Guanchen

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Skulptur des Mencey Beneharo in Candelaria (Teneriffa)

Die Guanchen (Guanche: Guanchinet; Synonym: Altkanarier) waren die Ureinwohner der Kanarischen Inseln. Ihre Herkunft und Sprache sind unbekannt und geben Anlass für Spekulationen. Die Bezeichnung „Guanchinet“ leitet sich von der berberischen Sprache (Tamazight) ab (Guan: „Mensch“; Chinet: „Teneriffa“). Ursprünglich waren damit nur die Bewohner Teneriffas gemeint.

Herkunft[Bearbeiten]

Tongefäße (Museo de la Naturaleza y el Hombre) Teneriffa
Petroglyphen im Kulturpark La Zarza auf La Palma
Petroglyphen in der Höhle von Belmaco
El Teide, der heilige Berg der Guanchen (Teneriffa)
Die Höhle von Buracas auf La Palma
Die Höhle von Belmaco
Modell einer Guanchensiedlung (Teneriffa)
Venusfigur der Guanchen im kanarischen Museum von Las Palmas
Quesera de Zonzamas auf Lanzarote
Der König der Guanchen ergibt sich Alonso Fernández de Lugo (Teneriffa)
Guatimac, Archäologischen Museum von Puerto de la Cruz (Teneriffa)

Über die Herkunft der Guanchen ist wenig bekannt. Wahrscheinlich gab es mehrere Besiedelungsphasen der Kanaren. Die ersten Menschen wanderten vermutlich ab etwa 3000 v. Chr. von Nordosten auf die Kanaren ein. Wahrscheinlich stammen sie von Wüstenbewohnern der Sahara ab, die mit Binsenbooten von Nordafrika aus übersetzten. Außerdem weisen archäologische Ausgrabungen auf eine Besiedlung aus Südwesteuropa hin. Für eine Besiedlung aus Europa spricht die Hellhäutigkeit der Altkanarier. Um 1100 v. Chr. könnten Phönizier auf der Suche nach Handelsmöglichkeiten die Kanarischen Inseln besucht haben. Im Zeitraum von 500 bis 200 v. Chr. kamen weitere Menschen aus Nordafrika auf die Inseln. Wahrscheinlich fanden sie bereits mehrere Kleinkönigreiche vor.[1]

Vom 6. Jahrhundert bis ungefähr ins Jahr 800 ging möglicherweise das antike Wissen um die Kanaren im mittelalterlichen Europa verloren. Die Guanchen wohnten bis zur spanischen Eroberung in einer Art steinzeitlichen Kultur auf den Inseln. Über die Größe der Bevölkerung gibt es keine verlässlichen Angaben. Man nimmt die Zahl kurz vor der spanischen Eroberung, zu Anfang des 15. Jahrhunderts, mit etwa 50.000 bis 70.000 Einwohnern an.

Die gewaltsame Eroberung durch die Spanier begann 1402 auf Lanzarote und endete 1496 mit der endgültigen Niederlage der Guanches in der Zweiten Schlacht bei Acentejo auf Teneriffa. Ein Teil der Altkanarier wurde umgebracht, viele wurden versklavt oder verschleppt. Die steinzeitliche Kultur ging zu Grunde. 1441 kam der spanische Franziskanermönch Didakus, San Diego de Alcalá, auf die Kanarischen Inseln, gründete auf Fuerteventura das Kloster Fortaventure und missionierte von dort die Guanchen, was neben der physischen auch die kulturelle Vernichtung ihrer Ethnie vorantrieb.

Kultur[Bearbeiten]

Sprache und Schrift[Bearbeiten]

Das Guanche war die Sprache aller Guanchen. Von Insel zu Insel gab es jedoch verschiedene Mundarten, da die Bevölkerung der Inseln untereinander so gut wie keine Verbindungen hatte. Es gibt laut José Luis Concepción (siehe Literatur) einige Wörter des Guanche, die sich mit berberischen Wörtern decken: Tigot für Himmel, Tigotan für die Himmel, Ahorem für Gerstenmehl, Ahemon bzw. Amon für Wasser, Cariana bzw. Carian für Korb, um nur einige anzuführen. Archäologische Funde legen die Existenz einer der libysch-berberischen verwandten Schrift nahe. Auf den meisten Inseln findet man zahlreiche Petroglyphen der Altkanarier, z. B. die Felsgravuren von El Cementerio oder die Felsgravuren von La Fajana.

