Georg Bell

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Spion Georg Bell. Zu anderen Personen siehe George Bell.

Georg Emil Bell (* 27. Juli 1898 in Nürnberg; † 3. April 1933 in Durchholzen) war ein deutscher Ingenieur und Spion. Er wurde vor allem bekannt als ein enger Mitarbeiter des langjährigen Stabschefs der SA Ernst Röhm.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Bell wurde 1898 als Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmanns in Nürnberg geboren. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als junger Frontsoldat.[1] In den 1920er Jahren arbeitete Bell in seinem erlernten Beruf als Elektroingenieur für die Firma Maffei in München. Während dieser Zeit begann er sich verstärkt politisch zu betätigen und als Agent zu fungieren. Entgegen seiner eigenen Angaben war Georg Bell nicht mit der britischen Archäologin und Agentin Gertrude Bell verwandt.[2] 1929 verlobte Georg Bell sich mit Hildegard Huber.

Nachdem er zunächst als Verbindungsmann von Henri Deterding zur NSDAP fungiert hatte, kam Bell in Kontakt mit Ernst Röhm. Der Stabschef der SA, der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, machte Bell 1931 zu seinem persönlichen Sekretär und ernannte ihn zu seinem Beauftragten für das Ausland. Bell zeichnete schließlich für die Organisation von Röhms Nachrichtendienst verantwortlich.[1] Kontakte pflegte Bell außerdem zum ehemaligen Freikorpsführer Hermann Erhardt und dem Bund Reichsflagge.

1932 gehörte Bell neben Edmund Heines und Hans Joachim von Spreti-Weilbach zu einer siebenköpfigen Gruppe aus ranghohen Mitgliedern der SA, die eine Ermordung Adolf Hitlers erwog. Man befürchtete nämlich, dass Hitlers verfassungskonformes Machtstreben – Wahlen anstelle eines gewaltsamen Umsturzes – nicht zum Sieg des Nationalsozialismus führen würde. Weil in den knapp acht Jahren seit Hitlers Entlassung aus der Haft im Gefängnis Landsberg und der Neugründung der NSDAP ein durchschlagender Erfolg der Nationalsozialisten ausgeblieben war, sollte der „Führer“ als Haupthindernis auf dem Weg der gewaltsamen Machtergreifung beseitigt werden. Nachdem die Gruppe sogar schon ausgelost hatte, wer Hitler erschießen sollte – das Los fiel auf Julius Uhl – verwarf man den Plan jedoch, da bei einigen Beteiligten inzwischen Skrupel und Zweifel aufgekommen waren. Als es Hitler schließlich – entgegen den Erwartungen der Siebener-Gruppe – doch gelang, legal an die Regierung zu gelangen, wurden die Planungen von Bell und Konsorten vollends gegenstandslos.

Im gleichen Jahr kam es zum Bruch Georg Bells mit Röhm und dem Nationalsozialismus, und Bell wandelte sich zu einem ernstzunehmenden Gegner der Nationalsozialisten. Er begann für verschiedene sozialdemokratische Publikationen belastende Artikel über NSDAP-Interna zu veröffentlichen. Noch Anfang März 1933 gelang es Bell aufgrund seiner ehemaligen engen Kontakte, Belastungsmaterial über die Partei sowie die SA-Führung zu beschaffen.[1]

Der Mord an Bell und seine Hintergründe[Bearbeiten]

Zum Zeitpunkt des Regierungsantritt der Nationalsozialisten nahm Bell sofort einen prominenten Platz auf den „schwarzen Listen“ der neuen Machthaber ein. Grund hierfür waren zum einen seine Zusammenarbeit mit der katholischen Presse im Jahr 1932 – insbesondere mit der programmatisch antinazistischen Zeitung Der Gerade Weg des Münchener Journalisten Fritz Gerlich – und seine intimen Kenntnisse über delikate Interna der NS-Führung und insbesondere des Kreises um Ernst Röhm. Als die Redaktion des Geraden Wegs von der SA besetzt wurde, konnte Bell fliehen. Den Lebenserinnerungen von Hans von Lehndorff zufolge wurde er wenige Tage später bei dem konservativen NS-Gegner Carl von Jordans mit der Bitte vorstellig, ihm zur Flucht ins Ausland zu verhelfen.[3] Es gelang Bell zunächst nach Österreich zu entkommen, wo er seine Spur durch mehrfachen Wechsel seines Aufenthaltsortes zu verwischen versuchte. Dennoch gelang es den Nationalsozialisten, ihn Anfang April 1933 in einem Gasthof bei Durchholzen bei Kufstein aufzuspüren. Am 3. April 1933 wurde er dort von einem Einsatzkommando der SA und der SS aufgespürt und erschossen.

Andreas Dornheim macht in seiner Studie zu Politik und Tod von Bell die These glaubhaft, dass das Kommando von Julius Uhl angeführt wurde. Dieser habe befürchtet, dass Bell bei einer Verhaftung durch die Gestapo die (aufgegebenen) Pläne der Gruppe um Uhl zur Ermordung Hitlers hätte preisgeben können. Um diese Gefahr für sich und die anderen sechs Mitwisser aus der Welt zu schaffen, habe Uhl Bell erschossen. Die von anderer Seite geäußerte Vermutung, dass Reinhard Heydrich für den Mord (als Auftraggeber) verantwortlich gewesen sei, hält Dornheim indessen für äußerst unwahrscheinlich, da Heydrich vielmehr Interesse an einer Vernehmung Bells gehabt habe und dessen Tötung für ihn daher (vorerst) nicht erstrebenswert gewesen sei. Zu den weiteren Angehörigen des Mordkommandos zählten wahrscheinlich auch die beiden Rosenheimer SS-Männer Ludwig Kuchler und Erich Sparmann.[1]

Nach Angaben des Historikers Bernd-Ulrich Hergemöller kam der Auftrag zur Ermordung von Bell durch den Parteirichter der NSDAP Walter Buch, der zugleich Schwiegervater von Martin Bormann war. Danach befürchtete Buch, dass Bell als Mitwisser über die sexuellen Interna der SA und als potentieller Erpresser zu gefährlich war.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. Lit, Münster 1998.
  • Albert Norden: Fälscher. Zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Dietz, Berlin 1959.
  • Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Schöningh, Paderborn 1990, S. 70-71.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Stadtarchiv Rosenheim. Stand 7. Juli 2009.
  2. Siehe Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland. Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. Münster 1998. S. 16-17. 207 Anm. 24.
  3. Hans von Lehndorff: Menschen, Pferde, weites Land, 2001, S. 158.
  4. Bernd-Ulrich Hergemöller Hrsg.: Mann für Mann - biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Band 1, Verlag LIT, Berlin 2010, ISBN 9783643106933, S. 118.