Bernhard Roloff, Georg Seeßlen (Hrsg.): Grundlagen des populären Films. 10 Bände, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1980–81.
  14. „Performances are in keeping with the bare-knuckle direction by Joseph Lewis and, on that score, are good. Low-key photography by John Alton and a noisy, jazzy score by David Raksin […] are in keeping with the film's tough mood.“ – Rezension in Variety von 1955 (ohne Datumsangabe), abgerufen am 14. April 2012.
  15. Raw, violent film noir […] a cult item, stylishly directed […] – Leonard Maltin's 2008 Movie Guide. Signet/New American Library, New York 2007.
  16. Terrific gangster movie […] structured by viciousness and pain […], it's a dark night of several souls perfectly visualised in John Alton's extraordinary camerawork. Even better than Lewis' earlier - and remarkable - Gun Crazy. – Besprechung von Tom Milne im Time Out Film Guide, Seventh Edition 1999. Penguin, London 1998.
  17. Geheimring 99 auf Cinema.de, abgerufen am 14. April 2012.