Es sind nur noch wenige Wörter aus dem Guanche bekannt. So bedeutet Guanche eigentlich Mann/Mensch aus Teneriffa und wurde erst später zu einer Sammelbezeichnung für die Bewohner aller Kanaren. Die Sprache starb nach der spanischen Eroberung aus. Allerdings haben sich bis heute Elemente dieser Sprache im Kanarischen Dialekt gehalten. Viele Ortsbezeichnungen auf den Kanaren sind beispielsweise guanchischen Ursprungs, ebenso sind noch Vornamen verbreitet. El Silbo war die Pfeifsprache der Guanchen. Sie ist heute nur noch auf der Insel La Gomera gebräuchlich. Um dieses kulturelle Erbe zu bewahren, wird die Sprache in den Schulen auf La Gomera gelehrt.

Leben[Bearbeiten]

Zwischen den einzelnen Inseln bestanden keine Verbindungen, da die Guanchen die Schifffahrt nicht beherrschten. Sie sollen friedfertige, aber ihre Heimat verteidigende Menschen gewesen sein. Die beiden Geistlichen, die Jean de Béthencourt auf seinen Eroberungszügen begleiteten, sollen sinngemäß mitgeteilt haben: Nirgends auf der Welt werdet ihr besser gewachsene Menschen antreffen, hättet ihr ihnen Gelegenheit gegeben, etwas zu lernen, hätte man sich sicher besser verstanden.

Guanchen betrieben Viehzucht und Ackerbau. In ihrer bäuerlichen Kultur züchteten sie Ziegen, Schafe und Schweine und betrieben dabei den Hirtensprung. Angebaut wurden Gerste, Weizen und Hülsenfrüchte. Da sich für den Ackerbau keine planen Flächen boten, legten sie riesige Terrassentreppen an, die mit Bewässerungsgräben durchzogen waren. Die Guanchen bejagten weiterhin eine große endemische Echsenart, den heute ausgestorbenen Lagarto gigante (Länge ca. 75 cm). Eine kleine Population der Unterart Gallotia simonyi machadori lebt noch unter Naturschutz auf El Hierro.

Fischfang wurde ausschließlich von Land aus betrieben. Dazu wurde z. B. der Saft der auf den Inseln weit verbreiteten Wolfsmilchgewächse verwendet, um die Fische zu betäuben und so leichter fangen zu können.

Metallverarbeitung war ihnen unbekannt. Sie besaßen Steinmesser, die tabonas, die auch als Waffe genutzt wurden. Eine Waffe auf Teneriffa war der banot, eine Art Wurfspeer aus Holz.

Ihre Kultur kannte die Töpferei, jedoch ohne sich drehende Töpferscheibe. Sie polierten ihre unterschiedlich großen Gefäße mit glatten Steinen, färbten sie mit Ocker und verzierten sie mit kringelförmigen Mustern. Als weitere Gegenstände gebrauchten sie Holzgefäße, Holzkämme, Steinmühlen, Ziegenbälge, Lederbeutel und Binsensäcke.

Kleidung und Schuhe wurden aus gegerbten Tierfellen gefertigt. Schuhe wurden auf Teneriffa xercos, und auf Fuerteventura und Lanzarote maho genannt. Schmuck aus Muscheln, Tonkugeln, Steinen oder Knochen war gebräuchlich.

Bevorzugt nutzten die Ureinwohner der Kanaren kühle Berghöhlen als Wohnstätten und Vorratslager. Es wird aber ebenso von Hütten aus Stein mit Strohdächern berichtet. Sie verwendeten einen langen Stock aus Riesenheideholz, um sich in den zerklüfteten Vulkanlandschaften fortzubewegen und kleine Schluchten zu überwinden.

Es gab Eheschließungen mit Zustimmung beider Partner. Entgegen anders lautenden Behauptungen heirateten altkanarische Männer nicht mehr als eine Frau.

Tanz und Gesang waren bei den Guanchen sehr beliebt. Der Tanz, der heute canario genannt wird, stammt mit seinen kurzen und zügigen Schritten aus der Zeit der Ureinwohner. Das Hauptfest mit Tanz und Gesang fand im Sommer anlässlich der Ernte statt und hieß beñesmen. Zum Fest gehörte ein Festessen (guatativoa) und Wettkämpfe wie Steinheben, Ringkämpfe (Vorläufer des heutigen Lucha Canaria) oder Stockfechten (Vorläufer des heutigen Juego del Palo).

Experten fanden Schädel mit deutlichen Anzeichen einer Trepanation. Somit müssen die Altkanarier ein gewisses medizinisches Wissen gehabt haben.

Soziale Ordnung[Bearbeiten]

Die Guanchen organisierten sich in Stämmen unter einem König, den man auf Teneriffa mencey und auf Gran Canaria guanarteme nannte. Die Zeremonie der Ernennung zum König fand auf dem tagaror, einem Ratsplatz in Form eines Steinkreises, statt. Häuptlinge und Ratgeber standen den Königen zur Seite. Auf Gran Canaria nannte man einen Häuptling guaire, einen Richter fayacán und einen Priester faycán.

Jeder Mann, der besondere Verdienste nachwies, konnte in den Adelsstand erhoben werden. War er aber bei einer zeremoniellen Prüfung nicht in der Lage, die richtigen Antworten zu geben, wurde ihm sein Haar abgeschnitten. Er erhielt dann den Namen trasquilado, der Geschorene, und konnte niemals mehr in den Adelsstand erhoben werden.

Glaube und Religion[Bearbeiten]

Die Urbevölkerung besaß eine ausgeprägte Religion. Der von Ihnen verehrte Gott hieß Aborac oder Acoran. Dessen Gegenspieler war der im Krater des Teide eingeschlossene Guayota, der die Menschen durch Vulkanausbrüche bestrafte.

Die Hauptgottheiten Teneriffas:

In Güímar auf Teneriffa befindet sich eine Höhle mit Guanchenfunden unter einem pyramidenähnlichen Bau (Pyramiden von Güímar). Diese Bauwerke werden in vielen Reiseführern mehr oder weniger eindeutig als Kultbauten der Guanchen bezeichnet[2][3], sind jedoch von Archäologen in das 19. Jahrhundert datiert worden.[4][5][6]

Alle Volksstämme hatten Gebetsorte und Priester. Auf Gran Canaria gab es harimaguadas, sogenannte Tempelmädchen, vergleichbar mit Nonnen. Der Tempel hieß almogaren und das Kloster tamogantes. Andere Kultstätten, wie die Höhle von Belmaco, gibt es auf La Palma. Wahrscheinlich dienten auch die Queseras auf Lanzarote rituellen Zwecken.

Mumien[Bearbeiten]

Guanchenmumie im Museo de la Naturaleza y el Hombre (Teneriffa)
Hauptartikel: Mumien der Guanchen

Wie die alten Ägypter verstanden sich auch die Guanchen auf die Mumifizierung zur künstlichen Erhaltung der Körper nach dem Tod. Ihre Mumien sind in Ziegenfelle eingenäht und gut erhalten. Anscheinend trockneten die Körper vor allem durch die luftdichte Verpackung in die Felle; ganz geklärt ist der Vorgang nicht. Einige Guanchen wurden auch einbalsamiert bestattet. Ein solcher Leichnam wurde xaxo genannt. Die Mumien sind heute im Museo de la Naturaleza y el Hombre in Santa Cruz de Tenerife, Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria und im Museo Arqueológico in Puerto de la Cruz auf Teneriffa zu besichtigen.

Guatimac[Bearbeiten]

Hauptartikel: Guatimac

Zanata-Stein[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zanata-Stein

Nach der Conquista[Bearbeiten]

Schwierig ist die Anzahl der Ureinwohner vor der spanischen Eroberung einzuschätzen. Lanzarote soll Jean de Béthencourt mit etwa 300 Kriegern gegenübergestanden haben. Man schätzt damit hier die Gesamtzahl der Guanchen auf kaum mehr als 1000. Unzuverlässigen Angaben zufolge sollen es auf Fuerteventura deutlich mehr gewesen sein. El Hierro soll sehr dünn besiedelt gewesen sein. Für Gran Canaria schätzt man die Zahl der Ureinwohner auf 20.000–30.000, für Teneriffa auf mindestens 30.000, da hier allein Benchomo über 5000 Mann verfügen konnte.

Nur einige große Schlachten dürften eine erhebliche Anzahl an getöteten Guanchen gebracht haben. Sonst sind die meisten Ureinwohner in Gefangenschaft geraten, haben sich ergeben oder flohen ins gebirgige Hinterland. Auf La Palma gab es beispielsweise keine großen Kämpfe, daher ist die Zahl der Todesopfer hier eher gering.

Ureinwohner, die sich den neuen Friedensverträgen unterwarfen, waren auf Gran Canaria oder La Palma frei. Das Cabildo auf Teneriffa verfügte im Jahre 1500, dass alle Guanchen und ihre Frauen erst frei seien, wenn sie ihrem Herrn sechzehn Jahre lang gedient hätten. Es wurde im Jahre 1504 bekanntgegeben, dass alle Guanchen gegen Lohn arbeiten sollten. Würden sie nicht aus ihren Verstecken kommen, würde man sie in Haft nehmen. Später siedelte man die Guanchen von ihrer Geburtsinsel zu einer anderen Insel um, weil sie dann einfacher zu unterwerfen waren. Einige Guanchen wurden versklavt in den Südosten Spaniens verbannt, doch die Anzahl der Einheimischen auf den Inseln blieb hoch.

Das Wissen stammt überwiegend von den Eroberern, deren Siedlern und einigen Einheimischen, die bei der Land- und Wasserverteilung Glück hatten. Kaum etwas ist von der großen Anzahl Sklaven überliefert, die sich auf den ausgedehnten Ländereien der Siedler befanden. So kam es, dass man annahm, dass die indigene Bevölkerung größtenteils verschwunden waren, und die Inseln im Wesentlichen von den neuen Siedlern bevölkert waren. Deren Zahl war jedoch recht gering. Auf Gran Canaria waren es nur 700 Mann; von denen wurden die meisten von Alonso Fernández de Lugo wieder nach Spanien geschickt. Ähnlich verlief es auf Teneriffa, wo nach der Befriedung die meisten in ihre Heimat Kastilien zurückzogen. Denen, die blieben, gab man Bürgerrechte und Land, was die Landvergabe-Akten belegen. Es gab in den Jahren 1497 bis 1517 auf Teneriffa und La Palma zusammen nur 1990 Zuteilungen, von denen auch Ureinwohner, die ihren Herren gedient hatten, profitierten.

Man geht davon aus, dass auf Teneriffa und Gran Canaria am Ende jeweils etwa 300 Siedler geblieben sind. Die Mehrzahl dieser heirateten eine einheimische Frau, die anderen holten Familienmitglieder vom Festland auf die Inseln. Bedenkt man, dass jeder Siedler viele Sklaven hatte, und es weitere Einheimische in Friedensbünden gab, und nochmal eine große Zahl, die weiterhin Widerstand in der Kriegspartei leistete, dann war die Anzahl der Guanchen der der neuen Siedler immer noch weit überlegen. Dazu kommt, dass hundert Jahre nach der Eroberung 500 Sklaven auf die Inseln verkauft wurden. Dabei handelte es sich weitestgehend um Nachkommen der nach Sevilla verbannten Sklaven, also Guanchen.

In der heutigen Bevölkerung der Kanarischen Inseln muss es demzufolge weiterhin noch eine große Anzahl von Nachkommen der Guanchen geben. Einige Sitten und Gebräuche sind trotz der massiven und flächendeckenden Unterdrückung bis heute erhalten geblieben.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Guanche – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Colette und Gilbert Charles-Picard: Karthago - Leben und Kultur. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1983, ISBN 3-15-010316-9, S. 238 u. 255 f.
  2. Z. B.: Gottfried Aigner: Teneriffa. Dumont, Köln, 2., aktualisierte Aufl. 2004, ISBN 978-3-7701-5932-1, S. 94–95.
  3. Z. B.: Lexikon Teneriffa. Wander-, Radtouren-, Freizeit- und Straßenkarte Teneriffa 1:50.000. Kompass, Rum/Innsbruck ohne Jahr, ISBN 3-85491-038-X, S. 27.
  4. Juan Francisco Navarro Mederos/Maria Cruz Jiménez Gómez: El difusionismo atlántico y las pirámides de Chacona, in: Miguel Ángel Molinero Polo/Domingo Sola Antequera: Arte y Sociedad del Egipto antiguo. Madrid 2000, ISBN 978-84-7490-604-2, S. 241–253; hier: S. 246–249.
  5. Juan Francisco Navarro Mederos: Arqueología de las Islas Canarias (PDF; 1,5 MB), in: Espacio, Tiempo y Forma, Serie I, Prehistoria y Arqueología, Bd. 10, 1997, S. 447–478; hier: S. 467.
  6. Antonio Aparicio Juan/César Esteban López: Las Pirámides de Güímar: mito y realidad. Centro de la Cultura Popular Canaria, La Laguna 2005, ISBN 978-84-7926-510-6.